15.03.12 08:18, von Martin Weigert

Alles umsonst: Oink schließt nach weniger als fünf Monaten

Anfang November lancierte der prominente Startup-Gründer Kevin Rose seinen neuartigen Bewertungsdienst Oink. Am 31. März - weniger als fünf Monate nach dem Debüt - zieht er den Stecker.


 

In der vergangenen Woche erläuterte Martin Meyer-Gossner die Problematik der Volatilität und Mortalität der Digitalwelt. Nutzer müssen immer darauf gefasst sein, dass ein von ihnen geschätzter, auf User Generated Content basierender Webservice plötzlich schließt, und dass sie dann Wissen und Zeit umsonst investiert haben. Anlass für seine Analyse war das Ende des Kurationstools Amplify, das für ihn aus dem Nichts kam und "einschlug wie eine unangenehme Geschäftsentscheidung eines Businesspartners, der die Zusammenarbeit mal eben ohne Vorankündigung aufkündigte".

Neun Tage später bin ich es, der die Mortalität der Webwirtschaft zu spüren bekommt: Denn nur gut vier Monate nach ihrem Launch hat Oink, eine innovative Bewertungs-App für das iPhone, bekannt gegeben, am 31. März ihre Tore zu schließen.

Bei Oink handelte es sich um die erste Anwendung der neuen App-Schmiede von Digg-Gründer Kevin Rose, Milk Inc. Die Applikation erlaubte Anwendern das Bewerten von Gerichten, Getränken und anderen Dingen an Orten wie Restaurants, Bars oder Geschäften. In meinem Bericht zum Start bezeichnete ich Oink als eine der "sinnvollsten Ideen, die im Jahr 2011 realisiert wurden". Zweieinhalb Wochen nach dem Launch erreichte das Entwicklerstudio aus San Francisco die Marke von 100.000 Downloads. Doch dann schien sich das Wachstum abzubremsen, was womöglich mit einigen konzeptionellen Schwächen zu tun hatte, auf die ich vor einigen Wochen unter der Überschrift "Was Oink anders machen muss" hinwies.

Doch statt sich daran zu machen, dem Debüt eine zweite, überarbeitete und das Nutzerfeedback berücksichtigende App-Version zu veröffentlicht, entschloss sich Oink-Chef Kevin Rose nach nur vier Monaten, den Stecker zu ziehen. Und das mit einer Begründung, die mir als anfänglich begeisterten Anwender, der einige Stunden mit dem Eintragen von Bewertungen verbracht hat, bitter aufstößt:

"Wir haben Milk Inc, das Unternehmen hinter Oink, gegründet, um schnell neue Ideen zu verwirklichen und zu testen. Oink war unser erster Test. Um uns auf unser nächstes Projekt vorbereiten und fokussieren zu können, haben wir uns dazu entschlossen, Oink zu schließen"

Kevin Rose 2006 auf dem Cover der Business WeekAls ich Oink Anfang November zum mit viel Aufmerksamkeit in der Tech-Presse begleiteten Launch auf meinem iPhone installierte, war ich mir nicht darüber bewusst, dass Rose und sein Team den Dienst lediglich als Test ansahen (abgesehen davon, dass natürlich kein neue Dienst sicher sein kann, zu einem Hit zu avancieren). Hätte Oink mir von Anfang deutlich gemacht, dass ich es mit einem Experiment mit wahrscheinlich extrem kurzer Lebensdauer zu tun habe, wäre ich vielleicht dennoch zu einem regelmäßigen Nutzer geworden - dann aber hätte ich mich nun nicht über die extreme Ungeduld der Kalifornier beschweren können.

Richtig ist, dass Anwender jederzeit damit rechnen müssen, dass sich ein liebgewonnener Service aus dem Netz verabschiedet. Doch mit (zum 31. März) nicht einmal fünf Monaten setzt Oink einen neuen Rekord, was die Kurzlebigkeit einer prominenten Applikation betrifft. Und wenn Milk Inc es schon für sinnlos erachtet, eine überarbeitete Fassung von Oink zu veröffentlichen, wäre wenigstens ein ehrlicher Umgang mit den Anwendern angemessen. Ein offenes Eingeständnis, dass das Prinzip von Oink nicht wie gedacht funktioniert hat, wäre deutlich sympathischer als ein nachträgliches Deklarieren des Projekts als "Test".

Ein bekanntes Startup-Mantra lautet "Fail fast, fail often" - "Mache Fehler schnell, mache Fehler oft". Es scheint, als hätte Rose diese Empfehlung etwas zu wörtlich genommen. Wahrscheinlich wird er als Internetentrepreneur (und Genie) aber auch einfach überschätzt: Digg kam nie aus seiner von männlichen Geeks dominierten Nische heraus, Pownce floppte, und mit dem Oink-Quickie offenbart der auf der Bühne eigentlich sehr sympathisch wirkende Rose, dass ihm eine wichtige Eigenschäft im Social-Web-Business fehlt: die Fähigkeit, Nutzern gegenüber Respekt zu zeigen.

Oink-Nutzer finden auf www.oink.com eine Möglichkeit, ihre generierten Inhalte und Fotos herunterzuladen.

Nachtrag: Laut All Things D haben Kevin Rose und einige Kollegen von Milk Inc bei Google angeheuert.

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Kommentare: Alles umsonst: Oink schließt nach weniger als fünf Monaten

Ich bin nicht so sicher, dass Oink von Beginn weg als Test geplant war. Vielleicht ist auch einfach die jetzige Formulierung unglücklich. Auf jeden Fall ist sie aber nicht motivierend, das nächste Produkt aus dem Hause Milk Inc. wieder so begeistert aufzunehmen, wie auch ich dies zu Beginn mit Oink auch gemacht habe.

Diese Nachricht wurde von sprain am 15.03.12 (08:47:45) kommentiert.

Eventuell ist das ja ein Teil des Deals mit Google und es folgt eine spätere Wiedergeburt in irgendeinem Google Produkt.

Diese Nachricht wurde von Thomas am 16.03.12 (08:20:05) kommentiert.

Hört, hört! So schnell kann der noch vor 4 Monaten hochgelobte Kevin Rose der Buhmann sein.. http://netzwertig.com/2011/12/08/eric-schmidt-trifft-auf-die-jungen-wilden-googles-handicap-im-social-web/ Und auf einmal ist ein alter Sack wie Eric Schmidt und das "Handicap" von Google plötzlich wieder ganz sympathisch.

Diese Nachricht wurde von Karl-Heinz-Uwe-Pilz am 16.03.12 (14:20:42) kommentiert.
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