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21.08.14Leser-Kommentar

Belohnungskarusell: Wie Facebook Millionen zur Prokrastination verleitet

Prokrastination steht für viele gleichbedeutend mit "Facebook". Wir werfen einen Blick auf den Zusammenhang zwischen typischem Aufschiebeverhalten und der Kommunikation in sozialen Netzwerken - im zweiten Teil unserer Serie zum Thema Prokrastination. Wer den ersten Teil verpasst hat, findet diesen hier.

FacebookEs gibt im Programm „Liebe“ des Kabarettisten Hagen Rether eine Stelle, an der er über Langeweile spricht und das Unbehagen, das für die Meisten davon ausgeht. Unter dem Stichwort „Horror Vacui“ beschreibt Rether eine Angst vor Leere, vor dem Zurückfallen auf sich selbst; eine gesamtgesellschaftliche Unfähigkeit mit Langeweile umzugehen und sie zu ertragen, infolge derer die Langeweile das letzte Tabu bleibt. Langeweile in der Gestalt von leerer, mit nichts zu füllender Zeit tritt kaum jemals auf, denn alles, was langweilt, wird gemieden. Dabei scheint Langeweile aufgrund von Abwesenheit jeder Ersatzbefriedigung in einem Arbeitsprozess ein nicht unwichtiger Baustein zu sein, um festgesetzte Ziele letztendlich zu erreichen. Wenn man heute gelangweilt ist, surft man im Netz, schreibt eine Kurznachricht auf Twitter oder loggt sich auf Facebook ein, kurzum, man prokrastiniert. Jeden Monat werden 640 Millionen Minuten auf Facebook verbracht, pro Sekunde werden nahezu 10000 Tweets gesendet – ohne Frage geht vieles davon auf durchaus sinnvolle Nutzung zurück, aber schlussendlich wird nicht jedes Stück dieses Informationsflusses aus dringenden Gründen oder reinem Interesse an der Kommunikation mitgeteilt, also was ist der wahre Beweggrund hinter dieser Produktivität?

Belohnungskarusell

Der Impuls zum Sharing, zum Teilen, wird gerne zitiert, um diese Datenmengen zu erklären. Sharing suggeriert allerdings eine Aktion, die einen Mehrwert für Andere hat, man teilt etwas, weil andere davon einen Nutzen haben. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass die meisten Selfies, Tweets oder Statusmeldungen keine prinzipielle Bereicherung für andere sind, sondern eher für den, der sie veröffentlicht. Tatsächlich ist es nicht nur Teilen, auf dem die sozialen Netzwerke basieren: Insbesondere Facebook basiert auch auf Belohnung für das Mitteilen von Informationen. Nicht umsonst gibt es auf Facebook nur einen „Gefällt Mir!“ Button, jedoch keinen Daumen der nach unten zeigt. Der überall aufleuchtende Hochdaumen generiert ein Belohnungskarusell, auf dem sich Millionen von Nutzern permanent gegenseitig beipflichten, auf die Schulter klopfen und dadurch ihre Belohnungszyklen am Laufen halten; man gibt, was erwartet wird: Zustimmung.

Aber schon bevor diese Zustimmung überhaupt noch gegeben wird, erfüllt das Preisgeben von Information über die eigene Person den Nutzer per se mit Glücksgefühlen.

Bereits 2010 hat eine Studie heraus gefunden, dass mehr als 80 Prozent der Beiträge in Sozialen Netzwerken den Autor selbst betreffen und meistens von seinen unmittelbaren Erlebnissen erzählen. Eine daran anknüpfende, 2012 veröffentlichte Studie aus Harvard zeigte, dass das Sprechen über sich selbst das Belohnungszentrum im Gehirn ähnlich anspricht wie Essen oder Sex. Diese Stimulation steigert sich noch weiter, wenn die Studienteilnehmer persönliche Information im Wissen bereitstellten, dass das Mitgeteilte an Freunde weitergeleitet wird. In weiterer Folge wurde den Probanden sogar Geld geboten, um nicht über sich, sondern über andere zu sprechen, und trotzdem waren die Meisten bereit, auf das gebotene Geld zu verzichten, um weiter über sich selbst sprechen zu dürfen.

Zum einen deuten diese Ergebnisse an, wieso soziale Netzwerke so beliebt sind und so viel Zeit damit verbracht wird, zum anderen veranschaulichen sie die idealen Bedingungen für Prokrastination, die kommunikative Plattformen wie Facebook oder Twitter bieten. Wenn man davon ausgeht, dass der Beruf und die Pflichten der meisten nichts oder wenig mit dem Teilen von Information über die eigene Persönlichkeit zu tun haben, ist verständlich, wieso sich auf der Flucht Befindende solch verführenden Angeboten zuwenden.

Diese Eigenschaften dürften Facebook und sozialen Netzwerken im Generellen ein gewisses Suchtpotenzial einschreiben. In einer schwedischen Umfrage wurde erhoben, dass sich Facebook-Nutzer im Durchschnitt sechs Mal pro Tag auf der Plattform einloggen und insgesamt durchschnittlich 75 Minuten pro Tag dort verbringen, wobei die befragten Frauen mit täglich 81 Minuten deutlich über den Männern mit 64 Minuten lagen. Einer der Autoren der Studie, Leif Denti von der Universität von Göteborg, sagt über das Nutzerverhalten: „Die Mehrheit der Befragten besucht jedes Mal, wenn sie ihren Webbrowser oder ihr Gerät starten, die Plattform“.

Facebook-Besuch als automatisierte Selbstverständlichkeit

Der Besuch von Facebook scheint zur automatisierten Selbstverständlichkeit geworden zu sein: 85 Prozent loggen sich jeden Tag auf Facebook ein, wobei unter der jüngeren Altersgruppe bis Mitte zwanzig 67 Prozent angaben, Facebook nur zu besuchen, um sich die Zeit zu vertreiben. 36 Prozent bestätigten zusätzlich, Facebook zu verwenden, um vor den Dingen, die sie eigentlich tun sollten, zu fliehen. Und über ein Viertel der Befragten gab zudem an, Unbehagen zu empfinden, wenn sie keinen Zugang zur Plattform haben.

Diese Flut von Zahlen und Fakten lässt die Interpretation zu, dass Facebook ebenjene unsichtbare mediale Umgebung ist, die Marshall McLuhan in seinem Werk „Understanding Media“ beschreibt. Die Grenze zwischen blanker Wirklichkeit und Virtualität ist verschwommen, über ein Smartphone bedient, liegt uns Facebook unter den Fingerspitzen und dient als Fenster zur Welt. Die Spuren von  medialer Aufbereitung und mit ihnen die Tatsache, dass man sich in einer konstruierten Umgebung aufhält, werden gewissermaßen „unsichtbar“ und die Nutzung von Facebook fühlt sich wie ein körpereigener Vorgang an. Dieses Phänomen scheint vor allem bei jüngeren Menschen, bei im Internet aufgewachsenen Digital Natives, vorzukommen. Ältere Facebook Nutzer benutzen die Plattform mit weit geringerer Selbstverständlichkeit, nur 19 Prozent der älteren Befragten (zwischen 36 und 73 Jahre alt) gaben in der  schwedischen Studie an, Facebook zu benutzen, um von ihren Aufgaben und Pflichten wegzukommen. Wenn das Verweilen auf Facebook in jüngeren Kreisen jedoch so natürlich wie das Atmen ist, ist es schwierig, sich überhaupt bewusst zu werden, dass man prokrastiniert, was vielleicht eine Erklärung für die virale Ausbreitung der Problematik ist.

Kommunikation scheint jungen Menschen als eine der hauptsächlichen Ersatzbefriedigungen unserer Zeit zu dienen, jedoch unter der Vorbedingung, dass diese nicht als Ersatzbefriedigung auffällt, sondern als ein Normalzustand wahrgenommen wird, in dem die Realität zum eindringenden Störfaktor und deswegen vermieden, verdrängt oder abgesagt wird.

Dieser Artikel ist der zweite aus einer netzwertig.com-Serie zum Thema Prokrastination. 

Ebenfalls in dieser Serie sind erschienen:

1. Prokrastination und das Internet: Vorgezogene Belohnung

3. Passive Prokrastination: Im Rausch der Bewegtbilder

4. Spielmechanik: Mit Gamification der Prokrastination ein Schnippchen schlagen

Illustration: doodle small person - pressing button, Shutterstock

Kommentare

  • René Fischer

    21.08.14 (18:02:06)

    Ich wünsche mir ein soziales Netzwerk, bei dem man zwar Dinge like, resharen, favorisieren (etc) kann, man aber als Autor gar nicht mehr mitbekommt wer oder wie viele eine Aktion ausgelöst haben. Das würde eine Menge Ballast entfernen und das Netzwerk auf das Wesentliche reduzieren.

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