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17.02.12

Bar-Zahlen-Startups: Zu kurz gedacht - oder?

Startups wie PayNearMe oder Bar zahlen wollen Onlineshoppern eine Möglichkeit einräumen, ihre im Netz bestellten Produkte in nahegelegenen Geschäften zu bezahlen. Das langfristige Potenzial dieser Idee muss bezweifelt werden.

 

Als Berichterstatter über die Geschehnisse in der Internet- und Startupwelt befinde ich mich in der komfortablen Lage, andere Ansprüche an junge Onlinefirmen stellen zu können, als dies für die Gründer und Investoren der Fall sein mag. Dazu gehören unter anderem der Innovationsgrad, die Einzigartigkeit der Idee oder Umsetzung sowie das Vorhandensein einer langfristigen Zukunftsperspektive.

Genau letztgenanntes Kriterium erscheint mir bei einem neuen Konzept nicht erfüllt zu sein, das momentan für einige Beachtung sorgt: Das US-Startup PayNearMe bietet Onlineshoppern eine Möglichkeit, die erworbenen Produkte in einem stationären Geschäft in ihrer Umgebung zu bezahlen. Das Unternehmen richtet sich an alle die, denen der Bezahlvorgang im Netz zu unsicher erscheint, oder denen aus Ermangelung eines Bankkontos oder einer Kredit- bzw. Geldkarte dieser nicht möglich ist.

Ganz klassisch existieren mittlerweile bereits mindestens zwei deutsche Nachahmer dieses Ansatzes, BarPay von der EZV Gesellschaft für Zahlungssysteme und Bar zahlen, ein gerade in der Entstehung befindliches Startup aus Berlin. Beide Lösungen wollen durch eine Integration in Onlineshops sowie ein dichtes Netzwerk aus Partner-Tankstellen-, -Geschäften und -Kiosken die Vorteile des E-Commerce in Haushalte bringen, bei denen bisher die Zahlungsweise eine entscheidende Hürde darstellte.

Dass es zum aktuellen Zeitpunkt eine Nachfrage nach einem derartigen System gibt, erscheint plausibel. Gerade in Deutschland sind Barzahlungen noch immer stark verbreitet, gleichzeitig herrscht eine latente Skepsis vor elektronischen Zahlungsverfahren. Die Tatsache, dass selbst große Einzelhandelsketten häufig nicht einmal Visa und Mastercard akzeptieren, sorgt bei ausländischen Besuchern immer wieder für Verwunderung. Andere Länder sind da deutlich weiter: In der Türkei kann man selbst eine Flasche Wasser mit der Kreditkarte zahlen. Auch in Skandinavien ist dies üblich.

Bargeld verschwindet

Auf der Skepsis gegenüber dem elektronischen (Online-)Zahlungsverkehr ein Geschäftsmodell aufzubauen, erscheint meines Erachtens nach sehr kurzfristig gedacht: Denn so schwer vorstellbar es für manche Verfechter der Barzahlung auch sein mag - die verbleibende Lebensdauer von Bargeld dürfte kaum länger sein als die von Printmedien, nur wird aufgrund des fehlenden wirtschaftlichen Drucks weniger über das bevorstehende Ende von Papiergeld und Münzen gesprochen.

Die im Ländervergleich hierzulande eher geringe Bereitschaft für den bargeldlosen Zahlungsverkehr ist auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen: Sicherheits- und Datenschutzbedenken, höhere Kosten für die Konsumenten (Kartengebühren, eventuelle Zuschläge und Begrenzungen bei Kartenzahlungen) sowie die fehlende Akzeptanz bei Händlern in Folge vergleichsweise hoher Gebühren gehören dazu. Doch nichts spricht dafür, dass sich diese Aspekte NICHT im Laufe der Zeit und im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung, Globalisierung und Harmonisierung zwischen Ländern abschwächen.

Die Skepsis bleibt nicht für immer

Speziell die neue NFC-Technologie könnte elektronischen Zahlungen künftig zu ungewohnter Popularität verhelfen. Große deutsche Banken experimentieren bereits mit dem kontaktlosen Zahlungsverkehr, indem sie ihre Karten mit NFC-Chips ausrüsten. Spätestens wenn Bargeld-Anhänger im Geschäft vor sich beobachten, wie bequem und schnell eine NFC-Zahlung erfolgen kann, werden sie sich gut überlegen, ob sie weiterhin mit Münzen und Scheinen hantieren wollen. Ist der Damm dann erst einmal gebrochen, erscheint auch das Bezahlen im Netz nur noch wie ein kleiner Schritt.

Erweiterung des Konzepts wird notwendig sein

Bargeld wird nicht von heute auf morgen verschwinden, und bis zu einem gewissen Grad handelt es sich beim Thema Onlinezahlungen auch um eine Generationenfrage. Anbieter wie PayNearMe, BarPay oder Bar zahlen bedienen daher für den Moment sicherlich eine Nachfrage. Wirklich langfristiges Potenzial sehe ich in der aktuellen Ausformung des Geschäftsmodells allerdings nicht. Die Dienste werden nicht um eine Erweiterung ihres Angebots herumkommen, um dem sukzessiven, garantierten Bedeutungsverlusts des Mehrwerts "Barzahlung" etwas entgegenzusetzen.

Ein spontaner Gedanke wäre, dass die Partnergeschäfte die Pakete auch entgegennehmen und Käufer erst dann - zum Beispiel auf dem Nachhauseweg - vorbeikommen, die Bestellung bezahlen und direkt mitnehmen. Das ist aus Käufersicht effizient und erspart ihnen die Vorauslage des fälligen Betrages. Der Mehraufwand für die Partner wäre aber beträchtlich, weshalb offen ist, ob sich diese Lösung realisieren lässt. Außerdem existiert das Verfahren bei der Post ja schon - es heißt Nachnahme.

Startups, deren Basis sterbende "Technologien" sind, werde ich nie verstehen können. Oder übersehe ich in diesem Fall einen entscheidenden Aspekt?

(Foto: stock.xchng/highwing)

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