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06.06.13

Berliner Investor appelliert: Spart euch die Schadenfreude über gescheiterte Startups

Wie viel Kritik ist angemessen, wann geht sie zu weit? Earlybird-Investor Ciarán O'Leary wünscht sich weniger Schadenfreude und Häme, wenn gehypte Berliner Jungfirmen scheitern. Ein guter Appell mit Differenzierungsbedarf.

SchadenfreudeWährend die Berliner Startup-Szene gerade von einer ganzen Reihe mächtiger Finanzierungsrunden sowie der Beachtung seitens Bill Gates euphorisiert wird, kämpft auf der anderen Seite das ein oder andere Jungunternehmen ums Überleben. Amen ist nicht die einzige in den letzten Jahren gegründete Webfirma aus der Hauptstadt, die 2013 am Scheideweg steht.

Mit Ciarán O'Leary von Earlybird Ventures hat jetzt der derzeit sichtbarste Venturekapitalist der Berliner Internetszene einen fairen, respektvollen Umgang mit den Gründern und Teams angemahnt, die beim Reifungsprozess der hauptstädtischen Startup-Szene auf der Strecke bleiben. O'Leary kritisiert außerdem die Schadenfreude über und das gehässige Nachtreten bei Akteuren, die bereits am Boden liegen. Stattdessen sollte man ihnen die Unterstützung geben, die sie benötigen, um schnell einen zweiten Versuch angehen zu können. "Schadenfreude ist wirklich eine der schlimmsten Eigenschaften des Menschen", so O'Leary. Dem grundsätzlichen Tenor von O'Leary kann ich mich nur anschließen. Schadenfreude ist definitiv ein unangenehmes Phänomen. Wer mit einem unternehmerischen Projekt gegen die Wand fährt und dann noch mit einem hämischen Grinsen von überall zu hören bekommt, dass das Unterfangen ohnehin Mist und von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, dem wird es noch schwerer fallen, sich wieder aufzuraffen. Dabei ist es genau das, was das Ökosystem so dringend benötigt: einen besseren, positiveren Umgang mit Misserfolgen.

Was mir an O'Learys Beitrag allerdings auffällt, ist eine tendenzielle Romantisierung des Startup-Geschäfts. "All diese sogenannten 'gehypten' Startups werden von soliden, hart arbeitenden Teams gelenkt, die niemals vorgegeben haben, etwas anderes zu sein, als sie sind. Warum in aller Welt würde man es diesen Personen noch zusätzlich schwer machen, wenn die Dinge schlecht laufen? Sie erledigten ihren Job". Was der gebürtige Ire mit Münchner Wurzeln beschreibt, klingt für meinen Geschmack etwas zu sehr nach Wohltätigkeit, nach einem gemeinnützigen Hilfsverein, bei dem ehrenamtliche Leute sich ins Zeug legen, um Leben zu retten.

Meines Erachtens nach sollte man nicht vergessen, worum es vielen, wenn nicht den meisten Protagonisten der Startupwelt geht: Nicht in erster Linie darum, Gutes zu tun und die Probleme dieses Planeten zu lösen, sondern um Geld zu verdienen und im besten Fall richtig reich zu werden. Ganz speziell gilt dies freilich für die VCs, die dafür die notwendigen Mittel bereitstellen. Verwerflich ist daran nichts. Doch wer von den Vorzügen eines florierenden Ökosystems und von brummenden, profitablen Geschäftsmodelle profitieren möchte, kann nicht erwarten, dass es auf dem Weg dahin zugeht wie auf einem Kaffeekränzchen. Spannungen, Konflikte, Neider, Kritiker, Intrigen, Entmachtungen - all das sind zum Teil unschöne, aber unvermeidliche Nebeneffekte des Startup-Zirkus, wie sie auch der US-Programmierer Alex Payne gerade in einem sehr lesenswerten Blogpost beschrieb.

Wer in diesem Zirkus mitmischen möchte und nicht ausschließlich von Idealismus getrieben wird - was ich den wenigsten der in den letzten Jahren in Berlin und anderswo lancierten Startups attestieren würde - der darf nicht erwarten, mit Samthandschuhen angefasst zu werden. O'Learys Appell an alle Branchenteilnehmer, sich Schadenfreude zu sparen und fair und mit Respekt aufeinander zuzugehen - speziell wenn eine Firma sich nicht so entwickelt wie erhofft - ist richtig und wichtig. Doch der übergeordnete Wunsch eines stabileren, wachsenden Ökosystems - der wohl alle vereint - rechtfertig meines Erachtens nach nicht die Verklärung der Wirklichkeit und Vermeidung von notwendiger Kritik. Am Ende kommt es auf die Verhältnismäßigkeit und die Art an, wie diese kommuniziert wird.

Im Übrigen denke ich, dass der Begriff der Kultur des Scheiterns nicht zu dem Schluss führen sollte, dass sich aus jedem Menschen ein guter Gründer formen lässt. Manche Personen haben andere Stärken. Niemand ist damit geholfen, wenn diesen aus übertriebener Kumpelhaftigkeit und einem grenzenlosen Harmoniebedürfnis heraus eingeredet wird, dass sie es einfach immer und immer wieder versuchen sollen. /mw

(Foto: Flickr/onnola, CC BY-SA 2.0)

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