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30.12.08

Auf ins neue Jahr: Abschied vom Selbstgewissen

Wir schreiben nicht den Untergang von Holzhausen herbei, wir begleiten den medialen Wandel – und fragen uns, wovon Journalisten in Zukunft leben sollen.

Das Wasser bis zum Hals (Keystone)Hier wäre eine "fast sehnsüchtige Litanei nach dem Untergang von Holzhausen erklungen", beklagt sich unser Leser David. Eine Äußerung, die eine Entgegnung verdient. Ganz ohne jede Polemik, und zum Jahresausklang auch um Versöhnung und Konsens bemüht, aber auch um Deutlichkeit bei der Situationsbeschreibung. Denn die Aussage ist in dieser Form falsch: Niemand würde die Existenz eines starken, robusten Printjournalismus mehr begrüßen als wir. Nur ist die historische Situation leider eine andere.

Als die Graff, die Jörges usw. zu Beginn des Jahres von irgendwelchen "Sielen" über dem höllischen Untergrund einer Blogosphäre daherschwätzten, die man "dichthalten" müsse, um den Tempel des Qualitätsjournalismus vor all dem wimmelnden Unrat und Gewürm zu retten, da zog doch zunächst nur eine Holzhausener Elite über das kleine Digitalien her.

Ihr agieren war - in meinen Augen - von Anfang an prophylaktisch, auf Zeitgewinn bedacht. Diese Menschen spürten selbst, dass da etwas Neues entstand, das ihren Horizont überschritt, das frecherweise an dem gedruckten Teppich zupfte, auf dem sie standen, eine diffuse Schreibbewegung, die sie noch nicht einmal wirklich als Konkurrenz betrachten konnten, weil diese - Gipfel der Perfidie! - sie auch gar nicht 'ersetzen' wollte. Sie fühlten sich von einer vielgestaltig andrängenden Medienrevolution in die Rumpelecke der Geschichte geschoben, sie spürten, dass mit ihrem ganzen Geschäftsmodell so gut wie nichts mehr stimmte, und dass sogar die eigenen Verleger immer öfter von "Online first" daherzuschwätzen begannen.

Die so genannten 'Alphajournalisten' prügelten also den Boten, der ihnen öffentlich sagte, dass der Kaiser nackt sei. Die Berufsverbände, allen voran der DJV, klatschten dazu hämisch Beifall. Die folgenden Reaktionen aus den Blogs heraus gegen die 'Holzhausener Hardliner' waren notwendige Antworten auf unnötige Provokationen, und selbst dieses Echo - eine echte Zweiwegkommunikation nämlich - die war für das Noli-Me-Tangere-Reich der Edelfedern blanke Blasphemie. Dementsprechend beleidigt reagierten die Majestäten - denn mit einem antwortenden Pöbel hatten sie noch nie Erfahrungen gemacht.

Jetzt stehen alle vor einer verfahrenen Situation. So ziemlich jede Vorhersage der Blogosphäre über die selbstverschuldeten Defizite des Printjournalismus, aber auch über die notwendigen Folgen daraus, beginnen sich zu bewahrheiten: Über die Folgen eines glattgeschleckten dpa-Einheitsstils, der den Menschen nur noch Langeweile macht, über das gefallene Aktualitätsmonopol, über die wachsende Liebedienerei in den Redaktionen gegenüber den Anzeigenkunden (bis hin zu frei Haus gelieferten 'Wunschartikeln' durch die feinsten Häuser am Markt), über den Verlust jeder gestalterisch verstandenen Verlegerfunktion, die sich eben nicht einfach durch den gewieften Renditejäger von der Business-School ersetzen lässt. Kurzum - es ist, wie die Stimmen aus Blogville es prophezeiten: Die Öffentlichkeit ist gar kein Markt, sondern ein Forum. Den Mund haben wir uns fusselig geredet ...

Jetzt, zum Jahreswechsel, treffen die aus dieser Ignoranz resultierenden Schreckensmeldungen nahezu täglich ein - Roma est perdida: Hier werden ein paar hundert Kollegen 'abgebaut', dort versuchen Verlegerfamilien ihr Heil lieber in Osteuropa und Indien, da werden Redaktionen zusammengeführt, damit alle künftig gemeinsam im Einheitsbrei rühren dürfen, hie stellt man diese und jene Titel zum Jahresende gleich ganz ein. Allein in Deutschland werden wohl einige tausend Journalisten demnächst ohne Job sein.

Die große Gefahr ist jetzt, dass die Verantwortlichen für diesen beispiellosen Niedergang der gedruckten Informationsindustrien die Ursache ungestraft auf die Finanzkrise schieben dürfen. Denn die Rezession hat damit nur wenig zu tun - sie kam erst später. Zur Zeit überschneidet sich ein langfristig fundamentaler Wandel der Öffentlichkeit, der die Krise der Printmedien primär und vor allem verursacht, mit dem kurzfristigen Platzen einer gigantischen Finanzblase. Eine Blase, die allerdings diese bedrohten Printmedien ganz wesentlich mit herbeigeschrieben haben. Denn der so genannte 'Neoliberalismus', also das angebliche Diktat wirtschaftlicher Belange, das war ja nicht vom Himmel gefallen, der Erfolg der Deregulierungsideologie war ein mediales Produkt klar benennbarer Redaktionen in Deutschland und anderswo.

Der 'medienlese' jetzt zu unterstellen, wir würden sehnsüchtig den Untergang Holzhausens 'herbeischreiben', verkennt die wahren Machtverhältnisse - wir können es erstens gar nicht, und könnten wir es, würden wir es nicht tun. Solche Aussagen sind höherer Blödsinn. Hier muss auch gar nichts mehr 'herbeigeschrieben' werden: Der Printjournalismus in seiner berufsständischen und flächendeckenden regionalen Breite wird absehbar irrelevanter, er hat seine Schwundstufe erreicht und wird zunehmend ein Pensionärsmedium. Jahrzehntelang völlig überteuerte Kleinanzeigen, Produktanzeigen, Veranstaltungshinweise, Autoverkäufe in Regionalzeitungen - alles dieses bisher so Lukrative wandert ab ins kostenlose Netz, während die Druckkosten unaufhörlich steigen, die es im Netz hinwiederum nicht gibt. Ein gewohntes Geschäftsmodell ist am Ende. Woraufhin die absehbare Flucht mancher Redaktionen in zunehmende PR-Prostitution erfolgt, welche Kontamination gewohnter Nachrichten wiederum die Leser am Geruch erkennen, woraufhin sie noch schneller aus dem odios duftenden Milieu ihrer Abonnenmentszeitung fliehen. Alle 'Geschäftsmodelle', die also auf die Rettung der traditionellen Basis zielen, beschleunigen mit ihrem Flickwerk den Verfall nur, ebenso wie der Ersatz von tariflich bezahlten Redakteuren durch ein freies Lohnschreibeprekariat für Billigtexte den Lesegenuss für den Rezipienten nicht eben steigert. Man könnte auch sagen, diese Versuche sind alles Rohrkrepierer.

Wovon also sollen Journalisten künftig leben? Tragfähig sind vielleicht einige wenige 'Verleger-Redaktionen', die wirklich noch eine 'Idee' statt irgendwelcher 'Umsatzziele' vor Augen haben, als Beispiel nenne ich hier mal 'brand eins'. Diese und ähnliche Redaktionen zählten und zählen sicherlich nicht zu all den schreibenden Derivatefabriken ringsum. Sie gewähren aber auch nur einer kleinen schreibenden Elite ein Asyl im Reich des Gedruckten. Wohin sonst?

Die Frage, mit der wir uns hier ernsthaft beschäftigen sollten, ohne dass es bisher darauf eine Antwort gibt, lautet: Was passiert mit einer modernen Gesellschaft, die massenhaft Menschen freisetzt, die außer Schreibenkönnen wenig gelernt haben - aber das richtig? Für die zugleich kein tragfähiger beruflicher Markt mehr existiert - außer einer dürftigen Schriftstellerperspektive, die maßlos überschätzt wird und nur wenigen eine Zukunft bietet? Selbst der neue Weg ins Netz bietet kaum Aussichten in existenzsichernder Absicht. 'Geschäftsmodell' und 'Netzbetrieb' - das sind Gegensätze wie Feuer und Wasser, wenn man nicht gerade Google heißt. Folglich wächst absehbarerweise in den nächsten Monaten ein professionell schreibendes Subproletariat heran, das aus der untergehenden Medienindustrie 1.0 hervorgeht.

So etwas wiederum bleibt gesellschaftlich nicht folgenlos.

All diese Menschen werden sich notwendigerweise mit der eigenen Situation und der eigenen Geschichte beschäftigen müssen und - inmitten einer großen Finanzkrise - auch Überlebensperspektiven entwickeln. Die Publikationsflächen für die Ergebnisse ihres Nachdenkens sind vorhanden - das Netz ist groß, jeder kann darin alles lesen, und es ist und bleibt umsonst. Alle Schreibenden wiederum sind zugleich auch Sinnproduzenten - siehe historische Bewegungen anderer 'freischwebender Intellektueller', siehe Romantik, siehe Décadence, siehe Neue Sachlichkeit, siehe 68. Eine neue Ideologie wird also die Folge sein, die an die Stelle der zerplatzten Träume unserer großen Deregulierer tritt. Wie diese aber aussehen wird? Ja, Herrgott, bin ich Hellseher? Fukuyamas 'Ende der Geschichte' wird es nicht gerade sein ...

Darin liegt für mich zugleich 'die große Chance der Finanzkrise', um diesen abgedroschenen Terminus unseres hochverehrten Bundespräsidenten auch einmal zu verwenden: Der freie Horizont, selbst zu denken, ist wieder offen, nachdem die Wortwürstchen aus den delirierenden Expertenrunden und aus den heißgelaufenen Dampfschmieden des Kommunikationsgewerbes allesamt zerplatzten wie die Knallerbsen. Die Geschichte hat wieder begonnen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein aufregendes Neues Jahr!

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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