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12.06.07Kommentieren

Betrunkener Sarkozy?

Viele Blogs verlinken zurzeit ein Video, auf dem der französische Präsident Nicolas Sarkozy angeblich betrunken sein soll. Nun auch die Financial Times Deutschland.

WodkaWas macht der Frankreich-Korrespondent der Financial Times Deutschland, Heimo Fischer? Er sitzt in Paris und er guckt YouTube-Videos. Genauer gesagt: Er guckt ein YouTube-Video, das in mehreren Versionen zu finden ist und bisher einige Millionen Male angesehen wurde. Es ist ein kurzer Ausschnitt aus dem belgischen Fernsehen, in der der französische Präsident Nicolas Sarkozy offenbar etwas verspätet von einem Gespräch mit dem russischen Präsident Wladimir Putin im Rahmen des G8-Gipfels vor die Medien tritt.

Das Video wurde (auf YouTube und in Blogs) meistens versehen mit Anspielungen auf einen möglichen Alkoholkonsum von Nicolas Sarkozy. Es ist anzunehmen, dass die Ansage des Moderators sowie die begleitenden Kommentare bei vielen Konsumenten ausreichten, um selbst zum Schluss zu kommen, Sarkozy stünde betrunken am Podium. Eine mir seltsam vorkommende Beurteilung, denn ich habe das Video nun sicher fünfmal angeguckt und ich kann aus dem Verhalten von Sarkozy noch immer keine Verbindung mit Alkoholkonsum ziehen. Vielleicht macht er kurzfristig einen etwas verwirrten Eindruck, aber bei dem Mammut-Programm, das hochrangige Politiker täglich durchmachen, wundere ich mich eher, dass nicht viel mehr kleine oder grosse Aussetzer passieren. Mir würde das jedenfalls bei solchen Nonstop-Tagen passieren, da bin ich mir sicher.

Sarkozy NicolasDer Nachrichtensprecher moderiert den Beitrag an und sagt, kurz bevor die Bilder kommen, Sarkozy habe anscheinend nicht nur Wasser getrunken. Darauf startet das Video, worauf Sarkozy zu sehen ist, wie er an ein Podium tritt und sich an die Journalisten wendet, um ihre Fragen entgegenzumehmen. Das ist, was ich auf dem Video sehe. Heimo Fischer sieht das anders. Als Titel hat er das Zitat "Präsident mit Schlagseite" gewählt - eine Aussage, die im darauffolgenden Text nicht wiederzufinden ist.

Letztes Update: 15.06.2007, 12:10 Uhr

Dafür beschreibt Heimo Fischer, was er auf dem Video sieht:

 

Sarkozy schwankt ans Rednerpult. (...) Sein Blick wirkt trüb, er stößt gar auf, legt den Kopf zur Seite und macht generell einen etwas irren Eindruck, bevor er sich im Verlauf der Presskonferenz wieder fängt.

Wahrnehmung ist nichts einheitliches, klar. Aber brauchen die Leser von ftd.de wirklich einen Korrespondenten in Paris, der dort die Frankreich betreffenden YouTube-Videos guckt und einschätzt? Alles, was die wahrscheinlich auch nicht mit endlos Zeit ausgestatteten Leser der FTD bei ihrer flüchtigen Lektüre bleibt, ist, dass Sarkozy wahrscheinlich mit Putin in Heiligendamm Wodka getrunken hat.

Gegen einen Alkoholkonsum von Sarkozy sprechen auch einerseits die Fortsetzung der Pressekonferenz (in diesem Blogbeitrag näher beschrieben) und die Tatsache, dass er gar keinen Alkohol trinkt, was im Text der Financial Times Deutschland schon im Lead erwähnt ist:

 

Schließlich legt Sarkozy Wert auf die Feststellung, keinen Alkohol zu trinken.

Informationen über eine generelle Alkoholabstinenz von Sarkozy haben aber auch die Quellen tagesspiegel.de, spiegel.de, guardian.co.uk.

Aber ftd.de sind nicht die Einzigen. Auch 20min.ch kommt auf die Lösung Alkohol:

 

Sein Pressesprecher erklärte nach dem seltsamen Auftritt, der Präsident habe keinen Tropfen Alkohol getrunken. Ob da nicht doch ein Gläschen Wodka im Spiel war?

Update am 12.06.2007, 21:15 Uhr: Blogger Felix Schwenzel legt nahe, Sarkozy nutze "russisches flatrate-saufen" und auf vanityfair.de wird das Video so eingeschätzt:

 

Er blickt etwas benebelt in den Raum - war das etwa ein Aufstoßen? Aber, aber! Dann legt Sarkozy den Kopf zur Seite, wirkt etwas benommen und daneben, bevor er sich schließlich im Lauf der Pressekonferenz wieder zusammen nimmt.

Update am 14.06.2007, 09:10 Uhr: Nun hat auch die Nachrichtenagentur AP die Nichtmeldung zur Meldung gemacht, was sehr viele Medien in ihr Blatt übernehmen. Eine (unvollständige) Auswahl:

Spiegel Online nennt den Auftritt "bizarr" und sucht dafür allerlei Gründe, nur um dann zum Schluss des Artikels einzugestehen, dass das auch an der "Erschöpfung nach dem Gipfelmarathon" gelegen haben könnte. Zitat daraus:

 

Die französische Presse scheut davor zurück, in die Gerüchte über den womöglich angeheiterten Zustand ihres mächtigen Staatsoberhauptes einzustimmen - aus vorauseilendem Gehorsam? "Wir sind in Frankreich", lautet der vielsagende Kommentar eines hiesigen Kollegen.

Im Nachtmagazin des WDR zeigt einen Videobeitrag , in dem darüber gerätselt wird, warum französische Medien zur Frage schweigen. "Nur das belgische Fernsehen hakt nach" sagt die Sprecherin am Anfang des Beitrags. In der Mitte des Beitrags kommen Experten über Alkoholisierungsgrade in einem Bistro zu Wort. Und am Schluss des Beitrags heisst es: "Der belgische Moderator hat sich mittlerweile entschuldigt".

Stefan Brändle vom Zürcher Oberländer fragt, ob sich die französischen Medien selbst zensieren. Auch er hat sich das Video genau angesehen:

 

Man sieht den französischen Präsidenten, wie er sich an einer G-8-Pressekonferenz im deutschen Heiligendamm mit etwas schwerer Zunge für die Verspätung entschuldigt, da sein Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin länger gedauert habe. Ein Lachen unterdrückend, räuspert er sich, greift sich an die Nase und fragt dann stockend, ob die Journalisten Fragen stellen wollten; dann lallt er Unverständliches, wiederholt die Frage, während seine Körpersprache und sein leerer Blick nur einen Schluss zulassen: Nicolas Sarkozy ist in dem Moment nicht ganz Herr seiner selbst.

Vielleicht schweigen französische Medien sowie Sarkzozy selbst, weil es dazu einfach überhaupt nichts zu melden gibt.

Focus.de hat folgendes beobachtet:

 

Sarkozy tappt etwas unbeholfen ans Rednerpult. Während der Begrüßung ist er offensichtlich sehr bemüht, nicht das Gleichgewicht zu verlieren: Immer wieder pendelt er ungeschickt von einem aufs andere Bein.

Der Journalist Robert Misik: "Sarkozy traf Putin. Wasser haben die keines getrunken".

Update am 14.06.2007, 12:10 Uhr: Schon seit gestern abend online ist der Bericht von Alex Rühle, sueddeutsche.de . Überraschenderweise im Ressort Kultur:

 

Auftritt Journalist 1: Mennesehvaehrtn Dam?n?Herrn, ?stut unslei (stößt mild auf), schulligung, stutunsleid, dass wir erst heut auf dings, Sarkozy, in Heilen..., Heilendammen und Herren, (kichert), ohlala, der war gut, (singt) Heiligendamen und Herren... (wird von der Bühne gezerrt). Auftritt Journalist 2 (sich räuspernd): Sehr geehrte Damen und Herren, entschuldigen Sie die vorangehenden Zeilen, unser Kollege war unpässlich, wir möchten aber betonen, dass sein Ausfall (im Hintergrund heiteres Singen "Heiligendamen bekamen Namen - Heidewitzka, ist das gut!") in keinerlei Zusammenhang mit etwaigem Alkoholkonsum steht. Selbiges gilt übrigens für den französischen Staatspräsidenten, der in Heiligendamm nur Erbarmen hatte mit den ermatteten Journalisten aus aller Welt.

Im Vergleich dazu die Aussage von Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur sueddeutsche.de:

 

Unsere grundlegende Erkenntnis war, dass man dieses Potenzial am besten mit Qualität ausschöpfen kann – mit einem Qualitätsjournalismus, der auch online der gedruckten Zeitung entspricht. Wir haben auch erkannt, dass wir in den vergangenen Jahren vielleicht zu zögerlich waren.

Ein Leserkommentar meinte zum Text von Alex Rühle:

 

Wenn die etablierten Medien meinen, mit solchen Online-Ablegern den neuen Online-Medien paroli bieten zu können, haben sie ihren wirtschaftlichen Untergang wahrlich verdient.

Update am 15.06.2007, 12:10 Uhr: Die Netzeitung weist auf ein Interview mit Eric Boever, dem belgischen Journalisten hin, der seinen Fernsehbeitrag mit den Hinweis, Sarkozy habe offenbar nicht nur Wasser getrunken, eingeleitet hat. Boever glaubt, die französischen Journalisten hätten Angst vor ihrem Präsidenten. Das sei sicher der Grund, warum sie das Video nicht gezeigt haben. Ausserdem sei sein Sender gar nicht der Einzige gewesen, der das Video gezeigt habe - auch das Schweizer Fernsehen habe es ausgestrahlt. Obwohl er sich entschuldigt hat für seine Aussage, bleibt er unverändert davon überzeugt, dass Sarkozy betrunken war:

 

D?ailleurs, je reste persuadé qu?il était ivre. Et c?est tout à fait normal. Tout le monde sait qu?on trinque à la vodka quand on rencontre un chef de l?Etat russe.

20minutes.fr zeigt zudem eine Video-Galerie der Top 7 der möglicherweise betrunkenen Politprominenz: "Ivre? Pas Ivre? A vous de décider!"

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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