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07.02.07Leser-Kommentare

Blogging vs Journalismus (III): Sex und Masturbation

Über den Austausch von Ideen

Kurzserie: Was unterscheidet Blogging von Journalismus? Weshalb beklagen sich Blogger, von den Medien nicht ernst genommen zu werden? Welche Wechselwirkungen bestehen?

Selbstredend bereue ich längst die Titelwahl für diese Serie, aber genau wie im Journalismus lässt sich auch in der Blogosphäre kaum mehr etwas zurücknehmen, wenn es mal gesagt ist. Das ist die Natur von Ideen: Sie werden zum Allgemeingut im Moment, indem sie ausgesprochen werden. Deshalb ist das Konzept des geistigen Eigentums ins Leben gerufen worden, damit Urheber wider die Natur der Gesellschaft finanziell von Ideen profitieren können, wie ich von Lawrence Lessig gelernt habe.

Damit wären wir wieder bei den Blogs und beim Journalismus, die sich beide - abgesehen vom reinen Nachrichtenwesen - mit Ideen befassen; eigenen oder jenen von andern, denen sie Aufmerksamkeit verschaffen.

Ich will hier nur kurz eine Idee von Stan James vorstellen, der ein brillianter Kopf und die treibende Kraft hinter dem sozialen Netz «Lijit.com» ist. Stan hat in seinem Blog (unbedingt lesenswert!) ein Posting mit dem Titel «Aufmerksamkeit ist Mem-Sex (und Google ist ein Dating-Dienst)» veröffentlicht (und eine nette Bildidee dazu gehabt). Ich will hier nicht das ganze Posting übersetzen; im wesentlichen geht es darum, dass Ideen, genau so wie Gene, eine Art Antrieb zur Vervielfältigung und Vermischung mit andern haben. Die daraus entstehenden Meme (Ideenblöcke, die sich in der Gesellschaft halten und weiterentwickeln) Vervielfältigen und diversifizieren sich weiter, indem ihnen Aufmerksamkeit zuteil wird und mehr und mehr Leute über sie sprechen, nachdenken und sie ergänzen oder abändern.

Demnach, sagt Stan, sind Unterhaltungen und Diskussionen gewissermassen «Sex der Meme», wobei gelegentlich Nachwuchs in Form neuer Ideen entsteht. Stan geht etwas vertieft auf das Thema ein und behandelt auch die Rolle von Werbung in diesem Zusammenhang - darum geht es mir hier nicht, auch wenn's spannend ist.

Mir gefällt die Metapher, weil sie einfach und wirksam erklärt, was sich mit dem Web 2.0 in der Welt der Medien verändert hat (und was viele Journalisten noch nicht kapiert haben):

Sex ist das meistgesuchte Ding im Internet, wenn nicht überhaupt in der Gesellschaft, und ich wage zu behaupten, gemäss Long-Tail-Modell wird insgesamt viel mehr nach Mem- denn nach realem Sex gesucht.

In den traditionellen Medien war aber bisher eine Diskussion mit den Autoren oder ihren Quellen über ein vorgestelltes Mem (Sie sehen, wir sind zurück von der bildlichen Ebene) für die grössten Teile des Publikums nicht möglich. Anders gesagt: In one-to-many-Medien abgehandelte Ideen sind gewissermassen Gedanken-Pornographie, der Autor oder die Autorin befindet sich nicht in einer Wechselbeziehung mit der Leserschaft, sondern lässt lediglich einen Blick auf die eigenen Gedankengänge zu - ich überlasse Ihnen die weitere metaphorische Übersetzung.

Es ist klar, wozu sich die Medien durchringen müssen: Zur Diskussion mit dem Publikum. Wie Dan Gillmor in seinem Blog sagt, hat sich der Journalismus dank Web von etwas Vorlesungsartigem zu einem Seminar gewandelt. Meme werden nicht mehr nur vorgestellt, sondern von den Teilnehmern eines Blogs diskutiert und damit mutlipliziert und verändert. An diesen Gedanken, sich auf die Leserschaft einzulassen, Einwänden begegnen oder gar hin und wieder einen Fehler eingestehen oder eine Präzisierung zu einem längst geschriebenen Artikel anbringen zu müssen, können sich viele Journalisten nur schwer gewöhnen. Das ist einer der auffäligsten Unterschiede zu den Bloggern, die in den meisten Fällen für jeden Einwand dankbar sind und darauf reagieren.

Allerdings möchte ich an dieser Stelle allen «Bürgerjournalisten» einen Dämpfer verpassen, die voller Häme die Metapher über den Massenjournalismus zu Ende gedacht haben. Ich würde nämlich behaupten, dass jeder von ihnen aus dem genau gleichen Grund ein Blog zu führen begonnen hat. Es ist ein gutes Gefühl, publiziert zu werden, und heute kann das jeder und jede selber tun, ohne auf ein Publikum angewiesen zu sein.

Wir alle tun es. Es ist das nächstbeste Ding zu einer richtigen Diskussion mit Menschen aus Fleisch und Blut. Aber wie sagt doch der alte Witz? Während sich das eine unabhängig geniessen lässt, lernt man beim andern mehr Leute kennen.

Abgesehen davon stehen dabei die Chancen auf eine Vervielfältigung der Meme deutlich besser.

(Und jetzt bin ich gespannt: Obwohl ich eine allzu bildhafte Sprache zu vermeiden gesuchte habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass dieser Beitrag mehr Suchmaschinen-Treffer landet als viele andere.)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Roman

    07.02.07 (08:45:02)

    Guter Beitrag, danke! Von mir aus gesehen steht er im Schatten seines Titels. "Blogging vs Journalismus" ist dermassen abgedroschen, verbraucht und leer, dass ich eigentlich gar nichts mehr darüber hören geschweige denn lesen will. Deshalb empfehle ich, diesen oder ähnliche Titel nach Möglichkeit nicht zu verwenden. Hier steht es offensichtlich in einem Kontext von chrononoligischen oder prinzipiellen Zusammenhänge und deshalb sollte man ihn wahrscheinlich nicht inmitten der Reihe ändern. Ich meine das eher generell. Gute Titel sind wichtig, auch für Google.

  • Peter Sennhauser

    07.02.07 (09:10:10)

    Danke, Roman. Wie gesagt: Ich wünschte, ich hätte das abgedroschene Zeug in den Untertitel verlegt. Auch auf Slug und & Co würde die Zweite Titehälfte mit Sicherheit mehr Wirkung erzielen...

  • mis

    07.02.07 (23:23:56)

    Ja, die erste und die zweiter Tittehälfte steigern sicher das Ranking ;)

  • mds

    11.02.07 (20:22:47)

    Negativbeispiel «SonntagsZeitung»: In der Ausgabe vom letzten Sonntag entdecke ich einen groben Fehler und mache die Redaktion per E-Mail darauf aufmerksam. Bis heute warte ich vergeblich auf eine Antwort und in der Ausgabe von heute findet sich kein Korrigendum zum Fehler.

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