19.07.13 08:30, von Martin Weigert

Austausch von Wissen und Erfahrungen: Mehr Gründer aus Deutschland sollten bloggen

Regelmäßig bloggende Startup-Gründer aus Deutschland sind eine Seltenheit. Das ist schade - für die Entrepreneure ebenso wie für die Branche!


BloggingDie Gründe dafür, wieso Menschen bloggen, sind unglaublich vielfältig. Nachteile dagegen muss man lange suchen. Sicher, persönliche Gedanken und Erfahrungen niederzuschreiben, kostet Zeit. Und wer sich ungeschickt ausdrückt oder vorschnell einen impulsiven Text publiziert, der kann sich mitunter Ärger einfangen. Davon abgesehen lässt sich wenig dagegen anführen, dass Personen mit interessanten Erlebnissen und Einsichten darüber in Blogform schreiben. Das gilt natürlich auch für Startup-Gründer. Doch speziell im deutschsprachigen Raum sind bloggende Entrepreneure eine Seltenheit. Dabei hätten sie so viel zu berichten.

Christian Reber, Gründer und CEO des Berliner Jungunternehmens 6Wunderkinder, will neue Wege gehen und hat in seinem privaten Blog christianreber.com eine Serie rund um Ratschläge und Tipps zum Starten eines eigenen Unternehmens begonnen. In mehreren Teilen will er angehenden Entrepreneuren anhand seiner eigenen Erkenntnisse und Best Practices dabei helfen, die kritische Anfangsphase eines Startups besser zu meistern, gängigen Fehlern aus dem Weg zu gehen und erfolgreich eine Firma mit einer wachsenden Mitarbeiterzahl zu führen. Ausnahmen bestätigen die Regel

Reber verhält sich mit dieser Aktion untypisch für hiesige Gründer. Dabei ist er nicht einmal ein besonders eifriger Blogger. Ganze sechs Beiträge hat er seit der Einrichtung seiner Präsenz im Sommer 2012 ins Netz gestellt. Doch das qualifiziert ihn bereits für die Speerspitze der bloggenden Startup-Macher aus dem deutschsprachigen Raum. Mit der jetzt von ihm eingeläuteten Serie wird Reber - der seit längerem weder öffentliche Aufmerksamkeit noch die damit verbundenen Anfeindungen scheut - diese Stellung verfestigen. Sein Motiv ist simpel: "Ich war schon immer darin interessiert, die Unternehmer- und Startupkultur in Berlin zu unterstützen, und mit meinen nächsten Blog Posts möchte ich mich noch mehr an junge Gründer, Entwickler und Designer wenden und sie dazu motivieren, Startups zu gründen".

Angst vor Meinungsdifferenzen und Kritik

Reber ist sich darüber im Klaren, dass er mit seinem Vorgehen aus der Reihe tanzt. Er vermutet, dass Angst eine große Rolle bei der Zurückhaltung hiesiger Tech-Entrepreneure im Bezug auf das Bloggen spielt. Der Umgang der Deutschen mit Meinungsdifferenzen, Erfolgen und Fehlern verhindere, dass sich Gründer in eigenen Blogs umfangreich zu Worten melden. "Ich habe meine Meinung oft geäußert, über Fehlschläge wie unser Wunderkit-Launch, aber auch über kritische Themen wie Unternehmen die klonen, oder Politiker die nicht ernsthaft an der Startup Szene interessiert sind. Dafür habe ich entweder Unterstützung bekommen, oder massiv einen auf den Deckel". Damit übertreibt der gebürtige Brandenburger nicht: Sein im Sommer 2011 im 6Wunderkinder-Blog veröffentlichter Anti-Copycat-Appell sorgte zwar für viel Beachtung, aber auch für heftige Kritik aus der Branche. Reber hält es für wichtig, dass sich sowohl Unternehmen als auch die Gründer selbst international positionieren und ihre "eigene DNA" und ihren eigenen Stil entwickeln. Blogs helfen dabei. Voraussetzung, dass sich mehr Chefs von Jungfirmen hinter die Tastaturen klemmen, sei jedoch ein offenerer Umgang mit Kritik und eine größere Kritikbereitschaft.

Zeitmangel verhindert Kontinuität

Besonders rar gesät sind Gründer, die in regelmäßigen Abständen Einblicke in ihren Alltag als Firmenlenker geben und dabei über ein breites Publikum und eine große Reichweite verfügen. Bekannte unternehmerische Köpfe der Branche wie Stephan Uhrenbacher oder Ibrahim Evsan veröffentlichen zwar gelegentlich ihre Sichtweisen und Learnings in eigenen Blogs. Auf Kontinuität jedoch können sich Interessiere nicht verlassen. Uhrenbacher, der unter anderem Qype und 9flats an den Start brachte, versteht es auch, wenn Kollegen gänzlich auf eine derartiges Kommunikationsmittel verzichten. Wenn er unter Strom stehe sei er zu beschäftigt, um zu bloggen, weshalb seine Beiträge sehr unregelmäßig erscheinen. Am Nutzen des netzbasierten Schreibens zweifelt er jedoch nicht. Ihm helfen seine Blogbeiträge, die Gedanken zu ordnen. Außerdem mache es ihm Spaß, die eigenen Erfahrungen weiterzugeben. Sein Blog brachte ihn auf den Geschmack, nun würde er am liebsten ein Buch über Startup Management schreiben. Hätte er die Zeit dafür.

Uhrenbacher liest vorrangig Blogs von US-amerikanischen Entrepreneuren - sofern sie nicht den Fehler begehen und zu sehr für sich selbst werben. Auch Christian Reber verfolgt nicht zuletzt aus Ermangelung an bloggenden Startup-CEOs aus Deutschland vor allem Gründerblogs aus den USA. Zu seinen Favoriten gehören Buffer-Gründer Joel Gascoigne, Sparrow-Gründer Dom Leca, App.net-Gründer Dalton Caldwell und Fab.com-Gründer Jason Goldberg.

Auch wenn die Gründer- und Chefverpflichtungen immer vorgehen werden: Vielleicht hat ja Christian Rebers Blogserie den Nebeneffekt, dass sich mehr seiner Branchenkollegen dazu animiert fühlen, ebenfalls den ein oder anderen Erfahrungsbericht in Textform zu gießen und in einem Blog zu veröffentlichen. Für sich selbst und die Branche.

Falls ihr Empfehlungen für Blogs von Gründern habt, freuen wir uns über entsprechende Hinweise. /mw

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Kommentare: Austausch von Wissen und Erfahrungen: Mehr Gründer aus Deutschland sollten bloggen

Ich kann nur bestätigen, was z. B. Uhrenbacher behauptet. Bloggen frisst Zeit und ist teils Stress. Wir haben dies bei uns allerdings so gelöst, das wir die Arbeit aufteilen. Das Bloggen wird dadurch integraler Bestandteil der Arbeit. Als Marketing-Faktor ist dies nicht zu unterschätzen.

Diese Nachricht wurde von Philip am 19.07.13 (13:12:06) kommentiert.

Der Austausch von Wissen und Erfahrung zwischen Gründern in öffentlichen Blogs ist für Wettbewerber sicher hochinteressant. Dass regelmäßig bloggende Startup-Gründer aus Deutschland eine Seltenheit sind, ist daher nachvollziehbar.

Diese Nachricht wurde von Lutz Breunig am 19.07.13 (18:48:38) kommentiert.

Genau dies ist die typisch deutsche Mentalität, möglichst alles für sich im stillen Kämmerlein zu machen und anderen keine Vorteile aus dem eigenen Know-how zu gönnen. Der Gedanke, dass man beim Teilen von Wissen insgesamt, branchenübergreifend, deutlich weiter kommt, als wenn jeder seine Learnings hütet wie Staatsgeheimnisse, scheint da vielen gar nicht zu kommen.

Diese Nachricht wurde von Martin Weigert am 19.07.13 (19:25:56) kommentiert.

Will nicht wissen, wie viele Startups einsetzen, die Google unter freier Lizenz veröffentlicht oder massiv (finanziell und mit Entwicklern) gefördert hat. Ich frage mich auch, wie Red Hat so erfolgreich sein kann? Das Unternehmen lebt von freier Software, und in deren Entwicklung ist die Devise meist das Gegenteil von "wir müssen so viel verheimlichen wie möglich"! Mag sein, dass davon Fremdunternehmen profitieren, aber von deren Weiterentwicklungen kann sich wiederum Red Hat etwas abschauen. Schau dir mal den Erfolg von Android an und überlege dir, ob es sich für Google gelohnt hat, fleißig Kernel-Commits zu machen. Schau dir Chrome an und überlege dir, ob es sinnvoll war, das freie Webkit zu fördern (welches übrigens seinen Ursprung bei Apple hat). Sharing ist Innovation. Das verstehen die Amerikaner leider besser als die Deutschen. Steckt sicher auch viel Ego mit drin, "Ich" habe es erfunden, "Ich" will es behalten! Selbst wenn der Austausch auch zum eigenen Vorteil gereicht hätte...

Diese Nachricht wurde von George am 19.07.13 (22:33:27) kommentiert.

Win-Win ist ein sehr guter Ansatz, der das Teilen von Wissen und Markterfolg zum Prinzip hat. Nur - die Partner sollte man schon selektieren .... Ausserdem: Die meisten Branchen sind nicht zimperlich gegenüber Plagiatoren oder Innovatoren, die - zutreffend oder nicht - Patente verletzen oder den Markt verändern könnten. Hier ein sehr schönes und aktuelles Beispiel aus der Automobilindustrie: "Öldialyse für Fahrzeuge" http://servicereport.eu/oel-dialyse-markteinfuehrung/

Diese Nachricht wurde von Lutz Breunig am 20.07.13 (18:16:48) kommentiert.

Was mich immer wieder bremst: Soll ich wirklich über Challenges und deren Bewältigung schreiben, wenn der (potentielle) Kunde mitliest? Es gibt Dinge, die für andere Gründer und Startups wahrscheinlich spannend wären, die ich aber nicht unbedingt jedem unter die Nase reiben will.

Diese Nachricht wurde von sprain am 22.07.13 (22:38:46) kommentiert.

Bitte nicht die Jimdo Jungs vergessen, die bloggen schon eine ganze Weile und machen da nicht so einen Gral daraus wie die 6W. http://www.3founders.com/

Diese Nachricht wurde von Andy am 23.07.13 (10:09:37) kommentiert.

Danke, ja hatte ich ganz vergessen. Vielleicht sollten sie einen Gral daraus machen ;)

Diese Nachricht wurde von Martin Weigert am 23.07.13 (16:28:16) kommentiert.

bootstrapping.me von Fabian Westerheide finde ich sehr lesenswert!

Diese Nachricht wurde von Ben am 28.08.13 (14:34:17) kommentiert.
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