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09.05.08

Bloggen bis zur Abmahnung: "Online ist wichtiger als das richtige Leben"

Das sagen nicht Online-Süchtige, das sagen die Juristen. Weil das WWW weltweit einsehbar ist. Auch wenn sich außer dem gekränkten Nachbarn eigentlich gar keiner für das eigene Blog interessiert.

Wer morgen Nacht an den Münchner Hauptbahnhof mit leuchtgelber Sprühfarbe ?Hans Müller ist doof und war in der FDJ? schreibt, der muss sich dabei schon sehr blöd anstellen, um erwischt zu werden. Und wäre vor allem wegen Sachbeschädigung dran. Er müsste die Reinigung der Bahnhofsmauer von seinem Graffiti zahlen. Das wäre es dann aber auch.

Wer denselben Spruch ins Gästebuch von Heino Schnittenfittich schreibt, dessen Homepage eigentlich nur alle zwei Wochen mal von seiner Oma besucht wird, wobei selbst diese sich dort langweilt, der löst eine ganz andere Entwicklung aus. Er ist zwar über seine IP-Nummer technisch viel leichter ausfindig zu machen als der Bahnhofssprayer, aber keiner wird ihm wirklich was wollen. Hans Müller wird stattdessen Heino Schnittenfittich verklagen. Ist ja schließlich sein Gästebuch und für dessen Inhalt ist zunächst mal er verantwortlich und nicht seine Gäste, weil er es offen im Web herumliegen lässt.

 

Außerdem wird aber argumentiert, das Gästebuch von Heino Schnittenfittich sei ja nun weltweit abrufbar und theoretisch von Millionen einsehbar. Am Graffiti am Münchner Hauptbahnhof gehen zwar auch täglich Zehntausende vorbei, aber die müssen dazu erstmal nach München, solange niemand eine Webcam aufstellt und den Spruch im Web verfügbar macht. Und es käme auch niemand auf die Idee, die Deutsche Bahn als Mitstörer zu verklagen, weil sie die Bahnhofsmauer zur Verfügung gestellt hat.

Am Tresen gesagt, im Netz verklagt

Das Problem sind gar nicht das WWW oder die große Klappe mancher Blogger. In Kneipen wird schließlich tagein, tagaus viel größerer Unsinn geredet als in Foren und Blogkommentaren. Ab und zu gibt es dann eine Schlägerei oder eine Strafanzeige wegen Verleumdung. Wenn es ganz blöd läuft, eine Messerstecherei. Von einer Abmahnung oder gar einem Zivilprozess wegen einer Äußerung am Tresen hört man dagegen eher selten. Das passiert eher mal wegen unbekleideten Glühlampen oder Gartenzäunen.

Wenn dagegen nachts um drei ein besoffener Mitmensch noch den Einschaltknopf am Computer findet und sich anschließend nicht wortwörtlich, sondern nur im übertragenen Sinn, in die Tastatur erbricht und sein Elaborat deshalb bedauerlicherweise ins WWW geschickt wird, sind die Folgen mitunter drastischer als bei einem vollgekotzten Vorgarten:

Was schwarz auf weiß dasteht, wird nämlich für ebenso voll genommen, wie es in diesem Fall der Schreiber war, der nur irgendeine allgemeine Wut auf die Welt hatte. Redakteure werden zum Chefredakteur zitiert, Manager zum Vorstand, Sachbearbeiter in die Personalabteilung. Ob der nächtliche Vorwurf ganz offensichtlicher Unsinn ist, den außerhalb des WWW niemand länger als drei Sekunden beachtet hätte, spielt keine Rolle.

Online: Spinnertreff oder Zentrum der Welt?

Es ist schon sehr merkwürdig: Bis 1995 wurden ?DFÜler? als Spinner betrachtet, von denen es zu jener Zeit auch jede Menge in den diversen Mailboxen gab. Kein normales Medium kümmerte sich um diese fast rein männliche Geek-Szene. Dann wollte sich eine Spezialeinheit der Münchner Kriminalpolizei profilieren und zerschlug erst das von Hobbyisten betriebene Mailboxnetz , um dann den Provider Compuserve sturmreif zu schlagen, sodass dessen Deutschland-Geschäftsführer Felix Somm nach persönlichen Attacken durch den Richter hinwarf und in die Schweiz zurückging und Compuserve mit seinen teils durchaus ordentliche gemanagten Foren schließlich von AOL geschluckt und de facto stillgelegt wurde.

Doch dank der Münchner Kripo-Aktion war in die allgemeine Öffentlichkeit weltweit gedrungen, dass es online irgendwelche Schweinereien zu geben scheint. Mit Sex wurde Online auf einmal interessant, das war ja mit dem Videorekorder nicht anders gelaufen. Nun schoben auch Boris Becker und der gemeine BMW-Fahrer AOL-CDs in ihre Computer, und da manche leider auch zuvor ein Modem erstanden und angeschlossen hatten, waren sie drin. Das war ja einfach!

Boris Becker war bei Offline-Recherchen in einer Besenkammer unter die Samenräuber gefallen, doch auch online stellte er sich keineswegs geschickter an. Allerdings lernte er von seinem Freund Fritz Pleitgen schnell, wie es zukünftig laufen sollte in Deutschland in Sachen Online und wenn er damals schon keine sinnvollen Dinge der Welt mitzuteilen hatte, so musste er doch wenigstens eine standesgemäße Domain erklagen.

Pleiten und Klagen

Immerhin endete diese Auseinandersetzung am Ende friedlich mit einer Entschädigung für den Attackierten. Ein Ausnahmefall. Der Regelfall ist, den Attackierten mit Streitwerten im sechsstelligen Bereich bis in den Offenbarungseid zu klagen; viele Betroffenen haben schließlich Deutschland verlassen.

So extrem muss es nicht immer enden, doch ?einfach? ist es schon lange nicht mehr, ?drin? zu sein, auch und gerade, wenn man nicht nur nächtelang Porno- oder andere Filme ?saugt?, sondern eine Homepage über seine Hobbys macht oder gar in einem Blog mehr oder weniger unwichtige Weisheiten von sich gibt.

Dies nur vorab, um die Absurdität der Rechtsbehandlung in Deutschland aufzuzeigen. In den nächsten Tagen zeigt medienlese.com konkret die sichersten Wege, sich online unglücklich zu machen, und beleuchtet einige auch für Blogger relevante presserechtliche Entscheidungen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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