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22.01.08

Börse online: Recherche trotz juristischer Dauerattacken

Börse online erschien erstmals 1987 und war ähnlich wie die leider mitten im Dotcom-Boom gemeuchelte PC-ONLiNE kein Online-Magazin - das WWW war ja 1987 noch gar nicht erfunden -, sondern ein gedrucktes Magazin, auch wenn man bereits im BTX präsent war. "Online" sollte lediglich die Zeitnähe zur Börse ausdrücken.

Stefanie Burgmaier Ulf Froitzheim W.D.Roth

Stefanie Burgmaier, Chefredakteurin Börse online, mit Ulf Froitzheim, Bayerischer Journalistenverband (Bild: W.D.Roth)

Als das Internet sich dann allgemein verbreitete, baute man auch einen ersten Online-Auftritt, doch startet man erst jetzt richtig durch, so Chefredakteurin Stefanie Burgmaier. medienlese.com traf sie und ihr Team mit der wohl bekanntesten Rechercheurin des Magazins, Renate Daum, in München im Verlag zu einer Podiumsdiskussion anläßlich des 20-jährigen Bestehens des Magazins, die der Bayrische Jounalistenverband organisiert hatte.

 

Das Heft hatte eigentlich einen sehr schlechten Start, denn die erste Ausgabe erschien mitten im Börsencrash. Bis heute ist die Auflage und die Entwicklung stark von der Entwicklung der Börsen abhängig, auch wenn es sich im Laufe der Jahre stabilisiert hat, heute regelmäßig über 100.000 Exemplare verkauft werden und man über 44.000 Abonnenten hat.

Seit 1994 gehört Börse online zum Verlag Gruner & Jahr und sitzt in der Nähe des Münchner Ostbahnhofs, vorher gehörte der Magazin zum Verlag Markt & Technik. Das Ziel des Magazins ist es, die Materie den Laien leichter zugänglich zu machen. 2008 sollen Heft und Website relauncht werden, wobei die beiden Medien besser gekoppelt werden sollen: Online für aktuelles, Print für längere Hintergrundgeschichten.

Chefredakteurin Burgmaier ist dabei sehr kritisch, was die Entwicklung von Print vs. Online betrifft, obwohl im Moment 90% der Erlöse vom gedruckten Heft erzielt werden und nur 10% von der Online-Ausgabe:

 

Ich glaube, dass es langfristig zu einem Wechsel von Print zu Online kommt. Von den unter Zwanzigjährigen liest keiner mehr ein Printmagazin!

Eine integrierte Redaktion mit Kollegen, die gleichzeitig für Print und Online schreiben, soll dabei dafür sorgen, dass in den beiden Medien nicht versehentlich gegenläufige Inhalte landen, beispielsweise im Heft Siemens-Aktien sofort verkaufen! und im Online-Auftritt Siemens: Jetzt kaufen!

Print- und Online-Leser sind gegenwärtig auch bei der Anlagestrategie unterschiedlich: Während die Internetbenutzer schnell agieren, hektisch kaufen und verkaufen, bevorzugen die Leser des gedruckten Hefts langfristige Geldanlagen.

Der Webauftritt ist völlig offen, kostenlos und frei zugänglich, bestimmte Empfehlungen bekommen zahlende Abonnenten allerdings vorab. Die Online-Zugriffe liegen momentan bei etwas über 10 Millionen Page Impressions im Monat. Der Online-Auftritt trägt sich dabei selbst und schreibt schwarze Zahlen.

Dr. Gisela Baur W.D.Roth

Geschäftsführende Redakteurin Dr. Gisela Baur (Bild: W.D.Roth)

Der Journalist Bernd Schöne berichtete dabei, dass bei den Industriezeitschriften des Vogel-Verlags mittlerweile der Leser noch das gedruckte Heft bevorzugt, der Inserent aber auf die Webseiten will, um dort kontextsensitive Werbebanner schalten zu können.

Die Konkurrenz wie Focus Money oder Euro am Sonntag liegt in den Zahlen ähnlich, Focus Money dabei höher und die anderen Wettbewerber niedriger.

Auf die Frage angesprochen, wie es denn mit der redaktionellen Unabhängigkeit in der Frage gehalten werde, ob die Redakteure selbst Aktien besitzen dürfen, bejahte dies die Chefredakteurin: Sie müssen ja ein Gefühl für das Produkt haben, über das sie schreiben. Allerdings sind ihnen selbstverständlich Insidergeschäfte untersagt.

Die Geschäftsführerin des Bayerischen Journalistenverbands, Frauke Ancker, berichtete an dieser Stelle davon, dass die BAFIN mittlerweile 150 bis 270 ? für die Anforderung von Finanzprospektkopien verlange, was es freien Journalisten absolut unmöglich mache, noch an derartiges Material zu kommen.

Das leidige Thema " Moderation der Internet-Foren " wird bei Börse online so gehandhabt, dass jeder eingetragene Kommentar einen Hinweis auslöst und unseriöse, diffamierende oder bestimmte Aktien pushende Beiträge gelöscht werden.

Zur Frage, inwieweit Börse online die Anleger im Dotcom-Boom ins Verderben geschickt haben könnte, berichtete die Geschäftsführende Redakteurin Dr. Gisela Baur, dass der erste warnende Artikel 1998 unter dem Titel "Neuer Markt, teurer Markt" zu massiven Abonnementskündigungen geführt hatte und man nach zwei weiteren Jahren kontinuierlichem Warnen schließlich kapitulierte. Doch heute wiederhole sich die Geschichte mit einer bald platzenden China-Blase.

Schließlich kam Renate Daum zu Wort, die für einige spektakuläre Recherchen bekannt wurde. Sie gab offen zu:

 

Es geht für eine Hintergrundgeschichte viel Freizeit drauf, das ist nicht in der regulären Arbeitszeit drin!

Das Problem ist, dass eine Geschichte auch vor Gericht standhalten müsse, so Chefredakteurin Burgmaier. Deswegen könnten viele Informationen und Recherchen am Schluss nicht im Artikel verwendet werden, das Risiko wäre zu groß. Betrugsmaschen kann man auch ohne Namensnennung erklären, doch viele konkrete Recherchen sind am Schluss "für den Eimer", weil die Informationen und Erkenntnisse nicht gerichsfest wären.

Insgesamt arbeiten 32 Ganztagskräfte bei Börse online, doch da etliche Halbtags-Arbeiter dabei sind, sind es in Wirklichkeit deutlich mehr Mitarbeiter, hinzu kommen freie Mitarbeiter. An diese werden buntere Seriengeschichten vergeben, während die trockenen Aktien- und Fonds-Geschichten intern bearbeitet werden.

Renate Daum Ulf Froitzheim W.D.Roth

Renate Daum mit dem zur einstweiligen Verfügung führenden Artikel "Millionär auf Staatskosten" aus Börse online 6/2007 (Bild: W.D.Roth)

Als konkretes Beispiel schilderte Renate Daum, die von Ulf Froitzheim als "fleißige Wühlmaus" bezeichnet wurde, die Klage gegen die LfA Bayern, die sich im Rahmen der Schneider-Insolvenz ergab, weil sich die Bank weigerte, dem Magazin Auskunft zu erteilen, obwohl sie hierzu als Behörde verpflichtet war.

Die Schneider-Insolvenz hatte im Januar 2002 überraschend stattgefunden. Im Februar 2004 erließ Daum eine einstweilige Verfügung auf Auskunft mit einem Streitwert von 2000 ?, die vom Gericht abgelehnt wurde.

Im August 2004 ging es ins Hauptsachenverfahren, bei dem der Streitwert plötzlich auf 100.000 ? angehoben werden sollte, um das Verfahren zu verhindern. Nach dem Bayerischen Pressegesetz muss nämlich der Redakteur persönlich und privat klagen, nicht der Verlag, und ein Redakteur hat natürlich keinen solchen Finanzmittel.

Im Juli 2005 wurde die Klage abgewiesen, was insofern nicht verwundert, als - wie in solchen Fällen immer üblich - dieselben Richter auch das Hauptsacheverfahren durchführten, die schon die einstweilige Verfügung abgelehnt hatten.

Im Juli 2006 fand schließlich eine mündlicher Verhandlung vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof statt und am 7. August 2006 bekam Renate Daum schließlich teilweise recht: die LfA ist eine Behörde und muss Auskunft geben!

Renate Daum Ulf Froitzheim W.D.Roth

Diese Auskünfte, im Dezember 2006 erteilt, nun fast fünf Jahre nach der Schneider-Pleite, waren selbst verständlich immer noch sehr knapp gehalten und bei einer Frage musste die Bank ernsthaft nur deswegen nicht antworten, weil sich sonst Mitarbeiter strafbar gemacht hätten.

Inhalt des Ganzes war übrigens, dass die LfA offensichtlich Aktien an bestimmte Beteiligte verschenkt hatte. Als Börse online nun endlich berichtete und den auf diese Weise bevorzugten ehemaligen Scheider-Vorstandsvorsitzenden Benedikt Niemeyer in der Überschrift des Beitrags einen Millionär auf Staatskosten nannte, kam diesmal von der andern Seite eine einstweilige Verfügung, die allerdings im November 2007 am Landgericht Berlin abgewiesen werden konnte.

Dies war nur ein Rechtsstreit von mindestens einem halben Dutzend, denen Renate Daum in den letzten Jahren ausgeliefert war. Das zerrt nicht nur an den Nerven und Finanzen, das hätte in anderen Verlagen, die nicht so hinter ihren Mitarbeitern stehen wie Gruner & Jahr, auch längst zur Kündigung geführt. Und nicht jeder Jounalist kennt auch einen guten, im Presserecht firmen Anwalt.

Wirklich bekannt wurde Renate Daum übrigens für die Ermittlungen in Sachen Comroad, einem der Skandale des Dotcom-Booms. Der damalige Geschäftsführer Bodo A. Schnabel ist heute übrigens als August B. Schnabel mit der Firma Nanomatic Limited und den gleichen Mitstreitern in Hongkong wieder aktiv.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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