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19.11.14

Apple Pay: In Deutschland keine Chance

Die Voraussetzungen für einen Erfolg von Apples neuem Bezahldienst in Deutschland sind sehr schlecht. Wahrscheinlich werden sich die wenigen Interessierten noch einige Jahre gedulden müssen.

Weiterhin sehr wichtig im deutschen Einzelhandel: die Bargeldkasse.

Angesichts der im internationalen Vergleich der Industrieländer ungewöhnlich hohen Bargeldaffinität der Deutschen war von Beginn an klar, dass der hiesige Markt für Apple Pay eine Herausforderung werden würde. Diverse Studien der letzten Zeit legen den Schluss nahe, dass der Bezahldienst es hierzulande tatsächlich extrem schwer haben dürfte.

 

Die Marktforschungsfirma Nordlight hat für ihren “Trendmonitor Finanzdienstleistungen 2014” 1.000 repräsentativ ausgewählte Bundesburger mit Girokonto im Alter von 18 Jahren und aufwärts befragt. Gemäß heise online nutzen derzeit laut der Studie nur zwei Prozent Wallet-Apps für kleine Geldtransaktionen via Smartphone. Nur sechs Prozent betreiben Online-Banking von ihrem Mobiltelefon aus. Insgesamt stellt Nordlight eine verbreitete Skepsis gegenüber dem Einsatz des Smartphones für Geldgeschäfte fest. Von den knapp 20 Prozent, die überhaupt Kenntnis über die Thematik besitzen, zeigt sich die Hälfte skeptisch.

Erst vor wenigen Tagen ergab eine von TNS Emnid im Auftrag der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) durchgeführte repräsentative Befragung ein ähnliches Bild: Demnach würden drei von vier Bürgern in Deutschland Apple Pay, Google Wallet und andere mobile Bezahldienste nicht in Anspruch nehmen wollen, die Hälfte “ganz bestimmt nicht”. 23 Prozent der Befragten zeigten Interesse.

Im Februar dieses Jahres ergab eine “internetrepräsentative Untersuchung” der Marktforscher von Nielsen ebenfalls, dass Bundesbürger dem Thema eher missmutig gegenüber stehen: 55 Prozent der Deutschen lehnten das Bezahlen mit dem Smartphone Anfang 2014 ab. 26 Prozent konnten sich mit dem Gedanken anfreunden. Ergebnisse, die sich mit denen von TNS Emnid decken.

Man könnte die deutschen Konsumenten demnach grob in drei Gruppen einteilen: Ein Viertel steht dem Bezahlen mit dem Smartphone grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Ein weiteres Viertel hält zwar wenig von der Idee, mag aber auf mittlere Sicht überzeugungswillig sein. Die Hälfte der Verbraucher ist aus Prinzip gegen die Nutzung des Smartphones als Geldbörse.

Besonders ernüchternd sind diese Erkenntnisse, weil die Deutschen dem Thema gegenüber schon einmal aufgeschlossener waren: Vor vier Jahren fand eine repräsentative Befragung von Forsa im Auftrag des Bitkom heraus, dass sich 43 Prozent der Handybesitzer in Deutschland vorstellen konnten, mit dem Handy zu bezahlen. Bei den 14- bis 29-Jährigen waren es sogar 75 Prozent. Der damals zu verspürende Optimismus hat sich trotz der Vielzahl der neuen Akteure in dem Segment überhaupt nicht ausgeweitet.

Aus mehreren Gründen ist Apple gut beraten, für seinen Bezahldienst vorläufig einen großen Bogen um Deutschland zu machen:

  • Geht man davon aus, dass von dem Viertel der Deutschen, die überhaupt mit dem Smartphone einkaufen würden, auf mittlere Sicht weniger als die Hälfte ein kompatibles iOS-Gerät besitzen werden (iPhone 6, 6+, spätere Modelle), kommen in den nächsten Jahren geschätzt vielleicht - bestenfalls - zehn Prozent der Deutschen als theoretische Apple-Pay-Nutzer in Frage.

  • Apple Pay ist so konzipiert, dass individuelle Partnerschaften zwischen Apple, Karteninstituten und Banken  geschlossen werden und dass Händler und Ketten formell mit ins Boot geholt werden - unter anderem weil Apple laut Branchenmeldungen eine eigene Provision für Transaktionen erhält. Außerdem müssen Händler in NFC-Terminals investieren und ihr Personal ausbilden. Dieser Aufwand muss ins Verhältnis zum geringen Marktpotenzial (siehe vorheriger Punkt) gesetzt werden.

  • Im stationären Handel in Deutschland kommen nur selten Kreditkarten zum Einsatz. Selbst führende Ketten wie Saturn akzeptieren nur Debitkarten. Apple Pay ist zwar theoretisch auch mit Debitkarten (“EC-Karte”) kompatibel. Allerdings existieren hier in Deutschland verschiedene konkurrierende System, wodurch eine hohe Komplexität entsteht. Aufgrund der weitaus niedrigeren Transaktionsgebühren, die bei Käufen mit Debitkarten erhoben werden, dürfte zudem der Anteil von Apple geringer ausfallen. Damit geht für Apple ein Nebenanreiz der Etablierung von Apple Pay verloren.

  • Wenn es um Geldthemen geht, mahlen die Mühlen in Deutschland langsam. Die deutschen Banken wollen “Ende 2015” erste Ansätze eines PayPal-Konkurrenten präsentieren. Schnelle Entscheidungen darf Apple also nicht erwarten.

  • Die allgemeine Skepsis in der Bevölkerung und das in der Gesellschaft verbreitete Fehlen eines Dringlichkeitsgefühls in Bezug auf mobiles Bezahlen wird zur Folge haben, dass Apple an deutschen Verhaldungstischen nicht mit offenen Armen und Neugier, sondern mit Misstrauen und Zweifeln empfangen wird.

mobilereadiness

Wie der "Mobile Payment Readiness Index" des Kartenanbieters MasterCard zeigt, liegt Deutschland im Vergleich von 34 Industrieländern unter dem Durchschnitt, was die Eignung des Marktes für mobiles Bezahlen angeht. Besonders bei der “Consumer Readiness”, also der Bereitschaft und Akzeptanz der Konsumenten, erkennt das Finanzinstitut erheblichen Nachholbedarf (wie obige Studien unterstreichen). Die Spitzenplätze belegen Singapur, Kanada und die USA. Bevölkerungsreiche Länder wie China, Südkorea, Australien und Brasilien platzieren sich vor Deutschland. Angesichts des mit der Lancierung in einem Markt verbundenen Aufwands wäre es für Apple strategisch klug, sich zuerst die “Low Hanging Fruits” zu angeln und die besonders schwierigen Länder mit großen kulturellen und strukturellen Barrieren später in Angriff zu nehmen.

Der deutsche Digitalmarkt funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Es existiert bei Bürgern und Firmen kein verbreiteter Anspruch darauf, beim Einsatz einer neuen Technologie zu den Ersten zu gehören. Nachdem sich aber eine Technologie in vielen Schlüsselmärkten der Welt ausgebreitet und damit ihren Machbarkeitsnachweis geliefert hat, springen die Deutschen gerne auf den Zug auf. Der im internationalen Vergleich sehr späte, aber dann sehr kraftvolle Aufstieg von Facebook hierzulande zeigt dies gut. In ein paar Jahren ist Deutschland vielleicht reif für Apple Pay. Momentan jedoch kann davon keine Rede sein. /mw

Foto: Vintage cash machine, Shutterstock

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