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10.04.12

Augmented-Reality-Brillen: Manifestation der Macht

Mit der Augmented-Reality-Brille “Project Glass" präsentiert Google eine potenziell bahnbrechende Innovation. Die Konkurrenz dürfte nachziehen. Doch derartige Erweiterungen der Ökosysteme der Netzgiganten sind auch eine Manifestation ihrer Macht.

 

In der vergangenen Woche hat Google seinen Desigentwurf einer Augmented-Reality-Brille vorgestellt. “Project Glass" ist eine Sehhilfe mit mobiler Internetverbindung, die nicht Fehler der Augen korrigiert, sondern orts- und situationsbezogene Informationen auf der Innenseite eines Glases anzeigt und mit Sprachbefehlen gesteuert wird.

Wann und ob Project Glass in der von dem Internetkonzern präsentierten Form auf den Markt kommt, bleibt vorerst ebenso offen wie die Frage, ob es sich bei der futuristischen Brille tatsächlich um ein Produkt handelt, mit dem sich auch Durchschnittskonsumenten auf der Straße blicken lassen würden. Immerhin müssen hier von Google auch ästhetische und modische Hürden überwunden werden, ehe sich Menschen freiwillig (und ohne Not) ein Brillengestell im Star-Trek-Outfit auf die Nase setzen.

Solche Risiken sind jedoch immer Teil der Verwirklichung von bahnbrechenden Innovationen. Und um eine derartige handelt es sich bei Project Glass - nicht nur aufgrund der funktionellen Vorzüge für Anwender, die mit Project Glass idealerweise gar kein Smartphone mehr benötigen würden, sondern auch hinsichtlich der strategischen Erweiterung des Google-Ökosystems. Denn bevorzugt wird Project Glass seine Informationen aus Google-Diensten beziehen und mit diesen interagieren.

Doch eine smarte, mit dem Netz verbundene Brille von einem der führenden Internetkonzerne zeigt auch einmal wieder auf, wie sich die digitale Welt in den nächsten Monaten und Jahren durch ihre rapide fortschreitenden technischen Errungenschaften auf einen kritischen Punkt zubewegt, an dem eine Handvoll Unternehmen mehr Macht besitzen als jede Firma zuvor, und mitunter mehr als jede Regierung dieses Planeten.

Google-Konkurrenten könnten nachziehen

Es geht an dieser Stelle nicht um Google. Sollte Project Glass bei Konsumenten zu einem Hit avancieren, werden die anderen vier Vertreter der "Big Five" - Apple, Facebook, Amazon und Microsoft - mit ähnlichen oder abgewandelten Lösungen nachziehen. Intelligente Always-On-Geräte, die im Gegensatz zu Mobiltelefonen nicht extra im Bedarfsfall aus der Tasche geholt werden müssen, und die dank eingebauter Kamera gleichzeitig alles sehen, was die Benutzer auch sehen, stellen eine logische Evolution der bisherigen vernetzten Hardware-Typen dar.

Auch bezieht sich dieser Beitrag nicht auf Implikationen für den Datenschutz und vorstellbare Gefahren, die ein Produkt wie Project Glass mit sich bringen würde. Eine stetige Erweiterung des menschlichen Sichtfelds um Augmented Reality - egal ob in der von Google konzipierten Form, mittels Kontaktlinsen oder über einen ins Gehirn implantierten Chip (ja, das wird noch dauern) - regt nicht nur die Fantasie von Science-Fiction-Freunden an, sondern könnte die Digitalisierung auf ein völlig neues, bisher nicht gekanntes und vielseitig nützliches Niveau heben. Wer ausschließlich den Bedenkenträger spielt, wird kaum in der Lage sein, das theoretische Potenzial zu erkennen und damit eine unvoreingenommene Abwägung von Vor- und Nachteilen durchzuführen.

Nein, es geht darum, dass der in alle Bereiche unseres Lebens vordringende technischen Fortschritt von sehr wenigen, sehr mächtigen, international agierenden Firmen vorangetrieben wird, und dass eigentlich nur diese fähig sind, aufgrund ihrer einzigartigen Kombination aus finanziellen und personellen Ressourcen, weitreichendem Know-how und bereits etablierten Ökosystemen ein Unterfangen wie Project Glass zur Marktreife zu bringen und Millionen von Menschen schmackhaft zu machen.

Vielleicht könnte eine ähnliche Augmented-Reality-Brille auch von einem Garagen-Startup entwickelt werden. Doch sobald ein solches Gerät Anzeichen für den Status eines Verkaufsschlagers erkennen lässt, würden sich die Big Five mit Übernahmeangeboten nur so überbieten. Dass Gründer (und ihre Investoren) ein Milliardenangebot ablehnen, ist bekanntlich eher die Ausnahme.

Die Problematik der globalen Dominanz einiger weniger IT- und Internetfirmen hatten wir schon häufiger beleuchtet, unter anderem mit Fokus auf Social Networking und Walled Gardens sowie die lokale Medienbranche.

Machtkonzentration

Angenommen, in einigen Jahren gehören zumindest in Industrieländern Personen mit Augmented-Reality-Brillen der führenden Webkonzerne, die direkt ins jeweilige Ökosystem des Anbieters integriert sind, zum gewöhnlichen Straßenbild - es würde den Einfluss dieser Unternehmen nochmals manifestieren. Sie hätten ihre Augen damit endgültig überall.

In früheren Jahrzehnten dominierten die größten Konzerne der Welt jeweils einzelne Industrien. Doch die Software- und/oder Hardware-Angebote der Big Five des Consumer Internets werden mittlerweile dazu genutzt, Revolutionen zu organisieren, Demokratien zu errichten und eingestaubte, nicht mehr zeitgemäße Wirtschaftszweige überflüssig zu machen. All das ist zumeist positiv, verdeutlicht aber den enormen Einfluss, den die Dienste und Produkte der führenden IT- und Web-Firmen mittlerweile besitzen. Verteilt sich Macht auf zu wenige Schultern, dann steckt darin grundsätzlich ein potenzielles Risiko. Erst recht, wenn wir über den Markt für globale Information und Kommunikation sprechen - ohne den im Prinzip nichts mehr funktioniert.

Es wäre toll, wenn in einigen Jahren ein Gadget im Stile von Project Glass seinen Durchbruch erleben würde, aber begrüßenswert, käme dies von einem unabhängigen Anbieter und nicht von den tonangebenden IT-Riesen. Doch das ist sehr unwahrscheinlich.

Realistische Alternativen fehlen

Die Chance, dass ein Startup ein derartiges Projekt aufzieht und nicht eines Tages von einem der Netzgiganten geschluckt wird, ist wie beschrieben gering. Andere Smartphone- und Hardware-Hersteller kämen zwar als Anbieter in Frage, aber würden wahrscheinlich auf die Unterstützung der führenden Netz- und OS-Firmen zurückgreifen wollen, um ein für Anwender attraktives Software-, Social- und Informationsangebot anbieten zu können. Noch weniger realistisch erscheint ein von der Open-Source-Community getriebenes Projekt - selbst wenn eine Augmented-Reality-Brille, die vollkommen "offen" ist und mit beliebigen Internetdiensten verbunden werden kann, ohne dabei in irgendeiner Form einen der Big Player zu bevorteilen, aus dem Gesichtspunkt der Verhinderung einer Machtkonzentration zu bevorzugen wäre.

Staatliche Eingriffe wiederum erscheinen auch nicht wie eine angemessene Maßnahme. Selbst wenn sich die Webgrößen immer stärker in allen denkbaren Lebensbereichen festsetzen und mit AR-Brillen allernorts Augen bekommen, ist ein Großteil des Erfolgs der Unternehmen auf ihre Innovations- und Experimentierfreude zurückzuführen und auf völlig legitimen Wegen erreicht worden - auch den Winner-Takes-It-All-Tendenzen des digitalen Wirtschaftsraums sei Dank. Hier regulatorisch einzuschreiten, würde bedeuten, zukunftsträchtige, innovative Produkte und clevere Geschäftsmodelle zu bestrafen.

Der Vorstoß von Google und die zu erwartenden Gegenmaßnahmen der Konkurrenten werden die Debatte um die Konzentration der Macht im Digitalen neu entfachen. Eine Lösung für dieses Problem zeichnet sich jedoch nicht ab, weshalb sich die Diskussion wie so oft primär um Plattitüden, Populismus und Ideologien drehen wird. Vielleicht wäre am besten, diesen neuen Zustand der inoffiziellen Weltherrschaft durch einige wenige Digitalfirmen einfach zu akzeptieren. So wirklich wohl ist zumindest mir dabei aufgrund der bekannten Risiken von beherrschenden Marktpositionen nicht - besonders, weil diese hierbei schleichend und mitunter vom Kartellrecht unbemerkt entsteht.

Doch wenn es keine Alternativen gibt - was sind dann die Alternativen?

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