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05.01.12

Appell: Wieso die Tech-Berichterstattung sorgfältiger werden muss

Die Grenzen zwischen Journalisten, Bloggern, Beratern und Investoren verschwimmen. Im neuen Digitalblog von Süddeutsche.de findet sich ein Beispiel dafür, warum die Berichterstattung über die Webwirtschaft sorgfältiger werden muss.

 

Im September hatten wir die Problematik der Interessenkonflikte im Online-Tech-Journalismus angesprochen. Meine damalige These: Die mangelnde Unabhängigkeit der Berichterstatter wird zum Dauerzustand. Im Angesicht der zunehmenden (medialen) Aufmerksamkeit für Themen der Internetwirtschaft, der Attraktivität von Technologiefirmen als Investitionsobjekte sowie der verschwimmenden Grenze zwischen Journalisten, Bloggern, PR-Fachleuten und Investoren rechne ich für 2012 mit einer Zuspitzung der Lage.

Warum es notwendig ist, für den Sachverhalt zu sensibilisieren, verdeutlicht ein aktueller Eintrag im neuen Digitalblog von Süddeutsche.de: Darin befasst sich Dirk von Gehlen in kurzer Form mit der Frage, ob Facebook mittlerweile zu voll ist, und nimmt dazu primär auf einen Artikel von dem US-Investor und ehemaligen TechCrunch-Chef Michael Arrington Bezug. In diesem behauptet Arrington pointiert, niemand würde mehr zu Facebook gehen, um anschließend auf Alternativen wie Path oder das in Entwicklung befindliche Just.Me zu verweisen.

Was allerdings im SZ-Text unterschlagen wird: Arrington hat in beide Anbieter investiert, wie er selbst auch transparent deutlich macht (Update: Als Reaktion auf diesen Artikel hat der Autor Dirk von Gehlen im Ursprungstext auf Arringtons Beteiligung hingewiesen). Seine "Analyse" ist damit vor allem eines: Werbung in eigener Sache. Dass der ehemalige Vollzeitblogger Arrington seine persönliche Site als Plattform nutzt, um für die eigenen Beteiligungen zu trommeln, ist legitim. Dass sich jedoch das Digitalblog von Süddeutsche.de dazu hinreißen lässt, eine im Prinzip lediglich übersetzte Fassung von Arringtons Beitrag zu veröffentlichen, ohne DEN entscheidenden und im Originaltext kenntlich gemachten Interessenkonflikt zu erwähnen, ist eine grobe Nachlässigkeit.

Oder würde die SZ auch einem deutschen Investor mit weniger Webprominenz die Möglichkeit einräumen, in einem Artikel in voller Länge für dessen Beteiligung Werbung zu machen und die Konkurrenz anzugreifen, sich also bedingungslos instrumentalisieren zu lassen? Sicherlich nicht!

Dieser Beitrag dient nicht allein dazu, mit dem Finger auf Süddeutsche.de zu zeigen - wobei dies im konkreten Fall nach meinem Empfinden angemessen ist. Der Text hätte in dieser Form auf dem Blog einer der renommiertesten Tageszeitungen Deutschlands nicht erscheinen dürfen.

Wichtiger ist meines Erachtens nach jedoch der Appell an alle, die an der Informationsbeschaffung, -bearbeitung und -weiterverbreitung von Meldungen, Analysen und Meinungen zum Internetsektor beteiligt sind, Sorgfalt walten zu lassen und nicht im Eifer des Gefechts um Seitenaufrufe und Retweets die Aspekte unter den Tisch fallen zu lassen, die zur Gesamtbewertung notwendig sind oder einen knackigen Aufhänger relativieren oder entschärfen würden. Unabsichtlich kann dies sicher mal passieren. Vorsätzlich sollte dies allerdings Tabu sein, finde ich.

Mit der Allgegenwärtigkeit von Interessenkonflikten und der Verquickung von redaktionellen und persönlichen Interessen müssen wir uns anfreunden. Auch wäre es eine falsche Reaktion, den Aussagen der Arringtons dieser Welt und anderer, in eigener Sache argumentierender Experten kein Gehör mehr zu schenken. Den Vermerk zu Investitionstätigkeiten oder anderen wirtschaftlichen Verquickungen jedoch zumindest in den Nacherzählungen und Zitierungen mitzuliefern, wenn er einem schon auf dem goldenen Tablett serviert wird, ist wahrlich nicht zu viel verlangt und sollte gar nicht erst eine langjährige Journalistenausbildung voraussetzen.

Und was das SZ Digitalblog betrifft, entsteht bei mir gleich zum Launch der Eindruck, dort werde das publiziert, was den herkömmlichen redaktionellen Qualitätsstandards nicht standhalten würde. Nach dem Motto "Es ist doch nur ein Blog". Was eigentlich eine Beleidigung für das Blogformat ist.

Update: Der Autor Dirk von Gehlen äußert sich in einem Kommentar, kann meine Kritik aber nicht nachvollziehen. Mittlerweile hat er im angesprochenen Artikel aber einen Hinweis zu Arringtons Investorentätigkeit untergebracht.

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