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11.03.09Leser-Kommentare

Amoklauf in Winnenden: Medien im Twitter-Rausch

Kein exklusives Material, dafür groteske Erwartungen: Die Medien stürzen sich angesichts des tragischen Amoklaufs in Baden-Württemberg auf den Mikroblogging-Service Twitter.

Medienaufgebot in Winnenden am Mittwochabend (Keystone)

Amoklauf in Winnenden – und sofort absurde, hohe Erwartungen an den Mikroblogging-Service Twitter. "Hat der Dienst auch diesmal etwas beizutragen?", fragt sich zum Beispiel Matthias Urbach auf taz.de. Aber im Gegensatz zum Flugzeugabsturz auf dem Hudson, bei dem eines der ersten Bilder über Twitpic um die Welt ging, ist über Twitter dieses Mal nicht viel zu holen. Anscheinend haben die Jugendlichen anderes im Kopf, als mobil ins Internet zu gehen und das Grauen in die Welt zu tragen. Zum Glück haben die medienkompetenten Jugendlichen anderes im Kopf.

Screenshot von Twitter-Nachrichten (Keystone)

Zwar gibt es aktuelle Infos – nur nicht, wie sich viele Journalisten erhofft haben, von Laien live vor Ort. Stattdessen nutzen einige Redaktionen Twitter als Live-Ticker, besonders bild.de versorgte die Follower von bild_aktuelles in mehr als 150 Tweets mit allen erdenklichen Details – Waffenmarke und Kaliber, Eindrücke aus dem Gottesdienst. Und während sich andere Redaktionen angesichts des tragischen Ereignisses zurückhielten, richtete Focus Online noch schnell einen eigenen Twitter-Account ein.

Zurückhaltung oder voll drauf? (Keystone)

Sogar ein Screenshot mit Twitter-Meldungen läuft über die Bildagentur. Schließlich wird die Suche nach digital vernetzten Augenzeugen so verzweifelt, dass die einzig twitternde Person, obgleich Kilometer entfernt vom eigentlichen Geschehen, zur gefragten Interview-Partnerin wird – in Deutschland, Dänemark, Großbritannien und Frankreich. "Man bekam zwar auf jeden Fall mit, was in Baden-Württemberg geschah, das war es aber dann auch schon", schreibt Carolin Neumann zum Hype auf Spiegel Online. Und auf taz.de atmet Matthias Urbach auf: Wenigsten betroffen sind sie, diese Twitterer. Wäre ja noch schöner.

Was unterdessen alles absurdes im öffentlich-rechtlichen Fernsehen passiert ist – oder vielmehr: nicht passiert ist – hat Jörg Thomann für die FAZ aufgeschrieben.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • zappadong

    12.03.09 (06:33:53)

    Brot und Spiele. Immer ganz nah (zeitnah!)dabei. Egal, wie irrelevant, wie hyperventilierend, wie unreflektiert, wie spekulativ, wie verzerrt. Was man früher höchstens in einer Boulevardzeitung gefunden hätte, ist heute überall. Qualität? Sorgfältige Recherche? Reflexion? Über Bord geworfen für den schnellen Kick, für den Adrenalinrausch, für ein "HA! Wir waren die ersten und am dichtesten dran." Ich find's zum Brüllen.

  • Steffen

    12.03.09 (08:22:38)

    Seit gestern ist mir bewusst, an was genau das Nachrichtenwesen in Deutschland krankt. Es ist die unfassbare Gier nach Sensationen und der unendliche Drang nach der Pole Position. Das ganze manifestiert sich in meinen Augen in den "24h"-Nachrichtensendern. Die Rolle, die n24 und n-tv gestern im Laufe des Dramas spielten ist wohl mit unterirdisch noch arg untertrieben. 10-jährige Kinder, augenscheinlich noch völlig unter Schock, vor die Kamera zu zerren und ein kurzes Interview "rauszukitzeln", ist in meinen Augen ethisch nicht mehr zu vertreten. Und die - teils lächerlichen - Rechtfertigungen kann man (vielleicht) heute noch in den Twitter-Accounts der Sender nachlesen. Es hat sich gestern gezeigt, dass gerade im Nachrichtenbereich Welten zwischen USA/GB und Deutschland liegen. Traurig ist, dass auf CNN die Berichterstattung um einiges professioneller und seriöser erschien, als in den deutschen Pendants. Dort sieht man Twitter, als das was es ist. Ein Kanal, in dem Menschen sich zu Themen austauschen und unter Umständen ist auch eine (betroffene) Person Vor-Ort. Das diese in einer solchen Situation besseres zu tun hätte, wurde ja bereits angesprochen. Ich finde es unfassbar, wie hilflos deutsche Medienmacher neuen Dingen gegenüber stehen. Wie n-tv gestern versucht hat, Twittern in sein Programm einzubinden, war einfach nur obskur. Es zeigt sich ganz klar, dass man hier in Deutschland schlimmes für das Nachrichtenwesen befürchten muss. Während in den USA/GB Zeitungen zumindest beginnen nach Lösungen zu suchen, jammert man in Deutschland lieber. Dramatisch ich das, weil die Öffentlichkeit über solche Vorfälle informiert werden sollte/muss. Bald schon gibt es aber vielleicht schon keine Sender mehr, die da hinfahren könnten. Twitter aber, kann diese Aufgabe nicht oder bestenfalls nur teils übernehmen, selbiges gilt für andere Kanäle.

  • Florian Steglich

    12.03.09 (08:51:57)

    Aus dem Interview mit "tontaube" zu den zahlreichen Interviewanfragen, die sie nach ihrem Tweet bekommen hat: "Stellst Du deshalb auch keine neuen Nachrichten bei "twitter" ein, weil Du zurück zur Normalität willst?" -- "Nein, ich habe momentan einfach nichts zu berichten. Ich sitze ja den ganzen Tag hier drinnen. Ich will keine Falschmeldung in die Welt setzen, nur um etwas zu schreiben." Ich wünschte, diese Antwort käme auch den Nachrichtenmachern mal häufiger in den Sinn: Wir haben momentan einfach nichts zu berichten. Wir stehen ja den ganzen Tag hier vor der Schule. Wir wollen keinen Blödsinn in die Welt setzen, nur um etwas zu schreiben.

  • Christian

    12.03.09 (09:04:51)

    Ich schließe mich meinem Vorredner an. Die Berichterstattung der meisten Sender lässt sehr zu wünschen übrig bzw. grenzt schon an eine fast schon perverse Gier nach Sensation! Jede noch so belanglose oder auch fragwürdige Quelle wird herangezogen um Klischees und Gerüchte weiter anzuheizen (sie Ballerspiele, Interviews von angeblichen bekannten, die den Amokläufer aber nur vom "Sehen" her kennen, usw.). Der einzige Sender, welcher Meinung nach noch mit einem Maß an Respeckt an das Thema heranging war die ARD mit ihrem Brennpunkt. Schade, es wird wirklich immer deutlicher dass die Qualität der deutschen TV-Berichterstattung mehr und mehr abnimmt.

  • Steffen

    12.03.09 (10:41:45)

    Noch ein Nachtrag: Insbesondere das Wilde spekulieren stört mich. Das Privatpersonen in Twitter spekulieren ist tolerabel, aber mir stellt sich die Frage: Welchen Sinn hat es, dass in den Sendern ständig rumspekuliert wird (13 Tote, dann 12 Tote, dann 14 Tote? Ständig die gleichen Bilder wiederholt werden? Das ist doch in so einem Moment völlig irrelevant, und führt dazu, dass die Polizei oder andere öffentliche Stellen vor sich her getrieben werden. Aufgabe seriösen Journalismus wäre es doch Informationen einzuholen, zu aggregieren und dann zu veröffentlichen. Das beinhaltet auch, dass man nicht jede Information sofort rausposaunt. Aber hier liegt wohl das Problem!

  • antibowo

    12.03.09 (12:33:25)

    Schuld suche mal wieder bei Killerspiele Ich will erstmal mein Beileid den opfern und den angehörigen sagen und das es eine grauenvolle tat ist und ich sie verabscheue. Aber es muss einfach mal gesagt werden, hier wird mal wieder nur die schuld bei anderen gesucht und da kommen spiele wie Counter Strike und Crysis mal wieder ganz gelegen, aber wen Counter Strike und co wirklich einen Killer aus den Spielern macht müssten tausende sich ja die nächste Waffe schnappen und Amok laufen, auch wen solche spiele verboten werden sollten und sie auch keiner mehr hat wird es Trotzdem immer wieder solche Amok Läufe und ähnliche taten geben den solche taten beruhen aus soziale Abweisung, Mobbing und so weiter also kurz kann man hier von sozialer Vergewaltigung sprechen, man schau sich doch einfach nur die schulen in Deutschland an die sozialen Miesstände sind Beispiellos jeder hält sich führ besser als den anderen und macht den anderen zu seinem Opfer, eine große Mitschuld tragen auch die Schüler selber würden sie die Täter besser behandeln würden die Täter auch nicht ausflippen und wild um sich ballern und Menschen töten auf die sie einen Hass haben deswegen ist es nicht nur meine Meinung geht besser mit euren Mitmenschen um und ihr hab auch nichts zu befürchten. Das mag jetzt hart klingen ist aber so. Gewalt wird doch nicht nur durch spiele und filme vermittelt nein in den nachrichten sehen unsere Kinder jeden tag so was und jeder der in der Bundeswehr war und an Waffen ausgebildet wird rennt doch nicht rum und erschießt wahllos Menschen gewalt ist in unserer geseltschaft all gegenwärtig wir tun immer Friede Freude Eierkuchen und alles ist gut und wen so was wie in Winnenden passiert wird wieder mal irgendwo die schuld gesucht aber nicht da wo der Wunsch nach töten entstanden ist und zwar in der schule direkt. Gut schafft die gewalt in unserer Geseltschaft ab aber machte es dann richtig, Als 1. schafft die ganze gewalt in sämtlichen Medien ab wie in filmen, nachrichten, im fernsehen allgemein und spielen. Als 2. schafft die Bundeswehr ab den dort werden anscheinend ja auch Killer ausgebildet. Als 3. erzieht eure Kinder so das sie Respekt vor anderen Menschen haben und zwar egal wie sie sind aussehen oder welche Nationalität sie haben. Als 4. die Regierung muss Hoffnung für jeden geben das er eine Zukunft hat (dies sieht arbeit, leben und Ausbildung vor). Und als 5. und letztens führt schul uniformen ein aber auch bekämpft Mobbing viel stärker und zwar den sofortigen verweis mobbenden Personen von schulen auf andere schulen und keine Chance mehr auf Rückkehr auf diese schule aber auch erhebliche Geld straffen, soziale stunden und eintrag ins polizeiliche führungs- Zeugnis (der ein leben lang drinnen stehen bleibt) führ die Schüler die andere Schüler bewissen mobben. Wen ihr den mut habt es so zu machen dann wird so was wie in Winnenden nicht mehr passieren aber wen ihr nicht den mut habt dann hört auf immer von Killerspielen zu sprechen den dann wollt ihr nichts ändern und nur die schuld auf jemanden anders schieben und eure eigene schuld nicht eingestehen. Mit freundlichen Grüßen AnTiBoWo

  • Fiete Stegers

    12.03.09 (13:08:50)

    Interessant ist, dass der FAZ-Kommentator seine Senderbeobachtung zwecks Deadline-Erfüllung offenbar schon frühzeitig einstellte und solche Dinge wie Brennpunkte gar nicht mehr wahrnahm.

  • Jochen Siegle

    12.03.09 (14:13:29)

    bei allem respekt, habt ihr so was notwendig, dieses bild mit dem leichenwagen bei dieser geschichte? naehe zum tatort vorgaukeln? die geschichte zusaetzlich "ansexen" und die verunsicherung, die so oder so schon herrscht noch bisschen mehr anheizen? die autonummer des leichenwagens ist "BOR" fuer Borken in Nordrhein-Westfalen - in Winnenden im Rems-Murr-Kreis hat man Autokennzeichen "WN". Borken liegt laut Goog Maps genau 472 km weit weg von Winnenden und hat hier nichts zu suchen.

  • Frau Müller

    12.03.09 (15:25:17)

    @ antibowo: «eine große Mitschuld tragen auch die Schüler selber würden sie die Täter besser behandeln würden die Täter auch nicht ausflippen und wild um sich ballern und Menschen töten auf die sie einen Hass haben» Eine absolute Ungeheuerlichkeit, die Sie hier von sich geben. Schändlich, wie Sie die Opfer zu Tätern und im Umkehrschluss den wahren Täter zu einem armen Aussenseiter erklären, dem mit Verständnis zu begegnen sei. Eine derartige Verhöhnung der Opfer entsetzt mich. Selten bis nie habe ich hier auf Medienlese einen dermassen unüberlegten und niveaulosen Beitrag gelesen.

  • andy n

    12.03.09 (16:21:17)

    bin mal gespannt wann unsere möchtegern POLITIKER etwas dazu einfällt gegen diese kranken was zu machen . überall müßt ihr euch einmischen und bei uns erschießen KINDER andere KINDER .Warum muss man seine waffen mit nach hause nehmen? eure gesetze sind ein witz Falschparker bekommen grössere strafen als Mörder.Mir tun die Angehörigen leid die durch so eine KRANKE TAT ihre liebsten verloren haben. WAS HÄTTEN WIR FÜR EIN GESETZ WENN ES EIN POLITIKERKIND GEWESEN WÄR?????? WANN MERKT IHR ES ENDLICH???? VON MITLEID KANN MAN SICH SEIN KIND NICHT MEHR HOLEN. MACHT ENDLICH WAS DAGEGEN DAS SOWAS NICHT MEHR PASSIERT

  • kane

    12.03.09 (17:00:23)

    In diesem fall keine Videospiele oder Filme in irgendeiner Art Schuld an diesem Verbrechen haben,denn wenn man aufgepasst hat hat man bestimmt gelesen das der täter bereits seit langer Zeit therapeutisch behandelt wird und auch schon stationär Betreut wurde.Das Bedeutet,dass er geistig krank war und in solchen Fällen kann man keine Schuld auf irgendwem schieben auch wenn es ja für so manche schön wäre.Man kann allgemein nicht sagen dass zum Beispiel Counter Strike schuld an so einer tat ist,auch wenn es bei vielen Amokläufern gefunden wird denn es sind meistens Schüler zwischen 17 und 19 Jahren und in diesem Alter spielt jeder irgendeine Art von Killerspiel. Ich selbst kenne niemanden der das nicht tut,deshalb würde man durch ein Verbot von gewalttätigen Spielen keine Amokläufer aufhalten sondern höchstens ein paar jugendlichen den Spaß verderben.Kein Mensch tötet andere Menschen nur auf Grund eines Videospiels,damit jemand so etwas durchzieht bedarf es an mehr als nur an ein Problem. Wenn irgendjemand so etwas durchzieht ist er wahrscheinlich schon sein ganzes Leben lang gemobbt worden und hatte nie irgendeinen Erfolg und wenn jemand so ein Leben hat wird es sehr früh in einem Suizid enden.Nur wenn sich neben dem ganzen auch noch viel Wut staut,platzt es irgendwann aus einem dieser täter heraus und es wird so eine tat begangen. Es ist absolut sinnlos irgendjemanden für so etwas die Schuld zu geben.

  • Ole Reißmann

    12.03.09 (17:47:33)

    @ Jochen Siegele: Hm. Eigentlich ging es mehr um ein gewisses mehr an Meta – es ist ein Bild von Kameras, die einen Leichenwagen aufnehmen. Es handelt sich tatsächlich um ein aktuelles Foto. Genauso wie die Straße oben, die sich in ein Medienzentrum verwandelt hat – man kann die Dieselgeneratoren förlich riechen und hören. Dass wir uns damit in eine Reihe mit denen stellen, die "nur" über den Leichenwagen berichten, sei dahingestellt. Es gibt genug Bilder, die wir hier nicht zeigen, weil sie eben mit der Mediengeschichte nichts zu tun haben.

  • Frau Meier

    12.03.09 (21:15:27)

    @Frau Müller: Solange nicht feststeht, das wie so oft anderswo auch die "Opfer" durch langjähriges Mobbing aufgefallen sind können sie sich ihre scheinheilige Heuchelei sparen!

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