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28.10.13

Big Data und Überwachung: Niemand hört uns zu

Es ist verständlich, Angst zu haben vor den Überwachungsaktionen von Geheimdiensten und Polizei. Aber in Wirklichkeit interessiert sich der Staat nicht für uns als Personen. Viel verlockender sind für ihn Metadaten. Besonders besorgniserregend ist, dass diese Grundlage für eine gesellschaftliche Steuerung darstellen können.

Big Data

Big Data ist so groß, dass Menschen überfordert damit sind, daraus etwas Sinnvolles zu extrahieren. Da sitzt niemand in einem Büro in Pullach oder Berlin, bearbeitet den riesigen Datenhaufen, den man heute "Big Data" nennt, und filtert genau das heraus, was ihn oder sie am wenigsten angeht. Unsere Wünsche, Vorlieben, politische Meinungen – genau das, was wir am liebsten nur mit unseren Freunden teilen würden. Dafür interessiert sich der Staat nicht. Nicht für das, was die Gesellschaft bereichern könnte, nicht für das, was wir unter Kultur verstehen, nicht für uns als Person. Er will gar nicht wissen, wer wir sind und wo wir hin wollen. Er hört nicht zu, obwohl wir alles posten. Was ihn interessiert, sind die Metadaten, also die Daten über die Daten. Es soll hier nichts beschönigt werden: Natürlich kann die Person durch Auswertungen in Big Data in den Fokus staatlicher Ermittlungen geraten. Das geschieht, sobald die Erfassungsmaschinen Abweichungen von der Norm registrieren. Wenn wir auffällig geworden sind, kann man auf Knopfdruck in kurzer Zeit herausfinden, wer wir sind, wo wir sind und wann man uns am besten verhaftet. Wenn er uns will, kann der Staat uns kriegen.

Es ist vollkommen gerechtfertigt, davor Angst zu haben, aber das ist nicht der Punkt, um den es hier geht. Es geht um etwas Gefährlicheres, und das hat damit zu tun, dass Big Data, also die Quelle der maschinellen staatlichen Aktionen, keinerlei Gründe für menschliches Verhalten enthält, sondern nur Korrelationen. Wir müssen uns also genauer anschauen, was Big Data ist, wenn wir verstehen wollen, warum es gefährlich ist.

Big Data speist sich aus zwei Quellen

Die Daten, aus denen der Big-Data-Haufen besteht, stammen aus zwei Quellen. Die erste Quelle sind die Informationen, die Nutzer des Internets freiwillig selbst eingeben, zum Beispiel bei Facebook oder Google.

Die zweite Quelle sind die Daten, die durch Maschinen aufgenommen werden. Diese Quelle ist schon jetzt viel größer als die erste. Es geht hier beispielsweise um Sensoren in der Fabrikation oder in Fahrzeugen, Überwachungskameras, Bewegungsprofile über Handys, Verbindungsprotokolle der Telefongesellschaften usw. Diese Daten werden automatisch gesammelt, ohne ihre Inhalte zu kennen, und können wegen ihrer Menge und Komplexität nur noch maschinell ausgewertet werden, nämlich durch passende Algorithmen.

Es ist ein Missverständnis, Big Data mit Daten aus der ersten Quelle gleich zu setzen. Sicher liegt hier die meiste Angst; wer will schon, dass der Staat sich in unsere Kommunikation einschaltet. Es sind aber die Daten aus der zweiten Quelle, und hier vor allem die Metadaten, wo die eigentlichen Gefahren liegen.

Metadaten stehen im Zentrum des Interesses

Metadaten sind Daten über Daten. Ein gutes Beispiel ist das, was passiert, wenn jemand telefoniert. Es wird ein Gespräch geführt, das die Daten enthält. Man kann die Daten aufzeichnen und abhören – das ist Old-School-Spionage. Gleichzeitig fallen eine Menge Metadaten an, nämlich die Verbindungsdaten: unter anderem Uhrzeit, Länge des Gesprächs, Ziel. Solche Verbindungsdaten sind im Gegensatz zu Inhaltsdaten strukturiert, das heißt, sie sind auf einfache Weise miteinander abzugleichen.

Allein mit diesen Metadaten kann man beispielweise herausfinden, ob jemand eine Krankheit hat. Ein Beispiel: Ein Mann, 55 Jahre alt, ruft einen Orthopäden an, am Tag darauf einen Physiotherapeuten, einen weiteren Tag später sowohl einen Osteopathen als auch seine Krankenkasse. Allein damit ist schon klar, dass er ein Problem mit dem Bewegungsapparat hat. Wenn man damit noch die Internetdaten und die E-Mails verknüpft, die oft beim selben Provider auflaufen, ist die Sache klar. Der Mann hat mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Schädigung der Bandscheibe. Dies herauszufinden, ist mit Maschinen über die Metadaten möglich; den Inhalt der Kommunikation – also die Daten selbst – zu analysieren, würde wesentlich mehr Aufwand erfordern.

Die Metadaten liegen alle in dem großen Datenhaufen, und man kann sie mit einem Algorithmus extrahieren und miteinander verknüpfen. Die Speicherung der Daten ist günstig und die Rechner werden immer schneller, was immer neue und bessere Möglichkeiten hervorbringt, Korrelationen zu finden. So werden Krankheiten sichtbar, intime Beziehungen, geplante Demonstrationen, unzufriedene Mitarbeiter, anstehende Firmenübernahmen und so weiter.

Metadaten als Grundlage gesellschaftlicher Steuerung

Es ist faszinierend - endlich existieren genug Daten zur Gefahrenabwehr. Und es scheint wirklich zu funktionieren, wie die Geheimdienste immer wieder versichern. Auch gibt es genügend Politiker, die glaubhaft davon überzeugt sind, dass wir diese Möglichkeit brauchen.

Gut, egal wie man dazu stehen mag: Nehmen wir also an, dass der Preis für die Bekämpfung des Terrors bezahlt werden muss. Bezahlt mit der Möglichkeit, dass wir irgendwie auffällig werden, weil wir an einer Demonstration teilnehmen, auf einem zentralen Platz ohne Ziel herumlaufen oder eine rote Ampel überfahren. Dass sich dann ein virtuelles Auge auf uns richtet, und ein Algorithmus die Polizei vorbei schickt. Oder wirklich finstere Gesellen, denen Gesetze völlig egal sind.

Wir hätten damit einen Teil unserer Freiheit für mehr Sicherheit aufgegeben. Darüber kann man ja diskutieren. Aber es gibt etwas, das wesentlich gefährlicher ist als einen Teil der Freiheit aufzugeben, und das bei der ganzen Diskussion um Freiheit oder Sicherheit kaum eine Rolle spielt. Man kann mit dem Big Data Haufen nämlich noch etwas ganz anderes machen: man kann ihn als Grundlage zur politischen Steuerung nehmen. Die Daten sind ja vorhanden; warum also dieses Instrument nur zur Gefahrenabwehr nutzen, und nicht auch, um gesellschaftliche Prozesse zu gestalten?

Das klingt zunächst gar nicht so übel. Was soll so schlimm daran sein, moderne Instrumente zu nutzen? Aus der Politik hört man immer wieder Klagen über mangelnde Steuerungsmöglichkeiten, und endlich scheint es welche zu geben.

Um das richtig einschätzen zu können, sollte man sich klarmachen, was die elektronischen Augen und Ohren des Staates sehen und hören. Nämlich nichts anderes als quantifizierbare Daten, die durch Maschinen zu Big Data hinzugefügt werden. Wiederum durch Maschinen werden Auswertungen erzeugt, die sich Polizisten oder Geheimdienstler anschauen können, oder es werden gleich Aktionen eingeleitet, um dem entdeckten Problem schnell zu begegnen. Möglichst bevor das Problem überhaupt eintritt. Irgendwann werden von Computern automatisch Roboter an die Front geschickt, was den ganzen Vorgang komplett den Maschinen überlässt. Wenn dann noch andere Roboter bekämpft werden, ist das System endgültig selbstreferentiell.

Dass ein solches Szenario eintreten kann, hat seinen Grund darin, dass die Daten aus dem großen Haufen nur Korrelationen ermöglichen. Man kann also herausfinden, ob Beziehungen zwischen Daten existieren, aber damit lässt sich keine Aussage darüber treffen, warum die Beziehung existiert.

Die Denkweise ist folgende: Die Fakten sind vorhanden, man muss sie nur finden. Nötig ist dafür lediglich ein guter Algorithmus und ein schneller Computer.

Was man aber auf diese Weise findet, sind nichts als Korrelationen. Und Korrelationen sind Zahlenspiele, die etwas Sinnvolles aussagen mögen oder auch nicht. Auf jeden Fall enthalten Sie nichts darüber, was wir als Menschen sind.

Traditionelle Methoden des Erkenntnisgewinns sind damit obsolet. Intuition, Modelle oder gar Theorien - die traditionellen Methoden der Erkenntnisgewinnung - sind überflüssig.

Horror

Und dies soll die Grundlage politischer Steuerung sein? Kein Wunder, das Harald Staun in einem Artikel zum gleichen Thema schrieb: „Der Horror derartiger politischer Betriebssysteme wäre nicht ihr Versagen, sondern ihr Funktionieren.“ (FAS vom 14. Juli 2013).

Deshalb war am Anfang dieses Artikels die Rede davon, dass der Staat sich gar nicht für uns interessiert. Genauer: er interessiert sich schon, aber nur als Zahlenspiel, nicht als Person. Das mag zur Gefahrenabwehr noch in Ordnung sein, ist aber völlig daneben, wenn es um die ganze Gesellschaft geht.

Denn er bekommt wesentliche Teile unserer Persönlichkeit gar nicht mit: unsere Ziele, unsere Wünsche, unsere Sehnsüchte, unsere Probleme. Er wird beispielsweise nur wissen, dass es Drogenprobleme gibt, nicht aber warum. Oder vielmehr, er wird die Existenz von Drogenproblemen auf andere Zahlen zurückführen. Beispielweise kann die Menge des beschlagnahmten Cracks mit der Höhe der Arbeitslosigkeit korrelieren, und schon wird sich eine Partei finden, die in der betroffenen Gegend Beschäftigungsprogramme anbieten will. Nur wegen einer Korrelation, die mit einer Ursache-Wirkung Beziehung verwechselt wurde.

Aber der Staat wird nicht wissen, ob eine Person traurig ist, ob sie Schmerzen hat, oder ob sie Drogen einfach klasse findet. Ob es nicht vielleicht besser wäre, Drogen freizugeben, und so die ganze damit verbundene Kriminalität auszutrocknen. Oder ob es nicht sowieso ein Recht auf Rausch gibt, das für die Regierung unantastbar ist.

Um solche provokanten Gedanken auch nur diskutieren zu können, braucht man ein Ziel, Mitgefühl und Intuition – also eine Vorstellung von der Zukunft der Gesellschaft und eine Vorstellung von den Mitmenschen, die diese als fühlende Wesen ernst nimmt. Wenn das nicht vorhanden ist, wird es immer beim Status Quo bleiben, der mit allen Möglichkeiten von Big Data verteidigt wird. Die Menschen erscheinen als Zahlenspiele in der politischen Kommunikation. Dann ist nicht mehr wichtig, was wir wollen, sondern was derjenige will, der die Zahlen auswertet. Oder noch schlimmer: was in den Algorithmus programmiert wurde, der die Zahlen auswertet.

Big Data mag ein in einigen Situationen ein gutes Werkzeug sein. Als Betriebssystem politischer Steuerungsinstitutionen jedoch könnte es sich tatsächlich als Horror erweisen.

Über den Autor:

Dr. Ralf Wienken ist technischer Redakteur. Er ist verantwortlich für den Bereich technische Kommunikation der X-info Wieland Sacher GmbH. Ein wichtiges Arbeitsgebiet des Unternehmens ist die Entwicklung von Applikationen für den industriellen Bereich.

(Illustration: Eyes in binary tunnel, Shutterstock)

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