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17.01.12

Auf dem Weg zum Tipping Point: musicplayr ist gut, aber behäbig

Mit musicplayr hat Deutschland ein junges, innovatives Musikstartup - das allerdings beim Entwicklungstempo mehr Gas geben sollte.

 

musicplayr aus Köln ist für mich das deutsche Musikstartup des Jahres 2011. Nicht nur, weil es sich als ideales Entdeckungstool für Musik erwiesen hat, sondern auch, weil es Gründer Thorsten Lüttger gelungen ist, ohne Verhandlungen mit Labels und Verwertungsgesellschaften einen eigenständigen, innovativen Musikdienst auf die Beine zu stellen, der sich abseits von On-Demand-Angeboten, personalisierten Radios und Echtzeit-Services eine bequeme Nische geschaffen hat.

Wie musicplayr mir dabei hilft, neue Musik aus meinen bevorzugten Genres zu finden, habe ich in diesem Artikel ausführlicher beschrieben. Mittlerweile folge ich 46 Nutzern, die auf der Plattform bei YouTube, SoundCloud, Vimeo oder anderen Websites gehostete Musik teilen, die zu meinem Geschmack passt. Selbst habe ich mittlerweile 102 Titel mit meinen Followern geteilt - viele davon, nachdem ich sie auf musicplayr entdeckte. In den letzten Wochen tauchten auch immer mehr "alte Bekannte" bei dem noch immer in der geschlossenen Beta-Phase befindlichen Service auf, was auf gewisse Netzwerkeffekte schließen lässt.

Bisher habe ich mich ausschließlich positiv über musicplayr geäußert. Dennoch stört mich ein Aspekt: Die behäbige Geschwindigkeit, mit der musicplayrs Feature-Palette um für mein Verständnis essentielle Funktionen erweitert wird. Der Service fiel von Anfang an durch seinen minimalistischen Ansatz auf, bei dem jedes Bedienelement auf die Goldwaage gelegt zu werden scheint. Grundsätzlich ist das keine schlechte Taktik, kann aber auch zu dem Eindruck führen, es ginge nicht voran.

Folgende grundlegende Features fehlen mir, seitdem ich musicplayr Ende September das erste Mal ausprobiert habe:

  • Sharing einzelner Tracks per E-Mail. Das Weiterempfehlen von Titeln per Facebook und Twitter ist möglich - Twitter kam jedoch auch erst vor einigen Wochen hinzu - beim Klick auf "Email" in den Sharing-Optionen heißt es aber lediglich "Coming soon, we are working on it". Als wenn dies tatsächlich in der Implementierung Monate dauert und mit einem "Bald verfügbar" angekündigt werden muss.
  • Eine Zeitangabe neben den in meiner Inbox erscheinenden Songs meiner Follower, um schneller erkennen zu können, wie viele seit meinem letzten Besuch hinzugekommen sind, oder alternativ eine "als gehört markieren"-Einstellung.
  • Ein Aktivitätenstream. Der einzige Weg, wie Nutzer derzeit über neue Follower oder Favorisierungen der empfohlenen Titel informiert werden, ist per E-Mail. Das ist ganz einfach unzeitgemäß und unpraktisch. Ein Feed, der mir derartige Aktivitäten innerhalb der Site anzeigt, ist unerlässlich.
  • Ein Bookmarklet für den Browser, um Titel von YouTube, SoundCloud und anderen unterstützten Plattformen ohne manuelles Kopieren und Einfügen der URL zu importieren.
  • Mobile Version (native oder Browser-App).

Auf mich als Nutzer erscheinen sämtliche dieser Funktionen (mit Ausnahme der mobilen App) so extrem trivial, dass ich nur schwer verstehen kann, wie deren Entwicklung so viel Zeit in Anspruch nimmt. Und selbst wenn sie unter der Haube mehr Arbeit erfordern als nach außen deutlich wird, so setzen hunderte andere junge Onlinedienste hier die Benchmark. Dass derartig grundlegende Details fehlen, kommt eher selten vor.

Auch wenn ich von musicplayr-Macher Thorsten Lüttger weiß, dass er und sein Team keineswegs auf der faulen Haut liegen, sondern stetig das Backend verbessern, ist es für die Nutzerbindung wichtig, Fortschritt darzustellen. Momentan besitzt musicplayr keinen direkten Konkurrenten (Blip.fm ist anders). Das kann sich allerdings von heute auf morgen ändern. Splash.fm beispielsweise geht ansatzweise in eine ähnliche Richtung. Oder es könnte in zwei Wochen ein mit vielen Millionen Dollar Venture Capital ausgestatteter Silicon-Valley-Neuling die Bühne betreten und das sich für musicplayr im deutschsprachigen Raum abzeichnende Momentum von heute auf morgen ausblasen. Update: Leser Dennis merkt an, dass Ex.fm gewisse Parallelen zu musicplayr aufweist, fokussiert sich aber auf Musikblogs als Quelle.

Konzepte wie Lean Startup sowie Minimum Viable Product raten Gründern, frühzeitig ein Produkt zu veröffentlichen und es am Markt zu testen, dann aber auch schnell das gesammelte Feedback und die getätigten Learnings zur Verfeinerung und Nachbesserung zu nutzen. musicplayr könnte es nicht schaden, bei der Weiterentwicklung der Benutzeroberfläche und des Funktionsumfanges einen Zacken zuzulegen. Zumal mir Geschäftsführer Lüttger erklärte, dass eine sonst bei vielen blutjungen Startups zu beobachtende Knappheit der Entwicklerressourcen für das bisher eigenfinanzierte Kölner Unternehmen kein Thema ist.

Lüttger zeigte Verständnis für meine vorab per E-Mail geäußerte Kritik bezüglich des zaghaften Tempos, mit dem musicplayr neue, wichtige Funktionen erhält. In den letzten Wochen lag der Schwerpunkt auf Verbesserungen des Codes und der Architektur sowie des Onboarding-Prozesses für neue Anwender, so der musicplayr-Chef. Er gab auch einen Ausblick auf die Roadmap für die kommenden Monate: Auf dem Plan stehen - in dieser Reihenfolge - unter anderem ein Player zum Einbetten in externe Sites, die Unterstützung von Hashtags, @Benachrichtigungen (Taggen von Personen), Suche- und Filterfunktionen sowie ein mobiles Interface.

Bleibt zu hoffen, dass all dies etwas schneller umgesetzt wird, und dass auch einige meiner Vorschläge oben in Betrachtung gezogen werden - zumindest dann, wenn sie musicplayr helfen, den Tipping Point zu erreichen. Das deutsche Startup ist auf einem guten Weg dahin. Es wäre schade und letzten Endes existenzbedrohend, wenn es sich diese Gelegenheit durch eine scheinbare Behäbigkeit entgehen lassen würde.

Wer an einem Invite zur geschlossenen Beta-Phase interessiert ist, meldet sich mit einem entsprechenden Kommentar. Einige haben wir noch.

Link: musicplayr

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