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04.01.11

Baldiger Börsengang: Würdet ihr Facebook-Aktien kaufen?

Facebooks Börsengang ist nur noch eine Frage der Zeit. Das Ausnahmeunternehmen wäre ein Sonderling am Aktienmarkt.

 

In den letzten Monaten habe ich mich mehrmals dabei ertappt, wie ich darüber nachdachte, ob ich im Falle eines Facebook-Börsengangs Aktien des Social Networks erwerben würde. Das ist erwähnenswert, weil ich mich bisher noch nie am Börsengeschehen beteiligt oder Aktien gekauft habe.

Dass Facebook in den kommenden Jahren an die Börse gehen wird, ist fast unumgänglich. Selbst wenn das US-Unternehmen weiterhin "unabhängig" bleiben möchte, so scheinen die regen Aktivitäten auf dem sekundären Aktienmarkt sowie die jüngste Kapitalspritze der Investmentbank Goldman Sachs, welche die neu erworbenen Facebook-Anteile an ihre Klienten weiterverkaufen will, die Aufmerksamkeit der US-Wertpapieraufsicht SEC zu wecken. Diese gibt strikte Regeln vor, was die Eigentümerstruktur in privater Hand befindlicher Firmen betrifft, und könnte im Falle von Facebook zu dem Schluss kommen, dass das soziale Netzwerk zu viele Anteilseigener besitzt, um sich dem öffentlichen Kapitalmarkt zu entziehen.

Und selbst wenn mit den von Goldman Sachs investierten 450 Millionen Dollar einige frühe Anteilseigener und Investoren aus dem Unternehmen herausgekauft werden und damit einen persönlichen Exit vollziehen, ist klar, dass sämtliche Kapitalgeber früher oder später einen Gang an die Börse erwarten, um die hunderte Millionen Dollar, die sie in das Netzwerk gepumpt haben, irgendwann zu vergolden.

Das Börsendebüt von Facebook ist somit nur eine Zeitfrage und führt zu einigen interessanten Gedankenspielen: Es wäre eine sehr ungewöhnliche IPO.

Fast 600 Millionen Menschen sind aktive Anwender des Social Networks. Das Erreichen der Marke von einer Milliarde Usern ist angesichts des rapiden Wachstums und des heftigen Lock-In-Effekts, der bisherige Mitglieder am Wechsel zu einem (momentan ohnehin nicht existierenden) Konkurrenten hindert, ein realistisches Ziel.

Facebook gehört damit zu den sehr wenigen Marken, die sich einer weltweiten Bekanntheit erfreuen und "Konsumenten" rund um den Globus besitzen. Und im Gegensatz zu den anderen rar gesäten Firmen, die Vergleichbares erreicht haben (Coca Cola, McDonalds, Microsoft, ggf. Apple), vertreibt Facebook keine kostenpflichtigen physischen Produkte, sondern stellt eine kostenfrei zu nutzende Plattform bereit, die erst durch die Aktivität der User an Wert gewinnt - sowohl für die Anwender selbst, als auch für das soziale Netzwerk, welches die Präsenz und Aufmerksamkeit seiner Mitglieder durch Werbevermarktung und den Verkauf von Facebook Credits monetarisiert.

Ich behaupte, dass Anwender von Facebook zu dem Unternehmen eine ganz andere Haltung und Bindung haben, als dies sonst beim klassischen Anbieter-Kunden-Verhältnis der Fall ist. Während sonst einmalig Ware gegen Geld bereitgestellt wird, ist das scheinbar völlig kostenlos nutzbare Facebook für Millionen von Anwendern Teil ihres Lebens geworden - mit einer entsprechend emotionalen Bindung zu dem Service. Zudem hat jeder aktive Facebook-Anwender das Gefühl, mit seiner Aktivität und seinen Daten einen Teil zum Erfolg des Netzwerks beizutragen. Anders formuliert: Schließe ich mein Facebook-Konto, entziehe ich dem Dienst dauerhaft Wert. Kaufe ich heute anstelle einer Coca Cola lieber Saft, hätte ich nicht das Gefühl, damit dem Getränkemulti Schaden zuzufügen.

Die internationale Relevanz und Bekanntheit kombiniert mit der Intangibilität, dem Fehlen eines direkten monetären Transaktionsmodells sowie der Tatsache, dass Nutzer eine regelmäßige Interaktion mit dem Dienst durchführen und ihm von heute auf morgen sämtlichen zukünftigen Wert entziehen können, macht Facebook meines Erachtens nach zu einem absoluten Sonderling am Aktienmarkt - und gleichzeitig zu einem Kandidaten für eine neue "Volksaktie" - denn vereinfacht gesagt ist Facebook das Volk (was es gefühlsmäßig von der Google-Aktien unterscheidet).

Ob Klein-, Gelegenheits- und Neuaktionäre überhaupt die Gelegenheit erhalten werden, bei Facebook einzusteigen, kann ich nicht beurteilen (Thomas Knüwer rechnet mit einem hohen Einstiegspreis). Sollte der IPO-Preis pro Aktie auf heutigem Google- oder Apple-Niveau liegen, also im dreistelligen Bereich, wäre dies ausgeschlossen. Bei einem Startpreis im niedrigen oder mittleren zweistelligen Bereich hingegen ist vorstellbar, dass eine signifikante Zahl der aktiven, von dem Dienst überzeugten Anwender darüber nachdenken würde, sich einen Anteil an Facebook zu sichern.

Die Implikationen erscheinen vielschichtig und fast unüberschaubar. Wie zum New-Economy-Boom wären plötzlich wieder unerfahrene Spekulanten in Scharen auf dem (virtuellen) Börsenparkett zugegen. Jede Neuerung würde noch genauer von den stets sensibel auf Veränderungen reagierenden Facebook-Anwendern beobachtet werden - immerhin ginge es plötzlich um mehr als nur um neue Funktionen und das Ablegen von Gewohnheiten. Und was geschähe, wenn doch eine Abwanderung zu einem anderen Netzwerk einsetzen würde? Wie schnell wäre Facebooks Marktkapitalisierung im Keller?

Eine derartige Verquickung von Nutzern (Kunden) und Shareholdern erscheint zumindest mir sehr riskant, was Facebooks Beibehaltung von Anpassungsfähigkeit und Flexibilität sowie die Gefahr einer Abwärtsspirale aus sinkender Aktivität und sinkendem Aktienkurs betrifft.

Haltet ihr Facebook für eine potenzielle neue Volksaktie (zumindest für US-Amerikaner, wenn wir von einem Börsengang an der New Yorker Börse ausgehen)? Würdet ihr Facebook-Aktien erwerben?

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