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18.06.13

Auch das Internet ist schuld: Wieso wir keine Autos mehr kaufen

Die Automobilbranche befindet sich seit 20 Jahren im Abwärtstrend. Daran ist auch das Internet schuld.

AutosSeit 1993 gab es in Europa noch nie so wenige PKW-Neuanmeldungen wie im Mai dieses Jahres. Offensichtliche Gründe für diesen Negativrekord sind die europäische Schuldenkrise mit ihren verheerenden Folgen für Volkswirtschaften und dem daraus resultierenden Rückgang der Kaufkraft. Auch der stetige Anstieg der Kraftstoffpreise dürfte die Bereitschaft der Verbraucher verringern, sich ein Kfz zuzulegen. Doch während beide Faktoren im besten Fall temporärer Natur sind - sofern die Automobilhersteller weiter die Entwicklung effizienterer Motoren und alternativer Antriebsformen forcieren - so existiert eine andere Ursache für den Abwärtstrend, die bleibenden Charakter besitzt: Auch das Internet ist schuld daran, dass wir weniger Autos kaufen, und zwar in mehrfacher Hinsicht:

  • Viele Situationen, in denen sich Menschen früher hinters Steuer setzen mussten, lassen sich heute bequem vom Schreibtisch, Sofa oder per Smartphone von jedem anderen Ort aus erledigen. Vice publizierte vor einigen Wochen einen lesenswerten, mit diversen Zahlen und Statistiken angereicherten Artikel, der erklärt, wie Facebook (stellvertretend für das Web) sowie die fortschreitende, zu Spaziergängen statt Autofahrten einladende Hipsterisierung von Innenstädten die US-amerikanische Besessenheit des Automobils zunichte macht. Waren die meisten Aktivitäten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne eigenes Kfz fast unerreichbar, so muss man heute nicht mehr unbedingt das Auto nutzen, um Einkäufe zu erledigen, Freunden Urlaubsfotos zu zeigen oder Pizza zu bestellen. Entweder, man geht zu Fuß oder fährt Fahrrad, oder man erledigt die Dinge einfach über das Netz. Zwar kann man Europäern dank eines besser ausgebauten öffentlichen Personennahverkehrs attestieren, zu keiner Zeit ähnlich abhängig vom Auto gewesen zu sein, wie es Menschen in Nordamerika waren und noch immer sind - aber die grundsätzliche Entwicklung findet auch bei uns statt.
  • Ein anderer, ganz wichtiger Aspekt sind netzgestützte Dienste zur Förderung intelligenter Mobilität. Diese sprießen wie Pilze aus dem digitalen Boden. Das Spektrum reicht von Vermittlern von Mitfahrgelegenheiten ( Mitfahrgelegenheit.de , Mitfahrzentrale , flinc) über P2P-Carsharing-Plattformen, auf denen Privatpersonen ihre Autos zeitlich begrenzt (tamyca, Nachbarschaftsauto und andere) an andere Nutzer übergeben, bis hin zu professionellen Carsharing-Services wie DriveNow, car2go und CiteeCar . Konkrete Zahlen darüber, welche Auswirkung die kollaborative Verwendung von Automobilen auf die Absatzzahlen der Branche hat, stehen zwar noch aus. Es bedarf aber wenig Phantasie, um sich auszumalen, was es für die Hersteller bedeutet, wenn eine wachsende Zahl der Konsumenten aufgrund der Vielzahl von ökonomisch vorteilhaften "On-Demand"-Alternativen auf die Anschaffung eines eigenen Fahrzeugs verzichtet und stattdessen die Ressourcen mit anderen teilt. Allein DriveNow wird mittlerweile von 100.000 Menschen genutzt.
  • Außerdem machen innovative Web- und Mobile-Lösungen die Inanspruchnahme öffentlicher Verkehrsmittel komfortabler und zuverlässiger. Seien es die Fahrplanübersichten und Echtzeitinformationen der jeweiligen Betreibergesellschaften, Drittanbieter-Apps, die Fahrplandaten benutzerfreundlich aufbereiten, oder smarte, transportmittelübergreifende Reiseplaner wie Waymate und GoEuro. Alle diese Angebote ersetzen zwar nicht die Bequemlichkeit des vor der Haustür stehenden eigenen Fahrzeugs, bieten aber denjenigen, die darauf zu verzichten bereit sind, Möglichkeiten, iesen Verzicht weniger schmerzhaft zu gestalten.

Einher gehen sämtliche dieser Phänomene mit einem übergeordneten Wertewandel. Die Eignung des Autos als Statussymbol wird immer häufiger in Frage gestellt, wobei hier Wechselwirkungen zwischen der Kostenfrage, dem Vorhandensein von Alternativen und dem Aufkommen neuer Statussymbole und gesellschaftlicher Werte zu vermuten sind. Eindeutig scheint aber die signifikante Rolle des Internets, das eine emotionale und logistische Distanzierung vom eigenen Automobil für einen Teil der Bevölkerung überhaupt erst möglich macht.

Insofern besteht für die Automobilbranche wenig Grund zur Hoffnung, dass alles wieder so wird wie früher. Das Engagement der Konzerne im Bereich der intelligenten Mobilität - Daimler steht hinter car2co und BMW hinter DriveNow - zeigt, dass sie sich darüber im Klaren sind. Vorläufig profitieren die Hersteller noch von der Nachfrage in Schwellen- und Entwicklungsländern, in denen das Privatfahrzeug einen anderen Stellenwert genießt als in den Industrienationen. Mittelfristig müssen sie sich aber darauf vorbereiten, dass die goldene Zeit des Privatautos eines Tages vorbei sind. Dann allerdings haben vielleicht Jetpacks, private Fluggeräte oder in der Gemeinschaft verwendete selbstfahrende Autos Massentauglichkeit erreicht und halten die Fabriken am Laufen. Insofern markiert das Ende des Automobilbooms nicht das Ende der Hersteller. Sie müssen sich aber neu erfinden. /mw

(Foto: stock.xchng)

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