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23.03.09

Bibliotheken im Zeitalter der E-Books

Wenn E-Reader und E-Books massentauglich werden, was passiert dann mit den Bibliotheken? Ein paar Gedanken zur Digitalisierung der Bibliotheksidee und den Implikationen für die Verlagsbranche.

Das gute, alte Papier.E-Reader mit Massentauglichkeit im iPod-Sinne sind nur noch ein, zwei maximal drei Iterationen von ihren heutigen Vertretern entfernt. Egal ob von  Amazon , Sony, txtr oder einem anderen Anbieter:

In den nächsten Jahren werden E-Reader in den Massenmarkt eindringen. Was das für Bücher und das Leseverhalten allgemein bedeutet, haben wir letztes Jahr ausführlich beleuchtet. In den USA mehren sich bereits die euphorischen Stimmen der Benutzer des Amazon-Readers Kindle, der zeigt, dass der Übergang von papiernen zu digitalen Büchern durchaus ein Gewinn an allen Fronten für den Leser sein kann (vom nicht zu vergessenden DRM-Problem mit dem Kindle einmal abgesehen).

Ich glaube, dass der Übergang von papiernen zu digitalen Büchern zunächst im Sachbuchbereich und dort recht schnell im universitären Bereich beginnen und von da in die übrigen Bereiche des Buchkonsums überschwappen wird. Die finanziellen Anreize sind hier besonders hoch, während sentimentale Beweggründe eine untergeordnete Rolle spielen. Den Studenten und den Forschern geht es zuvorderst um den Inhalt des Lehrbuches oder des Standardwerkes zum Forschungsschwerpunkt, nicht um einen schicken Einband für das heimische Regal.

Und hier offenbart sich auch bereits ein künftiges Spannungsfeld:

Wenn wir alle E-Reader besitzen werden und künftig via Internet-Anbindung Bücher einfach von den Angeboten der Verlage und Buchhändler kostenpflichtig herunterladen können, was passiert dann mit Bibliotheken?

Wenn der Vorgang des Ausleihens so einfach wird wie der Erwerb und beides von zuhaus mit einem Tastendruck vonstatten geht, werden die Verlage nicht Anreize haben, Bibliotheken die Entwicklung hin zum Digitalen zu unterbinden oder zumindest zu erschweren?

Werden Bibliotheken "analog only" bleiben müssen? Sie werden damit abgeschnitten von den Metainformationen, die sich rund um die E-Book-Ausgaben der Bücher gruppieren werden. Wäre es ok, das Bibliotheken somit langfristig nur gut für Lesekonsum zweiter Wahl sein werden?

Wie sinnvoll wird die Beschränkung der verfügbaren Kopien eines Buches auf eine, wie zu heutigen analogen Zeiten oft übliche, Handvoll Kopien sein, wenn die Universitätsbibliothek ohne weiteres allen Studenten gleichzeitig den Zugang zu den E-Books ermöglichen könnte?

Wäre der freie Zugang aller Studenten jederzeit und überall zu den digitalen Büchern - und nicht nur zu den analogen Präsenz-Exemplaren in den Räumen der Bibliothek - nicht besser für die Gesellschaft als eine künstliche Beschränkung aufgrund eines inkompatiblen Geschäftsmodells der Verlage?

Und lässt sich dies nicht auf alle Bibliotheken übertragen?

Und inwiefern unterscheidet sich der Zugang zu Büchern über die Bibliothek auf analogem Wege vom digitalen Weg? Wäre letzterer nicht die Verwirklichung des den Bibliotheken zugrundeliegenden Traums, allen Bürgern so leicht wie möglich den Zugang zu Wissen zu ermöglichen?

Ist die Tatsache, das die Stadtbibliotheken nicht genügend Kopien aller Bücher für alle Einwohner des jeweiligen Ortes bereit halten, nicht ausschließlich den Kosten der Lagerung und des Erwerbs der einzelnen Exemplare geschuldet?

Was diese Problematik gut offenbart: Die Buchbranche hat sehr bald ganz andere Probleme, als vermeintliches illegales Filesharing, gegen das man in Deutschland schon Sanktionen ankündigt, bevor es überhaupt massenhaft stattfindet .

Die Kostenstruktur digitaler Güter ist eben nicht ein simples: geringere variable Kosten. Die Grenzkosten - also die Kosten für die Herstellung der einzelnen Einheit - für digitale Kopien von Büchern sind ebenso wie bei Musikaufnahmen Null. Die Kostenstruktur ist hier fundamental anders als in der analogen Welt. Und ihre Implikationen sind disruptiv.

Das ist wichtig für alle Betrachtungen zur digitalen Ökonomie: Der Unterschied zwischen null und einem Cent bei den Grenzkosten eines Gutes ist um Dimensionen größer als der Unterschied zwischen einem Cent und zehn Euro. Letzteres ist eine Frage von unterschiedlichen Größenordnungen, während ersteres eine Frage von unterschiedlichen Weltenist.

Das dadurch entstehende Problem der Buchbranche: Ihr aktuelles Geschäftsmodell widerspricht nicht nur den Gegebenheiten der digitalen Ökonomie, es steht auch diametral den gesellschaftlichen Interessen gegenüber.

Denn jede Verteidigung des alten Geschäftsmodells der Verlage wird immer auch direkt ein Zurückhalten der Möglichkeiten der künftigen digitalen Bibliotheken zur Folge haben müssen.

Natürlich wollen auch Autoren und Verlage künftig etwas an ihren Büchern verdienen. Aber wie soll sich eine Bezahlung pro Exemplar nach analogem Vorbild mit dem Bibliotheksgedanken im digitalen Zeitalter vertragen? Antwort: Das kann es nicht. Ein interessantes Spannungsfeld.

 

 

(Foto: nate steiner;CC-Lizenz)

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