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10.04.14Leser-Kommentare

Bedrohung oder nicht: Warum es sinnvoll ist, sich über den Niedergang des mobilen Webs Sorgen zu machen

Ist die Popularität mobiler Apps und das parallele Desinteresse für mobile Websites langfristig eine Bedrohung für das freie Internet oder nicht? Egal welche Position man in dieser Debatte vertritt, empfiehlt es sich, potenzielle Gefahren anzuerkennen. Denn ausnahmsweise haben Optimisten nichts zu gewinnen.

AppsDer bekannte Entrepreneur und Investor Chris Dixon hat mit einem Beitrag über den Niedergang des mobilen Webs im Zuge der Dominanz nativer Apps eine Debatte ausgelöst, an der sich diverse Meinungsmacher und Beobachter mal mit Zustimmung, mal Widerspruch beteiligen. Während sich die Diskussion teilweise um Semantik dreht, etwa was überhaupt als "mobiles Web" zu verstehen sei, steckt dahinter eine wichtige Frage, nämlich was passieren würde, sollte die Nutzung des Internets nur noch über von Gatekeepern kontrollierte native Applikationen erfolgen. Die aktuellen Nutzungsmuster deuten klar auf einen solchen Trend hin, dürfen allerdings nicht überbewertet werden, solange jeder Besitzer eines mobilen Geräts uneingeschränkten Zugriff auf das browserbasierte Web hat. Was die Optimisten meiner Meinung nach aber überschätzen, ist die Beständigkeit des aktuellen, eine Wahlmöglichkeit zwischen browserbasierten Websites und nativen Apps beinhaltenden Szenarios.Theoretische Vielfalt hat keine Bestandsgarantie

Nur weil heute ein Browser standardmäßig auf dem Homescreen von iPhone und Android-Geräten platziert wird, garantiert dies nicht einen solchen Zustand für alle Ewigkeit. Und nur weil Nutzer die theoretische Möglichkeit haben, sich aus dem App Store oder Google Play Store diverse alternative Browser herunterzuladen, heißt dies nicht, dass sie dies wirklich machen. Die Realität sieht anders aus: Die Mehrzahl der Smartphone- und Tablet-Anwender verbringt den Großteil ihrer Nutzungszeit in nativen Apps, die ihren Ansprüchen meist weitaus mehr genügen als Webanwendungen im Browser. Dadurch aber wird die theoretische Vielfalt in Frage gestellt, denn weder für Entwickler noch für Plattformbetreiber besteht dann ein hinreichend großer Anreiz, weiter das browserbasierte Web zu fördern. Eine der Konsequenzen, nämlich das Verschwinden von Websites, lässt sich bereits beobachten.

Negative Netzwerkeffekte für das offene Web

Es bietet sich ein Vergleich mit den Dynamiken sozialer Netzwerke an. Diese gewinnen für jeden einzelnen Teilnehmer an Wert, je mehr andere Personen ebenfalls präsent sind. Manchmal kommt es nach einiger Zeit jedoch zu einer entgegengesetzten Entwicklung: User wandern zu einer innovativeren, als besser angesehenen Alternative ab. Für diejenigen, die noch bei dem ursprünglichen Social Network aktiv sind, verringert sich dadurch sukzessive der Nutzwert dessen, weil sie viele ihrer Freunde dort nicht mehr erreichen. Also reduzieren sie ihr Investment ebenfalls. MySpace, studiVZ und werkenntwen.de können ein Lied davon singen.

Dem browserbasierten Internet droht ein ähnlicher Prozess. Bis vor kurzem nahm die Zahl der User stetig und mit hohem Tempo zu, wodurch es auch für Diensteanbieter und Publizisten erstrebenswert war, mit einer Website präsent zu sein und viele Ressourcen in diese zu investieren. Verbringen aber Nutzer weniger Zeit im Browser und mehr in nativen Applikationen, werden Betreiber von Websites und Onlineservices entsprechend darauf reagieren, ihre Investments in native Apps hochfahren und gleichzeitig Browsercontent weniger stark priorisieren. All das geschieht nicht von heute auf morgen und betrifft nicht jedes Angebot gleichermaßen. Ich halte die Entwicklung aber zu diesem Zeitpunkt für weitgehend unumkehrbar. Die Nutzungsstatistiken belegen die Popularität von nativen Apps, und grundsätzliches Verständnis des wirtschaftlichen Handelns reicht aus, um zu wissen, dass Anbieter schon aus ökonomischen Zwängen dorthin gehen, wo ihre Zielgruppe ist.

Mobilen Plattformen fehlt Anreiz für Browser-Unterstützung

Aber ist das nun schlimm? Schließlich sind native Apps in Sachen Benutzerfreundlichkeit Browser-Apps häufig überlegen, insofern stellt der Wandel doch eigentlich eine konsequente Entwicklung zur überlegeneren Lösung dar? Außerdem bringen doch viele Apps einen eingebauten Browser mit. Stimmt. Doch dieser Browser, wenn er denn vorhanden ist, dient lediglich zum gezielten Aufrufen von Weblinks, verzichtet ansonsten aber auf alle anderen Funktionen. Es handelt sich um das Browseräquivalent zum gedrosselten Motorrad. Nichts, was man freiwillig fahren würde, hätte man die Wahl.

Die Gefahr liegt darin, dass die führenden Plattformbetreiber Apple und Google auf die nachlassende Bedeutung des mobilen Webs (exklusive nativer Apps) mit einem nachlassenden Engagement für den Browser reagieren. Vorbereitungen dazu werden bereits getroffen. Google veröffentlicht nicht nur eine wachsende Zahl von mobilen Apps auch für das iPhone, sondern nutzt universelle Login-Features, um Anwender dieser Applikationen immer identifizieren und mit zielgerichteter Werbung versorgen zu können - egal ob YouTube, Drive, Maps oder Gmail. Je besser dies funktioniert, desto weniger ist der Internetriese auch aus Sicht der Monetarisierung darauf angewiesen, dass User Google-Dienste im Browser nutzen. Parallel profitieren sowohl Google als auch Apple massiv von den Erlösen aus ihren App-Läden. Ein Szenario, in dem der Browser langsam zu von den OS-Betreibern ungeliebtem Ballast mutiert, der weder per Geschäftsmodell benötigt noch von Usern häufig frequentiert wird, erscheint nicht vollkommen abwegig.

Und DANN entfalten sich die negativen Auswirkungen alle auf einmal: Die Qualität des browserbasierten Webs verringert sich wegen heruntergefahrener Investitionen seitens der Dienste und Site-Betreiber, die Erreichbarkeit von Websites wird erschwert durch eine nachlassende Hervorhebung und Standardintegration seitens der Plattformbetreiber, und die meisten User haben es sich ohnehin mit ihren nativen Applikationen bequem gemacht. Das freie, nicht durch Gatekeeper kontrollierte Internet stirbt und verkommt zu einem Nischenwerkzeug für Aktivisten.

Kontraproduktiver Optimismus

Ich bin der Ansicht, dass man diese pessimistische Sicht nicht teilen muss, um dennoch die potenzielle Bedrohung anzuerkennen. Ausnahmsweise gibt es für diejenigen, die das alles locker und entspannt sehen, nichts zu gewinnen: Entweder sie haben recht, oder sie irren sich und sehen sich in einigen Jahren plötzlich mit der Erkenntnis konfrontiert, dass nur noch Betreiber von App Stores darüber entscheiden, welche Informationen, Gedanken und Dienste ihren Weg zu den Endanwendern finden. Ein Zurück existiert dann vielleicht nicht mehr.

Die möglichen Folgen der Appifizierung des Internets zu beleuchten und jetzt auf eventuell eintretende Negativaspekte aufmerksam zu machen, entspricht der bewährten Vorgehensweise bei kontroversen netzpolitischen Unterfangen: Ob Leistungsschutzrecht, Vorratsdatenspeicherung oder Überwachung - immer argumentieren die Befürworter, dass die Schwarzseher übertreiben und dass die Auswirkungen gewisser Maßnahmen gar nicht so negativ ausfallen werden, wie von Gegnern befürchtet. Doch Kritiker wissen genau, dass es mit einer solchen Haltung nichts zu gewinnen gibt und dass prophylaktischer Widerstand deshalb die beste Lösung darstellt - auch auf das Risiko hin, beim Gefahrenbild zu übertreiben.

Es geht um die Freiheit im Netz, nicht um Browser-Apps

Nun handelt es sich beim aktuellen Thema nicht um eine politisch oder lobbyistisch motivierte Kampagne sondern um einen Markttrend, der maßgeblich von der Nachfrage der User getrieben wird. "Widerstand" ist deshalb schwierig. Eine Sensibilisierung für die potenziellen Konsequenzen aber schadet nicht, speziell weil diese dazu führen kann, dass auf Versuche der Plattformbetreiber, die Bedeutung des Browsers zu unterlaufen oder die Weiterentwicklung von für das browserbasierte Web essentiellen Technologien und Protokollen zu behindern, rechtzeitig und mit breitem Echo aufmerksam gemacht wird. Zudem könnte aus einem massenkompatiblen Bewusstsein über die Problematik eine Unterstützung für alternative mobile Plattformen entstehen, deren Geschäftsmodelle oder Ideologien sie nicht in die Rolle autoritärer Gatekeeper zwingen. Denn es geht ja nicht darum, um jeden Preis das browserbasierte mobile Web zu retten, sondern um sicherzustellen, dass auch in einem sich wandelnden, von nativen Apps geprägten mobilen Markt die Freiheiten und Vorzüge des freien Internets garantiert werden.

Gelassenheit und Optimismus sind oft erfolgsversprechende Eigenschaften. Manchmal empfiehlt es sich aber auch, sich lieber unnötig Sorgen gemacht zu haben, anstatt im Nachhinein feststellen zu müssen, dass man die Bedrohung völlig unterschätzt und deshalb kritische Entwicklungen nicht rechtzeitig erkannt hat.

Grafik: Locked Smartphone Vector Illustration Isolated on White Background, Shutterstock

Kommentare

  • qwertzman

    10.04.14 (23:44:04)

    ehm, ich verwende meinen Browser sehr oft. Das Web sind nicht nur Browser, und nur weil es vielleicht keine Browserapps gibt, heißt das nicht, dass das offene Web in Gefahr wäre, es gibt schließlich auch offene, also opensource native Apps. Wo ich zustimme ist die nervige Appifizierung. Ich brauche keine Müllabfuhrkalenderapp (ja, das gibt's hier :D), ich will nur eine stinklangweilige Kalenderdatei... Trotzdem sind teilweise native Apps nicht schlecht, mit der breakingnews.com-app kann ich z.B. immer die neuesten Nachrichten als Benachrichtigung pushen lassen und da der Dienst mir dies zur Verfügung stellt, brauche ich nichts selbst zusammenbasteln. :)

  • qwertzman

    10.04.14 (23:47:05)

    hier übrigens der Link für die, die es interessiert: https://play.google.com/store/apps/details?id=com.breakingnews :)

  • Ilja

    11.04.14 (15:05:56)

    interessanter Artikel, der meiner Meinung nach eine sinnvolle Diskussion anregt.

  • Eric Mynatt

    12.04.14 (20:34:20)

    Eigentlich ist es nicht anders auf den desktop. Da ist der browser eine wichtige Anwendung aber wäre komisch wenn man keine anderen Anwendungen benützen würden. Die Sache wird durch den generellen Hype um Apps verzehrt.

  • jnt

    13.04.14 (20:19:02)

    Es waren seinerzeit keine technischen Argumente, einen Art Glaubenskrieg gegen Flash anzuzetteln: Denn eine plattformübergreifende Multimedia-API, die im freien Web läuft, hätte erst gar nicht den Bedarf an nativen Apps entstehen lassen. Auch dieses Beispiel zeigt, dass Markt und Wettbewerb grundsätzlich nicht geeignet sind, allgemeinverbindliche Standards (hier: für Browser) zu etablieren. Daher sind unabhängige Normierungsgremien durchaus auch ein (europäisches?) Kulturgut, das gerade durch Marktregulierung den Wettbewerb dahin lenkt, wo er innovativ wirken kann. Oder anders: So lange die Marktteilnehmer Systeme, Standards und Protokolle in ökonomischem Interesse verwalten, ist das "freie Web" nur reine Imagepflege einiger weniger Konzerne, die darüber letztlich politischen Einfluss ausüben.

  • Mika Besch

    15.04.14 (13:22:38)

    Ich benutze nicht nur mobile Apps auf meinem Iphone, sondern sehr wohl ein Browser. Er ist für mich nach wie vor eine wichtige Anwendung. Nur Apps zu benutzen, käme für mich nicht in Frage. Natürlich gibt es viele Anwendungen, die man nutzen könnte, aber für mich ist den Browser irgendwie bequemer. Man muss sich nicht nur für eine Variante - nur Apps oder nur Browser entscheiden, eine Kombination aus beiden macht für mich am meisten Sinn. LG Mika

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