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22.05.13Leser-Kommentare

Apps zur Lebensverbesserung: Wieso Mentor und Lift Potenziale verschenken

Verschiedene mobile Apps, darunter auch die neue Anwendung des Berliner Startups Mentor, wollen Menschen beim Erreichen der persönlichen Ziele unterstützen. Doch ihr Weg über die Schaffung extrinsischer Motivation hat Schwächen.

MentorDen inneren Schweinehund zu überwinden, um als anstrengend wahrgenommene, aber im Nachhinein für das eigene Wohlbefinden oder die eigene Gesundheit positive Aktivitäten durchzuführen, ist für viele Menschen eine große Herausforderung. Selbst wenn sie sich über die erstrebenswerte Langzeitwirkung von Besuchen im Fitnessstudio, der Einnahme gesunder Speisen oder der regelmäßigen Benutzung von Zahnseide im Klaren sind, reicht diese Erkenntnis häufig nicht dazu, um die kurzfristigen Einbußen in Komfort, Zeit und Spaß selbstverständlich hinzunehmen.

Schon seit längerem versuchen Startups, mit mobilen Applikationen bei diesem verbreiteten Problem unterstützend zur Seite zu stehen. Nach DidThis und Lift hat sich nun auch ein junges Berliner Startup der Aufgabe verschrieben, an der Verbesserung von Aspekten ihres Lebens interessierten Anwendern bei der Verwirklichung dieses Ziels zu helfen. Mentor nennt sich der von Lukas Kampfmann, Philipp Merlin Scharff, Jeremias Wolf and Niclas Rohrwacher gegründete Dienst, der ab Freitag offiziell als kostenfreie App für das iPhone bereit stehen wird. Eine unter mentor-beta.com zu findende Beta-Version kann bereits jetzt direkt vom iPhone aus installiert werden. Erinnerungsfunktion und sozialer Druck

Wie andere Anwendungen in dem Bereich basiert Mentor auf dem Prinzip, dass sich Nutzer Ziele hinsichtlich ihrer persönlichen Weiterentwicklung setzen, diese in der App eintragen und jeweils kenntlich machen, wenn sie die dafür notwendige Aktivität, also beispielsweise eine Laufrunde oder den Verzehr eines Salats, über die Bühne gebracht haben. Eine Erinnerungsfunktion soll ebenso dabei helfen wie ein gewisser sozialer Druck, der über das in Mentor integrierte soziale Netzwerk entsteht. Andere Nutzer wie etwa die App verwendende Facebook-Kontakte können den Fortschritt ihrer Freunde favorisieren, kommentieren und somit im Idealfall das eigene schlechte Gewissen in Bezug auf die Nichterfüllung der anvisierten Tätigkeiten so weit steigern, dass man sich doch noch rechtzeitig von der Couch erhebt.

Doch wie schon bei den anderen Services dieser Art bin ich skeptisch, dass das Konzept des Aufbaus externen Drucks als Ersatz für intrinsische Motivation zum Erreichen persönlicher Ziele zumindest in dieser Ausformung wirklich funktioniert. Das größte Problem: Mentor & Co setzen von Personen mit mangelnder Selbstdisziplin (= die meisten Menschen) die Selbstdisziplin voraus, regelmäßig eine Applikation zu verwenden, um Vorarbeit für eine Aktivität zu leisten, zu der ihnen der notwendige innere Antrieb fehlt. Das heißt, eine mit viel Aufwand assoziierte Sache, vor der sie sich ohnehin schon zu drücken versuchen, wird noch einen Tick aufwändiger.

Nun würde dies womöglich ein kleiner zu zahlender Preis sein, entstünde aus der Vernetzung mit anderen tatsächlich der erforderliche Antrieb, um mit dem Rauchen aufzuhören, Treppen statt Fahrstuhl zu nutzen oder eine neue Sprache zu lernen. Doch diesen Effekt hätte allein die Präsenz der engsten Freunde und Bekannten - also von Leuten, vor denen man sehr ungern Schwäche und mangelndes Durchhaltevermögen zeigt. Leute, die am Wohlbefinden von einem interessiert sind und anfangen, unangenehme Fragen zu stellen, wenn man seit Wochen in der App keine Joggingtour mehr festgehalten hat. Nur sind diese Leute natürlich, wie für neue Services üblich, noch nicht dabei, was den anfänglichen Mehrwert nochmals schmälert. Ob nun Wildfremde den Eindruck bekommen, dass ich meine mir selbst auferlegten sportlichen oder intellektuellen Ziele nicht verwirkliche, ist mir ziemlich egal. Zumal ich natürlich bei einer rein App-basierten Lösung auch ganz einfach schummeln und vorgeben kann, mich im Fitnessstudio verausgabt zu haben.

Ich halte mich selbst für jemanden mit sehr hoher Selbstdisziplin, weshalb ich wahrscheinlich nicht zur Kernzielgruppe dieser Art von Anwendung gehöre. Mein Kollege Jürgen Vielmeier äußerte mir gegenüber aber Interesse an einer Lösung, die ihm beim Erreichen seiner persönlichen Ziele begleitet. Ein wirklich effektiver Ansatz ist ihm bisher jedoch laut eigenem Bekunden noch nicht begegnet. "Apps wie Mentor helfen überhaupt nicht, weil sie einen weiteren Kanal bedeuten, der mich Zeit und Aufmerksamkeit kostet", so sein Urteil.

Motivation muss von innen kommen

Der Schlüssel zum Erfolg liegt meines Erachtens nach darin, zum einen die notwendige kognitive Anstrengung für den Anwender zu minimieren - zahlreiche Gadgets aus dem Fitness- und Selbstquantifizierungssegment verrichten still im Hintergrund ihre Arbeit - und außerdem die intrinsische Motivation zu erhöhen. Dass andere einem dabei helfen sollen, das eigene Leben lebenswerter und gesunder zu gestalten, scheint mir die schlechtere Alternative zu sein. Stattdessen müsste ein Service an die Wurzel des Übels gehen, nämlich die Priorisierung kurzfristigen Komforts und Vergnügens über Potenziale, die sich erst auf lange Sicht entfalten. Wie dies geschehen könnte? Etwa indem eine App die Check-Ins bei foursquare, Instagram und Facebook ausliest und kluge Ratschläge, motivierende Informationen sowie Warnhinweise zu gesundheitlichen Auswirkungen von Aktivitäten per Push-Nachricht ausliefert, je nach dem ob man zum vierten Mal in einer Woche ein Fast-Food-Restaurant besucht ("Jetzt musst du drei Stunden joggen gehen, um die durchschnittlich hier eingenommenen Kalorien wieder loszuwerden"), häufig an verschiedenen Orten eincheckt ("Wenn du die Strecke zwischen A und B läufst, verlängerst du dein Leben durchschnittlich um 1 Minute") oder in regelmäßigen Abständen die Schwimmhalle frequentiert ("Du bist fit und bekommst vermutlich bald viele Komplimente").

Die Verantwortung für den eigenen Körper und das eigene Leben liegt bei einem selbst, nicht bei anderen. Apps mit dem Fokus auf persönlicher Entwicklung, die dieser Tatsache nicht Rechnung tragen, verschenken Potenzial. /mw 

Kommentare

  • Jürgen Vielmeier

    22.05.13 (11:58:09)

    Was das Thema Sport angeht, haben mich übrigens Fitness-Tools wie Fitbit und Runtastic ziemlich motiviert. Aber bei dem Thema bin ich auch kein derart fauler Hund wie etwa beim Thema Steuererklärung. Hier motiviert mich nicht einmal die Aussicht darauf, vielleicht 1.000 oder 2.000 Euro wiederzubekommen. Schaffe jemand etwas, was mich hier motiviert und ich werde ihn den Rest meines Lebens als Helden verehren. ;)

  • m106

    22.05.13 (12:06:48)

    Ich nutze Lift schon seit mehreren Monaten für eine kleines Muskelübung, die ich im Prinzip immer und überall machen kann. Lift hilft mir nicht zur Motivation, allerdings hilft es mir immer, mich daran zu erinnern. Wenn man mit etwas anfängt, ist die Motivation noch sehr hoch, so dass man sich von alleine noch daran erinnert. Nach einigen Wochen sinkt aber die Motivation, so dass man es oftmals vergisst. Ohne innere Motivation wäre wie du bereits geschrieben hast, wohl auch die Erinnerungen von Lift sinnlos, da ich sie einfach ignorieren würde. Daher stimme ich dir absolut zu, dass man schon selber für die innere Motivation sorgen muss.

  • m

    22.05.13 (18:23:34)

    reines linkdropping ist ja blöd aber trotzdem, weil ich zu jenen mit wenig disziplin gehöre und den artikel gerade erst gelesen habe: http://pandodaily.com/2013/05/21/the-importance-of-grit-rules-and-discipline/ mir geht es mit diesen apps ähnlich (zusätzliche aufmerksamkeit etc.) und auch sind sie und deren arbeit so wenig sichtbar. klein, ausgeschaltet und in der hosentasche.

  • Marc

    25.05.13 (17:59:12)

    die Apps wie runtastic schöpfen einfach nicht das Potential wo vorhanden wäre, was bringt mir eine einmalige Aufforderung am Samstag um 19.00 Uhr die ich ignoriere, weil ich gerade TV, Fußball schaue bzw. Couchsurfe oä. würde eine gewisse Logik like Google now dahinter stehen und am nächsten Tag bei schönem Wetter nochmals drauf hinweisen, dann wäre das doch ein kaum schlagendes Argument seinen Körper nicht in Gang zu setzen. hier sollte die App-Entwickler als nochmals nachsitzen und die Apps "intelligenter" machen ob man nun noch eine separate App wie Mentor&Co. benötigt bezweifel ich.

  • Vincent

    21.01.14 (20:44:48)

    Sehe ich genauso. Denke das solch eine App zu viel überflüssigen Aufwand bedeutet, schlauer wäre die Hilfe Ziele realistisch zu setzen und in Unterziele zu untergliedern, also Hilfe bei der Zielsetzung und nicht bei der Umsetzung.

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