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29.11.13

Arbeitsbedingungen bei Startups: Wenn Ausbeutung an der Tagesordnung steht

Bei manchen Startups und Unternehmen aus der Techindustrie werden die Angestellten regelrecht ausgebeutet. Gründer und CEOs begehen einen Fehler, wenn sie dies zulassen oder gar fördern.

ArbeitsbedingungenUnternehmen der Internetindustrie und Startups sind die neuen Sweatshops . Junge ambitionierte Menschen erwarten tolle Teams, hervorragende Aufstiegsmöglichkeiten und die Gelegenheit, Märkte zu verändern - und bekommen unerträgliche Arbeitszeiten, unqualifizierte, autoritäre oder exzentrische Vorgesetzte sowie massiven Druck, die ständig wechselnden und teilweise unrealistischen Zielvorgaben zu erfüllen. Vor einem Jahr skizzierte Joel Kaczmarek bei Gründerszene ein derartiges, in der Branche seiner Ansicht nach zumindest nicht unübliches Bild. Zwei aktuelle Ereignisse bestärkten den Eindruck, dass Startups nicht immer die idealen und glamourösen Arbeitgeber sind, die sich Talente wünschen und angesichts der Erzählungen und Fotos von farbenfrohen Büros, Kickertischen und gut gefüllten Obstkörben ausmalen. Vier Jobs in einem, und schlecht bezahlt

So sucht der in Seattle beheimatete Spielehersteller Penny Arcade in einem Jobinserat auf LinkedIn gerade nach einem regelrechten Superangestellten; nach einer Person, die - so formuliert es das Unternehmen selbst - die Qualifikation für vier verschiedene Jobs mitbringt, nämlich Webentwicklung, Softwareentwicklung, Systemadministration und IT-Administration. Anforderungen an dieses Multitalent beinhalten neben einem weitgefassten Repertoire an fachlichen Kenntnissen eine extreme Aufmerksamkeit fürs Detail, eine Flexibilität für die Durchführung von Dienstreisen in bis zu 30 Prozent der Arbeitszeit, die Bereitschaft, in einem "kreativen und potenziell angriffslustigen" Milieu zu arbeiten und sich auf plötzliche Planänderungen einzustellen, sowie die 24-stündige Verfügbarkeit in Notfällen. Außerdem sollen Kandidaten kein Problem damit haben, vor der Kamera zu erscheinen. Penny Arcade gibt freimütig zu, in Sachen Work-Life-Balance zu versagen, und weist prophylaktisch auf ein nicht sonderlich berauschendes Gehalt hin. Wer würde der Versuchung, hier arbeiten zu wollen, widerstehen können? Tatsächlich aber haben sich bereits 79 Personen via LinkedIn bei der Gamesschmiede beworben. Einen Hinweis darauf, dass es sich um Satire handeln könnte, existiert bislang nicht. Nach einem Traumjob klingt das wahrlich nicht.

Gründer mit roboterartiger Wahrnehmung

Auch bei dem noch im Stealth-Mode befindlichen US-Startup Clinkle ist der Arbeitsalltag laut einem bei Quora veröffentlichten Bericht zweier ehemaliger Mitarbeiter eher ein Albtraum. Clinkle arbeitet an einem noch nicht enthüllten Dienst zum mobilen Bezahlen und hat bereits vor dem Launch 25 Millionen Dollar vom Who-is-Who der US-Investorenszene einsammeln können. An der Spitze des Unternehmens steht ein 22-jähriger ehemaliger Stanford-Student namens Lucas Duplan, der sich nach Aussage der anonymen Ex-Angestellten besonders durch seine "roboterartige Wahrnehmung und seine allgemeine Idiotie" auszeichnet. 31 Personen befänden sich angeblich bereits auf der Liste der ausgeschiedenen Mitarbeiter. Personen, die mit der Art des Clinkle-Gründers einfach nicht klar gekommen seien. Duplan würde Angestellte täglich "verletzen" und kein Verständnis dafür besitzen, dass er ohne ein motiviertes Team seine Ziele nicht verwirklichen kann. Er habe kein Interesse daran, seine Teamkollegen zu führen, sondern er möchte sie kontrollieren, so die Charakterisierung des Firmenchef durch die Betroffenen. Inwieweit die Beschwerden, die sich auch aus der Frustration der zwei Ex-Mitarbeiter über versprochene, aber nicht erhaltene Firmenanteile zu speisen scheinen, vollständig den Tatsachen entsprechen, sei einmal dahingestellt. Dass aber ein frisch von der Uni kommender Student der Computerwissenschaften nicht aus dem Stand in der Lage ist, mit der auf ihn geworfenen Summe von 25 Millionen Dollar erfolgreich ein viele Dutzend Mitarbeiter zählendes Team aufzubauen, zu leiten und zu halten, ist absolut vorhersagbar. Da kann er noch so clever und seine Idee noch so revolutionär sein.

Richtige Erwartungshaltung und respektvoller Umgang

Die Technologie- und Startupbranche ist (außer in Norwegen) kein Segment, in dem Angestellte einen 9-to-5-Job erwarten können. Zumindest solange Firmen durch Wagniskapital finanziert sind und um Profitabilität kämpfen, bestimmt der daraus resultierende Druck auf das Geschäft die Arbeitsweise und Erwartungshaltung an alle. Im Idealfall gibt es für die Belegschaft attraktive monetäre Anreize, die in ihren Augen den außerordentlichen Einsatz für ihren Arbeitgeber eine Zeit lang lohnenswert machen. Doch speziell im deutschsprachigen Raum sind Anteile keine Selbstverständlichkeit, und existiert doch ein irgendwie geartetes Anreizsystem, dient dies nicht selten lediglich als Kompensation für unterdurchschnittliche Gehälter.

Verallgemeinerungen wären falsch. Es finden sich genug Jungfirmen im Technologiebereich, die den fragilen Markt und die anfänglich meist dünne Finanzdecke nicht als Rechtfertigung für unwürdige Arbeitsbedingungen und eine von massivem Druck und ethisch zweifelhaften Zielsetzungen geprägte Unternehmenskultur heranziehen. Nicht selten aber treffen fehlende Erfahrung in Bezug auf Leadership auf problematische, untaugliche Geschäftsmodelle, das überhastete Anheuern nicht oder unpassend qualifizierter Mitarbeiter in Scharen, überdimensionierte Egos, falsche Erwartungen der Bewerber und hochaggressive, das Unternehmen zu schnellen, teils einschneidenden Entscheidungen führende Wettbewerber. Gern wird dann das Motto "Get Shit Done" ausgerufen und gehofft, dass sich damit jegliche Aktivitäten in die richtigen Bahnen lenken lassen. Eine vergiftete Arbeitsatmosphäre und Firmenkultur sind die wahrscheinlicheren Folgen.

Der momentane Startup-Kult sowie die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in vielen Ländern führen dazu, dass selbst bei denen als Arbeitgeber verrufesten Startups laufend neuen Lebensläufe eintreffen. Niemand kann es den Kandidaten verdenken. Die Verantwortung liegt bei den Gründern, die erkennen müssen, dass moderne Sklaverei nur sehr selten zu den erhofften Effekten führt, oft aber die Position einer aufstrebenden Firma durch interne Querelen und eine hohe Mitarbeiterfluktuation schwächt. Und nicht zuletzt ist es einfach respektlos gegenüber den Angestellten. Denn diese werden bei einem eventuellen Exit anders als die Gründer in der Regel nicht zu Millionären.

Berichtet uns in den Kommentaren gerne von Erfahrungen, die ihr selbst gemacht habt.  /mw

(Illustration: Turning ideas into money, Shutterstock)

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