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01.12.08

Blocher in den Medien: Blochermania

Der mächtigste Politiker der Schweiz hat nicht einmal ein wichtiges Amt: Christoph Blocher beherrscht die Politikseiten, er ist das Feindbild der Journalisten – und wird unterschätzt.

Christoph Blocher: In Gewohnheiten verankert (Keystone)

Einer gegen alle, er gegen die gesamte Politik, hinter ihm die Mehrheit der Schweizer. So sieht sich Christoph Blocher, nachdem er 1992 den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum bekämpfte und die Abstimmung mit nur 50,3 Prozent der Stimmen gewann. Seitdem hat einen Grossteil der Schweizer Medien gegen sich. Nicht unreflektiert natürlich, nicht einseitig – aber stetig. Sie passen einfach nicht zusammen:

Er ist ein ehemaliger Bauernknecht, der es als konservativer Industrieller vom Schlage eines Monty Burns zum Milliardär geschafft hat, viele Journalisten sind grüngesinnte Citoyens oder das, was man gerne unter dem Schlagwort Salonsozialisten versammelt.

Was ist das Ergebnis dieses bald 16-jährigen Kampfs? Blochers Partei, die SVP, ging aus den Auseinandersetzungen gestärkt hervor, sie gewann, von den Journalisten jedes Mal von neuem totgesagt, bei den Parlamentswahlen alle vier Jahre Anteile hinzu. Die klassischen Medien dagegen sind im Niedergang. Eine Verkümmerung von journalistischen Tugenden und eine immer ungenauer werdende Trennung zwischen Werbung und Inhalt führte zu einem Glaubwürdigkeitsverlust. Statt rasende Reporter: Schreibtischtäter. Statt eigene Inhalte: Agenturmeldungumschreiber. Statt Recherche: Pressekonferenzdrängler. Was zu was geführt hat, ist nicht klar zu erkennen, tatsächlich werden die Budgets belastet durch einen massiven Anzeigenschwund und durch die Auflösung von Abonnements.

24 Mal Blocher in einem Artikel über Peter Spuhler (Weltwoche vom 27. November 2008)Blocher muss man nicht mögen, auch seine Partei nicht. Aber der Aufstieg ist anzuerkennen und ist nicht nur durch in die Abstimmungskämpfe eingeflossene Blocher-Gelder verursacht, sondern auch ein Werk von ausdauernder und stetiger politischer Arbeit. SVP-Wähler werden von den Medien gerne als etwas verschroben oder hinterwäldlerisch dargestellt, was, liest man diese hervorragende Reportage von Margrit Sprecher, je nach Standpunkt nicht unwahr sein muss. Doch eine Partei mit inzwischen 29 Prozent Wähleranteil hat nicht nur kauzige oder gar missgünstige oder vom Leben enttäuschte Wähler, sondern auch junge Familien und andere keineswegs extrem gesinnte Menschen.

Einer der wenigen Journalisten, die sich erlaubt haben, aus dem Antipathie-Mainstream auszutreten und den mitunter brillanten Blocher auch mal zu loben, Roger Köppel von der Weltwoche, hat sich dabei prompt übernommen und über einige Zeit bei einigen Lesern den Eindruck hinterlassen, seine Zeitung würde voll und ganz das Parteiprogramm der SVP vertreten. Dafür hat er Verachtung geerntet - kaum ein Journalist und kaum ein Politiker polarisieren die Deutschschweiz mehr als Köppel und Blocher. Viele Journalisten hassen wahlweise die die Weltwoche, die SVP und/oder Blocher. Die Gewichtung der Fakten, die Bildauswahl (Beispiel: blick.ch), die Fragestellungen (Beispiel: sf.tv ) lassen oft keinen anderen Schluss zu.

Seit Jahren beklagt sich die SVP über das angeblich linke Schweizer Fernsehen, zuletzt führten fragwürdige Fragen von "Günstlingsjournalist" Hans Bärenbold zu einem Strauss von Entschuldigungen (blick.ch / nzz.ch). Tatsächlich steht die Frage im Raum, wie sehr Werke von Journalisten das Wahlverhalten der Parlamentarier beeinflussen. Persönlich bin ich der Meinung, dass diese Sendung über Blochers Bruder Gerhard, gemäss Christoph Blocher entgegen einer Absprache nicht nach, sondern vor den letzten Bundesratswahlen publik gemacht, mitverantwortlich ist für seine Nicht-Wiederwahl am 12. Dezember 2007. Was Verwandte von Politikern überhaupt mit Politik zu tun haben, habe ich bis heute nicht verstanden.

Von Blocher lassen können die Medien jedenfalls nicht. Reist er, de facto nicht mehr als einer von mehreren Vizepräsidenten der Partei und Leiter des Ressorts "Recherchen, Strategien und Kampagnen", mal für drei Wochen in die USA und kommt zurück, dann warten mehrere Dutzend Interviewanfragen auf ihn, wie er verwundert, aber natürlich auch etwas geschmeichelt in einer Folge von teleblocher.ch erzählt. Die dauernde Beschäftigung der Medien mit ihm hat auch bei ihm Spuren hinterlassen. Wenn auch sichtlich bemüht um Bescheidenheit, redet er immer mal wieder von sich selbst in der dritten Person, von “Blocher”. Es muss tatsächlich nicht leicht sein, am Boden zu bleiben, wenn man es bei einem der grössten Onlineportale der Schweiz, 20min.ch, zur Topmeldung schafft, nur weil man eine Rede gehalten hat am Ustertag, einem Gedenktag einer Gemeinde mit 30.000 Einwohnern.

Kürzlich sagte Blocher auf teleblocher.ch, viele Journalisten wüssten wohl gar nicht mehr, was schreiben, wenn es ihn nicht gäbe. Sein langjähriger Gegner aus dem Ringier-Verlag etwa, Frank A. Meyer, äussert sich in seiner wöchentlichen Kolumne im SonntagsBlick auffallend oft über den amtslosen Politiker (unter Startseite » News » Frank A. Meyer), zuletzt am 9. November 2008 und am 16. November 2008. Ende August gelang ihm gar das Kunststück, eine ganze Kolumne über ihn zu schreiben, ohne seinen Namen zu nennen.

Auf Blochers eigener Homepage, blocher.ch, sind einige seiner Medienauftritte versammelt. Die sicher unvollständige Auflistung (zehn grössere Stücke mit oder über ihn in nicht mal zwei Monaten) ist erstaunlich für einen Politiker ohne wichtiges Amt in der kleinen Medienlandschaft Deutschschweiz.

Natürlich ist es richtig, wenn sich die Medien mit dem einflussreichsten Politiker der letzten Jahre beschäftigen und es gibt auch sehr lesenswerte Portraits, zuletzt:

Doch die Berichterstattung hat sich längst in Gewohnheiten verankert. Die Journalisten müssen dringend einen Schritt zurücktreten und die Lage überblicken. Dann sehen sie, dass Blocher das aktuelle Geschehen vor allem deswegen prägt, weil sie nicht aufgehört haben, sich mit ihm zu beschäftigen. Ein anderer Grund könnte ein rein finanzieller sein. Roger Köppel im aktuellen Editorial der Weltwoche:

Es ist ein Herbst der Ironien. Ausgerechnet die Zeitungen befeinden am heftigsten den Politiker, dem sie in den letzten zwei Jahrzehnten Auflagensteigerungen und ungezählte Schlagzeilen verdankten. Angesichts der Medienkrise müsste die Branche beten für einen Blocher im Bundesrat.

Am 10. Dezember sind Bundesratswahlen, die Nachfolge des zurückgetretenen Samuel Schmid wird entschieden. Blocher ist einer von mehreren Kandidaten, die Medienaufmerksamkeit ist riesig, es gibt ausführliche Akkreditierungsbestimmungen, Tribünenplätze werden verlost. Die Kommentatoren sind sich (fast wie 2003) einig und räumen dem "Schein-Kandidat" Blocher diesmal keinerlei Chancen ein. Es würde mich folglich nicht wundern, wenn er gewählt würde.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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