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13.11.07Kommentieren

ARD und ZDF: Friedlichere Digitalpläne

"Die ARD und die digitale Welt": Da bestand bislang ein Verhältnis wie Hund und Katz, es sollte "offensiv erobert werden", und bisweilen wurde die Konkurrenz arg bedrängt. Die Attackierten wollten dafür ARD und ZDF aus dem Internet verbannen. Jetzt soll es friedlicher und kooperativer werden.

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Noch Polemik vom alten Schlag, von der sich aber niemand verunsichern ließ: ARD und ZDF fühlen sich vom Bund Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) mit großen Kalibern unter Beschuss genommen... (Bild: Vortrag von Fritz Frey, "Report Mainz", Südwestrundfunk)

Das Verhalten des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet war nun bald 10 Jahren lang leider ziemlich unerquicklich: Einerseits gingen Rechtsabteilungen der Sender massiv gegen ihnen unliebsame Webseiten und Personen vor, beanspruchten sogar deren kompletten Mailverkehr, drängten Schweizer Traditionsbanken aus deren Domains. Andererseits ist seit Beginn dieses Jahres in Deutschland schon der bloße Internetzugriff beispielsweise für den Abruf der E-Mail oder das nächtliche Chatten rundfunkgebührenpflichtig geworden.

Den Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung mitten im Sommerloch mit einer Sprachzensur durch die GEZ, die in verringerter Form immer noch anhält. Doch zumindest in den höheren Etagen der Sender findet nun ein Umdenken statt - es werden nun technisch sinnvolle Entwicklungen vorangetrieben und man macht sich auch erstmals Gedanken um das eigene Image.

 

 

Jeder vom Spargelstecher bis zum LKW-Fahrer wird heute zur Selbstständigkeit gezwungen, kommt andererseits spätestens für die Steuererklärung nicht am Internet vorbei. Wieso belasten Sie Freiberufler und Selbstständige hierfür mit einer zusätzlichen zweiten Rundfunkgebühr?

So fragte der freie Technik- und Medien-Journalist Rainer Bücken den ARD-Vorsitzenden Fritz Raff auf dem Presseforum der Produktions- und Technik-Kommission (PTKO) der ARD auf der IFA 2007. Er fing sich dafür prompt von der Moderatorin den Rüffel ein, derartige "persönliche" Fragen doch zukünftig zu unterlassen. Raff wich jedoch nicht aus und sagte: "Das letztes Jahr aufgetauchte Problem PC-Gebühr wollen wir nicht vor uns herschieben, sondern lösen".

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Stand im Rotlicht gebührenzahlenden erzürnten Journalisten Rede und Antwort: Fritz Raff (Bild: W.D.Roth)

Zu Fritz Raff war also offensichtlich nicht vorgedrungen, daß dieses Wort gar nicht mehr benutzt werden sollte, dass es kostenpflichtig verboten worden war. Zur Erinnerung: Mitte August, pünktlich zum Sommerloch, war die Gebühreneinzugszentrale ( GEZ) erstmals als Sprachpolizei aktiv geworden und hatte das Berliner Bildungsportal "Akademie.de" abgemahnt , das Tipps zum Umgang Selbstständiger mit Rundfunkgebühren auf seinen Seiten hatte - und wollte dabei insgesamt 20 Wortkombinationen mit "GEZ" sowie zehn andere populäre Ausdrücke verbieten. Einige Beispiele:

  • statt GEZ-Verweigerer sei nun Schwarzseher zu sagen (ein inoffizieller und hier zudem unzutreffender Ausdruck, es geht ja um E-Mail, Chat, WWW)
  • statt GEZ-Fahnder vielmehr Beauftragtendienst der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten oder zumindest Rundfunkgebührenbeauftragter
  • statt GEZ-Anmeldung hieße es in korrektem GEZ- Amtsdeutsch gesetzlich vorgesehene Anmeldung von zum Empfang bereit gehaltener Rundfunkgeräte
  • statt des von Fritz Raff benutzten Ausdrucks PC-Gebühr sei der korrekte Terminus gesetzliche Rundfunkgebühren für neuartige Rundfunkempfangsgeräte .

Die Idee, sein Neusprech mittels Abmahnungen einzuführen, war selbst George Orwell in seinem Roman 1984 nicht gekommen, und auch die Deutsche Bundespost nahm einst zähneknirschend hin, dass die Kunden ihre schönen Fernsprechapparate doch nur als Telefon bezeichneten.

Mittlerweile sprechen die Sender allerdings selbst von einem PR-Gau , wo doch die neue Werbeaktion der GEZ ( "Natürlich zahl ich") deren mit früheren Werbespots noch mutwillig gefördertes Stasi-Image ("GEZtapo") endlich beseitigen sollte. Trotz der perfekten Überwachung mit Daten der Einwohnermeldeämter schauen, hören oder surfen aber immer noch 10% der Gebührenpflichtigen nach Schätzungen des Südwestrundfunk, ohne Gebühren zu zahlen.

Digitale Strategien

So hatten die in Berlin verkündeten und nun auf den Münchner Medientagen weiter diskutierten neuen digitalen Strategien der ARD natürlich einen unverdient schlechten Start. Zwar führten sich ARD und ZDF in vergangenen Jahren in der digitalen Web-Welt eher wie ein Elefant im Porzellanladen auf, weshalb viele andere Leistungen wie die DAB-Radioprogramme, der neue Radiotransponder der ARD mit HiFi-Übertragungen aller öffentlich-rechtlichen Radioprogramme über Satellit oder die TV-Digitalkanäle Eins Plus, Eins Extra und Eins Festival sowie ZDF doku, ZDF info und ZDF theater von ARD und ZDF gar nicht wahrgenommen oder als Gebührenverschwendung gebrandmarkt wurden.

Die neue Strategie ist nun aber auch im Internet akzeptabel, da für den Zuschauer von Nutzen. Sie wurde von der BBC übernommen, die das WWW primär nicht als weiteren Übertragungskanal für Live-Programme ansieht, sondern dort Sendungen bis zu 30 Tage archiviert. Beim ZDF schafft man mit der Mediathek zwar erst 7 Tage, nur in Ausnahmefällen bis zu einem Jahr, bei der ARD plant man dies ab November, während Arte plus 7 bereits zum 1. Oktober startete - leider mit recht eingeschränkter Sendungsauswahl.

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Geht auch ohne Rischka-Taxi: Verpasste ZDF-Sendungen online "nach-sehen". Für den, der Eva Herman gar nicht oft genug rausfliegen sehen kann oder für den, der hofft, dass irgendwann Kerner mit ihr geht... (Bild. W.D.Roth)

Doch gibt man hier dem Zuschauer tatsächlich, was er sonst nur im normalen WWW findet: Er kann Beiträge dann anschauen, wenn er möchte - nicht nur, wenn sie auf dem Programm stehen. Dieser asynchrone Abruf von Archivdaten ist im WWW wesentlich sinnvoller als der Abruf von Livestreams, die zu enormen Netzlasten und Kosten führen.

Es würde auch kaum ein Zuschauer - außer im Ausland, außerhalb der Reichweite von Kabel. Satellit und Antenne - freiwillig Live-Programme mit einem Computer statt einem Fernseher ansehen. Für eine verpasste Sendung, die einem wichtig ist, nimmt man die doch auch zukünftig höheren Mühen des Online-Guckens dagegen schon mal in Kauf. Der Mehrwert für den Zuschauer ist hier gegeben, während er lediglich dieselben Programme auf einem neuen, umständlicheren Weg nicht benötigt.

Die BBC machts vor

Die BBC ist mittlerweile schon wieder einen Schritt weiter und erlaubt in ihrem Online-Archiv auch das Herunterladen von ganzen Beiträgen, um diese - zugegeben DRM-gesteuert - offline bis zu 30 Tage anzusehen, was wegen der DRM-Tricks bislang nur für Windows-PCs funktioniert, während das ZDF zukünftig den Standard H.264 im MP4-Container nutzen will, der auch unter Mac OS und Linux nutzbar ist.

Podcasts für Audio und Video haben auch ARD und ZDF nun im Angebot, ebenso wie Textblogs. Tagesschau.de bietet unter "Ihre Frage nach Berlin! " gar die Möglichkeit, von den Zuschauern per Videoaufzeichnung eingeschickte Fragen abzuspielen und den Politikern vorzusetzen.

Die Blogger fühlen sich allerdings enteignet, wenn sie ARD und ZDF nun Rundfunkgebühren zahlen müssen, um ihrem Hobby weiter nachzugehen, und die dagegen etwas Kommerzielles aus den Blogs machen. Doch der Kampf "Fernsehen gegen Internet" ist inzwischen eigentlich Historie, da das Fernsehen durch das WWW nicht die befürchteten Verluste an Zuschauerzahlen erlitten hat - die Medien sind zu verschieden: Wer sich erschöpft passiv unterhalten lassen will, möchte dazu gar nicht ständig herumklicken, wer mit seinen Freunden chatten will, möchte wiederum nicht stattdessen "Marienhof" ansehen. Keine Seite kann hier der anderen ihr Publikum wegnehmen. Und so mancher Blogger freut sich auch darüber, nun auch ARD-Sendungen auf seinen MP3-Spieler zu laden .

Dass ARD und ZDF sich erst jetzt in größerem Maße auf diese WWW-Nutzung einlassen - einzelne Sendungen wie die Tagesschau gibt es schon heute auch im Archiv - hat zweierlei Gründe. Einerseits gibt es Rundfunkgebühren nach dem gegenwärtigen Rundfunkgebührenstaatsvertrag nur für Live-Programme - um das Internet rundfunkgebührenpflichtig zu machen und so zusätzliche Gebühren von Freiberuflern zu generieren, sind die "Mediatheken" untauglich.

Andererseits sind für Live-Streams bereits zusätzliche Übertragungs- und Nutzungsrechte erforderlich, für Archivbeiträge aber noch viel mehr. Deshalb werden hier auch zukünftig Musiksendungen, Sportübertragungen und Hollywood-Spielfilme fehlen, doch dafür finden sich Service-Sendungen, Nachrichten, Serien, Dokumentationen und andere Eigenproduktionen. Mit wirklich historischen Sendungen wird es allerdings problematisch, da Verträge, die vor 1995 abgeschlossen wurden, derartige Nutzungen nicht enthalten.

Toiletten nur für ARD-Mitarbeiter wdroth

War das etwa der erste ARD-Versuch mit "geschlossenen Benutzergruppen"? Die weithin ausgeschilderten Messetoiletten waren auf der IFA 2007 nämlich teils nur für Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Sender zugänglich - allerdings durften auch durchaus zahlwillige Normalbesucher nicht hinein, und wenn es noch so pressierte. Insofern war hier für die ARD mit dem Geschäft kein Geschäft zu machen (Bild: W.D.Roth)

Für die Autoren der Beiträge könnte dies Zusatzeinnahmen bringen, für die Sender dagegen nur Zusatzkosten für die Rechte, hinzu kommen Traffic- und Betriebskosten. Gegenwärtig kann die ZDF-Mediathek erst mit 20.000 gleichzeitigen Nutzern zurechtkommen, was aber schon wesentlich mehr ist, als mit Livestreams möglich wäre.

Ohne derartige Dienste sind ARD und ZDF jedoch nicht mehr konkurrenzfähig, denn die kommerziellen Sender bieten ihre Erfolgsserien wie "Jericho" (Pro Sieben) oder "Staatsanwalt Posch ermittelt" (RTL) längst auch in einem (später teils kostenpflichtigen ) Online-Archiv an, damit kein Zuschauer "aussteigt", weil er zu viele Folgen verpasst hat.

Dennoch werden die kommerziellen Anbieter unruhig, denn die öffentlich-rechtlichen Stationen haben einfach mehr Material, um Zweitverwertungen zu "füttern", ob nun die Online-Archive oder eigene Nachrichtenkanäle. Im Radio gibt es diese seit Jahren, ob MDR info oder Bayern 5, nun sollen auch die bislang reinen Recycling-Kanäle Eins extra und ZDF info zu echten Nachrichtenkanälen werden, letzterer mit VJs speziell für jüngeres Publikum, ersterer mit normalem ARD-Material Nachrichten pur elf Stunden täglich. Die Zeiten, wo hier nur Sendungen wie c't-TV in schlechter Bildqualität verkleinert und mit Aktientickern à la Bloomberg verunziert wiederholt wurden, könnten bald vorbei sein.

Lediglich Fritz Frey, Moderator des mit Beiträgen wie dem "Kinderpornoskandal" in "Second Life" eigentlich eher ins kommerzielle "Krawall-TV" passenden Report Mainz und Chefredakteur des Südwestrundfunk Fernsehen Rheinland-Pfalz zeigte sich als ÖR-Hardliner alten Schlags:

Wenn der Bürger nicht mehr zum Fernsehen kommt, dann müssen wir eben dahin, wo der Bürger ist. In seinen Computer, in sein Handy, seinen MP3-Player.

"Na genau das will Wolfgang Schäuble mit seiner Online-Durchsuchung doch auch!", denkt sich da der so bevormundete Kunde, der durchaus weiß, wieso er nicht "zum Fernsehen kommt" und da auch gar nicht hin will. Derweil macht sich Frey Sorgen um die Kurzfilmchen auf Videoportalen, die die Zeitungsverlage online einbinden und schimpft "Nicht die ARD will Presse, sondern die Presse will Fernsehen machen", obwohl ARD-Sender sogar ihre Hauszeitschriften bereits gerichtlich als Argument nutzten, um Presseerzeugnisse und deren Mitarbeiter anzugreifen.

Während ARD und ZDF argumentieren, "der Zuschauer habe das Programm bereits bezahlt", die Inhalte sind ja längst produziert, halten die kommerziellen Stationen ebenso berechtigt dagegen, dass ein Handy- oder Computernutzer nun zusätzlich mit Rundfunkgebühren einseitig zu Gunsten von ARD und ZDF zur Kasse gebeten wird. Ein freier Journalist muss so seine selbsternannte Konkurrenz mit einer zusätzlichen Rundfunkgebühr finanzieren, um arbeiten zu dürfen, denn mit dem Versand von Beiträgen auf Disketten ist er heute nicht mehr konkurrenzfähig. Im Radio- und Fernsehbereich wäre dies undenkbar, da sind die kommerziellen Sender nämlich rundfunkgebührenbefreit.

SWR Sat1 Investoren Fritz Frey Powerpoint

Immer noch beliebt: Tiervergleiche (Bild: Vortrag von Fritz Frey, "Report Mainz", Südwestrundfunk)

Mittlerweile sagen die neu gewählten Intendanten von Südwestrundfunk und westdeutschem Rundfunk offen, daß sie zumindest die Verleger nicht mehr als Konkurrenten sehen und diesen sogar Inhalte kostenlos zur Verfügung stellen würden - mit der Gegenleistung einer Erwähnung und Verlinkung. Also so, wie es eigentlich im WWW üblich war, bevor die öffentlich-rechtlichen Sender es per Handstreich erobern wollten. Zu kommerziellen Rundfunk- und Fernsehsendern hatte es ja schon vor einem Jahr ähnliche Äußerungen gegeben . Haben ARD und ZDF also inzwischen das WWW begriffen? Schön wäre es.

Bezüglich der bei Verlagen beschäftigten oder für diese Beiträge liefernden Journalisten steht solch ein Statement allerdings noch aus, die gelten bislang immer noch als "Konkurrenz". Bis die verhärteten Fronten hier endgültig aufgelöst sind, dauert es wohl noch eine Weile - ein neuer Rundfunkgebührenstaatsvertrag, der dabei helfen könnte, ist in Planung. Auch das bisherige Tabu geschlossene Benutzergruppe oder gar Bezahlinhalte wackelt: Wenn ARD und ZDF für Zusatzdienste im Internet getrennt abrechnen, löst das nicht nur ihr Problem, für Internet-Angebote nur 0,75% der Gebühren verwenden zu dürfen, sondern auch die Wut der Konkurrenz darüber, wenn solche nicht zur "Grundversorgung" zählenden Angebote gebührenfinanziert sind.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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