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19.11.13Leser-Kommentare

Bargeldlose Gesellschaft: Das Ende vom Geld, wie wir es kennen

Seit langem ist die bargeldlose Gesellschaft ein Gesprächsthema. 2013 werden wichtige Grundlagen gelegt.

GeldSeit vielen Jahren besitzt die Vision einer bargeldfreien Gesellschaft eine gewisse Präsenz in den Debatten progressiver Kreise. Bislang war die Wirtschaft von einer Verwirklichung eines solchen Zustands aber meilenweit entfernt. Das Jahr 2013 jedoch könnte im Nachhinein als tatsächlicher Anfang vom Ende von Geldscheinen und Münzen in die Geschichtsbücher eingehen. Denn momentan kommt massive Bewegung in den Markt, angetrieben von neuen Technologien sowie Unternehmen, die Stück für Stück am Fundament des Bargelds sägen. Dass unsere Sicht auf Geld derzeit einen Pardigmenwechsel erlebt und dabei zunehmend eine Abkehr vom psychologisch motivierten Festhalten an physischen Zahlungsmittelträgern wie Bargeld oder Kreditkarte erfolgt, zeigt sich ganz hervorragend, setzt man sich etwas näher mit der Idee des US-Startups Coin auseinander.

Coin und die Vergänglichkeit der Karte

Die gerade in der Produktion befindliche intelligente Geldkarte vereint verschiedene Kredit- und Debitkarten in einem Plastikkärtchen und befreit Besitzer von der Notwendigkeit, alle ihre Karten stets bei sich tragen zu müssen. Das Medienecho auf die Präsentation von Coin war gigantisch. Innerhalb von 40 Minuten hatten fast 5.000 Nutzer das aufgrund seiner fehlenden Unterstützung von EMV-Chips für Europa vorläufig ungeeignete "Gadget" bestellt und im Voraus bezahlt.

Egal ob man Coin als praktischen Helfer oder als Scheininnovation mit denkbar kurzem Produktlebenszyklus ansieht, so verdeutlicht die Funktionsweise die Signifikanz der derzeitigen Entwicklung im Gesamtprozess der monetären Revolution: Um Coin mit den Informationen der persönlichen Kredit- und Debitkarten zu versehen, muss man deren Magnetstreifen durch einen über den Kopfhörerausgang an ein Smartphone angeschlossenen Cardreader ziehen. Anschließend wird Coin durch den selben Leseaufsatz gezogen, woraufhin die zuvor in der Smartphone-App gesammelten Kartendaten auf das kleine Gadget strömen, das nun in Karten akzeptierenden Geschäften einsatzbereit ist. Im Klartext: Nutzer digitalisieren Zahlungsinformationen ihrer Karten auf einem Smartphone, um sie anschließend zurück auf eine Karte zu übertragen, die daraufhin am Point of Sale durch stationäre oder abermals an mobile Geräte angeschlossene Zahlungsterminals gezogen werden, um eine elektronische Zahlung zu veranlassen. Wenn man auf diese Weise bequem acht Karten zu einer machen kann, wer zweifelt dann noch daran, dass diese eine Karte demnächst endgültig in das Handy zieht? Übrigens: Dieses erhält von Coin via Bluetooth einen Alarmhinweis, sofern man das smarte Kärtchen irgendwo liegen gelassen hat.

Die Deutlichkeit, mit der die Macher von Coin (wahrscheinlich) unfreiwillig die Absurdität von physischen Zahlungsmittelträgern in einem Zeitalter unterstreichen, in dem jeder Mensch einen persönlichen Supercomputer mit sich herumführt, verblüfft. Der Durchbruch des mobilen Bezahlens ist aufgrund der Fragmentierung auf Anbieterseite und einer gewissen, bei radikal veränderte Verhaltensmuster nach sich ziehenden Neuerungen typischen Zurückhaltung in der Bevölkerung zwar bislang ausgeblieben. Ironischerweise liefert nun aber ein Startup, bei dem sich alles um die Beibehaltung der physischen Karte dreht, das beste Argument für deren Vergänglichkeit.

Bitcoin verändert unsere Auffassung von Geld

Coin ist eines von mehreren Indizien, die mich zu dem Schluss bringen, dass 2013 als ein ganz wichtiges Jahr für die Transformation des Geldes gesehen werden muss. Eine besondere Triebkraft hierbei stellt natürlich die Kryptowährung Bitcoin dar, die sich nach einiger Zeit im virtuellen Untergrund nun zweifellos dem Mainstream annähert. Behördliche Prüfverfahren, ein boomendes Ökosystem, mit dem digitalen Geld liebäugelnde Handelskonzerne wie eBay und tausende Onlineshops, bei denen mit Bitcoin bezahlt werden kann, lassen wenig Zweifel an der Tragweite der Entwicklung. Inwieweit Bitcoin selbst für alle Ewigkeit überleben wird, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass die Währung den Weg für vollständig elektronisches Geld ebnet und den Teilnehmern am internationalen Finanzverkehr, Händlern und Konsumenten einen reichen Fundus an Erfahrungen und Problemlösungsansätzen beschert, die ungeachtet von Bitcoins eigener Zukunft als solide Basis für alle künftigen Internetwährungen dienen.

Millionen Menschen werden durch Bitcoin erstmals dazu gezwungen, sich über die Funktionen und Formen von Geld Gedanken zu machen. Bitcoin bringt sie zu der Erkenntnis, dass mit der Abkehr von Scheinen und Münzen viele alte Strukturen und Verhaltensweisen im Bezug auf die Handhabung, Verwaltung und Nutzung von Geld ebenfalls hinterfragt werden können. Bitcoins Verdienst ist damit in erster Linie, dass es unseren Horizont und unser Verständnis für das flexible Konstrukt hinter dem starren Geldbegriff abermals erweitert - so wie es auch der Fall war, als Kurantgeld wie Goldmünzen gegen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts zugunsten des bis heute verbreiteten Fiatgelds abgelöst wurden.

Weitreichender Wandlungsprozess

Im Jahr 2013 lösen Hochleistungsrechner kryptische Aufgaben, um virtuelles Geld zu erstellen. Menschen komprimieren einen Stapel an Kreditkarten in ein kleines kartenähnliches Gadget, wie bei Coin. Oder sie schicken Geld per E-Mail mittels Square Cash. Hohe Transaktionsgebühren bei internationalen Geldtransfers verschwinden dank Peer-to-Peer-Überweisungen von Transferwise. Startups wie der US-Dienst Simple oder der deutsche Anbieter Avuba schreiben sich auf die Fahnen, Banking im Onlinezeitalter neu zu definieren. Ein anderes Jungunternehmen aus Deutschland, Papayer, möchte Teenager mit einer Symbiose aus Prepaid-Kreditkarte und mobiler Smartphone-App an einen verantwortungsvollen Umgang mit elektronischem Geld heranführen... - Der gesamte Finanz- und Geldsektor befindet sich in einem weitreichenden Wandlungsprozess, der einer übergeordneten Prämisse folgt: der Abkehr vom Bargeld und der Schaffung neuer Verfahren und Nutzungskonzepte für den Einsatz elektronischen Geldes - sei es auf Basis befindlicher oder gänzlich neuer Währungen.

Sicherheit und Verlust von Anonymität als Hindernisse

Was mit Blick auf das Voranschreiten dieses Trends nicht unter den Tisch fallen darf, sind die zwei entscheidenden Nachteile von elektronischem Geld: die Schwierigkeit, eine größtmögliche Sicherheit zu garantieren, sowie der Wegfall der Anonymität beim Bezahlen. Während man im Bezug auf Sicherheitsfragen schlicht darauf hoffen muss, dass alle Ausprägungen, die elektronisches Geld in den nächsten Dekaden annehmen wird, adäquaten Schutz vor Missbrauch und Diebstahl bieten - was im Übrigen auch für Bargeld nicht garantiert werden kann - mausert sich die drohende Komplettüberwachung von Käufen und Zahlungsabläufen im Lichte der Enthüllungen von Edward Snowden zum größten Hindernis auf der Reise zu einer bargeldlosen Gesellschaft. Gerade hier sehen die Anhänger von Bitcoin einen maßgeblichen Vorteil ihrer geliebten Währung: Sie erlaubt einen Anonymitätsgrad, mit der elektronische Transaktionen staatlich regulierter Währungen nicht mithalten können. Genau genommen bieten diese gar keine Anonymität: Bei jeder Art von Bezahlprozess, bei der klassische Währungen zum Einsatz kommen und der nicht in bar abläuft, müssen die involvierten Parteien prinzipiell damit rechnen, dass ihre Transaktion im Nachhinein von Behörden eingesehen und verfolgt werden kann.

Zum Barzahlen in den Wald gehen

An Bargeld festzuhalten, um sich Überwachern zu entziehen, erscheint als Strategie auf lange Sicht allerdings genauso unpraktisch, wie zum Reden in den Wald zu gehen. Deutlich erstrebenswerter wären verbindliche Abkommen, die den Zugriff von Ermittlungsbehörden und Regierungen auf Zahlungsvorgänge streng reglementieren und systematisches Ausspionieren untersagen. In der aktuellen Situation klingt dies natürlich utopisch, weil selbst bei einem Zustandekommen einer solchen Vereinbarung kein aufgeklärter Bürger der Einhaltung selbiger trauen würde. Dennoch ist dies die einzige wirkliche Hoffnung, da jede die Anonymität ihrer Nutzer wahrende virtuelle Währung ab einem bestimmten gesellschaftlichen Akzeptanzgrad einer staatlichen Regulierung mit eingebauten Transparenzzwängen unterworfen werden dürfte.

Ich befürchte, dass mit der Abkehr vom Bargeld ein gewisser Verlust von Autonomie im Zahlungsverkehr unumgänglich ist, glaube aber auch, dass es analog zu Verschlüsselungsmechanismen bei der digitalen Kommunikation immer fortgeschrittene Verfahren geben wird, die einen vor Dritten weitgehend verborgenen Transfer von virtuellem Geld erlauben. Die breite Masse wird davon freilich nicht profitieren und somit nochmals ein stückweit gläserner.

Trotzdem überwiegen in meinen Augen die Vorteile der Abschaffung von Bargeld. Nicht zuletzt schon aus hygienischen Gesichtspunkten. Jüngst war ich dazu gezwungen, mit einem größeren Geldbetrag in US-Dollar zu hantieren. Als ich die abgegriffenen Scheine betrachtete und darüber nachdachte, wo Leute ihre Hände hatten, bevor sie mit diesen Scheinen Geschäfte machten, konnte ich ein leichtes Ekelgefühl nicht verhindern. Wenn sonst nichts für elektronisches Geld spreche, dann wäre allein der hygienische Aspekt Grund genug für mich, um um Bargeld einen großen Bogen zu machen. /mw

(Illustration: Bitcoin, Shutterstock)

Kommentare

  • Wes Gnorm

    19.11.13 (10:38:31)

    Was will man nun vergleichen: Bargeld und bargeldlose Zahlung? Schön und gut. Aber Mechanismen wie Bitcoins haben noch einen weiteren, entscheidenden Aspekt; sie entziehen sich der Währungspolitik. Das mögen manche für gut halten, letztlich kann das Guthaben aber wie eine Blase platzen und hinüber sein - genau das, was staatliche Währungspolitik zu verhindern versucht. Hinzu kommt die Komplexität. Das System von Bitcoins zu verstehen erfordert viel Wissen, Zeit und Intelligenz. Wie soll ich meiner Oma erklären, wozu man beim Bezahlen Bllockchain-Chiffren braucht und daß man Geld auch schürfen kann (Mining)? Wenn es überhaupt so ist, komplett verstanden habe ich das System auch nicht. Brauche ich auch nicht, denn in geschätzt 2 Jahren ist Bitcoin verschwunden und läßt einige wenige reich und viele arm zurück.

  • almiersch

    19.11.13 (11:34:22)

    Ich halte die Abschaffung von Bargeld für einen extremen Verlust von Freiheit. Bitte schön, wer Angst oder Ekel vor Bargeld hat, kann ja zu diversen anderen Zahlungsmitteln greifen. Bargeld ist ein direktes Zahlungsmittel zwischen Bürgern, ohne Zwischeninstanzen, ohne Überwachung und ohne direkten Zugriff diverser Mächte. Abschaffung von Bargeld gutzuheißen, ohne die machtpolitischen Interessen dahinter zu sehen, scheint mir fast schon politisch naiv zu sein.

  • Michael

    19.11.13 (12:15:40)

    Bitcoins sind mir persönlich direkt noch nicht begegnet. Insofern wäre eine nähere Beschreibung gut gewesen, was das überhaupt ist, und was es so umwälzend macht (PS. Etwas mehr habe ich jetzt im Video erfahren.) Aber von Versuchen mit bargeldlosen Bezahlungen via Smartphone im Einzelhandel hört man ja schon länger. Geld- und Kreditkarten gibt es schon seit Jahrzehnten als ihre Vorgänger. Sicher liegt da eine Übertragung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs auf Smartphones nahe. Aber seine weitgehende Umstellung auf Smartphones wäre wohl nein nochmaliger Kultur- und Epochenbruch wie schon das Internet selbst. Das braucht seine Zeit, schon deswegen, weil Smartphones längst noch nicht völlig zur Grundausstattung gehören. Insofern würde ich allenfalls vom Anfang des Endes des Geldes sprechen, wie wir es kennen, von ersten zarten Keimen und nicht schon von seinem Ende.

  • Struppi

    19.11.13 (13:15:14)

    Bitcoins sind die Zukunft und vermutlich sogar mehrere virtuelle Währungen. Das Verfahren zum übermitteln der Währung ist einfach und transparent - auch wenn man die technischen Details nicht versteht, läßt es sich gut nutzen. Das Bitcoins nicht einer Währungspolitik unterliegen ist natürlich gut. Denn genau das hat in der Vergangenheit für Probleme und immense Kosten gesorgt, die von der Gesellschaft getragen werden mussten (zumindest wurde es uns so verkauft). Das Bitcoins im Moment noch einer hohen Spekulations virulenz unterliegen ist natürlich schlecht, dürfte sich aber legen, wenn das Geld auch verstärkt zum bezahlen verwendet wird, da sich dann der tatsächliche Gegenwert leichter abschätzen läßt.

  • Alexander Zirkelbach

    19.11.13 (13:35:38)

    Das ist der Beginn der intensivierung der menschlichen Versklavung, indem man dem Menschen die Möglichkeit beraubt zumindest etwas Kontrolle und deren übriggebliebene Entscheidungs-Freiheit über sein verdientes Geld zu behalten. Ich habe aber trotzdem keine bedenken, da ich fest daran glaube, das zuvor die geldlose Gesellschaft umgesetzt werden wird. Zumindest in einigen Teilen der Welt und damit endlich die Versklavung des Menschen ein Ende findet.

  • Georg

    19.11.13 (13:48:43)

    Muss deine Oma die Finanzwirtschaft verstehen, um Brötchen beim Bäcker zu bezahlen? Muss man eine eigene Bank betreiben und Geldwerte schöpfen, um einkaufen gehen zu können? In Deutschland sollte man endlich aufhören, sich vor Komplexität zu fürchten und Technik zu verteufeln, nur weil viele Menschen zu faul zum lernen sind. Dann könnte endlich nüchtern über Technik debattiert werden.

  • Ben

    19.11.13 (15:21:17)

    Ich finde Coin ein sehr cooles Produkt! Ich würde es testen!

  • pem

    20.11.13 (14:34:33)

    "All these cards inside my watch" :-) http://www.youtube.com/watch?v=gWimuapPCKU Finde auch nicht alles gut was da zur Zeit passiert, aber spannend ist es allemal...

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