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03.11.08Leser-Kommentare

Amateure wehren sich: Bla-Bla-Blogger gegen Goliath

Zu wenig eigenständig, nicht genug Qualität: Die SonntagsZeitung ist enttäuscht von Schweizer Blogs. Das könnte daran liegen, dass es für bahnbrechende Geschichten Recherche, Zeit und damit Geld braucht.

(t_buchtele, CC-Lizenz)Bla-Bla-Blogger? Die SonntagsZeitung ist enttäuscht von der Schweizer Blogosphäre – das ruft nach einer Antwort, nicht nur in unseren Kommentaren. Nehmen wir mal an, der Fünftligaverein FC Oberwil III spielt Fussball gegen den FC Basel. Auf der einen Seite Arbeiter und Angestellte, die nach einem harten Tag auf der Baustelle oder in der Fabrik sich abends einmal in der Woche vor dem Biertrinken zum Fussball treffen. Auf der anderen Seite Profifussballer, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben als zu trainieren, sich massieren zu lassen, Taktik zu büffeln und Autogramme zu geben. Würde es jemand wundern, wenn die Profis vom FC Basel die saubereren Pässe schlagen, konditionell besser drauf sind, das Spiel vielleicht zurecht gewinnen?

Bei Bloggern und Journalisten gelten solche Unterschiede offenbar nicht, auch wenn das keine streng abgetrennten Gruppen sind. Im Idealfall ergänzen und befruchten sie sich gegenseitig und bekriegen sich nicht. Nicht alles, was etablierte Medien machen, ist Journalismus, nicht alles, was Blogger schreiben, ist Blödsinn.

Ich glaube, etwas Empörung ist von Leserseite, von Bloggerseite schon angebracht, wenn etablierte Medien, die viel Geld hinter sich haben und behaupten, immer Journalismus zu betreiben, Blödsinn produzieren. Darum gibt es Medienblogs, zum Beispiel dieses. Dass eine freie Gesellschaft eine kritische Debatte darüber führt, wie Information ausgetauscht und verkauft wird, ist nichts weiter als Wesen und Ausdruck einer Demokratie.

Wie man ins Internet ruft, schallt es heraus

Umgekehrt ist ist nur bedingt angebracht, sich bei Privatbloggern über deren fehlenden Sinn für Originalität zu beschweren. Sie verlangen kein Geld für ihre Inhalte und die meisten von Ihnen betreiben keine Werbung - sie haben darum keine Einnahmen. Der Ansporn, eigene Themen zu erarbeiten, dafür sogar VOR die Tür zu gehen, ist also verständlicherweise klein. Es sei, man ist persönlich an der Geschichte beteiligt. Das erklärt dann auch das reflexartige Echo, sobald eine Zeitung sich mal wieder die Blogger vorknöpft. Was wiederum Journalisten zur Ansicht führt, Blogger würden ja sowieso nur selbstreferentiell über sich selbst schreiben.

Wagt man einen Blick in die Schweizer Blogosphäre, dann kann man sich diesem Eindruck beim besten Willen nicht erwehren. Da liefern einige Privatblogger über Monate nur wenig eigenen Inhalt und kaum kommt ein Bericht in der SonntagsZeitung, wachsen sie über sich hinaus und bringen lange, durchaus qualitätsvolle Tiraden, warum der Journalist wieder gar nichts verstanden und alles falsch gemacht hat, teilweise durchaus berechtigt.

Und so kommt es wieder en vogue, dass sich Journalisten öffentlich über Blogger enervieren. So Richard Wagner in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, für den "Internetfreaks" sind wie der Floh auf dem Hund: "Auch der holt sich seinen Content durch Saugen". Dass ein Grossteil der etablierten Medienlandschaft auch nicht vor die Tür geht (zu teuer, zu anstrengend), dass mehr und mehr etablierte Medien voneinander abschreiben (und nicht recherchieren), dass überhaupt bei manchem Produkt der Output gemessen am Budget schlicht erbärmlich ist und dass sich dazu noch alle von Leitblättern in den USA und England "inspirieren" lassen, das wird dann gerne nicht erwähnt. Man könnte auch sagen: "Journalisten" sind wie der Floh auf dem Hund. Nur dass der Hund in diesem Fall nicht Medien, sondern US-Medien heisst.

Der Inhalt, nicht die Form

Sie haben es bemerkt. Hier schreibt ein Blogger, der etwas in den Journalismus hineingerutscht ist und nun schön zwischen den durchaus lächerlichen Fronten steht. Sie lesen auf einem Medienblog, das ohne eine Medienlandschaft nicht existieren könnte. So wie der Journalist ohne sein Objekt der Anschauung auch nicht auskommt. Was aber Quellen betrifft, muss sich auch das deutschsprachige Internet nicht verstecken. Die heutige Ausgabe unserer Presseschau "6 vor 9" beispielsweise verlinkt vier Blogs, einen Mediendienst und die Jugendausgabe der Süddeutschen Zeitung. Die Alternative ist längst da, doch vielleicht ist es doch etwas vermessen, eine 229-jährige Eiche wie die NZZ mit Graswurzeln zu vergleichen. Qualität ist keine Frage des gewählten Kanals, sondern entsteht durch Arbeit.

Mein Vorschlag: Lassen wir die Unterscheidungen über die Formen, die Kanäle und den Werdegang. Sondern schauen wir aufmerksam dorthin, wo ein eigener Gedanke, eine eigene Recherche, eine eigene Herangehensweise blüht. Das ist Originalität, die es wert ist, beachtet zu sein.

Dazu eine Auswahl von Schweizer Blogs, die auf den Artikel in der SonntagsZeitung reagieren, von dem dank detektivischer Arbeit von Bloggern endlich auch ein Permalink existiert:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • köbi buenzli

    03.11.08 (12:08:28)

    super! das erste kluge statement zu diesem leidigen thema.

  • Dave

    03.11.08 (12:28:33)

    hmmm... mag ja stimmen und zutreffen das es in der Schweiz eher wenige qualitativ gute Blogs gibt mit sinnvollem Inhalt, aber ich stosse dennoch ab und zu auf einige Perlen aus der Schweiz. Das Problem ist, man muss auch etwas investieren. Das habe ich selber auch bemerkt, habe mit einem Blog gestartet für Musiker und daraus ist nun ein Online Magazin entstanden. Da steckt viel Arbeit dahinter. Auch das schreiben von Texten, braucht Übung. Aber ich merke es bei meinem Online Magazin für Musiker, langsam kommt das ins Rollen. Man muss einfach Ideen umsetzen und auch etwas investieren, wenn man etwas erreichen möchte damit. Interessante Themen behandeln, Interviews veröffentlichen, und vieles mehr. Na mal schauen wie sich das ganze weiterentwickelt :-)

  • Gerat

    03.11.08 (13:06:48)

    http://facts.ch/articles/1539253-bla-bla-blogger-die-rebellen-versinken-im-mittelmass#comment_anchor_13213

  • Zappadong

    03.11.08 (13:47:50)

    Ich bin beeindruckt. Mir scheint, als kennen hier alle Diskussionsteilnehmer sämtliche Schweizer Bloggs - ich selber würde es nie wagen, alle über einen Kamm zu scheren, entdecke ich doch praktisch jede Wochen neue, lesenswerte Blogs. Darunter sind wahre Perlen - gerade kürzlich habe ich wieder eine solche entdeckt. Aber eben, es ist eine kleine, sehr feine Perle. Und so, wie ich den Blog-Verfasser einschätze, hat er Null Interesse daran, irgendwann eine grosse, scheinende Perlenkette zu werden. Die Themen, über die diese Perle(um beim Beispiel zu bleiben) schreibt, werden anderswo höchstens gestreift. Die Einblicke, die ich erhalte, erhalte ich sonst nirgends. Es gibt jede Menge guter Schweizer Blogs. Ein wahrer Blogger und Blogfreund findet sie auch. Jene, die nur schnöden, halten sich an der Oberfläche auf, in den Hitcharts, bei den Blogs, die man "halt so kennt." Oder sie suchen bewusst jene Blogs, die sie dann schlecht finden können. Und schliessen aus dem, was sie finden, auf all das, was sie (in ihrer Ignoranz) nicht gefunden haben. Big ist nicht immer beautiful. Und nicht alles ist big.

  • martin

    03.11.08 (22:11:54)

    gut gebrüllt, ronnie! ich freue mich schon darauf, wenn du deine meinung im sonntagsblatt auch mal ausgiebig kundtun darfst.

  • meistermochi

    03.11.08 (22:55:31)

    ach was solls: der spiegel macht in deutschland auch blog-bashing. und gleichzeitig startet er einen neuen nach dem anderen... sieht mehr nach billiger taktik aus, als nach substanz...

  • Michael

    04.11.08 (08:49:32)

    Wann ist ein Blog eigentlich ein Blog? Sind Blogs nicht einfach auch Websites? Ich persönlich habe mich längst von diesem Begriff verabschiedet. Manchmal habe ich den Eindruck, dass eben der Begriff Blog mit Web-Insidertum in Verbindung gebracht wird (fragt mal in eurem Bekanntenkreis danach) und sich so selbst im Weg steht. Aber zum Thema. Mein Eindruck ist wesentlich besser, als es der Autor im angesprochenen Artikel darstellt. Durchaus gibt es einige interessante Themenblogs, die mindestens so spannend zu lesen sind wie etliche Zeitungsartikel. Auch bezüglich Qualität bin ich meistens positiv überrascht. Klar, es gibt Ausnahmen, aber Schreibfehler gibt`s nach wie vor auch im Printbereich. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Neid beiderseits eine gewisse Rolle spielt. Neid, weil der gelernte Journalist, getrieben von Redaktionsplan und Aktualität, nur selten frisch von der Leber weg ein Thema aufgreifen darf. Neid, weil der Blogger sich womöglich den Bekanntheitsgrad eines Printmagazins wünscht, wo der kleinste Artikel einem Schreiber ungeahnte Aufmerksamkeit bescheren kann. Ein wenig seltsam finde ich, dass ausgerechnet Zeitungen den privaten Bloggern mangelnde Originalität vorwerfen. Denn, wenn ich bei manchen Zeitungen heute eines vermisse, dann sind das selbst recherchierte, packende Stories. Dieser Wald aus den immer gleichen Agenturmeldungen ist infotechnischer Fast Food.

  • Bruder Bernhard

    04.11.08 (13:27:11)

    endlich konnte ich mir zwei Stündlein Zeit nehmen, konstruktiv an Herrn Bauers Artikel mitzuarbeiten. Hier - man verzeihe mir die plumpe Werbung, aber nur so können wir uns durchsetzen gegen die geballten Ressourcen der Verlage

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