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03.09.08

Boulevardisierung: Ich nenne es Schweinejournalismus

(squacco, Roadsidepictures, CC-Lizenz)Schweinejournalismus ist ein Wort, das ich zunächst strikt privat verwendete. In der Öffentlichkeit ist es üblicher, von der 'Boulevardisierung des Journalismus' zu reden. Dieser honorige Ausdruck trifft aber nicht den Punkt, er wickelt die Faust, die endlich mal auf den Tisch hauen müsste, unnötigerweise in Watte.

In der Regel geht es beim 'Schweinejournalismus' darum, dass jemand mit einer vorgefassten Story im Kopf sich ein paar wohlgewählte Fakten passend recherchiert, um dann den Balg seiner erfundenen Geschichte damit zu stopfen. Er hat sich sich seine Vorurteile sozusagen selbst bestätigt. Anzutreffen ist dies Verfahren längst bei privaten und öffentlich-rechtlichen Medien gleichermaßen.

Ein besonders krankes Beispiel, veranstaltet von einigen Kollegen Journalisten Schreiberlingen bei "RTL Explosiv", stellt Stefan Niggemeier zur Zeit in seinem Blog an den Pranger. Es ging in diesem RTL-Beitrag um das ewig aktuelle Thema der 'bekanntlich' an jeder Ecke lauernden Kinderschänder, die immer für die höchst erwünschte Quote gut sind. Obwohl gesellschaftlich die Zahl der Fälle von Gewalterfahrungen von Kindern seit Jahrzehnten rückläufig ist, steigt gegenläufig dazu die journalistische Berichterstattung über dies Thema unaufhörlich an:

"Sexueller Kindesmißbrauch ist real und ein Problem der gesamten Gesellschaft, findet jedoch nicht in dem Maße statt, wie es uns die Medienberichterstattung und einige Studien suggerieren. Warum also die in loser Reihenfolge immer wieder kehrende reißerische Aufmachung von Sexualstraftaten? Beim Kampf gegen die Kinderpornographie im Internet, ist es offensichtlich, daß hier von staatlicher Seite ein Hebel gesucht wird, um weiterreichende Zensurmaßnahmen gegen dieses Medium zu rechtfertigen und vorzubereiten."

Im Kern – wie bei allen gewinnbetriebenen Medienveranstaltungen – geht es wohl um die Quote, man benutzt gewissermaßen die Methode der Koberer auf St. Pauli: 'Kommense doch rein - wennse ma wat ganz Perverses und Ekliges sehn wolln!' Schließlich bietet das Stichwort 'Kinderschändung' ein hohes Empörungsbewirtschaftungspotenzial. Kommt dies Quotenbedürfnis wiederum mit der Realität in Konflikt, dann müssen regelmäßig die Fakten einpacken.

Zurück zum Beispiel: RTL explosiv stellt zunächst einen pensionierten Lehrer in den Mittelpunkt, der in Thailand von dem Vorwurf des Geschlechtsverkehrs mit Minderjährigen FREIGESPROCHEN wurde. Trotzdem wagt es dieser unverbesserliche Widerling, nach Deutschland in seine gewohnte Nachbarschaft zurückzukehren. Was einen echten RTL-Reporter wie diesen Karl Wirz prompt in einen selbstgerechten Großinquisitor verwandelt, der vor laufender Kamera einen Schauprozess durchzieht. Mit einem hohen Aufkommen von Suggestionsvokabular - 'mutmaßlich', 'angeblich', 'scheinbar' - ohne dabei seine vorgefasste Meinung in irgendeinem Punkt zu revidieren, hämmert er die Realität fürs RTL-explosiv-Format quoten- und sendetauglich. Und er richtet dabei so ganz nebenbei einen Menschen zu Grunde, der mit seinem Freispruch herumwedeln mag, so lange er will, er wird trotzdem 'geoutet' als einer, der er 'mutmaßlich' nicht ist.

Der Privatsender hatte bei Wirz, so sehe ich das, einen Beitrag aus der beliebten Serie 'Gefahr durch Kinderschänder' bestellt, und deshalb kriegt der Sender auch die bestellte Ware - und keinen gefühlsduseligen Objektivitätsjournalismus, von dem im Publikum doch niemand nichts wissen will. Wo kämen wir denn hin, wenn die Realität machen dürfte, was sie will?! 'Arschlochhaftigkeit' bescheinigt ihm Stefan Niggemeier dafür - und mir würden noch ganz andere Worte einfallen.

Nächster Fall: Der Bayerische Rundfunk, immer für ein kesses Law-and-Order-Stück auf der schlichtgewirkten CSU-Tonleiter zu haben, greift sich ein Vergewaltigungsopfer, um mit dessen Hilfe politisch die erwünschte Telefondatenspeicherung zu pushen. Nur weil der Täter das Handy des Opfers geklaut habe, so "Report München", hätte man ihn - dank der absolut zeitgemäßen Telefondatenspeicherung – ergreifen können. Diese Speicherung sei also das probate Mittel gegen Vergewaltigungen, wirksamer noch als diese Melitta-Filtertüten, mit denen diese Bayern 'mutmaßlich' Schwangerschaft verhüten.

Gut – im Weißwurstgürtel ist Wahlkampf, könnten wir hier abwinken, in solchen Zeiten strichen die Almdudler vom Bayerischen Rundfunk seit jeher alle erreichbaren Fakten weißblau an - aber eine geradezu hanebüchene Fehlleistung muss ihnen doch angekreidet werden: Bekanntlich ist die gewünschte Datenspeicherung derzeit außer Kraft gesetzt, das unverantwortliche Bundesverfassungsgericht will alles jetzt neu geregelt wissen - und trotzdem konnte der Täter mit Hilfe einer alten, längst bestehenden Gesetzgebung dingfest gemacht werden? Wie ist das denn möglich? Kommissar Beckstein übernehmen Sie!

Blogger zelebrierten die bayrische Fehlleistung natürlich genussvoll. In meinen Augen aber geht das Problem weit über diese Einzelfälle hinaus. Journalistische Fehlleistungen dieses Kalibers sind keine Einzelfälle mehr, sie haben Methode. Reporter geben sich dafür her, um an der Faktizität der Welt herumzuschrauben, und die Kausalität der Ereignisse wie die Waggons einer Modelleisenbahn einfach anders aneinander zu koppeln. Motto: Wenn der Kinderschänder erstmal brennt, wird er schon einer gewesen sein.

Auch wenn die mediale Welt eine Narration ist, so heißt das für mich doch noch lange nicht, dass jetzt alle Journalisten zu Märchenonkels werden dürften. Die Nutzung von gespeicherten Telefondaten zur Strafverfolgung nach einer Vergewaltigung und anderen schwerkriminellen Straftaten bleibt absehbarerweise vor und nach dem Verfassungsgerichtsurteil problemlos erlaubt. Wer etwas anderes behauptet, hat entweder keine Ahnung - oder er will keine Ahnung haben. Um letzteres geht es mir.

Denn das, was beschönigend 'Boulevardisierung' genannt wird, ist längst viel mehr - es grenzt oft an bewusste Fehlleistungen, verbunden mit einer massiven Verschiebung des journalistischen Selbstverständnisses. Dies ereignet sich immer öfter, allem Getute vom Qualitätsjournalismus zum Trotz. Und das nicht nur bei der BILD-Zeitung. Ich mag, angesichts der anschwellenden Unappetitlichkeiten, gar nicht mehr untersuchen, ob hier irgendein kleiner Reporter aus Existenzangst zu solchen Methoden greift - oder ob er schlicht etwas am Charakter hat. Wer sich die Welt passend recherchiert, ruiniert sich in meinen Augen in jedem Fall als Person.

Nachtrag: Bei dieser Antwort, die Stefan Niggemeier in Sachen 'prophylaktische Vergewaltigungsdatenspeicherung' jetzt vom Bayrischen Rundfunk erhielt, muss man wohl von einer qualitätsjournalistischen Dialogresistenz sprechen. Die führt übrigens direktemang aufs Abstellgleis ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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