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06.05.10

Blogosphäre: Über die Furcht vor der Kommerzialisierung

Als Basic Thinking seinen RSS-Feeds kürzte, probte die Leserschaft den Aufstand - ein Beispiel von vielen für das fehlende Verständnis für Kommerzialisierung in Teilen der deutschen Blogosphäre und Gesellschaft?

Das Blog Basic Thinking hatte vor einigen Wochen bekannt gegeben, im RSS-Feed nur noch den Anfang eines jeden Artikels zu präsentieren. Der Grund: Durch erwartete zusätzliche Seitenaufrufe sollen die Einnahmen aus Onlinewerbung erhöht werden - mit der Vermarktung des RSS-Feeds war das Basic-Thinking-Team offenbar nicht zufrieden.

Die Reaktionen in den Kommentaren waren zwar gemischt, aber mit einer Tendenz zu Androhungen von Lesern, Basic Thinking nun aus dem RSS-Reader zu entfernen. Der ein oder andere sah den Schritt zwar weniger kritisch, ließ jedoch verlautbaren, ohnehin Software zum Blockieren von Werbung einzusetzen, weshalb der Nutzen für Basic Thinking gering sei.

Die Diskussion über Full- oder Teaser-Lösungen bei RSS-Feeds sowie über Werbeblocker ist ungefähr so alt wie die Blogosphäre selbst und bis heute eine Frage, an der sich die Geister scheiden. Aber egal welche Einstellung man nun dazu hat, so legte die Reaktionen mancher Basic-Thinking-Leser die Vermutung nahe, dass es in Teilen der deutschen Blogosphäre Gesellschaft ein fehlendes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und teilweise auch für gewinnorientiertes Handeln gibt. Ein anderes Beispiel: Gelegentlich veröffentlichen wir hier bei netzwertig.com ein «Advertorial», einen von einem Werbekunden verfassten Artikel, der eindeutig als Werbung gekennzeichnet ist. Kürzlich veranlasste das zwei Leser, sich über "als Artikel getarnte Werbung" zu beschweren bzw. es mit "So so, #netzwertig füllt jetzt schon Artikel mit #Werbung ... schön ist das nicht" zu kommentieren. Nun kann man entgegnen, dass zwei von rund 15.000 Stammlesern (RSS-Abonnenten und Twitter-Follower) nicht besonders viele sind. Geht man aber von weiteren Lesern aus, die Entsprechendes nicht öffentlich bekunden, aber denken, und betrachtet dies zusammen mit der Debatte bei Basic Thinking, dann entsteht ein Bild, das nicht unkommentiert bleiben sollte.

Kommerzielles Treiben wird von einer in ihrer Größe unbekannten, aber zumindest recht laustarken Gruppe von Nutzern nicht verstanden oder pauschal verurteilt. Diese User haben entweder keine Lust, darüber nachzudenken, oder aber kein Wissen darüber, wie sich Medienorganisationen - zu denen Blogs wie das unsere oder Basic Thinking gehören - finanzieren. Statt vor einem verurteilenden oder die Kündigung der Loyalität androhenden Kommentar oder Tweet einfach mal ein paar Minuten darüber nachzudenken, warum eine bestimmte Entscheidung getroffen wurde, betrachten manche alles ausschließlich aus ihrer eigenen, auf bequemen Konsum der Inhalte fixierten Sichtweise.

Am Ende spielt es keine Rolle, ob Ideologie oder einfach fehlendes Know-how über kommerzielle Vorgänge der Grund für die harsche Kritik mancher Nutzer darstellt: Das Resultat ist das gleiche, nämlich fehlender Rückhalt für diejenigen, die bestrebt sind, mit Qualität ein Unternehmen aufzubauen und - gemäß der simplen Gesetze des Kapitalismus - auch irgendwann damit Geld zu verdienen.

Die deutsche Bloglandschaft hat seit jeher ein Problem damit, sich zu kommerzialisieren. Schon der Begriff "Kommerzialisierung" wird mitunter als Bedrohung wahrgenommen und mit dem Verlust von Unabhängigkeit sowie mit eiskaltem Profittreiben assoziiert. Schwarz oder weiß, etwas anderes gibt es demnach nicht.

Das hat zu einem Zustand geführt, wo auf der einen Seite "gute" Blogs stehen, die maximal ihre Kosten refinanzieren können/wollen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, und auf der anderen Seite ein paar weniger gute, bei denen tatsächlich nicht die Qualität des Inhalts, sondern die Quantität der Anzeigen sowie die Qualität der Suchmaschinenoptimierung im Vordergrund steht. In der Mitte ist es dünn.

Es ist an der Zeit, anzuerkennen, dass kommerzielles Treiben auch für Blogs legitim ist. Gelegentlich auf den Gewinn zu schauen, ist auch für Blogger keine Schande. Das Entscheidende ist, wie dies geschieht - mit harter, den Leser in den Mittelpunkt stellender Arbeit (egal ob haupt-, nebenberuflich oder in der Freizeit) oder durch liebloses Generieren von minderwertigem Inhalt, bei dem die Arme einzig und allein für das Google-Ranking hochgekrempelt werden.

Was die deutsche Blogosphäre bremst, ist in meinen Augen zu einem großen Teil die Furcht vor der Professionalisierung, die Furcht vor dem Gewinn (ich betrachte hier die professionellen oder mindestens semi-professionell ausgerichteten Blogs, nicht rein private). Denn Gewinnstreben passt nicht in das Muster der unbequemen, intellektuellen und leicht revolutionären Gegenöffentlichkeit. Man darf gerne Dinge bewegen, aber tue dies doch bitte auf Basis ideeller, intrinsischer Motive.

Ich finde, dass der nächste Schritt fällig ist. Mit Blogs, die mittlerweile auch ihren Durchlauferhitzer haben, ließe sich noch so viel mehr erreichen und so viel mehr Einfluss gewinnen, wäre der Drang zum Ausbrechen aus den eingefahrenen Strukturen des Kleinbloggersdorf größer. Und wären mehr bereit, eine Professionalisierung zu forcieren und eine Kommerzialisierung zuzulassen. Der erste Schritt ist, dies selbst zu erkennen und als Meinung entsprechend zu vertreten. Danach kann man um das Verständnis der Leser werben.

Je mehr Blogs dies tun, desto stärker würde das Bewusstsein über wirtschaftliche Zusammenhänge auch bei den Lesern entstehen. Es geht ganz einfach um Grundsatzarbeit - um das Schaffen von Wirtschaftskompetenz und einer positiven Haltung zum Thema Unternehmertum, was in Deutschland traurigerweise nicht auf dem obligatorischen Lehrplan steht. Die Konsequenzen dessen führte uns die Basic-Thinking-Debatte exemplarisch vor Augen.

Im Übrigen behaupte ich nicht, dass deshalb jeder Blogleser sich mit gekürzten RSS-Feeds zufriedenstellen sollte. Ich wünsche mir nur etwas mehr geäußertes Verständnis und etwas weniger öffentlich dargestellte Verärgerung. Den Feed aus dem RSS-Leser entfernen kann man dann immer noch, wenn man es partout nicht aushält.

Achja, dankbar bin ich in diesem Zusammenhang für das, was Sascha Pallenberg auf der re:publica gebetsmühlenartig wiederholt hat: Wie man mit Blogs Geld verdienen kann. Man kann ihm zustimmen oder seine Tipps als hohle Worthülsen und reine Selbstvermarktungstaktik sehen. In jedem Fall sagt er das laut, was andere sich nicht einmal denken zu trauen. Und das ist gut so!

P.S. Keine Sorge, wir werden unseren RSS-Feed nicht kürzen.

(Foto: Flickr, CC-Lizenz)

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