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23.04.14Leser-Kommentare

Blendle: So komfortabel und fair kann Paid Content sein

Der aus den Niederlanden stammende Dienst Blendle bietet Usern zentralen Zugriff auf die Inhalte führender Printtitel. Ein näherer Blick auf den Prozess zum Kauf von Texten zeigt, wie komfortabel und fair Paid Content im Netz sein kann.

Lange waren Bezahlschranken für journalistische Medien verpönt, mittlerweile haben sie sich aber zumindest bei den großen Verlagsmedien auf recht breiter Front durchgesetzt. Und immerhin ein Viertel der Internetnutzer in Deutschland zahlt gelegentlich für redaktionelle Onlineinhalte.

Doch abgesehen von den verbreiteten Abomodellen, bei denen ein monatlicher Pauschalbetrag fällig wird, leidet das Bezahlschranken-Konzept noch immer unter dem hohen Aufwand, der mit dem Einzelerwerb von Artikeln verbunden ist. Neben dem notwendigen Zeitinvestment stehen einem solchen Verfahren auch die erheblichen mentalen Kosten für Leser im Weg, die laufend abwägen müssen, ob sie für den jeweiligen Text wirklich zahlen wollen. Auch ein von Google vor einigen Jahren lanciertes System, das das Bezahlen von Inhalten auf Artikelbasis vereinfachen sollte, scheiterte an der Komplexität und den Herausforderungen dieses Vorhabens. Doch das holländische Startup Blendle hat nun einen Einsatz entwickelt, der tatsächlich in der Praxis funktionieren kann. Wir hatten Blendle im März bei uns vorgestellt. Kürzlich erhielt ich einen Testzugang zu dem Dienst, der derzeit nur auf Niederländisch angeboten wird und ausschließlich Inhalte aus Tageszeitungen und Magazinen unseres westlichen Nachbarlands online einsehbar macht. Zum Schmökern ist Blendle daher für mich erst einmal nichts. Für einen Blick auf die Implementierung des Bezahlsystems reicht es aber. Und hier haben die Macher Alexander Klöpping und Marten Blankesteijn mit ihrer als "Bezahldeich" ("Paydike") bezeichneten Lösung ausgezeichnete Arbeit geleistet.

Anders als bei den meisten deutschen Onlinemedien, die auf monatliche Abos und Tagespässe setzen, sowie beim Verlagsaggregator niiu (unser Bericht), bezahlen Nutzer von Blendle per gelesenem Artikel. Da der Dienst Printinhalte unterschiedlichsten Umfangs und von zahlreichen Verlagshäusern unter einem Dach bereitstellt, ist die nutzungsbasierte Abrechnung für die Rechteinhaber die praktischste Lösung. Zudem befreit sie User von fixen Gebühren, die auch dann anfallen würden, wenn sie mal weniger Zeit für Lektüre haben.

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Das besondere am Bezahlprozess von Blendle: Obwohl User pro gelesenem Text bezahlen, entsteht überhaupt keine Nutzungsbarriere, weder in Form von zeitlichem Aufwand noch durch Abfragen, die Usern aufgezwungen werden. Stattdessen folgt Blendle den intuitiven Anwendungsmustern der Leser: Nachdem man einen Text basierend auf dessen Teaser öffnet, erscheint am oberen linken Rand die Preisinformation (oft 0,10 bis 0,20 Euro, manchmal etwas mehr) sowie der Hinweis, dass die ersten 15 Sekunden gratis sind. Genau dieser Zeitrahmen ist es, in dem man als Leser von Texten gewöhnlich und unbewust evaluiert, ob ein Artikel einen wirklich interessiert. Die Art, wie Blendle die Zahlungsinformationen transparent gestaltet, ohne mit diesen aber die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Inhalt wegzunehmen, ist vorbildlich. Und weil Blendle-Anwender ihr Guthaben im Prepaid-Verfahren aufladen, ist während des Erwerbs der Lektüre auch keine Eingabe von Zahlungsdaten erforderlich. Da User nach der Registrierung 2,50 Euro Guthaben geschenkt bekommen, können sie sich in Ruhe mit dem System vertraut machen, ohne gleich in finanzielle Vorleistung gehen zu müssen.

Das von Blendle implementierte Vergütungsverfahren ist aus Sicht der Contentproduzenten deutlich fairer als beispielsweise das Prinzip von Diensten wie Flattr oder Blogbox, bei denen die Höhe des Wertes eines von Usern per Klick "gespendeten" Betrags vom Ersteller des Inhalts nicht beeinflusst werden kann. Bei Blendle dagegen kann die hinter einem langen Investigativartikel stehende Medienmarke auch mal 0,50 Euro oder mehr verlangen, während eine kurze Tickermeldung wohl besser bei 0,10 Euro bleiben sollte. All das verpacken die Niederländer für Benutzer so verdaulich wie möglich.

Blendle bietet viel Komfort und einen hohen Fairness-Faktor, denn nach jedem gekauften Text kann man sich mit zwei Klicks und einer kurzen Angabe des Grundes den Betrag zurückerstatten lassen. All das garantiert zwar noch kein Gelingen des Vorhabens, und das endgültige Urteil der Jury steht für den erst in der nächsten Woche die geschlossene Beta-Phase verlassenden Dienst noch aus. Trotz aller Finessen erfordert er von Anwendern eine Umstellung im Kopf, wenn sie plötzlich mit jedem etwas ausführlicher inspizierten Artikel um ein paar Cents erleichtert werden. Dennoch setzt Blendle Standards und gehört zu den derzeit spannendsten Projekten im Bereich der Distribution und Aufbereitung journalistischer Inhalte. /mw

Kommentare

  • Harry Beau

    23.04.14 (08:48:17)

    Interessanter Artikel über einen kreativen Ansatz, aber das Witzigste ist # "verpöhnt"

  • Florian

    23.04.14 (08:50:12)

    Durch die vielen smarten Details wie diese 15-Sekunden-Schwelle, die Möglichkeit, sich den Kaufpreis eines Artikels bei Nichtgefallen zurückerstatten zu lassen, die fürs Card-Design übernommene Typographie der Medienmarken etc. ist Blendle wirklich spannend: Wenn Micropayment, dann mit so einer eleganten UX, das sehe ich genauso. Bin jedoch skeptisch, was die Erfolgsaussichten angeht - jedenfalls für den Kern des jetzigen Konzepts. Damit Blendle wirklich funktioniert, muss es bei ausreichend vielen Leuten zum präferierten Reader werden, zur Gewohnheit. Die Social-Features deuten darauf hin, dass das gewollt ist, aber es wird extrem schwer. Es ist nicht wahrscheinlich, dass hier ausreichend Masse zusammenkommt, damit es sich für Publisher, aber vor allem auch für Blendle mit ihrem 30-%-Cut rechnet. Trotzdem: Eine erstaunlich gut umgesetzte App, und das ohne zig Millionen VC im Rücken, bin gespannt, was ihnen noch einfällt.

  • Christian

    23.04.14 (19:40:42)

    Die ganze Krux des Paid Content ist, dass die Leute es gewohnt sind, Artikel im Netz gratis zu erhalten. Selbst wenn alle Verlage zeitgleich eine Paywall einrichten würden, würde das nichts bringen – außer viel Zulauf für die Blogger und anderen Newsquellen. Trotzdem: Das System scheint sinnvoll zu sein, sofern die Verlage denn hier auch ihren "guten Print-Content" zur Verfügung stellen, nicht nur die mit heißer Nadel zusammengekloppten Online-Artikel.

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