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27.05.11

Blogs contra Mainstream-Medien: Dilettanten gibt es auf beiden Seiten

Viel zu lange schon schwelt der Konflikt zwischen Blogs und etablierten Onlinemedien. Inwieweit es eines Tages zu einer Versöhnung kommt, liegt in den Händen der großen Nachrichtenportale.

 

Es gibt kaum eine Debatte der letzten Jahre, die ich lieber ein für alle mal ad acta legen würde als die über den Konflikt zwischen Blogs und "Mainstream-Medien". Leider ist das leichter gesagt als getan.

Gestern beschrieb ich, wie wenig Sorgfalt führende Nachrichtenangebote bei der Berichterstattung über Technologie-Themen an den Tag legen und wie bei Gerüchten rund um die tonangebenden Internetdienste und IT-Unternehmen fast systematisch aus jeder Mücke ein Elefant gemacht wird.

Leser Jason traf den Nagel mit diesem Kommentar meiner Meinung nach auf den Kopf: Er schlussfolgerte, dass es im Technik- und Web-Sektor häufig einschlägige Blogs sind, die Meldungen recherchieren, analysieren und - so möchte ich hinzufügen - hinterfragen, während die klassischen Medien tendenziell auf eine "Copy & Paste"-Mentalität setzen und das unreflektiert nacherzählen, was irgendwo anders ausgegraben wurde.

Sicherlich ist diese Aussage fürchterlich pauschalisiert und unfair gegenüber allen bei etablierten Medienangeboten beschäftigten Tech-Journalisten, die sehr wohl ihre Arbeit verstehen und erforderliche "digitale Kompetenz" mitbringen. Ich kenne einige und hoffe, dass diejenigen, auf die dies zutrifft, sich an dieser Stelle nicht angesprochen fühlen!

Wie es der Zufall wollte, hatte auch Jürgen Vielmeier bei Basic Thinking gestern ein Hühnchen mit der Arbeitsweise einiger bekannter Medienangebote zu rupfen. Er kritisiert zu recht die hochgradigen Mängel der traditionellen Medien in Bezug auf Quellennennungen und Verlinkungen, speziell was Blogs betrifft.

Renommierte Nachrichtenportale lassen sich bei ihrer Themenwahl sehr gerne von Blogs inspirieren, halten es aber eher selten für notwendig, die entsprechende URL anzugeben und zu verlinken. Ab und an verzichten sie auch ganz darauf, kenntlich zu machen, dass eine Textpassage nicht aus ihrer eigenen Feder stammt. Und mit einer korrekten Linksetzungen haben sie seit jeher ein Problem.

Nun könnte man erwidern: Genau das gilt für viele Blogger auch. Stimmt. Aber dass es sich bei vielen Bloggern um Amateure ohne das Rüstzeug ausgebildeter Journalisten und ohne nennenswerte Reichweite sowie Bedeutung handelt, ist bekannt.

Die Blogosphäre besteht größtenteils aus Dilettanten (was nicht abwertend gemeint ist). Etablierte Verlage hingegen brüsten sich mit ihrem hohen Qualitätsanspruch, beschäftigen eine Schar vorzüglich ausgebildeter, hochintelligenter Journalisten und sollten eigentlich in ihrer Onlinearbeit (die nunmal aus mehr besteht als der eigentlichen Schreib- und Recherchetätigkeit) eine Vorbildfunktion einnehmen.

Gelingt ihnen das? Viel zu selten! Und das ist der springende Punkt und meines Erachtens nach die Ursache dieses seit Jahren schwelenden Konflikts.

Ich habe in letzter Zeit häufiger Gespräche darüber geführt, inwieweit sich ein Fachblogger, der regelmäßig über einen bestimmten Sektor berichtet und handwerkliche sowie ethische journalistische Standards einzuhalten versucht, sich als Journalist und nicht als Blogger bezeichnen sollte (ungeachtet der formellen Ausbildung).

Doch im Netz verbinde ich mit dem Journalismusbegriff zu viele negative Assoziationen, um diesen Titel für einen Blogger überhaupt als etwas Erstrebenswertes anzusehen. Onlinejournalismus im Netz hat ein enormes Imageproblem. Dabei ließe sich dies relativ einfach beheben:

1. Mehr Links zu externen Websites und Blogs

2. Mehr Sorgfalt und Genauigkeit bei Quellenangaben

3. Weniger Statusdenken bei der Wahl der Quellen (auch das Wall Street Journal hat nicht immer recht)

4. Mehr Anerkennung der Tatsache, dass manchmal Leser mehr wissen als man selbst

5. Meinung im Text deutlicher zulassen, statt Objektivität vorzugaukeln

6. Mehr transparente Korrektur von Artikeln, wenn sich Angaben als falsch herausgestellt haben

Diese sechs handwerklichen Kniffe machen nach meiner Beobachtung den entscheidenden Unterschied zwischen (guten!) Blogs und den meisten klassischen Onlinemedien aus. Würde sich hierzu ein Konsens entwickeln, bin ich überzeugt davon, dass die Feindseligkeiten zwischen den heute als zwei unterschiedliche Lager wahrgenommenen Gruppen ein schnelles Ende hätte.

Über Meinungen zu den sechs Punkten und Ergänzungen freue ich mich.

(Illustration: stock.xchng)

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