08.12.07 14:00, von Klaus Jarchow

Web 2.0-Debatte Die Angst des Torwächters vor dem Abpfiff

Wieder einer, der die Karawane des Web 2.0 verbellt. "Ungewaschene Massen" sieht Dr. Bernd Graff, Vize-Chef von sueddeutsche.de und damit Verbreiter einer der skurrilsten deutschen Klickstrecken im Internet, in das elitäre Residuum des Hochjournalistentums einmarschieren, um dort mit dem billigen Parfumduft "prätentiöser Mittelmäßigkeit" alles vollzustänkern.


Narr

Ist das Internet nur voller Narren? (Bild: Keystone)

Ich könnte das jetzt zur üblichen "Klowand-Literatur" großmedialer Überheblichkeitsmogule zählen, andere ihm die verdiente Antwort geben lassen, was sie hier oder hier oder hier bereits tun, wenn es nicht ein paar unterbelichtete Aspekte im Text dieses vormals selbst schon Netzgescheiterten gäbe, die einer Klarstellung bedürfen. So schreibt Graff:

 

"Er [der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales] bekomme dauernd E-Mails von Studenten, die sich darüber beschwerten, dass sie in Prüfungen mit falschem wikipedia-Wissen durchgefallen seien."

Daran, so Graffs Argumentation, die ständig den Rückbezug auf real existierende Sachverhalte außerhalb des Webs versäumt, könne man sehen, von welcher mieser Qualität das Jedermann-Wissen der 'wiki-Schwarmintelligenz' doch sei. Ich dagegen wäre gespannt auf die Präsentation eines Studenten, der jemals mit gedrucktem Brockhaus-Wissen durch die akademische Prüfung geschliddert ist. Anders ausgedrückt: Lexika sind weder online noch offline dazu da, universitäre Prüfungen zu bestehen, wobei ich auf diesen Artikel mit dem schönen Titel "Wikipedia vor Brockhaus" nur aus Gerechtigkeitsgründen verlinke.

Von solcher Qualität sind Graffs Argumente letztlich alle: Wenn er beispielsweise auf die "Prosumenten" schimpft, auf Menschen also, die neuerdings zugleich Nachrichten konsumieren und erzeugen können, dann verwendet er dafür doch einen Begriff, der auf bisherige 'Mittler', auf Medienmenschen wie Graff also, passt wie die Faust aufs Auge. Denn dort in den Redaktionen ist, wie jedes Kind weiß, das dpa-Recycling längst zur primären Fertigkeit des 'prosumierenden Redakteurs' geworden. Und selbst Graffs Artikel steckt voller 'prosumierender' Zitate und Hinweise.

Unter der Hand wird Graffs vor- und vergebliche Kritik am Web 2.0 immer wieder ähnlich fadenscheinig. Weil sie, indem sie auf die Blogger zeigt, zugleich immer auch auf den traditionellen Journalismus als Beruf verweist. Es ist wohl eher die blanke Angst um den eigenen Berufsstand, die Furcht um das gesellschaftliche Deutungsmonopol, das Graff umtreibt: Die medialen Berufsinterpreten und Glasperlenspieler hören ein ewiges Ritzeratze unter ihren Mandarinstühlen, sehen überall die Sägespäne. Das macht sie begreiflicherweise nervös:

 

"Bis tief in eine erschütternd arglose Öffentlichkeit herrscht indes Konsens darüber, dass das basisdemokratisch breiig getretene Wissen erstens in der gesichts- und charakterlosen 'many-to-many'-Kommunikation des Web gut aufgehoben ist, und dass das zweitens nicht nur Okay ist, sondern auch die Zukunft."

Bitte, was hätte der Journalismus denn jemals anderes gemacht? Hat er nicht auch in seiner 'Mittlerfunktion' - nichts anderes ist ja ein 'Medium' - vormaliges Herrschaftswissen 'breiig' zu massenmedialem Quark getreten? Hat er nicht die Fakten aus dem Himmel der Wissenschaft auf den Boden der Verständlichkeit heruntergetragen?

Was heute zunimmt, ist eine Defunktionalisierung der vormaligen Mittler oder 'Volkspädagogen'. Träte an die Stelle einer bisher massenmedialen Unterrichtung neuerdings die 'Selbstunterrichtung der Massen', dann allerdings wären die Steißtrommler des klassischen Gatekeeper-Journalismus in einem wachsenden Ausmaß entbehrlich - und ein zentrales Instrument der politischen Herrschaftssicherung versagte zudem. Das ist wohl wahr - und die Konsequenzen dieser möglichen Entwicklung sind auch von niemandem bisher absehbar.

Deshalb sind alle Journalisten gewissermaßen 'von der Rolle'. In ihrer neuen Funktion müssten sie wohl von ihrer sozio-historischen Selbstüberhöhung lassen - und sich einfach nur als die besseren Schreiber profilieren, die sich ein Publikum schaffen, indem sie selbst ein Teil des Publikums sind. Partizipant sein - das nämlich ist die Forderung des Web 2.0! Oder: Mehr Mündigkeit wagen ...

Vielleicht würde auch Herrn Graff dann auffallen, dass diese 'idiotae' gar nicht so idiotisch sind. Sondern - im Sinne der von ihm zitierten Quelle - einfach nur "eigensinnig Wissende". Sie sind schlicht anders als er. Ja, sie sind noch nicht einmal so, wie er sie sich imaginiert. Mitnichten ist das Netz voller Verbalrandalierer, Erotomanen, Stalker und Polittrottel. Die gibt es dort nur in eben dem Ausmaß, wie das Phänomen jede Lesebriefredaktion auch kennt. Anders ausgedrückt: Das Volk ist halt immer auch 'so'n Volk'. Ich weiß andererseits nicht mehr, wann ich aus meinen Kommentarthreads den letzten Durchgeknallten herausamputieren musste: Wer dem Affen keinen Zucker gibt ...

Es genügt dagegen keineswegs, Herr Graff, wie Sie es wider besseres Wissen insinuieren, ein 'Tagebuch' oder "Poesie-Alben" mit Katzen-Content ins Netz zu stellen, um ein Publikum zu finden: "Amateure" bleiben hier wie dort ungelesen. Um ihren Amateur-Begriff bei der Gelegenheit allen Hochmuts gleich mit zu entkleiden: Selbst ein hochdekorierter Wissenschaftsjournalist ist doch nur selten selbst ein Wissenschaftler, sondern er ist zumeist 'ein angestellter Amateur' mit einem dilettantisch-wissenschaftlichen Interesse.

Das Anstellungsverhältnis, der Arbeitsvertrag, der unterscheidet letztlich Blogger und Journalisten vor allen anderen Faktoren. Jene müssen deshalb auch nicht so bieder und treu die Stimme ihrer Herrren reproduzieren. Sie sind autonomer, tragen kein Halsband.

Kurzum: Graffs Artikel ist ein weiterer Versuch, das bröckelnde Monopol der Altmedien zu verteidigen. Indem er laut "Buh!" in eine verwirrte Leserschaft hineinruft, in der Hoffnung, die möge in den vertrauten Stall zurücktrotten. In seinen Worten:

 

"Die etablierten Medien verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischem Fehlverhalten im besten Fall [!] Sanktionierungen. Es darf eben nicht jeder überall mitschreiben ..."

Wenn er das sagt, dann darf ich das wohl nicht.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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Kommentare: Web 2.0-Debatte Die Angst des Torwächters vor dem Abpfiff

?Die etablierten Medien verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischem Fehlverhalten im besten Fall [!] Sanktionierungen. Es darf eben nicht jeder überall mitschreiben ??
wie gut das funktioniert sieht man ja in D an der zeitung mit den 4 Buchstaben....

Diese Nachricht wurde von nimue am 09.12.07 (14:59:12) kommentiert.

http://www.yigg.de/602029_Idiotae_00_und_Web_20

Diese Nachricht wurde von Michael am 09.12.07 (22:15:31) kommentiert.

Das im wahrsten Sinn der von ihm selbst gewählten Oberzeile ?idiotische? Geschwurbel von Dr. rer. schwurb. B. Graff vom letzten Freitag war doch nur das Kartätschenfeuer, welches das faktische Abschaffen des SZ-online-Forums begleitete. Dieses Forum war den SZ-Redaktionärs-Amateuren schon des längeren ein Dorn im Auge, wie die immer paranoider werdenden Zensor-Aktivitäten der institutionalisierten Blockwarts schon seit geraumer Zeit signalisierte, die blindwütig alle Beiträge löschten, die auch nur marginal von der imaginierten Redaktionärsmeinung abwichen bzw. nicht ihrer ad absurdum geführten Political Correctness entsprachen ? und dabei öfter als nicht substanzieller waren als die lieb-, lust- und häufig kenntnislosen Beiträge der Redaktion. Das geht so weit, dass Wörter wie ?Wehrmacht? schon zur automatischen Sperrung eines Beitrags führen. Doktor Graff hätte seinen Beitrag mit dem Wort ?Idiotae? in Titel oder Text dort keinesfalls posten können ? was sehr schön die dort herrschende Schizophrenie demonstriert, einerseits ach so modern sein zu wollen, aber bitte zugleich sakrosankt, was Äußerungen von außen angeht. Diese Zensurmechanismen werden im übrigen auch auf die Kommunikation innerhalb der sogenannten ?community? angewendet. Es ist ? zumal mit der nun eingeführten Zeitbegrenzung ? zu einer Art ?MfS-Forum? geworden, wo alles gilt, nur keine wie auch immer geartete Meinungsfreiheit. Die Website ist damit vollkommen uninteressant und nutzlos geworden, was sich hoffentlich bald in der Besucherfrequenz äußert. In Verkennung der Tatsachen wie der Trends haben sich die Macher von SZ-online damit keinen Gefallen getan, auch wenn sie dies vor lauter Selbstüberhöhung und Verblendung dies nicht von selbst erkennen werden.

Diese Nachricht wurde von kdb am 10.12.07 (11:10:20) kommentiert.

Schlimm ist, dass sich sog. professionelle Journalisten, die sich also ihr Schreiben für Tageszeitungen bezahlen lassen, Unsinn in die Welt setzen und es noch nicht einmal berichtigen. In der Ostsee-Zeitung darf stehen, dass Island in der Ostsee liegt oder dass vier Hälften ein Leben ausmachen. Da wird den Lesern das (aus dem Internet geklaute?) Foto eines Ami-Bombers als Russenbomber untergejubelt. Viel schlimmer ist aber, dass zur Zeit Leserbriefe veröffentlicht werden, die die Briefschreiber als Dummköpfe ausweisen. Wer wagt es da, über Wikipedia oder Blogs zu schimpfen?

Diese Nachricht wurde von lupe am 10.12.07 (13:26:08) kommentiert.

Herr Graff hat offensichtlich eine Probefahrt in einem Trabant gemacht - und verteufelt jetzt alle Autos als langsam, stinkend und unbequem. Er holt zum grossen Rundumschlag eines verzweifelten Journalisten aus, dessen Argumente auf die "guten alten Zeiten" des Journalismus (irgendwann in den 70ern oder noch 80er Jahren) Rekurs nehmen. Inzwischen sind doch oberflächliche Berichterstattung, alarmistische Übertreibungen, falsche Fakten und schlampig abgeschriebene Agenturmeldungen längst nicht nur mehr Privileg der "Bild"-Zeitung, sondern zum Standard in den Redaktionen auch in sogenannten Qualitätsmedien geworden. Neben dem "Bildblog" wäre es bequem möglich beispielsweise auch einen "SZ-Blog" mit ähnlichen Artikeln zu füllen. Zwanghaft wird von Graff versucht, eine gewisse rhetorische Originalität herzustellen, die jedoch (warum wohl?) oft genug scheitert. So sind "Proselyten" zwar die "Hinzugekommenen", vom Verständnis her handelt es sich jedoch um Konvertiten. Damit beginnt der "Prosumenten"-Begriff zu zerbröseln ? das Bild passt nicht. Qualitätsjournalismus at it's best. Was Graff zum Meinungswissen schreibt, ist durchaus zustimmend. Dies aber zum Phänomen des Internets bzw. von Blogs zu machen, ist vollkommen verfehlt. Noch einmal: Wieso zieht man zur Beurteilung immer das heran, was einem in den argumentativen Kram passt? Er sollte vielleicht seine Zeitung einmal genauer lesen, um zu erkennen, dass die Masse der publizierten Äusserungen heutzutage mehr oder weniger von Generalisten verfasst werden, die oft genug ihre Kenntnisse mit dem Halbwissen von Suchmaschinen mindestens hätten verdoppeln können. Der "objektive" Journalist, der ein Meinungseunuch zu sein hat, ist nicht nur ziemlich selten ? es ist sogar fraglich, ob er in Reinkultur wünschenswert ist. Es ist erstaunlich, mit welcher Verve Graff vorgeht. Wenn die "Idiotie" tatsächlich derart idiotisch wäre (im Einzelfall ist sie es ja durchaus, aber hier sollte eben nicht generalisiert werden), dann erstaunt die Ängstlichkeit, die zwischen den Zeilen lesbar ist. Jeder Produktentwickler lernt, dass sich die Qualität seines Produktes durchsetzen wird ? sofern sie denn tatsächlich vorhanden ist. Von Selbstbewusstsein keine Spur. Warum denn nicht? Wenn die anderen doch nur "Idioten" (= Privatleute) sind?

Diese Nachricht wurde von Gregor Keuschnig am 10.12.07 (16:37:33) kommentiert.

"Information" ist keine seltene Ware mehr, allgegenwärtiges informatives Talmi schallt inzwischen aus jedem Muzak-Lautsprecher, schon im dörflichen Supermarkt. Das ist das journalistische Kernproblem heute, die fortdauernde Überschätzung der Nachricht 'an sich'. Dies vorausgesetzt, stellt sich für Journalisten die Frage: Was dann? Auf den Schulen haben sie ja nur gelernt, 'informativ' zu schreiben und immer brav die Nachricht ins Zentrum zu stellen: Fakten, Fakten, Fakten - und wenn die Welt zugrunde geht. Stil, Sprachlichkeit, Witz, Erzählen, Pointieren wurden ihnen systematisch abtrainiert, dafür gab's sogar Haue vom Ressortchef, denn: "Wir sind eine seriöse Zeitung!". Plötzlich sind jetzt diese Zusatzqualitäten gefragt, nur so generiert man noch 'freiwillige' Leser auf neuen 'Content-Märkten'. Bloßes gräfflich-sprachliches Metaphernhochstapeln argumentativer Leerkisten - das bringt's andererseits auch nicht. Hohle Stapel fallen nämlich beim leisesten Windhauch um. Form UND Inhalt sind gefragt ...

Diese Nachricht wurde von Klaus Jarchow am 10.12.07 (17:42:33) kommentiert.

@Klaus Jarchow: Sie haben ja so recht: "Form UND Inhalt sind gefragt" ? nur dumm, daß es bei institutionalisierten geistigen Non-Entitäten wie z.B. einem gewissen Doctor rerum idioticarum hinsichtlich beidem der blanke Mangel herrscht. Wie hieß es von solchen Hohlschwätzern früher gern so schön: "So was lebt, und Schiller mußte sterben" ...

Diese Nachricht wurde von kdb am 10.12.07 (18:11:27) kommentiert.

War gerade nochmal auf Süddeutsche online ? was da abgesondert wird, ist keine Community wert, keinen einzigen Federstrich eines denkenden Menschen. Schwamm drüber!

Diese Nachricht wurde von kdb am 10.12.07 (22:20:52) kommentiert.

Ob SZ oder FAZ - auf ein paar Belege für diese wüsten Behauptungen wären wir doch mal gespannt. Vermutlich müssten sie in die invektive Grabbelkiste ihrer eigenen Online-Medien-Kommentierung greifen. Dort aber ist noch lange kein Web 2.0 ...

Diese Nachricht wurde von Klaus Jarchow am 12.12.07 (14:39:37) kommentiert.

Abschließend ließe sich zur Causa Graff eigetnlich nur noch Thomas Gsella zitieren: "Der Journalist hat nichts gelernt / Und muss darüber schreiben. ..." Und selbst das Letztere gelingt diesem Hohlschwätzer nicht, denn das, was er für "Stil" hält, ist der reine Manierismus eines Dilettanten, der es einfachnicht kann. Frei nach Karl Kraus: "Es genügt nicht, keine Ahnung zu haben, man muß auch unfähig sein, dies auszudrücken." Wenn so eine geisitge Non-Entität hierzulande zur Nummer zwei in der Redaktion der größten "seriösen" Tageszeitung aufsteigen kann (da habe ich doch gleich die im MWasser nach oben quaddelnden Luftblasen vor dem Auge ...), wirft das ein bezeichnendes Licht auf die deutsche Tageszeitungsqualität. Man wendet sich am besten ab und bedient sich fürderhin ausschließlich bei Guardian, Independent, Telegraph und Times. Gegen das, was hierzulande geboten wird, ist sogar der Mirror als ausgesprochenes "Tabloid" von der journalistischen Qualität um Welten besser. Und er hat eine gar erquickliche Cartoon-Seite ;-))

Diese Nachricht wurde von KDB am 23.12.07 (14:02:15) kommentiert.
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