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06.01.14Leser-Kommentare

Barriere zwischen "online" und "offline": Warum ich auf die Ablösung des Smartphones warte

Smartphones sind toll, aber errichten eine unnötige Barriere zwischen Anwendern und ihrer Umgebung. Wearables, insbesondere Cyberbrillen, können dieses Problem lösen.

smartphoneIn jüngster Zeit bemerke ich bei mir eine steigende Ungeduld und Verstimmung, wenn persönliche soziale Interaktionen durch Blicke der Gesprächspartner auf Smartphones unterbrochen werden. Die vor einigen Wochen veröffentlichten Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zeigen passend dazu, dass die Omnipräsenz von Mobiltelefonen verbreitet negative Auswirkungen auf das menschliche Zusammenleben hat: Jeder vierte Deutsche ist demnach eifersüchtig auf die Zeit, die der Partner mit dem Smartphone verbringt. Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar fast 40 Prozent. Selbst wenn ein derartiges Resultat auch Fragen zum Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein der Betroffenen aufwirft, ist die augenscheinlich verbreitete Irritation über Gesprächspartner, die sich durch ihr Smartphone von einer Unterhaltung ablenken lassen, ein für mich sehr nachvollziehbares Empfinden.

Mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass wir irgendwann darüber schmunzeln werden, wie wir in den frühen Tagen des mobilen Zeitalters auf kleine dünne Aluminium- oder Plastikscheiben starrten und überhaupt nicht mitbekamen, was um uns herum geschah. Wearables, am Körper getragene Geräte, werden wahrscheinlich das Smartphone ersetzen. Während ich dem gerade auf Seiten der Anbieter populären, aber am Markt noch nicht erprobten Konzept der Smartwatch persönlich wenig abgewinnen kann, glaube ich mittlerweile stärker an die Idee der Cyberbrille. Durchaus geprägt in dieser Haltung hat mich ein kurzes Ausprobieren von Googles Augmented-Reality-Sehhilfe Glass. Zwar sehe ich in diesem Produkt in seiner aktuelle Ausformung kein Gadget mit tatsächlicher Massentauglichkeit - selbst wenn der Preis von 1500 Dollar sinken würde - doch das grundsätzliche Konstrukt eines kleinen, direkt vor dem Auge (oder gar als Linse im Auge) platzierten Bildschirms, der situationsabhängig sowie sprach- und gestengesteuert relevante Informationen liefert und gleichzeitig die Barriere zwischen Anwender und Umgebung im Vergleich zum Mobiltelefon verringert, ergibt eindeutig Sinn. Es muss nur elegant und ohne optische Cyborg-Assoziationen erfolgen.

Problematisch finde ich nach wie vor, wenn ein solches Werkzeug von einem allwissenden Netzgiganten wie Google bereitgestellt wird. Eine "unabhängige" Plattformlösung, die nicht direkt oder indirekt auf dem Geschäftsmodell der Werbevermarktung basiert und damit per Definition extrem neugierig ist, zu erfahren, was ich wann wo mache, wäre mir lieber. Doch immerhin leistet Google mit seinem kostspieligen Vorhaben Pionierarbeit und ebnet nachfolgenden Herstellern den Weg, indem es das Prinzip der 3D-Brille zur Diskussion stellt und die initiale Formung von Normen zu deren Alltagsverwendung ermöglicht.

Eine dieser Normen, die sich derzeit abzeichnet, ist die Empfehlung des Verzichts auf den Einsatz einer Cyberbrille in sozialen Kontexten. Denn, so beschreibt es Wired-Redakteur Mat Honan in einem Langzeit-Erfahrungsbericht: Glass sorgt bei Menschen in der Umgebung des Trägers immer wieder für Verstimmung und unbequeme Reaktionen. Das in der Folge verdirbt dem Träger ebenfalls den Spaß an der Sache. Auch, weil Glass anders als irgendwann einmal von irgendwem behauptet, nicht per Hinweis-Leuchte darüber informiert, dass eine Aufnahme von Videobildern oder Fotos erfolgt, dürfte der Konsens darauf hinauslaufen, dass die Brille in Situationen, die persönliche Unterhaltungen erfordern, zumeist bei Seite gelegt wird.

In einem Zukunftsszenario, in dem Cyberbrillen-Besitzer kein zusätzliches Smartphone mehr mit sich herumtragen, wäre demnach auch das beiläufige Unterbrechen oder Abbrechen einer Konversation deutlich schwieriger. Denn es würde dann einen bewussten, von der Umgebung gemäß Nutzungsetikette nicht tolerierten Griff zur 3D-Brille erfordern.

Vielleicht kommt es auch anders und wir gewönnen uns daran, beim Gespräch direkt in die Kamerabrille des Gegenübers zu blicken. Oder Smartwatches kristallisieren sich als essentielles Begleitwerkzeug für Cyberbrillen heraus, das über wichtige Ereignisse informiert, wenn sich die Brille gerade in der Tasche befindet (nach meiner Meinung keine unrealistische Vorstellung). Inwieweit die Lage dann aus Sicht des zwischenmenschlichen Miteinanders besser oder schlechter ist als heute, muss sich zeigen.

Das Smartphone jedenfalls stellt für mein heutiges Verständnis nur eine Übergangslösung dar, die durch ihre Konstruktion eine sinnlose, unnatürliche Trennung zwischen "online" und "offline" manifestiert und damit soziale Interaktionen behindert, anstatt sie zu fördern. Wenn ich mich das nächste Mal daran störe, nur die halbe Aufmerksamkeit meines mit einem Auge den Instagram- oder Facebook-Stream durchscrollenden Gesprächspartnerns zu erhalten, beruhige ich mich, indem ich daran denke, dass damit in einigen Jahren wieder Schluss sein könnte. Oder ich tauche einfach selbst in meine kleine App-Welt ab. /mw

(Grafik: Smart phone addiction concept, Shutterstock)

Kommentare

  • Netz TV

    06.01.14 (08:43:47)

    Das Problem der Brille ist ja gerade, dass eine solche Technik zwangsläufig nur von einem "allwissenden" Netzgiganten zur Verfügung gestellt werden kann. Wenn es wirklich funktionieren soll ist die entscheidende Technik nicht in der Brille sondern auf der "anderen Online-Seite" in der Cloud.

  • Max

    06.01.14 (10:07:19)

    Sicher wird die Google Glas ein guter Ablöser des Smartphones werden, die Frage ist nur ob das ein jeder will. Toll ist das die einem dann sagen kann - hey das ist dein Facebook Freund - einer von den 295 die man noch nie gesehen hat x)

  • Thomas Landgraeber

    06.01.14 (10:16:31)

    Klar sind Smartphones nur eine Zwischenstufe der technischen Entwicklung. Ich bezweifele jedoch, dass sich Datenbrillen in absehbarer Zeit auf breiter Front durchsetzen werden. In den USA z.B. ist es so, dass sich nach anfänglichem Hype kaum noch jemand traut, Google Glass zu benutzen. Und das nicht nur im öffentlichen Raum. Nicht mal Google-Mitarbeiter tragen die Dinger ausserhalb der Firma. Die meisten Leute reagieren ablehnend, manche auch richtig agressiv auf das "allwissende Auge". Es kam auch schon vor, dass Nutzer aus Kneipen geflogen sind, weil sich andere Gäste belästigt fühlten. Wenn sich in den nächsten Jahren nicht grundsätzlich etwas an unserer Einstellung zu Öffentlichkeit und Privatsphäre ändert, werden sich die Datenbrillen letztlich nur für spezielle Anwendungen durchsetzen. Anderen Wearables haben vielleicht grössere Chancen. Ich denke aber, Smartphones bleiben uns noch eine ganze Weile erhalten.

  • michael

    06.01.14 (12:23:01)

    der springende Punkt: die Brille muss halt abgesetzt werden, das Smartphone muss weggelegt werden. Wenn der Nutzer dies erkennt: gut, ... wenn nicht, bleibt das Problem bestehen.

  • Michael

    06.01.14 (12:26:37)

    Ich habe anfangs schon so manche neue Technik verspottet und ignoriert, sogar Giganten wie das Internet, Handies oder eBay. So steh ich auch der Datenbrille vorerst skeptisch gegenüber. Leben und Netz vermengen? Habe ich vorerst Bedenken, völlig meschugge zu werden. Zumal man von Menschen, Kommunikation, Dingen oder gar Straßenverkehr ja nicht weniger abgelenkt wird, wenn man das ablenkende Medium versteckt. Also abwarten, vielleicht find ich's ja auch wieder ganz nett, wenn es erst mal groß auf dem Markt ist, vielleicht auch nicht.

  • Manuel

    06.01.14 (14:08:01)

    "Wenn ich mich das nächste Mal daran störe, nur die halbe Aufmerksamkeit meines mit einem Auge den Instagram- oder Facebook-Stream durchscrollenden Gesprächspartnerns zu erhalten, beruhige ich mich, indem ich daran denke, dass damit in einigen Jahren wieder Schluss sein könnte." Ich denke das Problem liegt nicht nur am abgewendeten Blick, sondern an der Konzentration. Man kann nicht einem Gespräch aufmerksam folgen und gleichzeitig das Wetter nachschlagen oder die Nachrichten lesen. Also ich kann das nicht, bei Frauen mag das anders sein. ;-) Wenn ich mit jemandem spreche, erhält dieser meine gesamte Aufmerksamkeit, und das erwarte ich auch von ihm. Deshalb würde es mich auch stören, wenn er nur in die Brille schaut statt ins Smartphone. Von daher kann man es als Vorteil sehen, dass man Smartphones aktiv hervornehmen muss. Man lässt es dann aus Höflichkeit eher bleiben. Ich bin auch gerne online, aber verpasst man wirklich etwas wichtiges, wenn man Twitter und die RSS-Feeds erst am nächsten Morgen liest statt beim Essen mit Freunden?

  • Anna

    06.01.14 (14:59:25)

    Das sehe ich ebenso, Manuel. Der Mythos vom Multitasking ist, soweit ich informiert bin, bereits wissenschaftlich widerlegt. Nein, auch Frauen sind dazu nicht wirklich in der Lage. Viele Menschen haben aber mittlerweile, auch während sie sich bewegen, nur Augen für ihr Smartphone. Bei Gesprächen mag das unhöflich sein, im Straßenverkehr wird es fahrlässig. Wie das dann mit Datenbrillen funktionieren soll, ist mir schleierhaft.

  • Saronga Neuter

    06.01.14 (15:15:54)

    Das scheint mir wieder so ein liberaler Gedanke im Artiekl zusein à la: Alles soll erlaubt sein, was technisch möglich ist. Ich sage: Nein! Mir ist es jetzt schon unheimlich, wenn ich mit Leuten im Zug sitze und die ihre Smartphones anhaben; ein Telefon ist heutzutage ein Aufnahmegerät - ALLES kann mitgeschnitten und veröffentlicht werden. Jugendliche filmen sich gegenseitig auf der Toileette und laden es hoch. (Gehen Sie mal bei einer Fast Food Kette aufs Klo, da können sie das erleben). Mit einer Brille wird alles noch "schlimmer", weil weniger auffällig und kontrollierbar - alles wird durchleuchtet und öffentlich. Und wenn es erst einmal von einer gewissen Anzahl Menschen benutzt wird, ziehen immer mehr Leute nach und es wird massentauglich und allgemein akzeptiert. Ich für meinen Teil möchte nicht ein gläserner Bürger sein. Ich möchte weder nackt-gescannt noch ständig abgehört, abfotografiert und abgefilmt werden.

  • Hans Heiner Buhr

    06.01.14 (16:25:47)

    Wie waere es mit einem duennen Datenhandschuh, in dem Handinnenflaeche (Display) und Handaussenflaeche verschiedene Funktionen anbieten ?

  • Shahpur

    06.01.14 (19:23:36)

    Das ursprüngliche hier angesprochene Problem wird mit einer Datenquelle nicht besser, sondern nur verstärkt. Nur weil das device ein anderes ist, bedeutet das ja lange nicht das die Menschen plötzlich nicht mehr parallel Facebook checken wollen. Sie können es dann wahrscheinlich sogar noch unbemerkter als vorher machen... Wie man sich in dem im Artikel genannten Zusammenhang der Ablenkung auf die Datenbrille freuen kann ist mir unerklärlich. Das macht überhaupt keinen Sinn und ist unlogisch.

  • Martin Weigert

    07.01.14 (01:16:15)

    Meine im Artikel beschriebene Annahme ist, dass der soziale Druck das Absetzen von 3D-Brillen sehr viel üblicher und für die Träger selbstverständlicher machen wird als das Weglegen des Smartphones.

  • Bernhard Jodeleit

    08.01.14 (10:41:49)

    Ich denke, bis sich die Brillen durchsetzen werden, vergehen noch drei bis fünf Jahre. Ganz ähnlicher Zyklus wie beim mobilen Internet (siehe Gartnerscher Hype Cycle). Und ich glaube, das Ablenkungspotential durch mobiles Internet wird durch solche Produkte noch größer als es heute schon ist. Meines Erachtens dürfte sich die Etikette an dieser Stelle weiter verändern: hin zu noch weniger Aufmerksamkeit für das Gegenüber, zu noch weniger Respekt für die Privatsphäre (Fotografieren und Filmen ohne Zustimmung der Betroffenen).

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