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17.09.14Leser-Kommentare

Aufstieg der Film- und Serienflatrates: Der mögliche Anfang vom Ende des Synchronisierens

Mit dem Aufstieg von Film- und Serien-Flatrates, der durch das Debüt von Netflix einen neuen Schub erhält, haben immer mehr Zuschauer die Wahlmöglichkeit zwischen synchronisierter Fassung und Originalton. Es könnte der Beginn eines schleichenden Bedeutungsverlusts der Praxis des Synchronisierens darstellen.

Knight RiderSeit gestern ist Netflix in Deutschland verfügbar, seit heute in Österreich, und die Schweiz folgt in den nächsten Tagen. Für Serien- und Film-Fans verändern sich dadurch zwar nicht unbedingt die Vorzeichen - mit Watchever, Maxdome und anderen Diensten existieren bereits zahlreiche Flatrate-Anbieter für den ungebremsten Videogenuss. Dennoch hat die bekannte Marke Netflix eine Zugkraft, die das plattformübergreifende On-Demand-Streaming von Bewegtbildinhalten, unterstützt von einer eifrigen Presseberichterstatttung, als Thema in ein bisher nicht gekanntes Rampenlicht befördert.

Es gibt deshalb Grund zur der Annahme, dass das in Deutschland noch ein Nischendasein fristende abobasierte Videostreaming von klassischen TV-Inhalten sich demnächst in ein Massenphänomen verwandeln könnte. Daraus ergibt sich eine interessante Fragestellung: Könnte der Wandel im Mediennutzungsverhalten und die Verbreitung von Online-Streaming an der unantastbaren Synchronisierungskultur rütteln, die im deutschsprachigen Raum herrscht? Sämtliche der eingangs erwähnten Abo-Services bieten ihr Repertoire an Filmen und Serien nämlich zumindest teilweise auch im Originalton und mit Untertiteln an. Für welche Programme dies möglich ist und welche Optionen es genau gibt, variiert stark, abhängig von den individuellen Lizenzvereinbarungen. Mein Kollege Jürgen Vielmeier, der bislang Watchever-Abonnent war, berichtete mir, dass nach seiner Schätzung 70 bis 80 Prozent der Serien und Filme auch im Originalton verfügbar seien. Es ist davon auszugehen, dass eine Auswertung des Angebots der Rivalen ein ähnliches Ergebnis zu Tage fördert.

Sowohl Maxdome als auch Watchever erklären in ihren FAQs auch, dass sie sich in Verhandlungen mit den Lizenzpartnern befinden, um künftig amerikanische Serien direkt nach der Erstausstrahlung in den USA in Deutschland in der Originalversion zeigen zu dürfen. Bislang gilt meist, dass sie mit der Bereitstellung erst beginnen dürfen, wenn eine Serie auch offiziell im deutschen Fernsehen gezeigt wird.

Trotz aller Unsicherheiten sowie der Schwierigkeiten, Details zu Lizenzvereinbarungen zu erfahren, sind eine Punkte sicher:

  • Die parallele Bereitstellung von Inhalten im Originalton ist bereits heute eher die Regel denn die Ausnahme
  • Exklusivausstrahlungen im Originalton von Inhalten, von denen es noch gar keine synchronisierte Fassung gibt, werden nicht für alle Ewigkeit von den Lizengebern verhindert werden können
  • Original-Tonspuren, die sich in der Regel direkt im laufenden Stream aktivieren lassen, stellen eine enorme Verbesserung für alle Zuschauer dar, die keine grundsätzliche Ablehnung gegen Originalversionen haben. Denn abgesehen von der (Fans vorbehaltenen) Option des DVD-Kaufs oder illegalen Downloads waren sie bislang schlicht dazu gezwungen, die synchronisierte Fassung über sich ergehen zu lassen.
  • Durch YouTube und den angloamerikanischen Schwerpunkt der digitalen Welt nimmt die Zahl der vorrangig jungen Anwender zu, die ein vertrautes Verhältnis zur englischen Sprachen haben und damit zur theoretischen Zielgrupe für Originalversionen werden.

Trotz der aus Sicht der Popularität von Originalversionen günstigeren Rahmenbedingungen ist natürlich nicht gesagt, dass nun die Mehrzahl der Nutzer von den synchronisierten Fassungen abstand nimmt. Zumal die Synchronierungsbranche alles dafür tun wird, um eine solche Entwicklung im Keim zu ersticken. Auch wenn sie letztlich kein überzeugendes Argument besitzt, warum Menschen, die der englischen Sprache mächtig sind, sich unbedingt ihre (nicht immer ganz originalgetreuen) Übersetzungen anhören sollte.

In jedem Fall aber markiert der Aufstieg der TV-Flatrates den Beginn einer neuen Ära: Erstmals haben Film- und Serienkonsumenten ohne technischen Zusatzaufwand und Umwege im Prinzip (fast) immer die Wahl zwischen Originalton und Synchronisierung. Wie sich dieser neue Zustand auf die Akzeptanz des Synchronisierens sowie die Nachfrage nach unangetasteten Serien und Filmen auswirken wird, gehört zu den beobachtungswerten Nebeneffekten von Netflix & Co. /mw

Kommentare

  • Wolf

    17.09.14 (11:04:34)

    Aus der Sicht der Early Adopter, also der in der Regel gut ausgebildeten, und damit gut des Englischen mächtigen Digital Natives, mag das vielleicht stimmen. Auch ich freue mich wie verrückt über die englischen Originalfassungen. Dennoch glaube ich nicht, dass das für die Mehrheit der Bevölkerung spricht. Sobald Netflix & Co im absoluten Mainstream angekommen sind, werden bestimmt 80% der Nutzer weiterhin eine deutsche Synchronisation bevorzugen. Um die Synchronisationsbranche müssen wir uns also vorerst keine Sorgen machen (außerdem müssen ja auch noch spanische, französische, russische, usw. Produktionen übersetzt werden). Ein spannenderer Nebeneffekt ist für mich eher, ob sich das Englisch der Gesamtbevölkerung merklich verbessert, wenn spannende Serien früher in Englisch als in synchronisiertem Deutsch verfügbar sind. (Hatte mal irgendwo gelesen, dass die Holländer so gut in Englisch sein sollen, weil dort die Filme nicht synchronisiert werden.)

  • Ana

    17.09.14 (11:24:58)

    Ich würde diesbezüglich keine generelle Aussage über den deutschsprachigen Raum wagen. Mir scheint, dass in der Schweiz schon heute Untertitel besser akzeptiert sind als in Deutschland. Wie es in Österreich ist, weiss ich hingegen nicht.

  • Florian

    17.09.14 (11:46:01)

    Ein interessanter Aspekt, bei der gerade wieder aufkommenden Diskussion Streamingdienste. Ich glaube, dass es auf lange Sicht kein große Veränderung bei der Synchronisierung geben wird. Gerade die TV-Landschaft in Deutschland ist ja eine andere, als die z.B. in den Niederlanden oder eben den englisch-sprachigen Ländern ist. Wie das allerdings für reine "Online-Serien" aussieht, ist natürlich eine andere Sachen. Zudem wäre es sicherlich interessant, einmal 10 Jahre in die Zukunft zu schauen :-)

  • Lutz Finsterwalder

    17.09.14 (13:08:33)

    Ich träume schon seit weit über 25 Jahren davon, dass es mal original englischsprachiges TV in D gibt. Die deutschen Synchronstimmen und Eindeutschungen sind für mich unerträglich, deutsches TV ebenfalls. Wichtig finde ich auch die Möglichkeit, Untertitel komplett abschalten zu können, denn auch die Stören einfach nur. -- Aber Fakt ist, dass Netlix& Co. endlich eine kleine aber feine Marktlücke schliessen. Sofern die das durchziehen.

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