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17.07.08Leser-Kommentare

Auflagen sinken: Zahlensalat nach Art des Hauses

Die Zeitungsbranche gibt sich trotzig: Die Auflagen sinken? Das Segment schwächelt? Kein Problem, es werden sich schon Jubelzahlen finden lassen.

Wie man sich schlechte Nachrichten einfach schön rechnet (Bild psd, Creative-Commons-Lizenz)Eigentlich wollten wir die aktuellen Zahlen "prominent ignorieren" – geht aber schlecht. Denn erst kommt die Allensbacher Werbeträger-Analyse (AWA) daher und informiert uns, dass der Focus innerhalb eines Jahres von 4,87 auf 4,61 Millionen Leser durchgesackt sei – woraufhin laut tazder Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) am 15. Juli verkündet, dass ebenderselbe Focus um satte 5,7 Prozent zugelegt habe. Bei den anderen Medien sieht's zwischen beiden Quellen ähnlich different respektive deviant aus. Kurzum: Ändere als gewiefter Rastelli und Zahlendesigner getrost den avisierten Zeitraum, bis das Ergebnis passt - und schon schmeckt Bitteres auf einmal süß.

Trotzdem: Wat denn nu? Wunschkonzert oder Statistik-GAU? Als Mediennutzer oder Medienplaner soll sich da noch jemand auskennen ...

Fast könnte man da mit dem Zitat antworten, das einst der Goebbels dem Churchill an die Hacken fälschte , wonach keiner Statistik zu trauen sei, die man nicht selbst gefälscht hätte. Immerhin spreche ich im statistischen Hütchenspiel aber der AWA aus realistischen Gründen die höhere Glaubwürdigkeit zu. Weil beim BDZV doch immer das gute alte 'Cui Bono?' hineinspielen muss. Denn das ist schließlich ein 'Interessen'-Verband.

Lustig fand ich auf der Homepage dieses Verbandes das folgende Headlining-Verfahren , wo mir erst die Reihung das dahinterliegende Schema offenbarte. Das wiederum darin besteht, jede 'Bad News' bei der Auflageentwicklung mit einer netter gefärbten Floskel zu umkränzen, damit nicht so leicht ersichtlich sei, wo irgendein Malheur dabei:

 

25. Juli 2006: IVW: 26,9 Millionen Zeitungen verkauft / Wochenzeitungen legen zu

26. Januar 2007: IVW: Sonstiger Verkauf legt zu/ weniger Abonnements

2. Mai 2007: IVW: Bordexemplare im Plus / Einzelverkauf verliert

23. Juli 2007: IVW: Überregionale Zeitungen stabil/ Einzelverkauf verliert

25. Oktober 2007: IVW: Einzelverkauf im Minus/ Überregionale Zeitungen weiter stabil

30. Januar 2008: IVW: Überregionale Zeitungen im Plus / Einzelverkauf verliert

29. April 2008: IVW: Überregionale Zeitungen erneut im Plus/ Einzelverkauf verliert

Der wahre Sinn vons Janze - allen Durchhaltemeldungen zum Trotz - zeigt sich erst, wenn man dann die absoluten Zahlen für die verkaufte Auflage aus prognostischen Gründen einsetzt. Da ergibt sich dann das folgende Bild einer sanften Landung, für die ein schlichter Geometer mit Lineal und Papier heute schon ganz leicht den künftigen Touchdown-Punkt errechnen könnte:

 

25. Juli 2006: 26,9 Millionen

26. Januar 2007: 26,6

2. Mai 2007: 26,4

23. Juli 2007: 26,45

25. Oktober 2007: 26,25

30. Januar 2008: 25,97

29. April 2008: 25,9

Ou sont les neiges d'antan?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • oliver

    17.07.08 (13:24:36)

    Kürzlich hat auch der Weltverband der Zeitungen (WAN) eine Pressemitteilung mit dem Titel "Fakten satt Märchen über die Zeitung" verschickt. Darin heisst es unter anderem: "Der Absatz zahlungspflichtiger Zeitungen ist weltweit auf Wachstumskurs (knapp 10 Prozent in den letzten fünf Jahren). Die Anzeigenerlöse sollen in den nächsten fünf Jahren um 17 Prozent steigen, das ist mehr als in den vergangenen fünf Jahren." Ich frage mich: Wenn das so ist, wieso werden dann auf der ganzen Welt tausende von Arrbeitsplätzen auf Zeitungsredaktionen abgebaut?

  • Klaus Jarchow

    17.07.08 (14:29:50)

    Nun ja - auch das ist vermutlich nicht direkt falsch, sondern nur ein statistischer 'Betrachtungstrick', der sich hinter dem Wörtchen 'weltweit' verschanzt. In vielen industriell erwachenden Riesenstaaten - Indien, China, Indoinesien usw. - ergibt sich ja ein wachsender Medialbedarf nicht nur aus dem Fortschritt an Aufklärung oder Demokratie. Wenn irgendwo die Bildung und die beruflichen Anforderungen steigen, dann sind auch jede Menge Fachzeitschriften etc. gefragt, garniert wiederum mit Anzeigen usw., so dass 'weltweit' der Bedarf durchaus noch steigen mag, auch wenn in den USA oder in Europa die Kurve schon nach unten weist und die Newsdesks verwaisen ...

  • hape

    17.07.08 (14:56:42)

    Man muss vielleicht dazu sagen, dass das Spiel schon bei der IVW anfängt. Die titeln ihre Quartalszahlen grundsätzlich so, dass sie keinen Redakteur hinterm Ofen hervorlocken. Gleichzeitig spielen sich aber dramatische Dinge in den Zahlen ab. (siehe www.gebuehren-igel.de/aktuelles4.php#210408)

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