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25.05.10

Banking im digitalen Zeitalter: Entschleunigung vom Echtzeitweb

Während Aktien und Informationen in Sekundenbruchteilen um die Welt reisen, brauchen Überweisungen in Europa bis zu vier Werktage. Wann folgt das Banking dem Echtzeit-Trend?

In der vergangenen Woche gab Alex Payne, ein Twitter-Entwickler der ersten Stunde, den Wechsel des Arbeitsgebers bekannt. Payne wird ab sofort für das Startup banksimple arbeiten, bei dem er als Mitbegründer auftritt. Und das ist eine sehr spannende Entwicklung. Nein, nicht so sehr die Personalie, sondern eher die Tatsache, was Payne zukünftig machen wird: nämlich nichts Geringeres, als die Bank der Zukunft aufzubauen.

banksimple hat sich zum Ziel gesetzt, eine einfachere, transparente Onlinebank aufzubauen, die ihre Kunden mit Respekt behandelt sowie auf überflüssige Zusatzdienstleistungen und versteckte Gebühren verzichtet. In einem Blogeintrag erklärt das Startup noch etwas mehr, wie es sich von der Konkurrenz unterscheiden möchte: unter anderem mit mehr Ehrlichkeit, einer hervorragenden Benutzerfreundlichkeit, besserem Kundenservice und personalisierten Finanzdienstleistungen.

banksimple will sich laut eigener Aussage vorerst auf den US-Markt konzentrieren. Das ist aber auch völlig egal, denn die US-amerikanische und europäische Bankenbranche unterscheiden sich ohnehin deutlich. In den USA ist Onlinebanking weit weniger verbreitet als in Europa, Geldtransaktionen werden noch erheblich häufiger über Schecks abgewickelt. Direktbanken mit vielen der Eigenschaften, die banksimple anstrebt, gibt es in Europa bereits.

Wichtig ist aber das Zeichen, das banksimple setzt - auch für Europäer: Die noch immer sehr traditionelle Bankenwelt muss, was das Angebot für den Endkunden betrifft, deutlich moderner werden. Und dabei geht es gar nicht nur um bessere Oberflächen und mobile Applikationen, um das Abrufen von Kontoständen, Überweisungen und anderen Bankservices jederzeit und von jedem Ort aus zu ermöglichen - hier ist mittlerweile durchaus Bewegung im Markt, wie z.B. die iPhone Apps der Deutschen Bank oder der Postbank zeigen.

Mindestens genauso großer Modernisierungsbedarf besteht im "Backoffice", am Herz des Banksystems, wo die Transaktionen durchgeführt werden.

Beispiel gefällig? Wieso ist es nach wie vor so, dass die Inlandsüberweisung zwischen zwei unterschiedlichen Bankunternehmen mindestens einen Tag dauert, während es von Bank zu Bank in der Regel innerhalb von Sekunden geht? Wieso wird eine Onlineüberweisung zu einer anderen Bank, die am Freitagabend um 18:00 Uhr abgeschickt wird, erst frühestens am Montag dem Empfänger gutgeschrieben? Wenig prickelnd ist auch der Gedanke, auf eine EU-Überweisung in eine andere Währung bis zu vier Werktage warten zu müssen.

Während Unternehmensanteile am internationalen Aktienmarkt in Sekundenbruchteilen die Besitzer wechseln und Informationen in nahezu Echtzeit rund um den Globus reisen, geschieht bei den Überweisungen und sicherlich auch bei einer Reihe anderer traditioneller Bankservices die große Entschleunigung. Statt einer automatisierten Rund-um-die-Uhr-Abfertigung müssen sich Kunden in das Korsett stationärer Öffnungzeiten quetschen lassen, fast wie wenn jede Online-Überweisung erst ausgedruckt und manuell abgestempelt werden würde.

Natürlich unterliegt die Finanzbranche nationalen und internationalen Reglementierungen und der Überweisungsprozess zwischen zwei Banken läuft über eine Zentralbank. Dennoch leuchtet es nicht ein, warum ich (theoretisch) mit zwei Geldkarten zum Automaten gehen, einen Betrag physisch abheben und über ein Einzahlungsterminal direkt in ein anderes Konto einzahlen kann, aber bei einer Onlineüberweisung mitunter das gesamte Wochenende warten muss?! Werden bei der Zentralbank und den angeschlossenen Instituten mit dem Licht auch die Server ausgeschaltet?

In anderen Teilen des Finanzsektors hat die Digitalisierung bereits für ordentlich Bewegung gesorgt . Persönliche Ausgabenplaner wie Mint oder kontoblick helfen Menschen bei ihrer Finanzplanung, bei Marktplätzen wie Prosper oder smava treffen private Geldgeber auf Kreditnehmer.

Für das Herzstück des Finanzwesen, die klassische Bank, reicht es da nicht aus, einfach das alte System mit einer neuen Vertriebsmöglichkeit (= Onlinebanking) auszustatten, aber die Prozesse genauso (langsam) abzuwickeln wie vor 10 oder 20 Jahren.

Initiativen wie banksimple in den USA oder Direktbanken in Deutschland sind somit ein wichtiger Schritt hin zu einer moderneren, kundenfreundlicheren und schnelleren Bank. Zahlungsdienstleister wie PayPal oder Moneybookers machen zusätzlich Druck, immerhin kann man auch mit ihnen Geld blitzschnell rund um die Welt schicken.

Ganz ohne klassisches Bankkonto wird sicher auch in Zukunft kein Mensch auskommen. Aber sofern sich die milliardenschweren Finanzinstitute nicht stärker an die neue Zeit anpassen und die steigenden Erwartungen der Kunden erfüllen, besteht die Gefahr, dass diese zukünftig immer mehr Prozesse an flexiblere, kompetentere und schnellere (!) Spezialisten auslagern, und nur noch das Allernötigste über ihre Hausbank regeln.

Ob es so weit kommen wird, liegt in der Hand der Banken. Und sofern die langsame Abwicklung von Überweisungen nicht in ihrem eigenen Einflussbereich liegt, sollten sie zumindest Druck auf die Verantwortlichen im europäischen Finanzsystem ausüben.

(Foto: stock.xchng)

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