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18.11.08Leser-Kommentare

Alternde Neokonservative: Mach mir den Matussek!

Wenn sich der politische Mainstream nach einigen Jahren in ein Rinnsal aus kaltem Kaffee verwandelt hat, dann sind plötzlich rückblickend Einsichten möglich, welche die aufgeblähten Selbstgewissheiten vormals Zeitgemäßer uns bisher verstellten. Jetzt, nach dem großen Kladderadatsch der Finanzkrise, verdunsten wieder mal alte Überzeugungen wie Frühnebel in der Sonne. Mir öffneten sich gestern die Augen, als ich - um abgelagerte Prophetien zu prüfen - in einem Buch blätterte, das vor zwei Jahren den ominösen 'neuen Patriotismus' in der Bundesrepublik begründete: Es geht um Matthias Matusseks 'Wir Deutschen'. In ihm sprang Matussek in einem lockeren Flicflac über den großen Auschwitz-Graben hinweg, um uns die attraktiveren Postkartenmotive der deutschen Geschichte vor Augen zu führen. Auf dass sich die toitsche Brust selbstbewusst wieder weiten möge.

Jeder Nationalismus braucht zunächst einmal 'die anderen'. Ohne sie keine Nation. Die dunkle Folie, vor deren Hintergrund Matussek eine solche 'Normalisierung' unseres Nationalgefühls versucht, bilden 'die Engländer', immerhin ein Volk mit viel Kultur und einer langen Geschichte, das aber perfiderweise auf uns Deutsche herabzusehen wagt. Dabei sei es doch nur, sagt Matussek, eine "kleine verregnete Insel mit verdreckten Krankenhäusern und entgleisenden Zügen" (12). Wir dagegen würden überall dafür "beneidet, dass unsere Züge pünktlich sind, dass unsere Rechtsprechung funktioniert und dass man eher selten auf der Straße erschossen wird" (20). Solche nationalen Kontraste sieht Matussek wiederum in einer nationalen 'Kultur' verankert, diese Differenzen seien eine Sache der Mentalität.

An dieser Stelle fragte ich mich, in welcher Welt der Kerl eigentlich lebt? Wer nur ein Minimum an Geschichtswissen besitzt, der weiß, dass in England die Züge vor allem deshalb entgleisen, weil 20 Jahre Thatcherismus mitsamt einem gnadenlosen Privatisierungswahn über die Insel hinweggeschwappt sind. Seither muss ich Angst um meine Gesundheit haben, nehme ich dort einen Schluck aus dem privatisierten Trinkwassernetz; seit die E-Werke dort privatisiert wurden, trieft der radioaktive Abfall in Sellarsfield kübelweise in die Irische See; seither fallen auch Kanaldeckel ohne ersichtlichen Grund in marode Kanalisationsschächte, die - you name it! - längst auch den Aktionären gehören. Das gesamte Volksvermögen wurde unter den Thatcheristen an Anleger verschleudert, mit unangenehmen Folgen überall dort, wo auf monopolisierten Märkten - also in Trinkwassernetzen, Kanalnetzen, Schienennetzen, Stromnetzen usw. - gar kein Wettbewerb herrschen kann. Auf solchen Feldern zerstört die Gier der Aktionäre die Systeme in kürzester Zeit, weil plötzlich alles 'des Dollars wegen' auf Verschleiß gefahren wird und der 'Kunde' ihnen dort nicht weglaufen kann.

Auch in Deutschland ist das so - und ich weiß nicht, woher Matussek seinen Wahn bezieht, dass in Deutschland irgendwo Züge noch einigermaßen pünktlich führen. Vermutlich nimmt er nie den Zug. Auch hier brechen die Achsen, auch hier verrotten die Strecken, auch hier leiden die Sicherheit und der Fahrplan, seit der Mehdorn 'den Börsenwert des Unternehmens steigert' - und seinen Jahresbonus dazu.

Geradezu im Umkehrschluss zu Matusseks These vom fehlenden Nationalgefühl der Deutschen zerstört also die eingerissene neokonservative Laissez-Faire-Wirtschaftspolitik, deren führender Vertreter Matussek im Kulturressort beim 'Spiegel' bekanntlich ist, jenes 'Nationalgefühl, das die Bundesbürger durchaus schon besaßen. Zumindest im Westen der Republik. Wir hatten - man beachte die Vergangenheitsform - ein funktionierendes Gesundheitssystem, wir hatten ein funktionierendes Rentensystem, wir hatten ein intaktes Sozialsystem. Und wir waren darauf alle stolz wie Bolle. Jetzt will uns der Matussek ersatzweise schwarzrotgüldene Fähnchen in die Hand drücken, die wir fleißig schwenken sollen, um dazu lauthals 'Deutschland!' zu rufen, damit wir uns, statt an unserem öffentlichen Eigentum, an uns selbst berauschen.

Die These von einem angeblich fehlenden Nationalbewusstsein unter Neudeutschen hängt Matussek einerseits an der 'Auschwitz-Keule' (M. Walser) auf - Matussek nennt Hitler einen bloßen "Freak-Unfall" (14) - , andererseits zieht er einige dürre Umfragen heran: So seien überall auf der Welt die Völker noch richtig auf sich 'stolz', die Dänen, Chinesen, Australier oder Liechtensteiner, "bei uns liegt der Wert bei mageren 25 Prozent" (23). Ja, warum ist das denn wohl so, Herr Matussek? Haben Sie denn von einem gewissen einschlägigen Slogan der Rechtsextremen wirklich noch nie etwas gehört? Der es seither jedem politischen Anstandsgefühl verbietet, die Adjektive 'stolz' und 'deutsch' in einen direkten Zusammenhang zu stellen. Oder haben Sie nur mal wieder ein wenig an irgendeinem Tabu geknabbert?

Hören wir dem Herrn Matussek zu, dann müssen wir jetzt 'deutsch' werden, um uns besser 'globalisieren' zu können. Das sei geradezu eine Existenzfrage:

"Nationalismus ist kein Schimpfwort mehr, keine abgelegte Schandvokabel aus der Pickelhauben-und-Kanonenboot-Ära, sondern es drückt das notwendige Selbstinteresse eines Landes aus, das sich seiner geschichtlichen und kulturellen Identität bewusst ist. Nationalismus ist das Abgrenzungs-Interesse in der Ära des totalen Internationalismus, und schon wirtschaftlich ist das eine Notwendigkeit."

So offen paradox denke ich selten. Damit ein solches Projekt trotz seiner Widersprüche realisierbar erscheinen kann, muss Matussek an gewissen nationalen Traditionen der Deutschen herumschrauben. Zum historischen Kronzeugen seiner neopatriotischen Weltsicht macht Matussek daher den Vormärz-Dichter Heinrich Heine. Da dann platzte mir dann nächtens der Kragen: Ausgerechnet den ewigen Exilanten Heinrich Heine, der bei all seinen Meinungsschwankungen immer feste anschrieb gegen jeden nationalen Qualm und all den spießbürgerlichen Mief, der sowohl aus dem Wartburg- und wie aus dem Hambacher Fest emporstieg, der sowohl den Gevatter Tütendreher wie den Professor Schwurbeltuter nach Kräften durch den Kakao zu ziehen pflegte?

Damit dieser Trick klappen kann, muss Heine zunächst ein wenig umfrisiert werden, was bei demjenigen Teil des Publikums, der Heine nie las, ja auch klappen mag. Matussek recycelt hierfür eine bekannte Blaupause von Karl Kraus, die der Fackel-Herausgeber 1910 unter dem Titel 'Heine und die Folgen' zu einer bis heute einzigartigen und gnadenlosen Abrechnung mit dem spracheitlen Journalismus seiner Zeit nutzte:

"Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen; aber diese Locken gefallen dem Publikum besser als eine Löwenmähne der Gedanken. ... Mit leichter Hand hat Heine das Tor dieser furchtbaren Entwicklung aufgestoßen, und der Zauberer, der der Unbegabung zum Talent verhalf, steht gewiß nicht allzu hoch über der Entwicklung. / Der Trick wirkt fort. Die Verschweinung des praktischen Lebens durch das Ornament ... entspricht der Durchsetzung des Journalismus mit Geistelementen, die aber zu einer noch katastrophaleren Verwirrung führen musste. ... Ihren besten Vorteil verdankt [die Lumperei] jenem Heinrich Heine, der der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert hat, daß heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können" (KK: Untergang der Welt durch schwarze Magie, 188 ff).

Kraus sieht Heine einerseits also durchaus als einen Wegbereiter des Journalismus, im Kern bleibt bei ihm der Autor aber ein Dichter: Heine selbst ist kein Journalist. Matussek wendet die dort bei Kraus formulierte Kritik nun affirmativ ins Positive und begrüßt Heinrich Heine als seinen Redaktionskollegen, er fühlt sich mit ihm ein Herz und eine Seele:

"Harry Heine ist der erste unseres Berufsstandes, der erste Pflastertreter, und sein Geburtsname war tatsächlich Harry. Und er war gleich der Champ" (36 f).

Das ist natürlich historisch unhaltbar und Matussek'scher Blödsinn - gewissermaßen wiederum Journalismus im Kraus'schen Sinne: Der Dichter Heine, der sich vor allem poetisch über sein 'Buch der Lieder', über seinen 'Romanzero', seinen 'Atta Troll' usw. definierte, der wird glatt zu einem Alphajournalisten der Vormärzzeit umgelogen. Richtig ist daran so viel: Heine schrieb höchst erfolgreich auch für Zeitungen, so wie dies heute vergleichsweise Enzensberger oder Botho Strauß tun, woraus bei Heine dann wiederum so wunderbare Dichtungen wie die 'Lutetia' entstanden sind. Mit dem journalistischen Titel 'Wir Deutschen' übrigens hätte er eines seiner Bücher niemals getauft.

Heinrich Heine, dieser schwerkranke Mann, der viele Jahre lang eben nicht 'das Pflaster treten' konnte, der zur gleichen Zeit seine härtesten Kämpfe gegen den hohl tönenden National-Publizismus einer ganzen Schar von Journalisten führte, gegen Menzel, Börne, Gutzkow, Wienbarg usw., der sollte im Kern seines Wesens ein Journalist gewesen sein? Dazu von seinen Ansichten her fast noch konservativer als der zeitgeistige Spiegel-Schreiber heute?

Mit Verlaub, das ist Bullshit, Herr Matussek ... wenn Heine politisch irgendetwas liebte und als ideologische Bezugsgröße anführte, dann das siegreiche Frankreich unter Napoleon. Lesen Sie das 'Buch Le Grand'. Das existierende Deutschland, das war für ihn nichts Reales oder Hoffnungsträchtiges, es war vielleicht so etwas wie das Mittelalter für die Romantiker. Ein Ort der Sehnsucht, ein verschlafenes Krähwinkel, eine himmlische Heimat, aber kein existierender nationaler Ort des Stolzes ... im Gegenteil, eher ein Märchenwald-Idyll, das bedroht war von der nationalen Publizistik und ihren Priestern, von den Matusseks seiner Zeit, die in Deutschland immer lauter blökten. Das Verhältnis zwischen ihm und jenen hat er in eindrucksvolle Bilder gefasst:

"Auch bei der Aufrichtung großer Geistesobelisken können allerlei Skorpionen zum Vorschein kommen, kleinliche Gifttierchen, die bald sterben und vergessen werden, während das große Monument erhaben und unzerstörbar stehen bleibt, bewundert von den spätesten Enkeln" (IV, 139).

Der 'neonationale Denken', mit dem Matussek & Co. uns vor zwei Jahren noch beglücken wollten, das sollten wir deshalb heute besser durch konkrete Taten rückbinden an jene bestens 'regulierten Tage', in denen der deutsche Nachkriegs-Patriotismus noch in voller Blüte stand, weil wir stolz waren auf sein modellhaftes Funktionieren. Heine aber trug für diese neonational daherschwätzenden Herren wirklich zu große Schuhe ...

Ein letzter Punkt, der mir aufstieß, ist das Bild vom Journalisten an und für sich, das Matussek als geheimes Selbstporträt in seinen imaginären Heine hineinzeichnet:

"Da war Harry Heine oben angekommen, ganz oben auf dem Wellenkamm der öffentlichen Erregung. Da hatte er genau jene Betriebstemperatur aus Arroganz und Paranoia, aus Vernichtungslust und Nervosität, die einen großen Journalisten auszeichnet" (37).

Nun, ich glaube gern, dass jemand charakterlich so strukturiert sein kann, in seinen Stigmata Auszeichnungen zu erblicken, weshalb er sich dann auch notwendigerweise mit einem großen Journalisten verwechselt ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • heinrich

    19.11.08 (10:31:35)

    Klaus Jarchow spricht mir mit dem engagiert und eindrücklich geschriebenen Artikel aus der Seele, zumal, was das Geraderücken von Matusseks bizarrer Adaption meines ironischen Lieblingsdichters, Heimatgenossen und Namensvetters Heinrich Heine betrifft. Zwei Aspekte würde ich allerdings ein wenig modifizieren. Zum einen ist mir die Rede vom Nationalstolz "der" Bundesbürger in der Bonner Republik zu pauschalierend und unspezifisch, hat insofern selber eine Affinität zu einer nationalistischen Perspektive. Durch den "Rheinischen Kapitalismus" waren die Lohnabhängigen, um die geht es ja hier zumal, weitgehend befriedet durch ihren Lebensstandard und die entsprechenden sozialen sicherungssysteme und genossen diese. Für eine nationalistische ideologische Ausbeutung gibt es da m.E. wenig Anhaltspunkte. Im Hinblick auf das "Nationalgefühl" waren "die Bundesbürger" seit den Sechzigern durchaus generationsmäßig und kulturell gespalten. Die Alten tradierten im wesentlichen eine, wenn auch gebrochene, völkisch-nationalistische Einstellung aus der NS-Zeit weiter, die nachfolgende Generation, zumal die Intellektuellen, errangen dagegen mehr und mehr eine kulturelle Hegemonie mit dezidiert antinationalistischen Einstellungen. Zum anderen teile ich nicht den optimistischen Blick, den der Artikel nahelegt, dass der Nationalismus in der Form des "Neonationalismus" sozusagen nur eine kurze Blüte getrieben hätte, die nunmehr schon wieder verwelkt sei. Es steht eher zu befürchten, dass im Zuge einer rechten kulturellen Hegemonie sich völkisch-nationalistische Denkmuster als Mainstream etablieren und aus gegebenem Anlass ggf. militant aktiviert werden können.

  • Lite

    19.11.08 (14:28:41)

    Dazu passt das schon Anfang 2007 veröffentlichte Video auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=hedgFooR1BU

  • Fred Grimm

    19.11.08 (17:10:36)

    Gut gegeben. Aber hat nicht Karl Kraus eigentlich auch schon alles zu Matussek gesagt, was man überhaupt sagen sollte? Zitat: »Auf das Gebiet, wo die Dummheit anfängt uninteressant zu werden, muß man sich ohne zwingende Gründe nicht begeben.«

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