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18.07.09Leser-Kommentare

Amazons Kindle: Orwell'scher DRM-Sündenfall

Amazon hat per Fernzugriff auf dem Kindle-Ebook-Reader Bücher von Kunden gelöscht. Jeff Bezos ist drauf und dran, seinen E-Book-Funken auszustampfen.

Amazon Kindle: Paperbacks sind bisweilen billiger. (PS)Ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viele Bücher gekauft wie seit dem Tag, als mein "Kindle 2" eingetroffen ist.

Wenn Amazon die Buchverlage überzeugen muss, dass elektronische Bücher ein Riesengeschäft sind, müssen wohl nur die Kundendaten einiger typischer Kindle-Nutzer wie mir vorgelegt werden - oder noch besser von solchen Benutzern, die auch noch die "New York Review of Books" auf dem Kindle abonniert haben und jedes dritte Buch gleich auf Knopfdruck kaufen.

Nur scheint Jeff Bezos dermassen überzeugt zu sein, dass das Konzept des Bücher-iTunes via "Whispernet" gar nicht schiefgehen kann, dass er die Überzeugungsarbeit auslässt und gleich auf den Profit losstürmt. Die neuste Episode zeigt allerdings, dass er sich auf dünnem Eis bewegt.

Eben ist ruchbar geworden, dass Amazon auf den Kindle-Geräten von Kunden via Funknetzanbindung mindestens zwei Bücher gelöscht haben soll, welche diese vorher gekauft haben:

Orwells "1984" und "Animal Farm", beide von einem Verlag via Kindle-Store vertrieben, der offenbar die Rechte an den Büchern nicht hat, wie sich Amazon inzwischen rechtfertigt. Die Kunden erhielten den Kaufpreis gutgeschrieben.

Was nichts an der orwellschen Horrorvision ändert, dass einem ein Verkäufer Waren, die man gekauft hat, unter irgendwelchen Begründungen nachts wieder aus dem Haus holt und einen Scheck über den Kaufpreis hinterlegt. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem "Digital Rights Management" oder die Verschlüsselung von digitalen Inhalten langsam aber sicher als von den Kunden nicht akzeptiertes Konzept gescheitert schien.

Das ist nur der bisherige Höhepunkt in einer Reihe von Entscheidungen rund um den Kindle, die mindestens die Frage aufwerfen, ob Bezos mit seiner Profit-auf-Teufel-komm-raus-Strategie nicht seiner eigenen Sache einen Bärendienst erweist. Statt nämlich zuerst einmal um jeden Preis die Buchverlage an Bord zu holen und die Benutzer zu überzeugen, will Amazon offenbar das aktuelle Monopol voll ausschöpfen.

  • Die Bücher, die es für den Kindle gibt, sind zu teuer. Statt auf Masse setzt man gleich auf Marge, statt die Kindle-Versionen attraktiver und sehr viel günstiger als die Paperbacks zu machen, aber die Buchverlage mit hohen Kickbacks bei Laune zu halten, scheint Amazon gleich den Reibach machen zu wollen. Ich habe schon zähneknirschend für eine Kindle-Version eines Buchs, die auch noch als "Great Deal! You saved $4!" angepriesen wurde, mehr bezahlt als der daneben stehende, grade herabgesetzte Preis für die Paperbackausgabe.
  • Die Zeitungen, die auf dem Kindle über Whispernet ausgeliefert werden und den Medienkonzerne eine neue Schicht von Abonnenten bescheren, tun dies ebenfalls mit Zähneknirschen: Amazon kassiert angeblich 70 Prozent des Abopreises. Und der ist nicht nur sehr tief, sondern die Kindle-Abos sind auch noch werbefrei und für die Zeitungsverlage somit nicht attraktiv. Ich zahle für die New York Times knapp 14 Dollar im Monat - das ist nicht einmal ein Drittel des Preises, den ich für die Frühzustellung des Blatts auf Papier berappen müsste.
  • In Europa scheitert das Kindle-Konzept offenbar daran, dass Amazon den Telkos nicht den Preis für die Anbindung an ihre Netze bezahlen will, die sie haben wollen - und dabei verlangt Bezos auch hier in den USA für jedes Dokument, das ich per Email an meinen Kindle schicke (was ich tun muss, um Word und PDF-Files in das DRM-geschützte Kindle-Format umzuwandeln), unverschämte 10 Cent.
  • Der Kindle selber ist zu teuer. Ich habe den Kaufpreis von 350 Dollar zwar allein mit der Ersparnis beim Abo der New York Times auf ein Jahr bereits wieder reingeholt, aber die Nutzerbasis würde explodieren, wenn Amazon einen symbolischen Preis für das Gerät verlangen und danach auf die Buchverkäufe setzen würde. Denn anders als bei Mobiltelefonen besteht beim Kindle keinerlei Gefahr, dass das Gerät nicht in erster Linie für die Inhalte und kostenpflichtigen Leistungen verwandt werden wird, für die es herausgebracht wurde: E-Ink eignet sich weder für Spiele noch für Videos oder das moderne Web - der Kindle ist ganz einfach ein elektronisches Buch.

Alles in allem könnte Amazon derzeit mit dem Kindle den Markt für elektronische Bücher explodieren lassen und dabei die Buchverlage, die Zeitungen und auch noch die Kunden glücklich machen.

Statt dessen treibt Bezos die Verleger direkt in die Arme der Konkurrenz, die nicht lange auf sich warten lassen dürfte (als ich vor zehn Jahren die ersten Dummies für Folienbildschirm-Geräte von IBM gesehen habe, auf die per Digitalfunk die Zeitung übermittelt werden sollte, war mir schon klar, dass die Zeitungsverlage dieses Gerät entwickeln und den Lesern kostenlos verteilen müssten: Sie würden an jeder nicht gedruckten, aber elektronisch verteilten Zeitung so viel sparen, dass sich die Entwicklungskosten und die Geräte im Nu amortisiert hätten).

Wenn ich bisher die Vorteile, die der Kindle mir bietet - zum Beispiel als kompakte Bibliothek inklusive Zeitung auf Motorrad-Trips und andern Reisen - mit einem Schulterzucken den unverschämten Preisen für die elektronischen Kopien der Bücher gegenüberstellte, die ich gekauft habe, hat sich das Gefühl nach der Orwell-Episode schlagartig geändert.

Denn mir und Tausenden anderen Kindle-Benutzern dürfte erst damit auch klar geworden sein, dass wir für die elektronische Kopie des Buches nicht einfach einen unverschämt hohen Kaufpreis bezahlt haben.

Ganz offensichtlich haben wir die Bücher nämlich nicht einmal gekauft, sondern lediglich zum Lesen lizenziert. Denn weitergeben oder verschenken kann ich sie ebenso wenig, wie auf einem anderen Gerät lesen.

Kommentare

  • Robert S.

    18.07.09 (12:02:20)

    Da die Löschung dieser beiden Bücher anscheinend eine Ausnahme bleiben wird, kann man in Zukunft wohl trotzdem davon ausgehen dass wir uns die Bücher dauerhaft erwerben und nicht nur zum Lesen lizensieren werden. Sollten sich nämlich derartige Vorgehensweisen häufen, so wird sich das sicherlich in den Verkaufszahlen des Kindle und deren Inhalten widerspiegeln. Das dürfte Amazon bewusst sein und deshalb werden sie sicherlich ihre Kunden durch solche Praktiken nicht aufs Spiel setzen wollen. Meiner Meinung nach ist diese Löschung also nur ein einmaliges Vorgehen Amazons und wird sich deshalb auch nicht mehr wiederholen.

  • Jan

    18.07.09 (14:22:38)

    Und da wären wir dann ja bei dem (im Moment) unschlagbaren Vorteil des Buches: Ich habe nicht nur ein paar Bytes, sondern ein physisches Ding. Das hat nix mit Haptik oder so zu tun, aber damit, das ich Bücher seit zwanzig Jahren habe. Und was passiert mit dem proprietären Kindle-Format nach einem Upgrade? Oder der Pleite von Amazon? Oder falls mit mein Reader runterfällt und kaputt geht? Dann sind Bücher für richtig Geld futsch? Oder speichert Amazon welche Bücher ich so habe und ich kann mir die dann nach Erwerb eines neues Readers runterladen? Damit keine Missverständnisse aufkommen: eReader sind super für alles kurzlebige (Zeitungen, Magazine), aber für Bücher, die man lange haben möchte? Und dann auch noch mit Fernzugriff von Amazon oder jemand anderem?

  • andreas milles

    18.07.09 (14:37:37)

    das ist ja der punkt, den lawrence lessig in seinen vorträgen zZ immer vorbringt .. & leider ist ein einlenken erst dann in sicht, wenn es sich ökonomisch "mehr lohnt", nicht gegen eine "illegale" nutzung vorzugehen und sich stattdessen auf die seite der kunden zu schlagen (s. beispiel itunes - am anfang DRM, um mit den musikverlagen auf schmusekurs zu bleiben, und dann wende zum kunden hin). ich frage mich allerdings auch, warum es die kindles nicht günstiger gibt - vlt künstliche verknappung? liefer oder produktionsengpass?

  • FERNmann

    18.07.09 (21:00:37)

    Das sind wir von Amazon ja schon gewöhnt, siehe den Vorverkauf von Windows 7, in dem den Kunden einfach ihr Exemplar aus dem Warenkorb geklaut wurde. Solange die E-Book Anbieter an diesen proprietären DRM-Formaten festhalten, bleiben E-Books für mich ein No-go. Genau wie bei der Musik und den Filmen schadet DRM letztendlich nur den Kunden. Ich dachte eigentlich die Buchindustrie wird frühere Fehler nicht wiederholen, ich hab mich wohl getäuscht. War da nicht mal was mit dem Kopierschutz von Sony, der per Autorun ein Rootkit im System installierte, um die Installation von Knack-Programmen zu verhindern? Der ganze Unsinn wiederholt sich also.

  • Godwi

    18.07.09 (22:30:41)

    Die Geschichte ist ärgerlich, war früher oder später aber zu erwarten. Es wird auch nicht der letzte Vorfall dieser Art bleiben, denn wer über die technischen Möglichkeiten verfügt, Rechte zu gewähren, hält immer auch die Option in der Hand, sie wieder zu entziehen. In der digitalen Welt sind Kunden auf die Ehrlichkeit der Händler noch weit stärker angewiesen als sonst. Was aber passiert, wenn es mit der Lauterkeit der Anbieter einmal nicht mehr so weit her sein sollte, wie in diesem Fall, in dem Amazon zumindest ankündigt, Vergleichbares nicht wieder tun zu wollen? Nun, dann ist eben 1984. Godwi

  • Daniel

    19.07.09 (00:14:55)

    Wer so einen proprietären Mist kauft, dem geschieht das ganz recht. Hoffentlich passiert es öfter, die Kunden haben es verdient. Durch ihr Verhalten (nämlich dass sie den Kindle zum Erfolg machen) motivieren sie die Wirtschaft, nur geschlossende Systeme ohne jede Freiheit für den Nutzer anzubieten. Darunter leiden dann alle - auch die, die sich gegen den Kindle entschieden haben.

  • Andreas Göldi

    19.07.09 (15:11:49)

    Alles berechtigte Einwände, aber ich glaube nicht, dass dieser kleine Skandal den Erfolg des Kindle wirklich ernsthaft gefährden wird. Das Gerät wird nämlich nicht primär von Gadget-Freaks gekauft, sondern von einer deutlich älteren, deutlich konservativeren und deutlich weiblicheren Zielgruppe. Man braucht nur mal die Top-100-Liste im Kindle-Store anzuschauen. Die sieht (mit wenigen Ausnahmen) eher aus wie die Auslage einer Supermarkt-Bücherecke als wie die Tech-Abteilung in der Buchhandlung. Und diese Zielgruppe liest kein Techcrunch und versteht auch nicht, was DRM ist bzw. kümmert sich nicht darum. Der Kindle ist ein bewusst einfach gehaltenes Konsumprodukt, keine Systemplattform -- genau wie der iPod. Das hat Amazon von Apple gelernt.

  • ludwig

    19.07.09 (19:10:25)

    mir fiel dazu spontan vowes mantra ein: Repeat after me: DRM is bad for the customer

  • ORVELLs- Geist

    20.07.09 (14:02:05)

    Zensur durch digitale „BÜCHER VERBRENNUNG“ ... In Zeiten der Bürgerüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, Bewegungsprofilspeicherung durch Datenspuren aus Handy, Autobahnmaut, Bank- Daten, usw. , ist das Verhindern solcher kritischen Werke durch digitale „BÜCHER VERBRENNUNG“ besonders bedenklich !!! Hat der deutscher Überwachungs- Staat, bzw. seine Vasallen wie Schäuble, die Firma Amazone.com erpresst, um die Verbreitung der Bücher des kritischen Autors George Orwell zu verhindern??? Oder hat der deutscher Überwachungs- Staat, bzw. seine Vasallen wie Schäuble, direkt oder über Strohmann, die Rechte für Bücher des kritischen Autors George Orwell, z.B. (ORWELL 1984) aufgekauft, um diese zu Zensieren???

  • Schtonk!

    20.07.09 (15:29:08)

    Selbstverständlich wird Amazon normalerweise gekaufte Bücher nicht einfach löschen. Das fällt ja auf und man muss Geld zurückzahlen. Sondern die Bücher werden der aktuellen geschichte entsprechend umgeschrieben. Wenn gerade wieder Krieg mit Amazonien geführt wird, dann wird im E-Buch stehen, dass schon die letzten 150 Jahre Krieg mit Amazonien geführt wurde.

  • Roland

    21.07.09 (11:03:45)

    Also diesen "Fernzugriff" sollten sie schnellstmöglich unterlassen und wenn möglich direkt rausnehmen. Man stelle sich vor es kommt wirklich soweit dass Bücherteile umgeschrieben werden und dieses "Update" gleich mal auf allen Kindles eingespielt wird. 350 Dollar ist auch heftig das stimmt - allerdings geht eine "Symbolpreis" Rechnung auch nicht immer auf wie man an der Xbox die ja lange Zeit zwischenfinanziert wurde - wie es da heute aussieht weiß ich leider nicht aber teurer ist sie ja nicht geworden. Spätestens wenn weitere Anbieter dazustoßen wird sich da einiges tun - wieso machen die Verlage nicht eigene Sache z.B. die IT-Verlage ?

  • Oh Well

    26.07.09 (15:25:05)

    Nach dem Kindle-Desaster kommt nun eine Datenleck bei Kunden-Telefonnummern heraus. Schaut mal den Link oben.

  • Harry

    27.12.13 (06:27:43)

    Nun sind ja einige Jahre ins Land gegangen seit diesem Beitrag. Wir schreiben heute fast das Jahr 2014. Ergänzend zu diesem interessanten Artikel bleibt nochmals festzuhalten, dass nicht Amazon DRM in den Kindle-Büchern vorschreibt; es sind die Autoren und Verlage. Jeder Verlag bzw. Autor entscheidet selbst, ob er seine Bücher mit oder ohne DRM veröffentlichen will. Jede durchaus berechtigte Kritik an DRM muss sich also an die Verlage und Autoren richten und nicht an Amazon. Außerhalb Deutschlands sind eBooks oft wesentlich günstiger als gedruckte Bücher zu haben. Der Grund ist einfach: Die deutsche Buchpreisbindung. Sie dient dem Börsenverein des deutschen Buchhandels (also den Buchhändlern) dazu, den Absatz gedruckter Bücher gegenüber eBooks zu sichern. Idealerweise entscheiden die Kunden selbst, was ihnen lieber ist. In Deutschland jedoch glauben Politiker, sie müssten entscheiden, was die Kunden wollen müssen und was nicht. Dahingehende Kritik ist an den eigenen Bundestagsabgeordneten zu richten.

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