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13.02.13 12:23

, von Martin Weigert

Balanceakt Beziehungspflege: Das komplizierte Verhältnis von Berichterstattern und Internetfirmen

Eine Studie zeigt: Journalisten stehen der Elite nahe. Teilweise zu nahe. Diese Erkenntnis lässt sich problemlos auf die Internetwirtschaft übertragen.

Journalisten der deutschen Leitmedien stehen gesellschaftlichen Eliten nahe, treffen sich mit ihnen in vertraulichen Runden und sind eng mit ihnen verzahnt. So lautet das komprimierte Ergebnis einer Studie von Uwe Krüger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Bei Telepolis findet sich ein lesenswertes Interview mit Krüger, der auf Basis seiner Untersuchung das Buch "Meinungsmacht" veröffentlicht hat. Als ich das Gespräch las, fiel mir sofort auf: Die Resultate von Krüger lassen sich in dieser Form exakt auf die Internetwirtschaft übertragen. Journalisten, Tech-Reporter und Blogger (oder wie auch immer sie sich nennen) stehen den Startups und Firmen nahe, über die sie schreiben, treffen sich mit ihnen in vertraulichen Runden und sind eng mit ihnen verflochten. Krüger erklärt im Interview unter anderem:

"Ich vermute folgendes: Journalisten mit Eliten-kompatiblen Werten und Meinungen haben höhere Chancen, Zugang zu den höchsten Kreisen zu bekommen, und die Einbindung in das Elitenmilieu verstärkt dann über die Zeit hinweg die Konformität. Das heißt auch: Journalisten mit Eliten-kompatiblen Meinungen haben bessere Chancen, Karriere zu machen, denn sie können im eigenen Haus und in der Branche mit exklusiven Informationen und hochrangigen Interviewpartnern punkten."

Intensive Beziehungen zwischen Berichterstattern und Branchenvertretern

Genau so funktionieren die Beziehungen zwischen Journalisten, Bloggern und den Onlinefirmen, über die sie berichten. Wer in den grundsätzlichen Werten und Perspektiven mit denen von Gründern, Entscheidern und Internet-Investoren übereinstimmt, hat deutlich bessere Chancen, in dieses Milieu eingebunden zu werden als derjenige, der keinerlei authentische Affinität zu Onlinethemen mitbringt. Je länger sich Reporter in den digitalen Kreisen aufhalten, Schlüsselpersonen kennenlernen, Networking betreiben und wichtige Veranstaltungen besuchen, desto tiefer dringen sie in den Kern der Branche vor, desto näher kommen sie der "Elite", also den nationalen und internationalen Netzprominenten, Seriengründern und Star-Geldgebern. Und je weiter dieser Prozess voranschreitet, desto stärker sehen sie sich einer direkten oder auch subtilen Einflussnahmen ausgesetzt. Je häufiger man gemeinsam auf Events und Parties Zeit verbringt, Bierchen trinkt und sich gegenseitig Informationen zuschiebt, desto schwieriger fällt es, in der Berichterstattung hundertprozentig der eigenen Linie treu zu bleiben. Erst recht, da nicht selten freundschaftliche Verhältnisse entstehen - immerhin ist man per du, befindet sich in einer ähnlichen Lebensphase, hat gemeinsame Interessen und teilt eine Faszination für das Internet und digitale Geschäftsmodelle.

Ich halte nun seit fast sechs Jahren die Geschehnisse in der Onlinebranche in Worten fest. Die größte Herausforderung dabei ist es tatsächlich, eine faire und auch kritische Berichterstattung sicherzustellen und parallel ein gut informiertes, kompetentes und auch vertrauenswürdiges Kontaktnetzwerk aufzubauen. Die Fähigkeit zur Beziehungspflege gehört zu den entscheidenden Qualitäten von erfolgreichen Journalisten. Doch die von Krüger offengelegten Verzahnungen zwischen den Mächtigen und denen, die ihr Handeln eigentlich kritisch beleuchten sollen, legen die Vermutung nahe, dass eine intensive Beziehungspflege automatisch zu Interessenkonflikten und zu problematischen Verflechtungen führt.

"Gib mir das und ich mache dafür das"

Auch im Tech-Business folgen die Spielregeln diesem Muster: Die Journalisten und Blogger, welche am häufigsten exklusive Nachrichten und Vorab-Meldungen zugespielt bekommen, sind zumeist die mit den besten und weitreichendsten Netzwerken. Es sind die, welche das Push & Pull in den Verhandlungen mit den Presseabteilungen und Gründern am besten beherrschen. "Du gibst mir das und ich mache dafür das". Und gewiefte PR-Experten und Medienstrategen auf Unternehmensseite kennen die Dynamiken genau und wissen, wie sie Journalisten zähmen und in verlängerte Sprachrohre der Kommunikationsabteilungen verwandeln können.

Die Liste der Versuchungen für Digital- und Gadget-Journalisten, von ihrer eigenen Linie abzuweichen, ist lang. Folgende gehören dazu:

  • Versprechen exklusiver Informationen
  • Von Startups und Branchenorganisationen durchgeführte Veranstaltungen und Parties
  • Gratis-Zugänge, Test-Gadgets und andere Privilegien, die dem Normaluser vorenthalten bleiben
  • Bezahlte Reisen zu Produktevents
  • Berufliche Kontakte, die sich im Zeitverlauf in freundschaftsähnliche Beziehungen verwandeln

Damit kein Missverständnis aufkommt: Dies sind keine Maßnahmen und Phänomene, die ich verurteile. Kein ambitionierter Journalist und Blogger kann sich vollkommen gegen derartige Entwicklungen und Situationen abschirmen. Zu groß ist bei den meisten der Ehrgeiz, eine exklusive Geschichte bringen zu wollen, zu unrealistisch erscheint der Gedanke, dies vollkommen auf eigene Faust verwirklichen zu können. Und während ich die ganze Zeit in der dritten Person schreibe, gilt alles hier Geschilderte natürlich auch für mich.

Prinzipien und persönliche Werte entscheiden

Entscheidend ist daher meines Erachtens nach vor allem eines, und das betrifft Spitzenjournalisten der renommierten Nachrichtenhäuser wie schreibende Beobachter der Webwirtschaft: Bis zu welchem Maße sie sich durch die engen, teils vertraulichen Verhältnisse zu den Vertretern der Einrichtungen, über die sie berichten, beeinflussen lassen. Wie sehr sie eigene Prinzipien und Werte über persönliche Annehmlichkeiten und die Aussicht auf noch besseren Zugang zu bestimmten Individuen stellen. Wie groß ihre Bereitschaft ist, ergiebige Connections aufs Spiel zu setzen und Konflikte auszutragen. Und wie ausgeprägt ihre Fähigkeit ist, Persönliches und Berufliches zu trennen - selbst dann, wenn ihr Gegenüber dazu nicht in der Lage ist.

Ich kenne einige Tech-Reporter, die sich über derartige Fragen wenig Gedanken machen. Speziell im Silicon Valley sind alle mit allen verzahnt, das Beziehungsgeflecht zwischen Berichterstattern, Startup-Gründern und Geldgebern ist komplex und undurchsichtig. Nicht selten betätigen sich die Blogger und Journalisten nebenbei als Business Angels oder besitzen Aktien. Mit einem Hinweis auf die Interessenbindung am Artikel-Ende ist das Problem gelöst, glauben sie.

In seinem Loblied auf den Online-Journalismus beschrieb Jan Tißler, dass heute dank des Netzes zwar jeder publizieren kann, die Herausforderung aber darin liege, gelesen zu werden. Das stimmt. Ich würde dies noch ergänzen wollen: Ab einem gewissen Ambitionsniveau liegt die Herausforderung zudem darin, den Balanceakt zwischen Kontaktpflege und Prinzipientreue zu vollziehen - ohne dabei aus dem Gleichgewicht zu kommen. Die Studie von Uwe Krüger zeigt, dass dies bereits beim "klassischen" Journalismus eine wichtige Frage darstellt. Bedenkt man nun, dass sich unter den erfolgreichsten Netzpublizisten auch viele Quereinsteiger befinden (inklusive yours truly), die sich den angemessenen Umgang mit Informanten, Informationen sowie externer Einflussnahme selbst beibringen, so wird dieses Thema im von Zeitdruck und Ressourcenmangel geprägten Online-Journalismus an Aktualität noch zunehmen. /mw

(Foto: Flickr/Victor1558CC BY 2.0)

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