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02.08.08

Blick castet Sportreporter: Absichtlich unvorbereitet?

Der Blick hat Nachwuchs für die alternden Sportreporter des Schweizer Fernsehens gesucht – und ein enthusiastisches, doch schwadronierendes Talent gefunden.

Sportreporter Beni Thurnheer (Bild Keystone)"Switzerland?s next Beni" heisst die Blick-Aktion, die sich in den letzten Wochen um Nachwuchs für die angeblich überalterten Moderatoren des Schweizer Fernsehens kümmerte. Als neuen Kollege für Sportreporter-Legende Beni Thurnheer wünschen sich die blick.ch-Leser einen Unterstufenlehrer aus Adliswil.

Gianfranco Salis wurde gewählt – das heisst, es zählte nicht primär die Qualität des Vortrags, sondern, welcher Kandidat am meisten Leute dazu mobilisieren konnte, ihn zu wählen. (Für Salis stimmten unter anderem "Bekannte und Verwandte aus Peru, Singapur und Brasilien".)

Mit seinem Casting-Video (1:38 Minuten) war dann Salis nicht zufrieden. Die gestellte Aufgabe war, das WM-Freistoss-Tor von Georges Bregy von 1994 (Video) zu kommentieren.

Verständlich, denn Salis sagt das hier:

Eine schöne Hereingabe jetzt. Er kommt vor (...?) - und wird gefoult! Eine ganz klare Elfmeterentscheidung. Alain Sutter, er denkt, er hat sicher recht. Man sieht jetzt ganz, ganz, ganz klar, äh, äh nein, das ist, also da, da muss ich ihm nicht rechtgeben. Aber jetzt Freistoss! Freistoss, für das genügt's und Georges Bregy! Georges Bregy ist der Mann, der das 1:0 schiesst, das 1:0 gegen Amerika, hier im Silverdome. Äh, unglaublich, diese Stimmung. Und das ist wirklich historisch. Dieser Moment. 1:0. Eine Super-Distanz gewesen. Für Penalty nicht gereicht. Aber diesen Freistoss. Dieser Freistoss bringt die Schweiz 1:0 in Führung. Jetzt sehen wir's nochmals. Ich denke, schöner kann man ihn nicht versenken. 1:0 für die Schweiz.

Was soll man davon halten? Zuerst kommt mir in den Sinn, dass Journalismus schon was extrem schwieriges ist, das nur wenigen mit Talent und dem Willen, eisern an ihrer Technik zu feilen, vergönnt ist. Wollte uns das auch der Blick zeigen? Ich glaube nicht, aber dann war es in diesem Fall wohl falsch, auf eine Nutzerbeteiligung zu setzen. Userbeteiligung bei Casting-Formaten funktioniert nur, wenn die Masse der sich an der Auswahl beteiligenden die Masse jener, die ein Kandidat selbst mobilisieren kann, übersteigt.

Die Aussage des Contests ist eindeutig: Schaut mal her, wie wichtig / fähig / unverzichtbar wir Journalisten sind und wie unbrauchbar / unfähig / verzichtbar letztendlich die Qualität von denen, die man per Aktion einberuft.

Natürlich kann man es auch so sehen, dass sich relevante Anwärter auf so eine Position niemals bei einer Boulevardzeitung bewerben würden und es doch vor allem eine lustige Aktion war. Das kann man durchaus, aber ob das auch alle so sehen, die mitgemacht haben? Mir scheinen die Teilnehmer mit ihrem Kommentierauftrag jedenfalls überrascht und komplett unvorbereitet. Am Beispielvideo von Salis drängt sich der Eindruck auf, dass den Teilnehmern der Aktion nicht mal mitgeteilt wurde, welche Szene aus welchem Spiel sie kommentieren sollen - hätte sich Salis sonst gefragt, ob das Foul an Sutter zu einem Penalty führt? Wohl kaum, wenn er gewusst hätte, dass er den (unter Fussballfans in der Schweiz jedenfalls berühmten) Bregy-Freistoss kommentieren soll.

Komplett unvorbereitet und ohne jeglichen Kontext sieht da wohl jeder ziemlich doof aus. Und an diesem Punkt muss man sich wiederum fragen, was eigentlich Blick Online von seinen Lesern hält. Hält er sie zum Narren? Wenn die Annahme, dass die Kandidaten kaum vorbereitet wurden, zutrifft: Ja.

Auf jeden Fall ansehen sollte man sich das Best-Of (Video, 1:30 Minuten), das nicht nur im negativen Sinne sehr unterhaltend ist und die auf den ersten Blick fragwürdigen Leistungen von Gianfranco Salis relativiert.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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