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04.12.14

BitTorrent: Weg mit dem Piraten-Image, her mit dem Business-Anzug

BitTorrent steht für viele synonym mit „Online-Piraterie“. Aber aus dieser Ecke will das Unternehmen heraus. Dazu wird es 2015 kostenpflichtige Services geben, die vor allem auf Business-Kunden zielen. Zugleich nimmt man sich an den Kollegen von Netflix ein Vorbild und kündigt eine eigene Serie an.

Eines der kommenden Angebote ist ein Dateien-Sync für Smartphones und Tablets. (Bild: BitTorrent) Eines der kommenden Angebote ist ein Dateien-Sync für Smartphones und Tablets. (Bild: BitTorrent)

Napster und BitTorrent sind zwei Namen, die für den Konflikt zwischen den klassischen Verwertungsketten einerseits und den neuen technischen Möglichkeiten der Digitalisierung andererseits stehen. Was mit dem illegalen Tausch von Musikdateien begann, hat sich längst auf alle Medienformen ausgeweitet. Während aus der Marke „Napster“ inzwischen ein legales Angebot wurde, versucht BitTorrent verstärkt, neue Gebiete jenseits der „Piratenbucht“ zu erobern. Denn was so manchem nicht bewusst ist: Hinter der bekannt-berüchtigten Technik steckt eine Firma mit Sitz in San Francisco.

Das grundlegende Missverständnis mit BitTorrent ist dabei, dass sich diese Technik zwar prima eignet, um Dateien unrechtmäßig zu verteilen. Aber sie lässt sich ebenso für ganz andere, legale Zwecke nutzen. Und das möchte die BitTorrent Inc. nicht nur bekannter machen, sondern darüber nun am liebsten auch noch Geld verdienen. Hintergründe zur Technik

Wer die Technik hinter BitTorrent nicht so genau kennt: Das Besondere ist, dass hier kein zentraler Server benötigt wird, auf dem die fraglichen Dateien liegen. Stattdessen ist jeder, der eine passende BitTorrent-Software nutzt, sowohl Empfänger als auch Sender. Anders gesagt: Wenn man darüber eine Datei herunterlädt, stellt man sie gleichzeitig anderen Nutzern des Dienstes zur Verfügung – so jedenfalls die Idee. Die Dateien werden dazu in kleine Portionen aufgeteilt und am Ende stammt die fertige Datei somit aus etlichen Quellen.

Das macht BitTorrent unter anderem schwerer angreifbar, denn man kann nicht einfach einen Server stilllegen, um des Problems Herr zu werden. Und das macht es zugleich nützlich und praktisch für Personen, Institutionen und Unternehmen, die sich keinen zentralen Server und die notwendige Anbindung für Downloads leisten können. Ein Nachteil des Systems: Wie schnell ein Download ist, hängt allein von den Nutzern ab. Sie können schließlich selbst festlegen, wie viel sie dem System zurückgeben. Und interessieren sich zu wenige Nutzer für einen Inhalt, kann der Download gar unmöglich sein.

Aber wie kann man daraus nun ein Geschäft machen? Die neuen Angebote der BitTorrent Inc. gehen in drei Stoßrichtungen:

1. Als Alternative zu sich selbst

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BitTorrent versucht, seine 170 Millionen Nutzer in Geld umzuwandeln. Künstler und Rechteverwerter haben die Möglichkeit, die Plattform für Werbung oder auch Verkauf zu nutzen. „BitTorrent Bundles“ nennt sich ein solches Angebot. Es ist im Mai 2013 an den Start gegangen.

Bei einem BitTorrent Bundle kann der Nutzer zunächst nur einen Teil der angebotenen Inhalte frei herunterladen, also bspw. einen Song eines Albums. Erst nach einer weiteren Aktion (Bezahlung oder Angabe der E-Mail-Adresse) bekommt man den Rest. Als Künstler oder Rechteinhaber auf BitTorrent Bundles zu setzen, ergibt in einer Hinsicht Sinn: Man kann direkt die Internetnutzer erreichen, die sowieso bereits an den Inhalten interessiert sind. Auf der anderen Seite macht man den Dienst und seine illegalen Möglichkeiten damit freiwillig bekannter.

Zahlen zum Erfolg der BitTorrent Bundles hat das Unternehmen bislang nicht herausgegeben. Stattdessen versucht man damit zu überzeugen, dass BitTorrent-Nutzer zugleich Geld für Musik ausgeben und generell eine interessante Zielgruppe seien. Ein relativ aktuelles Beispiel ist das neue Solo-Album von Radiohead-Sänger Thom Yorke, das er auf diesem Weg für 6 US-Dollar anbietet. Eine Woche später konnte BitTorrent 1 Million Downloads vermelden. Klingt erfolgreich, aber ob BitTorrent damit zu einem Player im Markt wird, ist weiterhin offen. Schließlich geht der Trend eher zu Mietangeboten zum Festpreis à la Spotify, Netflix und anderen. Und für den Verkauf von Musik haben zumindest die Rechteinhaber andere Möglichkeiten wie den iTunes Store, bei denen sie selbst die Kontrolle haben.

2. Als Alternative zu Dropbox

bittorrent-sync

Dropbox und ähnliche Dienste werden oftmals genutzt, um Dateien über mehrere Rechner aktuell zu halten. Bei klassischen Angeboten lagern die eigenen Inhalte dann auf einem Server in der Cloud. Und wie viel von den Datenschutz-Versprechen vieler Anbieter zu halten ist, bedarf in der Post-Snowden-Ära wohl keiner Erläuterung mehr. Mit BitTorrent Sync zielt das Unternehmen genau darauf: Wie oben beschrieben ist ein zentraler Server hier nicht notwendig, die Bits und Bytes werden direkt zwischen den betreffenden Geräten ausgetauscht. Weiterer Vorteil: Begrenzungen in Sachen Speicherplatz und Datenverkehr gibt es logischerweise keine.

Diese Dienst hatte BitTorrent voriges Jahr zunächst für Konsumenten gestartet. Nun soll es im nächsten Jahr kostenpflichtige Tarife u.a. für Firmenkunden geben.

„Sync Pro“ soll beispielsweise weitere Features enthalten wie die detaillierte Vergabe von Zugriffsrechten für freigegebene Ordner. 40 US-Dollar im Jahr soll man dafür bezahlen, was laut BitTorrent weniger als die Hälfte von dem sei, was man für ein vergleichbares Angebot bei Dropbox, Google, Apple oder Microsoft hinblättern müsse.

Eine neue Sync-App für Mobile soll außerdem künftig helfen, Dateien zwischen Smartphones und Tablets zu transferieren – und das unabhängig davon, ob die Geräte unter Android, iOS oder Windows Phone laufen. Weitere Details gibt es hier noch keine.

Und zu guter Letzt: Ein weiteres Angebot soll speziell Unternehmen dabei helfen, Dateien aktuell zu halten und an eine große Zahl an Nutzern oder Rechner zu verteilen. Auch hier gibt es noch keine genauen Informationen.

3. Als Produzent von Inhalten

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Netflix und andere Portale sind erstens eine Alternative zu illegalen Angeboten und zweitens zu Plattformen wie iTunes, bei denen man Filme und Serien nur einzeln kaufen oder mieten kann. Aber Netflix ist es längst nicht mehr genug, nur ein Lieferant für andernorts produzierte Filme und Serien zu sein, die seine Kunden im Zweifel auch bei der Konkurrenz bekommen können. Stattdessen produziert das Unternehmen vermehrt eigene Inhalte und das mit durchaus beachtlichem Erfolg. BitTorrent hat da offenbar genau hingeschaut und die erste eigene Serie angekündigt.

„Children Of The Machine“ soll sie heißen und ganz wie von Netflix bekannt werden alle Episoden einer Staffel auf einmal veröffentlicht. BitTorrent nutzt zur Verbreitung und zum Verkauf wenig überraschend die eigenen „Bundles“. Die Pilotfolge soll es kostenlos geben. Wer die restlichen sieben Episoden sehen will, kann entweder 5 US-Dollar zahlen oder eine Gratisversion mit Werbung auswählen. Für 10 US-Dollar gibt es noch Bonusmaterial dazu. BitTorrent streicht 10 Prozent des Verkaufspreises ein.

Auf diesem Weg schlägt BitTorrent gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Das Unternehmen macht das eigene „Bundles“-Angebot bei den Nutzern bekannter und es gewinnt zudem wertvolle Informationen darüber, welches der drei Angebote von 0 bis 10 US-Dollar am interessantesten ist. Allein der Neuigkeitsfaktor des Vertriebswegs wird aus meiner Sicht sicherstellen, dass „Children Of The Machine“ beachtliche Downloadzahlen erreicht.

Fazit

Zu lange habe man nicht darauf geachtet, was aus der eigenen Marke werde, hat BitTorrents PR-Manager Kevin Fu erklärt – und das ist sicherlich noch eine Untertreibung. Für einen Dienst wie „Sync“ ist der Name BitTorrent keine Hilfe – eher im Gegenteil. Rein technisch und praktisch betrachtet kann er eine interessante Alternative zu Dropbox & Co. sein.

Dass die „BitTorrent Bundles“ allerdings jemals zu einem vitalen Teil des Geschäfts werden, scheint doch zum heutigen Stand eher unwahrscheinlich. Dafür sind die angesprochenen Branchen von Musik bis Film viel zu komplex und konservativ. Allein für Einzelkünstler sehe ich persönlich eine Chance: Für sie könnte BitTorrent ein neuer Vertriebsweg vorbei an klassischen analogen und digitalen Pfaden sein. Sie können sich damit direkt an ihre Fans richten.

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