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02.02.09

Apps, RSS, APIs & Co.: Alles viel zu kompliziert

Warum setzt sich RSS nicht durch? Warum tut sich Facebooks App-Plattform inzwischen so schwer? Warum scheint hingegen eine eigentlich primitive Website wie Twitter richtig durchzustarten? Die Antwort ist simpel: Weil Einfachheit im Konsumentenmarkt immer siegt.

Komplizierter als ein Toaster darf's nicht werden.Einer der intelligentesten Sätze über Technologie, die ich je gelesen habe, lautet:

"Konsumenten kaufen keine Systeme, sondern Produkte."

Was ist damit gemeint? Wenn sich Firmen eine technologische Lösung kaufen, ist die Situation meistens komplex, und die Firma will eine umfassende Problembewältigung haben. Das erfordert fast naturgemäss eine komplexe, aus mehreren Komponenten bestehende, speziell angepasste technische Lösung --- Eine Firma kauft ein System, kein isoliertes Produkt. Darum ist es kein Wunder, dass beispielsweise bei der Einführung eines Softwarepaketes à la SAP typischerweise nur etwa ein Viertel der Kosten auf die Soft- und Hardware entfällt und der Rest für Consulting-Dienstleistungen draufgeht. Das ist der Preis der Komplexität.

Aber wie kaufen Konsumenten Technologie? Wir gehen in den Mediamarkt und kaufen uns einen neuen Toaster oder einen neuen DVD-Player. Die Erwartung ist, dass das Ding nach dem Anschluss von höchstens drei Kabeln und bitte ohne Studium der Bedienungsanleitung funktioniert. Wenn man sich anschaut, welchen Anteil des Funktionsumfangs ihres Handies die meisten Leute benutzen, ist das meistens haarsträubend. Telefonieren ja, vermutlich noch SMS, aber dann wird's schon dünn. WAP-Browser? Synchronisieren mit dem PC? Fehlanzeige. Konsumentenprodukte müssen simpel sein, sonst ignorieren die Konsumenten die Komplexität halt einfach. Und das gilt auch für Internet-Applikationen -- vielleicht noch radikaler.

Vermutlich ist es eine realistische Schätzung, dass knapp 10% der Bevölkerung sich ausreichend für Technologie interessiert, um sich mit der angebotenen vollen Leistung moderner Konsumentenelektronik und -IT herumzuschlagen. Das ist der Zielmarkt für all die vernetzen Home-Entertainment-Systeme, für Heimautomation oder natürlich all den Kram, mit dem wir unser PC-Heimnetzwerk aufmotzen können.

Und damit kommen wir zu den Internet-Technologien: Die Penetrationsrate von RSS gemessen an allen Internet-Usern ist derzeit .... etwa 10 Prozent. Sind das möglicherweise die gleichen Leute, die ganze Wochenenden mit der Optimierung ihres Heimnetzwerks verbringen können? Fast garantiert: Ja. Für Normaluser ist nur schon allein das Konzept von RSS komplett unverständlich. Sich durch den Terminologiedschungel zu schlagen (Atom? RSS 0.92? RSS 2.0? Feedburner?) und mit all den unausgereiften Implementierungen auseinanderzusetzen, ist für einen Normaluser undenkbar. Der erzielbare Nutzen rechtfertigt das noch nicht mal andeutungsweise.

Ebenso bin ich auch immer etwas amüsiert darüber, wenn in der Internetszene die Verfügbarkeit eines offenen APIs als absolut essentiell für den Erfolg einer neuen Applikation erachtet wird. Solche Dinge sind nur für eine sehr kleine Zielgruppe interessant, nämlich die Entwickler. Und dann müssten die erstmal noch diese APIs in einer sinnvollen Art und Weise nutzen, woran es aber meistens arg hapert. Ehrlich gesagt ist die Liste wirklich praxisrelevanter Einsatzfälle solcher APIs (wiederum: aus der Perspektive des Normalusers, nicht des Internet-Nerds) verblüffend klein. Normaluser haben keine Lust darauf, Systemintegration zu betreiben. Wer schon mal versucht hat, z.B. seinen Desktop-Kalender mit Basecamp oder Google Calender zu synchronisieren (wofür es wunderbar offene APIs gibt), kennt vermutlich die dafür erforderliche Leidensbereitschaft.

Aber ist nicht gerade der Erfolg von Twitter ein Beweis dafür, wie wichtig APIs sind? Schliesslich war das eine der ersten Firmen, die ihr API weit aufgemacht hat. Nun, nicht unbedingt: Ich habe gerade mal eine zufällige Auswahl von 100 Twitter-Usern (gefunden per Twitter Search) daraufhin ausgewertet, welchen Twitter-Kanal diese Leute nutzen. Das Ergebnis: Nur 16% nutzten eine der zahlreichen (recht simplen) Desktop-Applikationen à la TweetDeck. 21% nutzten einen mobilen Kanal (vorwiegend iPhone und SMS), aber volle 61% setzen ihre Tweets ganz konventionell per Web-Browser ab. Nur gerade zwei der 100 User machten etwas Fortgeschrittenes wie Twittern per Friendfeed. Anders gesagt: Die radikale Einfachheit von Twitters Website scheint deutlich wichtiger zu sein als APIs für Poweruser.

Viel wurde auch schon geschrieben über das drohende Ende der Facebook-Applikationsplattform. Obwohl die ja eigentlich einfach zu bedienen ist, fühlt sich der Normaluser schnell überfordert. Wenn mich jemand mit einem Schaf bewirft, muss ich die dafür nötige Applikation aktivieren, allerlei Entscheidungen über Sicherheitseinstellungen treffen und überhaupt erstmal verstehen, was das alles soll. Kein Wunder, dass es mit all diesen Facebook-Apps nach einer kurzen Welle der (Nerd-)Begeisterung schnell wieder den Berg runtergeht. Ins natürlich gleiche Kapitel gehören Facebook Connect, Google Connect, OpenID, Open Social und wie sie alle heissen: Alles spannende Konzepte, aber noch bei weitem zu komplex für den Mainstream.

Es ist erstaunlich, dass die Internetfirmen nicht mehr von den zwei Königen des Consumer-Technologiemarketings lernen: Google und Apple. Google ist wohl das beste Beispiel dafür, wie man extrem komplexe Technologie hinter einem extrem einfachen Interface versteckt. Und faktisch verdient Google bis heute nur Geld an seiner einfachen Suchbox, nicht an seinen komplexeren Applikationen.

Apple hat es als eins der ganz wenigen Unternehmen in der Technologiegeschichte geschafft, so etwas wie ein komplexeres System in den Haushalten zu etablieren, nämlich die Kombination von iPod/iPhone und iTunes. Und wie hat das Apple hingekriegt? Durch radikale Vereinfachung -- ein geschlossenes, aber dafür reibungslos funktionierendes System statt fehleranfälliger Offenheit.

Um eins klarzustellen: Ich finde Offenheit wichtig und begrüssenswert. Und ich schätze es, wenn Applikationen flexibel sind und sich in nützlicher Weise mit anderen Dingen verbinden lassen. Nur ist das alles kein Kriterium für Erfolg im Konsumentenmarkt. Die Web-Szene scheint gefangen zu sein in ihrer eigenen Poweruser-Mentalität.

Wer bei Mainstream-Konsumenten Erfolg haben will, muss ein Produkt bieten, das so einfach ist wie ein Toaster (Toaster: Brot reinstecken, Knopf drücken, fertig. Google: Suchbegriff eintippen, Knopf drücken, fertig.).

Also: Das nächste grosse Ding im Web (falls es so eins überhaupt bald geben wird) wird sich nicht dank einer möglichst langen Featureliste, tollen APIs, offenen Plattformen oder totaler Mashupbarkeit durchsetzen, sondern dank radikaler Einfachheit. Und die zu erreichen, ist leider etwas vom Schwersten auf der Welt.

(Foto: jsc; CC-Lizenz)

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