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30.05.12

Badoo: Später Durchbruch, aber nicht zu spät

Badoo wächst immer schneller. Angesichts der gewählten Positionierung verwundert dies nicht: Im Gegensatz zu Facebook steht bei der Londoner Kontaktplattform vor allem eines im Vordergrund: Dating.

Erfolgsmeldungen von Diensten aus dem auf die breite Masse ausgelegten Social-Networking-Segment sind im Jahr 2012 eher eine Seltenheit - sofern sie nicht von Facebook (oder von Google) kommen. Die Eigenheit von sozialen Netzwerken, mit zunehmender Mitgliederzahl für alle Anwender attraktiver zu werden, führt zu einem Winner-Takes-It-All-Zustand, bei dem die meisten weniger bedeutenden Anbieter (die VZ-Netzwerke, wer-kennt-wen, Bebo, MySpace) sukzessive an Bedeutung verlieren. Mit einer wesentlichen Ausnahme: Badoo, eine aus London stammende Kontaktplattform, macht in letzter Zeit regelmäßig durch Wachtumsbekundungen auf sich aufmerksam.

2,3 Millionen Nutzer aus Deutschland sollen im April bei Badoo vorbeigeschaut haben - 148 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Anfang Mai erreichte der 2006 von dem Russen Andrey Andreev gegründete Dienst die Marke von 150 Millionen Mitgliedern. Laut ComScore gehört er damit zu den fünf führenden sozialen Netzwerken weltweit. Doch bei der Definition von Badoo ist Vorsicht angeraten: Denn im Gegensatz zu Facebook und dessen zahlreichen, im Laufe der Zeit verdrängten Konkurrenten sieht sich das britische Unternehmen explizit als Plattform zum Kennenlernen neuer Menschen. Kurzum: Badoo ist eine Datingplattform im Gewand eines sozialen Netzwerks und ohne das bei klassischen Flirtportalen und Partnervermittlungswebsites offen kommunizierte Versprechen, den Partner fürs Leben treffen zu können.

Badoo setzt stattdessen eher auf Unverbindlichkeit, was mit dem Slogan "Meet new people" verdeutlicht werden soll. Zu welchem Zwecke sich Anwender bei Badoo aufhalten, wird von dem Service nicht vorgegeben, wodurch er auch für die Gruppe von Nutzern an Attraktivität gewinnt, die zwar der Möglichkeit eines Onlineflirts gegenüber nicht abgeneigt ist, sich und anderen dies aber ungern eingestehen will. Wer sich bei Badoo registriert, signalisiert stattdessen einfach eine grundsätzliche Offenheit für neue Kontakte. Sollte sich aus diesen mehr ergeben, dann war dies eben Zufall.

Die Funktionalität der Site, des Desktop-Clients und der zunehmend populären mobilen Apps lassen jedoch keinen wirklichen Zweifel daran, in welche Richtung Badoo-Gründer Andreev und sein Team die Aktivitäten der Nutzer lenken möchten. Ein Großteil der Features sind auf das Flirten mit anderen Anwendern ausgelegt. Unter anderem existiert eine Funktion namens Encounters, mit der das eigene Interesse an anderen Badoo-Usern signalisiert werden kann. Diese werden darüber jedoch erst informiert, wenn sie ihrerseits ihre Bereitschaft zum Kennenlernen kenntlich gemacht haben. Kommt es auf diese Weise zu einem Match, stehen die Voraussetzungen für ein gelungenes Date nicht schlecht - denn beide Personen wissen immerhin, dass sie sich unabhängig voneinander sympathisch sind.

Was dazu geführt hat, dass Badoo sich gerade (oder erst) jetzt seinem Höhepunkt zu nähern scheint, ist unklar. Ende 2007 hatte der britische Dienst etwa zwölf Millionen Mitglieder, die meisten davon aus Ländern des romanischen Sprachraums. Die Medienpräsenz des Angebots hielt sich im Vergleich zu anderen Aufsteigern am Social-Web-Firmament bisher in Grenzen - was sich jedoch jetzt zu ändern scheint. Besonders TechCrunch berichtet seit einigen Monaten regelmäßig über aktuelle Badoo-Meilensteine.

Zum zu Beginn langsamen, aber doch kontinuierlichen Wachstum Badoos beitragen haben könnte die recht aggressive Haltung des Unternehmens in Bezug auf die Gewinnung neuer Nutzer. Unter anderem berichteten User, dass sie Mails von Badoo erhalten hätten, obwohl sie dort gar nicht registriert waren. Auch Badoos Facebook-App schoss hinsichtlich der Freiräume, die es sich gegenüber Nutzern einräumte, über das Ziel hinaus und wurde schließlich von Facebook gemaßregelt.

Beim Thema Seriosität gehört Badoo recht eindeutig nicht zu den Webdiensten mit besonders hohen ethischen Richtlinien in Bezug auf den Umgang mit seinen Nutzern. Das allerdings scheint Millionen von Badoo-Mitglieder nicht zu stören. Die Aussicht auf ein unkompliziertes, spannendes Date lässt wahrscheinlich viele Anwender über andere Bedenken hinwegsehen.

Anfang 2008 nahm die Londoner Plattform 30 Millionen Dollar Risikokapital auf . Umsätze werden über kostenpflichtige Zusatzfeatures erwirtschaftet, die Anwendern eine bessere Sichtbarkeit und erweiterte Wege zur Kontaktaufnahme mit potenziell interessanten Badoo-Nutzern einräumen. Laut Firmenchef Andreev ist das Unternehmen profitabel.

Für die nächste Zeit ist mit einem weiteren Anstieg der Mitgliederzahlen zu rechnen. Hat die Mainstreampresse erst einmal mit der Berichterstattung über einen expandieren Onlinedienst begonnen, erhöht sich dadurch traditionell die Wachstumsgeschwindigkeit noch. Erst recht, wenn in den Berichten so wirksame Schlüsselwörter wie Dating, Flirten oder Sex fallen. 2012 könnte also durchaus das große Jahr von Badoo werden.

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