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06.04.13Leser-Kommentare

Schrumpfkurs: simfy stellt den Standort Köln in Frage

Bei simfy stehen Einschnitte bevor: Das Startup erwägt die Schließung des bisherigen Firmensitzes in Köln. Künftig soll die Musik aus Berlin kommen - mit einem deutlich kleineren Team.

English summary at the end of the article.

Spätestens als Spotify vor einem Jahr den deutschen Markt betrat und ein für Desktop-Nutzer nur mit geringen Einschränkungen versehenes Gratisangebot für On-Demand-Musikstreaming vorstellte, wurde es eng für den hiesigen Wettbewerber simfy. Schon in den Monaten zuvor sahen sich die Kölner gezwungen, ihr kostenfreies Paket Schritt für Schritt zu begrenzen. Im April 2012, kurz nach dem Markteintritt von Spotify, zog das Startup aus dem Rheinland komplett den Stecker der Free-Version. Die ganz großen Expansionspläne waren damit Geschichte. Ende vergangenen Jahres verließen die simfy-Gründer Christoph Lange und Steffen Wicker das Unternehmen. Firmenchef Gerrit Schumann, der seit 2011 die Geschicke des Startups leitet, wollte dies jedoch nicht als Zeichen eines voranschreitenden Niedergangs verstanden wissen: "Wir bereiten uns auf massives Wachstum vor", so seine damalige Ankündigung. Sein Versprechen, im Frühjahr 2013 grundauf überarbeitete simfy-Apps veröffentlichen zu wollen, hielt er - vor wenigen Wochen war es soweit.

Andere Meldungen aus dem Hause simfy lassen jedoch Zweifel daran aufkommen, dass es mit dem Musikdienst nun tatsächlich kräftig bergauf geht: Aus gut informierten Kreisen wurde uns zugetragen, dass das Startup eine Schließung des Kölner Firmensitzes und eine Konzentration auf den Berliner Standort in Erwägung zieht. Dieser wurde Ende 2012 eröffnet und wird vom damals neu verpflichteten CFO Alexander Herbst geleitet. Berlin sei ein wichtiger Standort für simfy in Deutschland mit direktem Zugang zu wichtigen Netzwerken und Ressourcen, so die damalige Begründung von CEO Schumann zur Hauptstadt-Dependence. Daran, dass die Präsenz eines Musikdienstes wie simfy in der deutschen Kreativhauptstadt sinnvoll ist, gibt es wenig in Frage zu stellen. Nun soll aus dem bisher kleinen Büro nach unseren Informationen die Zentrale des Unternehmens werden. Bestätigt wurden uns entsprechende Pläne von drei unabhängigen Quellen. Eine Anfrage bei CEO Schumann blieb bisher unbeantwortet (am Samstagvormittag wenig überraschend), vom langjährigen simfy-Pressesprecher Marcus von Husen erhielten wir einen Autoresponder mit dem Hinweis, dass er seit April nicht mehr bei simfy beschäftigt sei. Personalfluktuation ist ansich nichts Ungewöhnliches, allerdings durchaus ein Indiz dafür, dass ein Startup seinen Zenit überschritten haben könnte. Niemand verlässt eine junge Firma, die drauf und dran ist, ganz groß rauszukommen.

Nach unseren Informationen sind endgültige Entscheidungen, wie genau es mit dem Kölner Büro weitergeht, noch nicht gefallen. Sowohl eine gänzliche Schließung als auch ein Umzug einiger Abteilungen nach Berlin stehe zur Debatte, Verhandlungen laufen derzeit. Keinen Zweifel gibt es daran, dass künftig die Hauptstadtniederlassung in den Fokus rückt. Die Zeiten, in denen simfy als Kölner Startup zu betrachten war, sind vorbei. Auch von bevorstehenden Entlassungen ist die Rede. Eine Quelle bezeichnete die für die baldige Kommunikation der Veränderungen genutzte Rechtfertigung der Bedeutung des Internetstandorts Berlin als Maßnahme, um den parallel ablaufenden Schrumpfkurs beim Personal zu kaschieren. Zuletzt war von 60 in der Kölner Zentrale tätigen Mitarbeitern die Rede. Nicht alle erhalten die Möglichkeit, nach Berlin umzuziehen. Viele werden dazu aber ohnehin nicht bereit sein, wodurch das Startup mitunter elegant um eine größere Kündigungswelle herumkäme.

Für die kleine, aber lebendige Kölner Startup-Szene ist eine partieller oder vollständiger Wegzug von simfy aus der Stadt am Rhein ein Verlust. Wobei auch dort niemandem entgangen sein dürfte, dass simfy in seiner aktuellen Form gegen die international agierenden, mit deutlich mehr Kapital ausgestatteten Konkurrenten wie Spotify, Deezer oder Rdio nichts ausrichten kann. Schon weil alle stark auf aggressive und verlustbringende, aber das Nutzerwachstum beschleunigende Gratisversionen setzen.

"Meiner Meinung nach sind alle bisher auf dem Markt verfügbaren Freeservices nicht zufriedenstellend – weder aus Sicht der Künstler, noch aus Sicht der Streamingdienste oder Konsumenten. Auf Dauer sehe ich werbefinanzierte On-Demand-Services ehrlich gesagt grundsätzlich eher kritisch und für nicht ausreichend monetarisierbar. Wir planen auch hier für 2013 einen anderen, neuen Weg zu gehen mit dem Ziel, einen langfristig nachhaltigen Freeservice zu etablieren", so simfy-Chef Gerrit Schumann im Interview vom November. Eine Verschlankung der Strukturen sowie ein Umzug nach Berlin würde für Betroffene schmerzlich sein, könnte dem Unternehmen aber dabei helfen, einen echten Neuanfang in einer Nische zu wagen, in der ihm die Big Player nicht zunehmend die Luft zum Atmen nehmen. Sofern es dazu nicht zu spät ist.

Nachtrag: Gemäß weitere Informationen soll es einen neuen, in Berlin ansässigen Lead-Investor geben. Dies könnte einen weiteren Grund für den neuen Hauptstadt-Fokus darstellen. Zudem kommt mit Earlybird ein anderer simfy-Geldgeber aus der Hauptstadt.

Falls ihr weitere Informationen zum Stand der Dinge bei simfy habt, könnt ihr gerne mit uns Kontakt aufnehmen (auch anonym, sofern ihr ans Ende dieser Seite scrollt).

Executive summary in English

According to three independent sources, German music on demand service simfy is about to move its headquarter from Cologne to Berlin, planning to close down parts or all of its operations in Cologne, using this change to reduce the size of its staff. The company has been struggling to compete with more well-funded, international competitors such as Spotify, Deezer and Rdio, which unlike simfy offer extended free plans to quickly increase the number of users. At the end of 2012, the simfy founders Christoph Lange und Steffen Wicker left the company, which according to a statement from CEO Gerrit Schumann from last year aimed for "massive growth in 2013". Right now, it doesn't look like that will happen. /mw

Kommentare

  • Chris

    06.04.13 (21:30:43)

    Naja, RDIO setzt nicht auf Freemium. Ein Monat gratis-Test, das war's. Danach gibts Musik nur noch gegen Geld.

  • Martin Weigert

    07.04.13 (07:23:16)

    Nur in Deutschland ist das so.

  • Matthias

    07.04.13 (16:13:24)

    Nutze simfy schon nun schon eine ganze Weile und bin quasi zufrieden. Leider hapert es teilweise massiv an der Usability. Die PC-App ist ok. Die Webseite ein massiver Graus. Da müsste sich nur mal jemand nen Tag dran setzen und die gröbsten Schnitzer (wie Favoriten-Liste nur chronologisch(!) mit 8(!) pro Seite) entfernen. Da frag ich mich schon wie "gesund" da die Entwicklung ist.

  • Evita

    16.04.13 (10:50:13)

    Ist Köln nun schon geschlossen? Ein Anruf am Dienstag morgen um 10:30 ergab einen AB mit der Ansage: Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Diese sind Mo-Fr 9-18.00 Uhr - so rettet man kein Unternehmen!

  • Jason Hunter

    21.05.13 (10:00:41)

    War's das? Seit heute morgen gibt's auf simfy.de nur noch die Meldung "Error 500"...

  • Martin Weigert

    21.05.13 (10:26:04)

    Also bei mir gehts.

  • Jason Hunter

    21.05.13 (10:35:22)

    Tja, bei mir jetzt auch wieder. Aber so zwischen 5.30 Uhr und 10.00 Uhr ging definitiv nix.

  • Wilfried Echterhoff

    30.06.13 (12:09:17)

    Simfy wäre nicht das erste Unternehmen in Deutschland, das zum Sterben nach Berlin geht. Billige Räume und versteckte Subventionen (vom "Lead-Investor") mit westdeutschen Steuermitteln erleichtern den Abgang. Ich war lange Kunde bei simfy, bis mir alles zu kompliziert wurde. Schade.

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