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27.06.14Leser-Kommentare

Audioinhalte: Wie Podcasts Teil meines Medienmixes wurden, wieso ich aber trotzdem oft lieber lese

Podcasts sind eine geniale Ergänzung des Medienmixes. Allerdings besitzen sie wie alle Audioformate gewisse Usability-Nachteile. In vielen Situationen sind geschriebene Texte die sinnvollere Art der Informationsvermittlung und -aufnahme. Trotzdem boomen Podcasts in Kreisen der Gründer- und Webszene.

PodcastIch benötigte sehr lange, um ein Faible für Podcasts zu entwickeln. Erst vor anderthalb Jahren geschah es, dass ich eher durch Zufall Apples Podcast-App auf meinem iPhone installierte (übrigens laut einhelliger Meinung nicht die beste App - Empfehlungen für iOS hier und Android hier). Kurze Zeit später hatte ich eine Handvoll Audioquellen abonniert. Wieder kurz darauf waren Podcasts als fester Teil meines Medienmixes etabliert.

Mittlerweile merke ich jedoch, wie mich die schiere Masse an potenziell interessanten, kostenfrei abonnierbaren Audioinhalten vor ein Problem stellt: Mein für den Konsum von Podcasts zur Verfügung stehendes Zeitbudget ist extrem begrenzt. Es beschränkt sich vorrangig auf Perioden, in denen ich unterwegs bin und in denen mein Gehirn nicht für andere kognitive Aufgaben beansprucht wird. Maximal kann ich mich zwei bis drei Stunden pro Tag Audiomaterial widmen, oft weniger. Das Angebot an etwaig hörenswerten Podcasts auf meinem Radar übersteigt die für den Konsum vorhandene Zeit bei weitem. Immer mehr Blogger und Köpfe der Webszene produzieren Podcasts. Eine etwas ältere Zusammenstellung findet sich bei t3n. Diverse Blogs aus der deutschen Netzsphäre veröffentlichen regelmäßig Podcasts, so etwa Netzpolitik, Exciting Commerce und Neunetz. Mit Geekweek existiert auch ein reiner Podcast ohne dazugehöriges Blog, der sich ausschließlich auf Nachrichten aus der Technologie- und Internetbranche konzentriert. Eine aktuelle Auswahl englischsprachiger Branchenpodcasts gibt es hier.

Spezifische Portale wie das Berliner Startup VoiceRepublic wollen die Zahl der Produzenten von gesprochenen Audiosendungen noch erhöhen. Der US-Dienst Umano geht einen Schritt weiter und lässt professionelle Sprecher aktuelle Zeitungs- und Magazininhalte vorlesen. Auch Fachliteratur und Sachbücher werden heutzutage oft als Hörbücher veröffentlicht und buhlen um die Gunst der Mediennutzer. Eigentlich eine geniale Sache - wenn Audio nicht ein vollkommen ineffizientes Mittel der Informationsvermittlung darstellen würde.

Denn anders als beim geschriebenen Wort kann man einen Podcasts oder einen vorgelesenen Text nicht einfach kurz überfliegen. Auch erfordert Audiocontent die komplette geistige Präsenz. Schon ein kurzes gedankliches Abschweifen kann sich för Hörer rächen. Bei einem Text können Leser in einem vergleichbaren Fall einfach einen Absatz nochmals lesen. Bei Hörprodukten dagegen muss erst einmal die Stelle gefunden werden, an der man zuletzt voll dabei war. Schwierig und mindestens sehr zeitaufwendig sind bei Audioinhalten auch spätere Bezugnahmen, sofern man nicht während das Lauschens mitschreibt. Ein stichwortbezogenes Durchsuchen ist zwar technisch möglich. In der Praxis fehlen in den meisten Anwendungssituationen aber die praktischen Tools dafür. Einen Text kann man auch mal kurz zwischendurch lesen, etwa im Büro. Bei einem Podcast bringt das zerstückelte Anhören während der Arbeit wenig Freude und lenkt ab.

Audio ist Text deshalb in vielen Punkten unterlegen, was den effektiven und effizienten Informationskonsum angeht. Die zwei entscheidenden Vorteile von Audioinhalten liegen in der Mobilität sowie im passiven Konsumcharakter, der die Aufnahme "harter" Fakten in Ruhephasen erlaubt, in denen man keine Lust auf den mit dem Lesen verbundenen mentalen Aufwand hat.

Wenn Audioinhalte als komplementäre Medienform zu geschriebenen Texten angeboten werden, dann liefern sie Konsumenten Wahlmöglichkeiten, die mit einem erweiterten Zeitbudget und ergo einer größeren theoretischen Reichweite belohnt werden. Sollte der anhaltende Podcast-Trend aber zur Folge haben, dass bestimmte Inhalte oder Blogbeiträge gar nicht mehr als Texte publiziert werden, dann limitieren deren Urheber die Reichweite ihrer Werke. Denn der Kuchen an Minuten, die Medienkonsumenten durchschnittlich pro Tag für Podcasts zur Verfügung stellen, ist in seiner Größe relativ starr und unveränderlich. Die Stücke des Podcast-Kuchens werden (abgesehen von der noch anzunehmenden Zunahme der Gesamtzahl an Podcast-Hörern) mit wachsendem Angebot immer kleiner.

Als Umano mir gestern einen bei Usern populären Artikel per Push-Mitteilung empfahl, suchte ich bei Google nach dem entsprechenden Artikel-Link und platzierte ihn anschließend in meiner Zu-Lesen-Liste in Instapaper. Dort werde ich ihn alsbald lesen und meine kostbaren Unterwegs- und Sport-Perioden für den Genuss originärer Podcasts nutzen, die sich aufgrund ihrer besonderen Formate grundsätzlich nicht für die Wiedergabe als geschriebener Text eignen. Alles andere lese ich lieber, als es zu hören. /mw 

Danke für den Tipp bezüglich Umano an @malte

Grafik: on air square icon on white background, Shutterstock

Kommentare

  • Markus Spath

    27.06.14 (16:49:51)

    imo haben Podcasts weniger mit Information zu tun - da sind sie extrem ineffizient - als mit einer Art persönlichen Nähe (die vl. auch informiert). Man kann einem anderen einfach beim Denken zuhören (und das erlaubt dann manchmal auch Gedankengänge, die man im Geschrieben nicht findet, weil man sie so nicht aufschreiben würde). Die Formate funktionieren also auf ganz grundsätzlicher Ebene genuin anders.

  • Martin Weigert

    27.06.14 (19:18:45)

    Podcast hören = anderen beim Denken zuhören. Schöne Definition.

  • marius

    28.06.14 (00:48:24)

    Die Podcast-Explosion in den letzten 1,5 Jahren ist echt gewaltig. Habe mich auch schon gefragt, wer den Trend losgetreten hat, dass wirklich jeder Blogger quer durch alle Nischen mittlerweile auch einen Podcast unter die Leute bringen muss. Ich glaube selbst, es ist eine dem Audio-Medium anhaftende Kombo aus a) "low entry barrier", weil in ein Mikro sprechen nicht so schwer ist wie Cinematographie, um auf Youtube durchzustarten b) eine Restwahrung von Privatsphäre. Die Stimme kann man schon mal der Welt präsentieren. Da ist der Wiedererkennungswert gering, wenn das Projekt scheitern sollte. Ich persönlich versuche Podcasts immer wie Audible Hörbücher zu hören. Meist hat ein Podcast ja ein gewisses Hauptthema, um das es geht. Dann sortiere ich nach ältesten Folgen zuerst und gehe die Liste von alt nach neu durch und klicke bei allen Folgen, die halbwegs interessant klingen, auf Download. Dann hab ich im Durchschnitt so 20-30 Folgen a 30-60 Minuten pro Podcast zusammen und höre die dann über eine Woche am Stück, um richtig in das Thema einzutauchen. Dann folgt der nächste Podcast nach dem gleichen Prinzip. Oft erkennt man an der Gestaltung auch sehr schnell, ob relevanter Inhalt rauszuziehen ist oder viel durch Smalltalk verloren geht, dann skippe ich auch mal. Was nach meiner Erfahrung gar nicht klappt, ist der Versuch bei allen abonnierten Podcasts immer auf dem neuesten Stand bleiben zu wollen und die jeweils neueste Folge zeitnah zur Veröffentlichung zu hören. Das erdrückt einen, wie Sie selbst beschreiben. Schade übrigens, dass Sie kein Best Of Ihrer eigens gehörten Podcasts angehängt haben. Das hätte mich interessiert.

  • Martin Weigert

    29.06.14 (22:28:35)

    Das habe ich an dieser Stelle absichtlich nicht angehängt, da meine Podcast-Auswahl sehr themen- und auch sprachendübergreifend ist (diverse auf Schwedisch, was mutmaßlich wenigen Lesern etwas bringen würde) und wenig mit Technologiethemen zu tun hat.

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