<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

04.01.10Leser-Kommentare

App Economy: Die Softwarebranche wird zum "Hit-Driven Business"

Deutlich über 100'000 Apps gibt es für das iPhone, gegen 20'000 für Android, und über die Zahl der kleinen, praktischen Web-Applikationen hat sowieso keiner mehr den Überblick. Die Softwarebranche bewegt sich von einem Industrie- zu einem Medienmodell. Und das hat tiefgreifende Konsequenzen.

App StoreAls die Automobilindustrie noch jung war, gab es allein in den USA deutlich über 1000 Autohersteller, in Europa etwa eine ähnliche Zahl. Klingt nach viel, aber gemessen an der Anzahl der Betriebe in anderen Branchen -- Restaurants beispielsweise -- ist das eine ziemlich kompakte Branche. Und heute sind von all diesen Startups natürlich nur eine Handvoll Riesenkonzerne übrig geblieben.

Die Autobranche ist der Inbegriff des industriellen Modells: Für die Herstellung von Automobilen sind viel Kapital, technische Expertise und aufwendige Distributionskanäle nötig. Solche Ressourcen stehen nur wenigen Branchenteilnehmern zur Verfügung, und darum neigen industriell geprägte Branchen zu recht starker Konzentration.

Bis vor einigen Jahren war die Software(produkt-)branche recht ähnlich strukturiert. Ein komplexes Softwareprodukt herzustellen und zu vertreiben war eine ausgesprochen teure Angelegenheit. Viele Softwarefirmen benötigten 30 oder 40 Millionen Dollar an Startkapital, um überhaupt nur im Markt Fuss fassen zu können. Danach war meistens weiteres Kapital aus einem Börsengang nötig. Logischerweise war so ein Aufwand nur für relativ wenige Firmen möglich. Die Softwarebranche folgte also lange einem stark industriell geprägten Modell.

Dann aber kam das Internet und mit ihm der fundamentale Wandel, den wir gerade erleben: Die modere Softwarebranche hat mehr mit der Welt von Medien und Entertainment zu tun als mit der Autoindustrie.

Pro Jahr werden weltweit etwa 5000 professionelle Spielfilme produziert, dazu zahlreiche kleinere Produktionen ausserhalb des etablierten Studiosystems. Von diesen Werken schaffen es nur die wenigsten überhaupt in die Kinos, und nur ein Bruchteil wird zum wirtschaftlichen Erfolg. Noch extremer sind die Verhältnisse in der Buchbranche: Von den etwa 1.2 Millionen jährlich publizierten Büchern fristen die allermeisten ein Dasein in ewiger Obskurität. Ähnlich sehen die Dinge in der Musikbranche aus.

Diese Kreativbranchen leben traditionell mit extrem niedrigen Erfolgsquoten. Im Fachjargon redet man von "hit-driven Businesses". Einige wenige Superhits à la Harry Potter reissen mit ihren extrem hohen Gewinnen den Rest der Verlustbringer wieder raus. Verlage, Filmstudios und Musiklabels müssen also darauf achten, ein breites Portfolio an Hit-Kandidaten aufzubauen, um überleben zu können. Für den individuellen Künstler hingegen sind die Risiken beträchtlich. Wenn ein Filmregisseur nach drei oder vier Jahren Arbeit nur einen Flop abliefert, hat er Pech gehabt. Das kann eine Karriere beenden. Umso grösser sind aber natürlich die materiellen Belohnungen für die wenigen Glücklichen, die einen Superhit landen.

Die meisten Venture Capitalists in der Softwarebranche rechnen mit etwa ein oder zwei richtig erfolgreichen Firmen auf 10 Investments, also einer "Hit-Quote" von 10-20%. Eine Erfolgsquote im einstelligen Prozent- oder sogar Promillebereich wie in der Unterhaltungsbranche wäre hingegen für das traditionelle VC-Modell verheerend. Aber genau dahin entwickelt sich die Softwarebranche mit rasanter Geschwindigkeit.

Getrieben durch das iPhone, soziale Plattformen wie Facebook und durch "Software as a Service"-Anbieter auf dem Web entwickelte sich in den vergangenen Jahren eine dynamische "App Economy" (Hans-Dieter Zimmermann hat dazu eine umfassende Liste an Artikeln zusammengestellt), die von ein paar ziemlich interessanten Eigenschaften getrieben wird:

  • Apps (sei es auf dem Smartphone oder im Web) versuchen nicht komplexe Probleme zu lösen, sondern bieten eine begrenzte, fokussierte Funktionalität.
  • Durch ihre Einfachheit haben Apps eine sehr flache Lernkurve. Man kriegt sehr schnell Resultate.
  • Apps werden von Konsumenten oder individuellen Mitarbeitern gekauft, nicht von ganzen Firmen.
  • Die Lebenszeit vieler Apps kann sehr begrenzt sein. Beispielsweise werden die wenigsten iPhone-Apps länger als 30 Tage benutzt.
  • Als Resultat der begrenzten Nützlichkeit und Lebensdauer müssen Apps kostenlos (d.h. werbefinanziert) oder sehr billig sein.

Wer sich in der Welt der klassischen "Enterprise Software" auskennt, die die vergangenen vier Dekaden der Softwarebranche dominiert hat, kann vermutlich ermessen, wie fundamental diese Verschiebung ist. Traditionell wurde die meiste Software an Firmen verkauft, die damit umfassende Problemlösungen erwerben wollten. Die Anbieter mussten sich langen Evaluationsprozessen unterziehen. Horden von Consultants passten die Programme an die spezifischen Anforderungen des Unternehmens an. Mitarbeiter wurden in teure Schulungen geschickt. Und der Kostenpunkt für solche Lösungen ging oft in die Millionen. Damit verdienen Softwarehersteller wie Oracle und SAP oder Consultingriesen wie IBM und Accenture ihr (reichliches) Geld. Die neue App Economy stellt das alles auf den Kopf.

Es ist ziemlich klar, war die Ursachen der plötzlich enstehenden App Economy sind: Durch Open Source Software, Cloud Computing und moderne Entwicklungsumgebungen ist es um Grössenordnungen billiger geworden, leistungsfähige Software herzustellen. Das Internet und plattformspezifische Vertriebskanäle wie iTunes ermöglichen es selbst individuellen Programmierern, ihre Werke fast kostenfrei einem globalen Publikum zugänglich zu machen. Und die erfahrenen User von heute zögern längst nicht mehr, sich selbst eine Softwarelösung zu suchen. Früher hat man brav auf die EDV-Abteilung gewartet, heute holt man sich einfach Software aus dem Internet und löst seine Probleme selbst.

Erheblich weniger klar ist, was das alles langfristig für das Geschäftsmodell der Softwarebranche heisst. Zwar stürzen sich viele Unternehmer und VCs mit Begeisterung auf dieses neue Modell, da es so "kapitaleffizient" ist, also wenig Geld verbraucht wird, um ein potentiell grosses Publikum zu erreichen. Und natürlich sind die (bisher wenigen) Erfolgsstories auch sehr sexy. Nur: Implizit rechnen viele im Hinterkopf noch mit den Erfolgswahrscheinlichkeiten der alten Softwarebranche (also den 10-20%) statt mit den viel geringeren Chancen dieser neuen Welt. Kein Wunder also, dass sich die Begeisterung etwa bei den iPhone-Entwicklern schon wieder etwas legt und dass die meisten Investitionen in Facebook-App-Hersteller bisher ziemliche Desaster waren.

Wenn man Parallelen zur Medienbranche ziehen will, deuten sich ein paar klare Konsequenzen für die Struktur der Softwarebranche an:

  • Die typische Softwarefirma wird mutieren vom Ein-Produkt-Unternehmen (was die meisten Softwareanbieter faktisch immer noch sind) hin zu einem Verlagsmodell, bei dem viele Produkte unter einem gemeinsamen Dach zusammengefasst werden. Social-Game-Hersteller wie Zynga zeigen bereits auf, wie das gehen könnte.
  • Da der Aufwand für ein einzelnes Produkt immer geringer wird, werden viele Programmierer in Zukunft relativ unabhängig ihre Werke erzeugen und an Softwareverlage verkaufen, genau wie heute Buchautoren oder Bands.
  • Parallel ist aber auch Raum für ein "Studio-System" mit festangestellten Softwareautoren. In der Game-Branche ist das ebenfalls schon lange üblich. Die grössten und teuersten Produktionen werden von solchen wohlorganisierten Konglomeraten kommen, die kleineren eher von unabhängigen Teams.
  • Investoren werden in Zukunft eher solche Verlage/Studios finanzieren statt individuelle Softwareprojekte. Auch unabhängige Programmierer müssen von was leben, und darum werden Softwareverlage in einer interessanten Position sein, mit Vorschüssen und langfristigen Verträgen die besten Leute an sich zu binden.
  • Traditionelle Businesssoftware wird noch für einige Zeit dem alten Modell folgen, dominiert von den existierenden Softwareriesen. Neue Firmen werden aber auch für Geschäftsanwendungen immer mehr auf die Prinzipien der App Economy setzen.

Kein Zweifel, die nächsten Jahre werden sehr interessant für die Softwarebranche.

Kommentare

  • Daniel

    04.01.10 (17:09:35)

    Gut also, wenn man nicht VC, sondern Plattformbetreiber ist und darüberhinaus an jedem Verkauf, egal ob Hit oder Flop verdient. Wer? Apple bzw. Google, Nokia, ... http://netzwertig.com/2009/06/22/die-stille-revolution-die-oeffnung-von-geschaeftsmodellen/

  • Daniel Niklaus

    04.01.10 (23:01:10)

    Die erste Generation von C-64 Games wurden noch von ein zwei Programmierern erstellt. Danach ging die Einstiegshürde massiv nach oben und die Gameindustrie knackt heute locker die 5 Millionen Entwicklungskosten Grenze. Wenn auch daneben ein Public Domain Markt, später ein OpenSource Markt und ein Werbefinanzierter Casual Gamesmarkt für viel Masse sorgte. Denkst du, dass die Apps lange auf diesem relativ "einfachen" Level bleiben oder sehen wir schon bald auch hier die Ansprüche und damit Anforderungen an die Entwickler steigen?

  • Patrick

    05.01.10 (10:25:37)

    Ja, die Software Industrie verändert sich, aber mal wieder langsamer als wir es erwarten. Wie du schreibst, kommt die Veränderung aus dem Konsumenten-Sektor. Im Grosskundenbereich herrscht noch die alte Welt vor. Email via MS-Exchange Server mit einem maximalen Mailfach von 250 MB. SAP als ERP System und ein CRM System, das über alles drüber gestülpt wird, etc... Cloud-Computing kennt man nur vom Hören-Sagen. Email wird nicht als Service outgesourced, sondern nur der Server, der detailliert beschrieben wird. Ich habe 6 Jahre in der Gross-IT gearbeitet. Als Outsourcer hatten wir genau die gleiche IT wie unsere Kunden, eben eher mittelalterlich. Heute als Selbständiger habe ich die deutlich besser IT für meine Zwecke. Open-Source Lösungen erlauben mir in kürzester Zeit ein Blog (Wordpress) hochzuziehen oder eine Webseite (typo3) aufzuschalten. Google Apps ist mein Email-System. Basecamp meine Collaboration-Plattform. Alles unsicher aus Sicht der Gross-ITler, aber es funktioniert und hilft mir beim Arbeiten. Ich habe einen Kunden aus einem Grosskonzern, dessen beteiligten Abteilungen nicht auf eine gemeinsame Dateiablage zurückgreifen können, weshalb sie die Infrastruktur meines KMUs verwenden. Absurd? Ja, aber Realität. Spannend wird es, wenn sich auch die Gross-Kunden bewegen. Sie werden sich bewegen, die Frage ist nur wann. Die Mitarbeiter werden irgendwann nicht mehr akzeptieren, dass sie privat bessere Systeme haben als in der Firma.

  • MacMacken

    05.01.10 (15:38:59)

    # Die Lebenszeit vieler Apps kann sehr begrenzt sein. Beispielsweise werden die wenigsten iPhone-Apps länger als 30 Tage benutzt. Verständlich – schliesslich kommt man beim Ausprobieren von neuen Anwendungen meistens zum Schluss, dass sie nichts taugen, und löscht sie entsprechend gleich wieder (oder verwendet sie zumindest nicht mehr).

  • Daniel Niklaus

    05.01.10 (18:45:26)

    @Patrick Hier sehe ich erste Änderungen. Wir setzen aktuell ein für uns sehr grosses Projekt vollständig in "der Cloud" um. Vom CRM über die Produktverwaltung zu den Websites bis zur Facebook Integration. Mit RSS, Twitter und Widgets. Diese Firma löst sich aktuell vollständig von der Klassischen IT. So wie wir das bei vielen anderen Kunden auch erleben. Damit die Kunden aber diesen Schritt wagen, müssen wir Dienstleister und Softwareanbieter soweit sein. Denn sagen wir erst einmal: Gmail ist einfacher, sichererer und günstiger als Exchange, glauben uns die Kunden das auch und schon gibt es eine Exchange Installation weniger. Die Frage nach dem Huhn oder Ei ist einfach zu beantworten: Es liegt an uns Dienstleistern. Den meisten Kunden ist es nämlich egal, wie wir ihre Probleme lösen. Hauptsache wir lösen sie. Vergessen wir nicht, Computer sind da, um Probleme zu lösen, die wir vorher nicht hatten ;-)

  • Fragezeichner

    06.01.10 (21:44:22)

    Für die Spielebranche und insbesondere iPhone-Apps ist das richtig, dass die Zeiten der Ein-Mann-Unternehmen vorbei sind - beziehungsweise das Geschäftsmodell der Musik- und Filmbranche immer ähnlicher wird. Für Geschäftssoftware kann ich diesen Trend aber nicht erkennen.

  • Karl

    09.01.10 (17:39:29)

    Auch wenn ich glaube, das an der Bewegung hin zu Apps und kleineren Services im Netz (egal ob irgendwo in der Cloud oder als SaaS) sicher was dran ist, frage ich mich doch wie man denn 1.) die ganzen Apps integriert, also Aggregation etwa für MIS oder Datenabgleich z.B. für CRM und Buchhaltung möglich macht und 2.) wie man in die "schöne neue Welt" Legacy Anwendungen integriert -- etwa das Transaktionssystem aus den 60ern, das auf dem Mainframe läuft und in Cobol geschrieben ist. Gibt es da Ansätze? Und wenn Apps tatsächlich nur eine kurze Lebensdauer haben, dann stellt sich ja auch die Frage, wie man denn seine Daten in das "nächste große Ding" (TM) reinbekommt und aus dem letzten raus. Beides wird mit dieser Entwicklung ja tatsächlich Mission Critical. Denn das die vorhandenen Investitionen von den großen Firmen einfach mal so über Bord geworfen werden, sehe ich eher nicht. Und seine Daten in einem Service zu haben, der leider nicht mehr gewartet wird oder komplett vom Netz genommen wird ist ja auch nicht schön.

  • Andree Huk

    04.02.10 (19:55:47)

    Rechnet man hier die viel geringere Entwicklungszeit und das vollem geringere finanzielle Kapital mit ein, springt am Ende für die Unternehmer und Kapitalgeber (read: Entrepreneurs and Investors lol) mehr raus.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer