<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

10.04.12Leser-Kommentare

Augmented-Reality-Brillen: Manifestation der Macht

Mit der Augmented-Reality-Brille “Project Glass" präsentiert Google eine potenziell bahnbrechende Innovation. Die Konkurrenz dürfte nachziehen. Doch derartige Erweiterungen der Ökosysteme der Netzgiganten sind auch eine Manifestation ihrer Macht.

 

In der vergangenen Woche hat Google seinen Desigentwurf einer Augmented-Reality-Brille vorgestellt. “Project Glass" ist eine Sehhilfe mit mobiler Internetverbindung, die nicht Fehler der Augen korrigiert, sondern orts- und situationsbezogene Informationen auf der Innenseite eines Glases anzeigt und mit Sprachbefehlen gesteuert wird.

Wann und ob Project Glass in der von dem Internetkonzern präsentierten Form auf den Markt kommt, bleibt vorerst ebenso offen wie die Frage, ob es sich bei der futuristischen Brille tatsächlich um ein Produkt handelt, mit dem sich auch Durchschnittskonsumenten auf der Straße blicken lassen würden. Immerhin müssen hier von Google auch ästhetische und modische Hürden überwunden werden, ehe sich Menschen freiwillig (und ohne Not) ein Brillengestell im Star-Trek-Outfit auf die Nase setzen.

Solche Risiken sind jedoch immer Teil der Verwirklichung von bahnbrechenden Innovationen. Und um eine derartige handelt es sich bei Project Glass - nicht nur aufgrund der funktionellen Vorzüge für Anwender, die mit Project Glass idealerweise gar kein Smartphone mehr benötigen würden, sondern auch hinsichtlich der strategischen Erweiterung des Google-Ökosystems. Denn bevorzugt wird Project Glass seine Informationen aus Google-Diensten beziehen und mit diesen interagieren.

Doch eine smarte, mit dem Netz verbundene Brille von einem der führenden Internetkonzerne zeigt auch einmal wieder auf, wie sich die digitale Welt in den nächsten Monaten und Jahren durch ihre rapide fortschreitenden technischen Errungenschaften auf einen kritischen Punkt zubewegt, an dem eine Handvoll Unternehmen mehr Macht besitzen als jede Firma zuvor, und mitunter mehr als jede Regierung dieses Planeten.

Google-Konkurrenten könnten nachziehen

Es geht an dieser Stelle nicht um Google. Sollte Project Glass bei Konsumenten zu einem Hit avancieren, werden die anderen vier Vertreter der "Big Five" - Apple, Facebook, Amazon und Microsoft - mit ähnlichen oder abgewandelten Lösungen nachziehen. Intelligente Always-On-Geräte, die im Gegensatz zu Mobiltelefonen nicht extra im Bedarfsfall aus der Tasche geholt werden müssen, und die dank eingebauter Kamera gleichzeitig alles sehen, was die Benutzer auch sehen, stellen eine logische Evolution der bisherigen vernetzten Hardware-Typen dar.

Auch bezieht sich dieser Beitrag nicht auf Implikationen für den Datenschutz und vorstellbare Gefahren, die ein Produkt wie Project Glass mit sich bringen würde. Eine stetige Erweiterung des menschlichen Sichtfelds um Augmented Reality - egal ob in der von Google konzipierten Form, mittels Kontaktlinsen oder über einen ins Gehirn implantierten Chip (ja, das wird noch dauern) - regt nicht nur die Fantasie von Science-Fiction-Freunden an, sondern könnte die Digitalisierung auf ein völlig neues, bisher nicht gekanntes und vielseitig nützliches Niveau heben. Wer ausschließlich den Bedenkenträger spielt, wird kaum in der Lage sein, das theoretische Potenzial zu erkennen und damit eine unvoreingenommene Abwägung von Vor- und Nachteilen durchzuführen.

Nein, es geht darum, dass der in alle Bereiche unseres Lebens vordringende technischen Fortschritt von sehr wenigen, sehr mächtigen, international agierenden Firmen vorangetrieben wird, und dass eigentlich nur diese fähig sind, aufgrund ihrer einzigartigen Kombination aus finanziellen und personellen Ressourcen, weitreichendem Know-how und bereits etablierten Ökosystemen ein Unterfangen wie Project Glass zur Marktreife zu bringen und Millionen von Menschen schmackhaft zu machen.

Vielleicht könnte eine ähnliche Augmented-Reality-Brille auch von einem Garagen-Startup entwickelt werden. Doch sobald ein solches Gerät Anzeichen für den Status eines Verkaufsschlagers erkennen lässt, würden sich die Big Five mit Übernahmeangeboten nur so überbieten. Dass Gründer (und ihre Investoren) ein Milliardenangebot ablehnen, ist bekanntlich eher die Ausnahme.

Die Problematik der globalen Dominanz einiger weniger IT- und Internetfirmen hatten wir schon häufiger beleuchtet, unter anderem mit Fokus auf Social Networking und Walled Gardens sowie die lokale Medienbranche.

Machtkonzentration

Angenommen, in einigen Jahren gehören zumindest in Industrieländern Personen mit Augmented-Reality-Brillen der führenden Webkonzerne, die direkt ins jeweilige Ökosystem des Anbieters integriert sind, zum gewöhnlichen Straßenbild - es würde den Einfluss dieser Unternehmen nochmals manifestieren. Sie hätten ihre Augen damit endgültig überall.

In früheren Jahrzehnten dominierten die größten Konzerne der Welt jeweils einzelne Industrien. Doch die Software- und/oder Hardware-Angebote der Big Five des Consumer Internets werden mittlerweile dazu genutzt, Revolutionen zu organisieren, Demokratien zu errichten und eingestaubte, nicht mehr zeitgemäße Wirtschaftszweige überflüssig zu machen. All das ist zumeist positiv, verdeutlicht aber den enormen Einfluss, den die Dienste und Produkte der führenden IT- und Web-Firmen mittlerweile besitzen. Verteilt sich Macht auf zu wenige Schultern, dann steckt darin grundsätzlich ein potenzielles Risiko. Erst recht, wenn wir über den Markt für globale Information und Kommunikation sprechen - ohne den im Prinzip nichts mehr funktioniert.

Es wäre toll, wenn in einigen Jahren ein Gadget im Stile von Project Glass seinen Durchbruch erleben würde, aber begrüßenswert, käme dies von einem unabhängigen Anbieter und nicht von den tonangebenden IT-Riesen. Doch das ist sehr unwahrscheinlich.

Realistische Alternativen fehlen

Die Chance, dass ein Startup ein derartiges Projekt aufzieht und nicht eines Tages von einem der Netzgiganten geschluckt wird, ist wie beschrieben gering. Andere Smartphone- und Hardware-Hersteller kämen zwar als Anbieter in Frage, aber würden wahrscheinlich auf die Unterstützung der führenden Netz- und OS-Firmen zurückgreifen wollen, um ein für Anwender attraktives Software-, Social- und Informationsangebot anbieten zu können. Noch weniger realistisch erscheint ein von der Open-Source-Community getriebenes Projekt - selbst wenn eine Augmented-Reality-Brille, die vollkommen "offen" ist und mit beliebigen Internetdiensten verbunden werden kann, ohne dabei in irgendeiner Form einen der Big Player zu bevorteilen, aus dem Gesichtspunkt der Verhinderung einer Machtkonzentration zu bevorzugen wäre.

Staatliche Eingriffe wiederum erscheinen auch nicht wie eine angemessene Maßnahme. Selbst wenn sich die Webgrößen immer stärker in allen denkbaren Lebensbereichen festsetzen und mit AR-Brillen allernorts Augen bekommen, ist ein Großteil des Erfolgs der Unternehmen auf ihre Innovations- und Experimentierfreude zurückzuführen und auf völlig legitimen Wegen erreicht worden - auch den Winner-Takes-It-All-Tendenzen des digitalen Wirtschaftsraums sei Dank. Hier regulatorisch einzuschreiten, würde bedeuten, zukunftsträchtige, innovative Produkte und clevere Geschäftsmodelle zu bestrafen.

Der Vorstoß von Google und die zu erwartenden Gegenmaßnahmen der Konkurrenten werden die Debatte um die Konzentration der Macht im Digitalen neu entfachen. Eine Lösung für dieses Problem zeichnet sich jedoch nicht ab, weshalb sich die Diskussion wie so oft primär um Plattitüden, Populismus und Ideologien drehen wird. Vielleicht wäre am besten, diesen neuen Zustand der inoffiziellen Weltherrschaft durch einige wenige Digitalfirmen einfach zu akzeptieren. So wirklich wohl ist zumindest mir dabei aufgrund der bekannten Risiken von beherrschenden Marktpositionen nicht - besonders, weil diese hierbei schleichend und mitunter vom Kartellrecht unbemerkt entsteht.

Doch wenn es keine Alternativen gibt - was sind dann die Alternativen?

Kommentare

  • schrotie

    10.04.12 (09:53:16)

    Die Alternative ist Informationsfreiheit. Wenn wir als Gesellschaft nicht in eine Dystopie geraten wollen, wie sie Cyberpunk Autoren schon seit dreißig Jahren illustrieren, müssen wir uns von der Monopolisierung von Information verabschieden.

  • Martin Weigert

    10.04.12 (10:23:17)

    Das sagt sich so leicht. Aber wie?

  • Chris

    10.04.12 (11:04:42)

    "Wie" ist sicher nicht leicht zu beantworten. In den besagten Cyberpunk/Near-Sci-Fi-Roman regelt es sich von selbst, "Dezentralisierung" ist da das Stichwort. Die fliegenden Drohnen der Piratenbucht könntet einen Anfang dieser Entwicklung sein; zumindest aber auf den Open-Source-Gedanken aufbauen. Wir brauchen schlicht noch mehr Anarchismus im Netz, und ganz eindeutig KEINE weiteren - informationsflusshinderlichen - Gesetzte oder Regularien, die keiner versteht, und die nur ganz wenigen nutzen. Es ist halt immer das Gleiche: Technik überrollt uns; wir rappeln uns wieder auf, rollen zurück und überlegen DANN was eigentlich passiert ist. Es wäre halt zu schön, wenn wir hier bei dieser einen Sache mal "etwas Weitsicht" beweisen würden. Wo sind die Ethiker, Futuristen und Philosophen? Sitzen die in den entscheidenden Stellen der Politik oder der "big 5"? Ich denke nicht. Ich denke es bleibt mal wieder dem Volk/den Konsumenten überlassen, sich zu empören, so ne Brille zu nutzen, die sowas (wie in dem betreffenden Video) zwar technisch kann, aber längst nicht so eingesetzt werden muss, wie es sich die fünf in ihren kühnsten Datensammel-Träumen ausmahlen. Das wird ne spannende Zeit, die nächsten 10 Jahre, und ich freu mich drauf. Und an "Ads" oder "DRM" sind wir doch auch immer IRGENDWIE dran vorbeigeschifft. Ich plädiere hier für: Die Zukunft kommt eh, und Skynet ist nun auch noch nicht so wirklich absehbar. Nur die Ruhe, etwas wenige Populismus und kapitalistische Geldgeierei, und alles wird gut.

  • Michael

    10.04.12 (11:43:37)

    Ohne Konzentration von Manpower in großen Unternehmen wie Microsoft, Google, Apple, Samsung usw. würde die Innovationsentwicklung viel langsamer verlaufen. Solche Datennbrille schaffen nur Datenriesen. Diese Vorteile gibt's halt nicht ohne gewisse Risiken.

  • synonymik

    10.04.12 (14:32:03)

    Das Problem ist nicht die Brille oder die Technologie dahinter, sondern lediglich unser eigenes System. Wir handeln und agieren seit der Einführung des Geldes extrem primitiv miteinander und lassen es zu das der grossteil der Menschen ausgebeutet wird. Nicht nur die Natur und Tiere, nein, sogar wir Menschen werden Danke des GEldsystems systematisch ausgebeutet und nur wenn wir dieses doch recht primitive GEldsystem überwinden können, erst dann kann sich der Mensch tatsächlich frei entwickeln, zuvor ist das nicht möglich und wird es auch nicht möglich sein. Ich denke aber das genau das Internet dazu beitragen wird, das wir das GEldssytem überwinden können um auf BAsis eines kollektiven Handels zu einem freien GEsellschaftsystem kommen werden, wo es kein Geld und auch keine Credits mehr bedarf um miteinander in voller Freiheit zu leben. Das sollte uns zu denken geben und nicht neue Innovation, die kommen immer und gehen wieder, wir entwickeln uns technologisch eben immer weiter, wenn auch nur extrem langsam, aber das ist eben die Natur des GEldsystems, da dauert alles immer solange. Ohne Geld würden wir schon viel weiter sein, aber um das zu verstehen, muss man sich schon sehr mit der Materie beschäftigen.

  • EO von Waterbrunn

    10.04.12 (15:25:00)

    Die Alternative ist die analoge Realität - benutzt diese Gadgets nicht - es ist ganz einfach! Statt ein ums andere Mal Belanglosigkeiten zu twittern, lerne Kalligraphie und male einen sinnhaften Satz in schönster Handschrift. Stell dir vor, mitten im Ruhrpott fällt dein Navi aus, du weißt nicht wo du bist, du weißt nicht wo dein Ziel liegt, und dann? Du verlagerst dein ganzes Wissen in die Cloud und stehst hilflos da, weil du keinen Kontakt zum Internet hast. Und wenn dieser ganze technologische Schnickschnack tatsächlich so alternativlos ist, wie sind die Leute, die das alles entwickelt haben, OHNE solche Hilfsmittel ausgekommen? Die haben selbst gedacht und hatten alles, was sie brauchten im eigenen Kopf! EO

  • Martin Weigert

    10.04.12 (15:27:30)

    Das Streben nach Fortschritt liegt im menschlichen Naturell. Insofern ist ein Appell an die Nicht-Nutzung neuer Technologien imo keine realistische Alternative.

  • schrotie

    10.04.12 (16:40:23)

    Formal ist der Schritt trivial, man muss "nur" die entsprechenden Gesetze streichen. Der formale Schritt würde allerdings vermutlich zu einem Zusammenbruch des Wirtschaftssystems führen und da liegt natürlich das eigentliche Problem. Die Frage "aber wie" zielt also auf den Umbau der Wirtschaft. Es gibt bereits reichlich Beispiele, wie Unternehmen fast aller Sparten Geschäftsmodelle ohne Informations-Monopolisierung etablieren. Von den "Big Five" hängen bereits drei nicht überwiegend von Informationsmonopolen ab: Amazon, Facebook und Google leben hauptsächlich von ihrer Vernetzung sowie physischen und personellen Infrastruktur, nicht von Informationsmonopolen, auch wenn sie die natürlich gerne mitnehmen wo es geht. Somit ist im Prinzip auch die Frage danach geklärt, wie das Ziel aussehen kann. Es bleiben zwei Fragen: 1. Wie erreicht man einen graduellen Umbau der Wirtschaft? 2. Wie lässt sich der politische Wille zur Umsetzung generieren? Das erste ist eine technische Frage. Ohne mich mit Details beschäftigt zu habe lässt sich gefahrlos fest stellen, dass folgende Konzepte Teil der Antwort sind: Übergangsfristen, Anreizprogramme, öffentliche Nachfrage. Da gehört sicher sehr viel mehr dazu, aber es scheint mir absolut lösbar. Das zweite Problem, politische Willensbildung, ist kaum lösbar, jedenfalls nicht mittelfristig. Es scheint mir unwahrscheinlich, dass sich in den nächsten zwanzig Jahren das Bewusstsein der Führungseliten aus Politik und Wirtschaft so ändert, dass die überkommenen Informationswirtschafts-Konzepte aufgegeben werden. Wenn die heute bis 30-Jährigen an die Macht kommen - also in c.a. 20 Jahren - mag sich das ändern, aber das wäre sehr spät. Ich glaube daher, dass es sinnvoll ist, supranationale Organisationen innerhalb des bestehenden Systems zu bilden. Diese Organisationen evaluieren und etablieren alternative gesellschaftliche Organisationsformen und ergänzen zunächst die Funktion der historischen Nationalstaaten (z.B. durch ergänzende Sozial- und Gesundheitsversicherungen). Alternative Organisationsformen betreffen Wirtschaft aber insbesondere auch innerorganisatorische Entscheidungsfindung, also Alternativen zur repräsentativen Demokratie. Nach und nach können solche Organisationen später anfangen die Funktionen der historischen Nationalstaaten zu übernehmen und auch neue Konzepte wie Informationsfreiheit zu evaluieren. Auch für solche Organisationen gibt es Beispiele, wie Gnu, Wikimedia und Avaaz. Die haben natürlich jeweils sehr konkrete Ziele und nicht das Ziel, die Gesellschaft grundlegend zu reformieren. Doch sind sie meiner Ansicht nach Bausteine und Blaupausen genau dazu.

  • EO von Waterbrunn

    10.04.12 (20:10:42)

    Wo ist der "Fortschritt", wenn das Ziel des Anbieters dieser "innovativen" Technologie in einer Abofalle für den Nutzer besteht? Wer hat den höheren Nutzen? Ist es nicht so, dass Überwachungstechnologien als Fortschritt verkauft werden, vom Konsumenten finanziert, ihm ein kleiner, privater Nutzen zugestanden wird, das Ganze aber in die Abhängigkeit führt? Die Verwaltungsprobleme der meisten Menschen lassen sich mit einem kleinen Karteikasten lösen (analoge Technologie, die ohne Strom auskommt) und der selbst erzeugte Inhalt an WICHTIGEN Daten passt auf einen 128 MB USB-Stick. Also, wo ist der Fortschritt?

  • Martin Weigert

    10.04.12 (21:01:44)

    Jeder definiert anders, was für ihn/sie Fortschritt ist.

  • Tai

    10.04.12 (23:41:31)

    Zitat: Immerhin müssen hier von Google auch ästhetische und modische Hürden überwunden werden, ehe sich Menschen freiwillig (und ohne Not) ein Brillengestell im Star-Trek-Outfit auf die Nase setzen. Zitat Ende Ich kenne einige, die ohne Not mit Dödeln an den Ohren rumlaufen auf denen sie ihre Telefonate empfangen. Schlimmer als das (im ästhetischen Sinn) kann's gar nicht werden. Die Brille finde ich fast schon chic.

  • Martin Weigert

    11.04.12 (08:37:30)

    Stimmt. Aber ob Google diesen Personentyp als Zielgruppe anvisiert? ;)

  • Rob Zen - Twitter

    11.04.12 (23:12:04)

    Zuerst muss ich Martin etwas in Schutz nehmen, schließlich ist er ein TechBlogger und dementsprechend offen für jegliche neuen Technologien. Aber trotzdem sollten auch diese Menschen mal über den Tellerrand blicken und ihre Technik-Sichtweise kurz verlassen. Dann erkennt man, dass Aussagen wie "Insofern ist ein Appell an die Nicht-Nutzung neuer Technologien imo keine realistische Alternative." vollkommen falsch sind. Natürlich ist das eine realistische Alternative! Wie sonst kann man sich das in den letzten Jahren aufkommende Bedürfnis nach Entschleunigung und Einfachheit des Lebens erklären? Mag sein dass diese Themen nicht so sehr im Bewusstsein eines technologiefreundlichen Menschen verankert sind. Doch mir begegnen diese Begriffe immer wieder: In den Bestsellerlisten der Bücherei, in den Magazinen von GEO, Focus, Spiegel, in Dokumentaionen im Fernsehen,... überall höre ich die Schlagworte "Entschleunigung", "Einfachheit", "Genügsamkeit", etc.. Insofern ist ein Appell an die Nicht-Nutzung neuer Technologien sehr wohl eine realistische Alternative. Mann muss aber auch mal seine eigene beschränkte Sicht verlassen und das Große Ganze betrachten, fernab der Liebe zu Technologie & Fortschritt. Martin, du hast weiter oben in einem Kommentar geschrieben: "Jeder definiert anders, was für ihn/sie Fortschritt ist." Das ist richtig. Daher will ich nachfolgend mal drei große Denker zitieren und mich meiner eigenen bescheidenen Meinung enthalten: "Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt." ~Albert Einstein "Ist es ein Fortschritt, wenn ein Kannibale Messer und Gabel benutzt?" ~Stanislaw Jerzy Lec "Das größte Problem mit den Fortschritt ist - auch die Nachteile entwickeln sich weiter." ~Ernst Ferstl Und obwohl ich weiß dass es ebenfalls auch positive Zitate zum Thema Fortschritt gibt, hoffe ich mit meinem Kommentar aufgezeigt zu haben dass es sehr wohl einen alternativen Weg gibt und wir das immer schneller drehende Hamsterrad sehr wohl verlassen können. Wir müssen es nur wollen. Viele Grüße, Rob Zen

  • Martin Weigert

    12.04.12 (06:12:29)

    Das ganze Entschleunigungsgerede ist nicht wirklich ein Zeichen dafür, dass der Mensch den Fortschritt bremst, sondern eine Wunschvorstellung einzelner (ich sage nicht, dass sie nicht sinnvoll wäre). Du schreibst, wir müssen es nur wollen. Einzelne Menschen können sich ab und an dem Fortschritt verweigern. Aber in Kollektiv hat sich der Mensch noch zu keinem Zeitpunkt seiner Existenz gegen den Fortschritt gestämmt. Dafür ist er nicht geschaffen, selbst wenn er damit ins Verderben rennt.

  • Martin Weigert

    12.04.12 (06:48:23)

    Nachtrag: Lesetipp dazu: What Technology Wants von Kevin Kelly. In dem Buch belegt er, dass sich Technologie wie ein Organismus weiterentwickelt und in seiner Evolution nicht zu stoppen ist. Teilweise beängstigend aber auch faszinierend.

  • Rob Zen - Twitter

    12.04.12 (07:07:15)

    Es ist trotzdem kein Grund die Flinte ins Korn zu werfen und sich der fortschreitenden Technologie zu beugen nur "weil es schon immer so war". In meinem Bekanntenkreis habe ich mittlerweile 4 Personen die ihr Smartphone abgeschafft haben da sie nicht dauernd das omnipotente Netz mit sich tragen wollen. Mag sein dass jetzt 4 Personen nicht gerade viel ist und mag auch sein dass mein Bekanntenkreis nicht repräsentativ für die Allgemeinheit ist, aber: "Was kümmern mich die anderen?" Ich muss mich doch nicht immer nach der Masse richten. Diese Menschen haben entschieden Ruhe in ihr Leben zu bringen und das ist auch gut so. Für diese Menschen ist es nicht bloß beim Entschleunigungs-"Gerede" geblieben. Sie sind das beste Beispiel dafür dass man sich sehr wohl von der Masse abkoppeln kann und im Endeffekt dadurch mit einem ruhigeren Leben profitiert. (Ja, ich weiß, auch die Ruhe ist nicht für jeden Menschen erstrebenswert. Es soll ja Leute geben die permanent irgendeinen Informations-Input brauchen.. Das muss dann jeder selbst für sich entscheiden) Um mal wieder den Bezug zu deinem Artikel herzustellen und der Frage wie wir mit solchen Technologien in Zukunft umgehen werden: Ja, diese Brille und die damit verbundene Technologie wird sich durchsetzen, da bin ich mir sicher. Aber trotzdem hat jeder Einzelne von uns selbst die Wahl sowas zu nutzen oder nicht, unabhängig davon was die Masse nun macht. Das muss jeder selbst für sich entscheiden. Es soll mir bloß keiner sagen "Ich hatte keine andere Wahl". Denn die hat jeder. Immer. Viele Grüße, Robert PS: Danke für den Lesetipp. Habe in der Tat auch schon öfter von diesem Buch gehört. Werde es mir wohl jetzt endlich kaufen.

  • Martin Weigert

    12.04.12 (07:10:56)

    Da hast du recht. Aber Wahlmöglichkeiten sind immer durch sozialen und gesellschaftlichen Druck eingeschränkt. Wenn erst einmal jeder zweite eine solche Brille aufhat, ist es auf Dauer deutlich schwieriger, Widerstand zu leisten. Bewusste, dauerhafte Nicht-Inanspruchnahme eines Produkts/ einer Technologie ist leicht, wenn es sich um eine Neuheit handelt. Je mehr Menschen jedoch von dieser Gebrauch machen, desto eiserner muss man sich dagegen stämmen. Und desto geringer ist die Zahl derjenigen, die dies fertigbringen.

  • Rob Zen - Twitter

    12.04.12 (08:15:54)

    Vollkommen richtig. Dazu bedarf es in der Tat starker Persönlichkeiten die sich dem Gruppenzwang nicht beugen.

  • Musenrössle

    12.04.12 (19:30:28)

    Tscha... Big Google is watching you! ;-) Demnächst auch in ihrer Republik. Ich glaube ich konvertiere dann zum Islam - in 30 Jahren ist Deutschland sowieso islamisch ;-) - da ist die datenschutzfreundliche Burka schon inclusive. ;-)

  • EO von Waterbrunn

    17.04.12 (10:39:45)

    Das Ziel der Entwicklung ist die "need to know-Gesellschaft", jeder weiß nur so viel, wie er zum Erfüllen seiner aktuellen Aufgabe benötigt. Ein Erfüllungsgehilfe, der es gelernt hat sich blind auf seine Datenbrille zu verlassen, ist ein nützlicher Idiot und wenn man ihn nicht mehr braucht, wird sein Datenkanal abgeschaltet. Dann findet er nicht mehr nach Hause und strandet alleine in der Großstadt. Diese Methode wird zur Zeit bei militärischen Sonderkommandos eingesetzt. Mit der Datenbrille wird dieses "Werkzeug" nun der zivilen Nutzung zur Verfügung gestellt. Es stellt sich also die Frage, ob Werkzeuge, die in erster Linie dem Erfolg globaler Konzerne dienen und die Bürger in größte Abhängigkeit bringen wirklich ein Fortschritt und "alternativlos" sind. Gruß, EO

  • Martin Weigert

    17.04.12 (10:44:11)

    Diese Frage ist berechtigt. Aber imo eine noch relevantere Frage wäre: Wie soll sich eine derartige Entwicklung stoppen lassen, wenn der Mensch im Kollektiv die Tendenz hat, auch nach dem Fortschritt zu streben, der ihm am Ende eher schadet. (denn eigentlich hätte man auch die Entwicklung der Atombombe gar nicht erst zulassen sollen - trotzdem ist sie entstanden - ohne dass ich hier AR-Brillen mit Atombomben vergleiche).

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer