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30.08.08

Blogcamp Switzerland: Alle echt und mit Namen

Blogger sind anonyme Wesen, die gerne mal frech werden, wenn sie sich hinter ihrer Tastatur verstecken können. Dieses Vorurteil hat das Blogcamp 3.0 in Zürich deutlich widerlegt. Eine Umfrage ergab, dass über 90% der Anwesenden unter ihrem Echtnamen bloggen.

Blogger (und Mitglied der Landesregierung) Moritz Leuenberger stellt sich der Fotoaktion von Christian Leu am Blogcamp 3.0 in Zürich. Von links nach rechts: Ronnie Grob, Moritz Leuenberger, Christian Leu.

Geschossen hat dieses Foto übrigens Moritz Leuenberger per Fernauslösung. So wie jeder andere Blogger auch, der sich an der Fotoaktion blogcamp 3.0 beteiligte. So ungezwungen, wie Leuenberger auf dem Foto wirkt, war er den ganzen Anlass über. Begleitet wurde er nur von einem kleinen Team, das aus einem sehr kontrollbewussten Pressechef, zwei oder drei unauffälligen Polizisten und noch zwei oder drei weiteren Personen bestand. Kann man sich in anderen Ländern seinen Ministern auch so ungezwungen nähern?

Der Auftritt von Moritz Leuenberger war sicher einer der Höhepunkte des Tages. Er forderte die Leute dazu auf, zu bloggen, nannte sich einen Bloganfänger, der noch viel zu lernen habe und erklärte auf Nachfrage, dass er schon Gefallen gefunden habe an der unkorrumpierten und unverstellten Rede, die so ein Blog zu bieten habe. Es sei kein Vorwurf, aber nach Gesprächen mit Zeitungen erschienen oft ganze Interviewpassagen nicht. Vermutlich sind es oft die, die einem am Herzen liegen. Szenenapplaus erntete er, als er eine Frage nicht beantwortete mit dem Hinweis, dass in diesem Bereich nun wirklich nicht drauskomme. Aber er werde versuchen, sich bis zum nächsten Blogcamp mal schlau zu machen.

Weiter sagte Leuenberger, dass es für eine Demokratie eine Selbstverständlichkeit sein sollte, mit seinem echten Namen zu seinen Meinungen zu stehen, sei das nun im Internet oder woanders. Zitat aus der Video-Teilaufzeichnung bei tagesanzeiger.ch:

Mein Ideal in einer direkten Demokratie wäre, dass jeder zu seiner Meinung stehen kann, jeder seine Meinung veröffentlichen kann - wo immer er will. Ohne, dass er Angst davor haben muss. Und die Tatsache, dass es doch viele Leute gibt, die lieber anonym bleiben - sie gibt mir etwas zu denken. Und sie macht mich manchmal etwas traurig.

Ist es nicht auch ein "Verdienst" der Medien, dass Initianten von Aktionen im Internet sich lieber "Bruno Biertrinker" nennen, als ihren echten Namen zu nennen, der doch nur Gefahr läuft, von der versammelten Presse auf unangenehme Art verwurstet zu werden?

Auch der Vortrag von Matthias Ackeret über sein Projekt TeleBlocher war sehenswert. Sehr engagiert und durchaus emotional vorgetragen, war ihm anzumerken, dass er riesige Freude hat an seinem Projekt ("In zehn Jahren machen das alle"), zu dem news1.ch-Initiator Norbert Neininger die Idee hatte ("Norbert Neininger ist einer der Internetpioniere der Schweiz"). Zuerst stellte er den anwesenden Nicht-Schweizern den Protagonisten der Sendung vor: "Christoph Blocher ist der Franz Josef Strauß der Schweiz". Dann erzählte er ausführlich von all den Kritikern des Projekts ("TeleBlocher war der meistdiskutierte Videoblog im Internet"), die inzwischen fast alle verstummt seien und verteidigte seine Art des Gesprächführens. Es habe keinen Sinn, wenn er den Protagonisten immer wieder unterbreche in so einem lang angelegten Projekt. Er habe sich vorgenommen, jede Frage einmal zu stellen und man dürfe nicht vergessen, dass diese Interviews, anders als alle Gepflogenheiten im Umgang mit (ehemaligen) Bundesräten, ohne Beistand von PR-Menschen und ohne jede Vorbereitung auf die Fragen geschehe. Ausserdem hätten Medien und Politiker oft nicht viel Ahnung von der Sendung: "Pascal Couchepin glaubt heute noch, TeleBlocher sei ein Fernsehkanal. Und der ist Bundespräsident!"

Pro Sendung nehme er 500 Franken vom Schaffhauser Fernsehen (der einzige Mini-Lokalsender, auf dem die Sendung abseits vom Internet ausgestrahlt wird), womit auch die Fahrspesen des Kameramanns Carlo Ferrari abgegolten seien. Obwohl jede Folge von bis zu 40.000 Zusehern geguckt werde, hat es Ackeret offenbar noch nicht geschafft, Werbung zu verkaufen.

Wenn eines klar wurde an diesem Anlass, dann dies: Die Möglichkeit, seine Meinung frei und ungefiltert zum Ausdruck bringen zu können, ist die Basis einer Demokratie. Formen davon gibt es viele, das Blog ist nur eine davon. Journalisten, die sich als strenge "Gatekeeper" sehen, könnten bald mal davon überrascht werden, dass sich gar kein Schaf mehr findet, dass sich durchs Gatter treiben lassen möchte. Sie sollten sich darauf konzentrieren, hervorragende journalistische Inhalte zu liefern. Informationen können sicher auch weiterhin unter Verschluss gehalten werden. Es wird aber immer schwieriger.

Die Umfrage zu den Echtnamen ist geschätzt und nicht repräsentativ. Peter Hogenkamp fragte die über 130 Teilnehmer an der Abschlussversammlung, per Handzeichen anzugeben, ob sie unter Echtnamen bloggen oder unter Pseudonym.

Mehr dazu:

Das Blog von Leuenberger und das Videoblog von Blocher im Vergleich

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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