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30.12.07Leser-Kommentare

Alles Kinderporno oder was? "Himmlische" Jagdszenen in Deutschland

Ist das Internet böse? Suchen alle Surfer von morgens bis abends nur nach Schweinkram? Das K-Wort ist jedenfalls immer dazu gut, die allgemeine Empörung auszunutzen, um Onlinedurchsuchung, Polizeirazzien und die Beschlagnahmung von Servern durchzusetzen. Und die Presse spielt mit.

Bis 1995 war ein Internetzugang für Nicht-Studenten viel zu teuer: Der Hobby-Onliner ging über Mailboxen und Mailboxnetze wie FIDO online. Die wurden wiederum von anderen Hobby-Onlinern finanziert und am Leben erhalten - die Nutzung war, von den Telefonkosten abgesehen, kostenlos, und das völlig ohne Werbung!

Doch was nichts kostet, da muss ja etwas faul dran sein. Dachte sich jedenfalls die Münchner Kriminalpolizei. Dort war eine neue Abteilung für Computerkriminalität gegründet worden, die nun endlich einmal Erfolge vorweisen musste. Also schlug man im Morgengrauen zu:

Insgesamt 150 Mailboxen wurden beschlagnahmt und teils über ein Jahr eingelagert - "auf der Suche nach Pornografie". Prima, die Polizei tut also was. Dass sich jedoch nichts fand, was die ganze Aktion gerechtfertigt hätte, verschwieg man. Dafür war das FIDO-Netz am Ende, die meisten Sysops gaben ihr Hobby freiwillig auf, um nicht ihre Hardware, ihre Partnerschaft und ihren Job zu riskieren.

Auch für mich war es für berufliche Zwecke vorbei mit den Mailboxen, ich wurde von Kontakten böse beschimpft: "Da will ich Dir nur einen Gefallen tun und Dir eine Information schicken, und nun liegt mein Brief an Dich bei der Kripo in der Ettstraße!" Wie soll man Informantenschutz bieten, wenn die Polizei mal eben ganze Nachrichten-Vermittlungsstellen abräumt und im Labor untersuchen lässt? Dass keiner meiner Kontakte tatsächlich Polizeibesuch bekam, beruhigte diese nicht: Man könne ja nicht wissen, in welchen geheime Karteien die gesammelten Adressen (in FIDO-Mailboxen hatte man sich seinerzeit mit Realnamen und Adresse zu registrieren) nun geraten seien.

Folglich stieg ich auf kommerzielle Dienste um: Compuserve. Jedoch dauerte es gerade ein halbes Jahr, bis auch Compuserve in München-Unterhaching "grünen Besuch" hatte. Die E-Mail ging diesmal zwar nicht verloren, da alle Server in den USA standen, doch Compuserve als amerikanisches Unternehmen überlebte diese Aktion im fernen Deutschland langfristig nicht: Die Pressesprecherin wurde von ihren Nachbarn geschnitten, bis sie kündigte und der Geschäftsführer Felix Somm in erster Instanz persönlich zu einer sechsstelligen Strafe verurteilt , wobei ihm der Richter in der Verhandlung empört Ausdrucke von Kinderpornos aus Usenet-Gruppen vorhielt und ihn beschimpfte, damit "seine" Geschäfte zu machen.

Urteil gegen Compuserve: Plötzlich haftet der Provider

Sex mit Kindern ist grausam und muß verfolgt werden, keine Frage. Doch was hatte Compuserve damit zu tun? Weder hatte Compuserve selbst Kinderpornografie verkauft noch den Zugang zu dieser beworben. "Der Provider soll filtern", sagen die, die Compuserve verklagten. Nun, es wird auch immer noch derartiges kriminelles Material mit der gewöhnlichen Briefpost verschickt, auch wenn dies natürlich verboten ist. Ist deshalb der Vorstand der Post wegen Verbreitung von Kinderpornografie anzuzeigen? Es heißt zwar, es könne bei Briefen aus Papier nicht so leicht gefiltert werden, doch die Technik hierzu ist vorhanden, auch wenn sie vor 18 Jahren aus gutem Grund außer Betrieb genommen wurde .

Felix Somm kündigte ebenfalls bei Compuserve Deutschland und flüchtete zurück in die Schweiz. In der zweiten Instanz wurde er freigesprochen, nachdem sogar die Staatsanwaltschaft gegen das Münchner Urteil in Berufung gegangen war. Compuserve USA erholte sich wirtschaftlich dennoch nie von dem "Kinderporno-Skandal", obwohl es um Usenet-Gruppen ging und keinesfalls um Inhalte auf Servern von Compuserve, wurde von den US-Kunden nun geschnitten und schließlich von AOL aufgekauft. Heute ist nur noch wenig von Compuserve übrig, die Foren, die eigentlichen Inhalte von Compuserve in Deutschland, wurden schon vor Jahren aufgegeben.

In den Jahren seitdem meinte man, die Polizei sei nun schlauer geworden. Prinzipiell stimmt dies auch, in Sachen Phishing oder Mogeleien mit Softwarenutzung ohne Lizenz sind die Beamten inzwischen durchaus fit. Doch das Reizwort "Kinderporno" wird immer noch dazu benutzt, nicht nur die eigentlichen Kriminellen zu jagen, sondern eine generelle Hatz auf Onliner auszurufen. Wer gerne "Bilder von jungen Frauen" sammelt, kann mal eben Job und Familie verlieren.

Unverantwortlich? Sicher, doch Besuche in der Personalabteilung des Arbeitgebers sind schon bei viel geringeren Verdachtsmomenten gang und gäbe. Eine Entschädigung gibt es in solchen Fällen nicht, und auch auf Anwaltskosten bleiben Betroffene selbstverständlich sitzen.

Und wie schaut so eine professionelle Kinderpornokonsumentenjagd, aktuell die Aktion "Himmel", denn nun aus? Nun, es wird über einen Link in einem Gästebuch eine Datei kriminellen Inhalts auf einem Video-Freehoster (Rapidshare) lokalisiert. Diese tauscht die Polizei gegen einen harmlosen Porno aus. Hoffentlich aus eigener Produktion (Urheberrecht!) und jugendfrei. Andernfalls wäre dies ja Verbreitung von Pornografie und Raubkopien durch Staatsbeamte.

Und dann schaut man drei Monate lang, wer sich alles die nun angeblich harmlose Datei unter dem ebenfalls harmlosen, aber dennoch irreführenden Namen eines 3D-Grafikprogrammes herunterzieht. Doch selbst von denen, die die ursprüngliche, kriminelle Datei gezogen haben, weiß man ja nicht, ob sie deren Inhalt auch nur erahnten.

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Insgesamt 12.000 Verdächtige kamen so zusammen. Deutschland ist erschüttert: So viele perverse Kinderschänder? Kann das wirklich sein?

Doch 12.000 zerrüttete Familien und neue Arbeitslose, das wäre dann doch ungünstig für die Statistik. Insofern wird man nun doch für die meisten Gnade vor Recht gehen lassen. Diesmal noch. Von 500 allein in Köln anstehenden Verdachtsfällen wird nun nur eine Hand voll weiterverfolgt - und das bei einer Staatsanwaltschaft, die in der Vergangenheit in Sachen Online auch solche unsinnigen Entscheidungen traf wie die, dass das Unterschlagen und Umverteilen von E-Mail strafrechtlich irrelevant sei, da es sich bei E-Mail um keine materielle Sache handele...

Sicher ist der polizeiliche "Honeypot" eine durchaus sinnvolle Möglichkeit von vielen, Ermittlungen zu starten und kindermissbrauchende Kriminelle zu finden. Doch gleich alle 12.000 Internetnutzer, die die Datei aus völlig unbekannten Gründen mit der Maus angefaßt haben, unter Pauschalverdacht zu stellen, würde in unserer Branche als "schlechte Recherche" gelten. Diese Voreiligkeit - und auch die voreilige Kommunikation des vermeintlichen "Fahndungserfolgs" - hat dem Ruf der "Internet-Streifen" unnötig geschadet. Ebenso jedoch auch jenen, die die vermeintliche "Sensation" brühwarm in die Welt gepustet haben. Schließlich bringen reißerische Berichte über Abartigkeiten nicht nur "Hits" und Volkszorn mit Dankbarkeit an die "Aufklärer". Sondern auch Nachahmer. Wieviele Pädophile durch die ständigen Geschichten über Kinderpornos im Internet überhaupt erst aktiv auf die Suche nach derartigem Material gegangen sind oder gar - wie jener vor einigen Wochen nach internationaler Suche verhaftete kanadische Englischlehrer in Thailand - zum Produzenten wurden, erfasst keine Statistik.

Wer übrigens tatsächlich auf Kinderporno stößt, sollte keinesfalls, wie immer wieder geraten wird, ohne vorherige Rücksprache das Corpus Delicti ausdrucken oder abspeichern und bei der Polizei abgeben. Denn damit wird er - wenn auch in bester Absicht - juristisch gesehen zum Verbreiter. Unter Aufsicht oder auf später belegbare Anweisung der Beamten ist dies etwas anderes.

Völlig illegal ist es, derartiges Material auf einen Laptop zu laden und damit in die USA zum betroffenen Provider zu fliegen, um dessen Mitarbeiter vor laufender TV-Kamera mit den kriminellen Bildern zu konfrontieren und deren entgleisende Gesichtszüge zu filmen. Schon in Deutschland ist dies illegal, in den USA gilt es außerdem als sexuelle Belästigung. Dass Mitarbeiter der ARD im Frühjahr 2007 ebendies für einen Beitrag getan haben , erfüllt viele US-Staatsbürger mit Wut, zumal man im Zusammenhang mit Deutschland und Online immer noch die Compuserve-Sache im Hintergrund hat und nun angenommen wurde, nach Compuserve wollten "die Deutschen" nun auch Linden Labs, die Betreiber von Second Life, ruinieren.

Gewonnen haben dennoch die, die die reißerischste Berichterstattung gefahren haben. Denn ja, Zeitungsleser suchen tatsächlich von morgens bis abends nach Schweinkram. Am liebsten auf Seite 3 der Zeitung mit den vier Buchstaben, doch wenn der "stumme Verkäufer" schon leer ist und im Fernsehen gerade auch nur Volksmusik läuft, dann auch mal online. "Kinderporno sells". Und das - in der Medienbranche - sogar ungestraft.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • andreas

    30.12.07 (12:09:49)

    Es ist schon traurig genug, aber "Himmel" ist ja nicht einmal ein Einzelfall. Mit "Mikado" war es ähnlich, ebenfalls etliche Kollateralschäden (nachweislich gemopste Kreditkartendaten) und fragwürdige Ermittlungsmethoden (Rasterfahndung). Es fragt sich, warum die Strafverfolgungsbehörden nicht daraus lernen. Übrigens die Antwort auf die Frage, wie man aus 12'000 Kinderporno-Konsumenten kurzerhand 120'000 macht: Man senkt die Toleranzgrenze, siehe http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25952/1.html.

  • mds

    30.12.07 (17:12:28)

    Gut geschrieben! Zum Informantenschutzes ? Wie soll man Informantenschutz bieten, wenn die Polizei mal eben ganze Nachrichten-Vermittlungsstellen abräumt und im Labor untersuchen lässt? ? damals wie heute genügt es nicht, passiv an den Informantenschutzes zu glauben, sondern man muss aktiven Schutz betreiben. Da die wenigsten Journalisten über die dafür notwendige technische Kompetenz verfügen und ausserdem zum Plaudern neigen, würde ich mich hüten, einem Journalisten Informationen zukommen zu lassen, die sich nicht anonym übermitteln lassen ? sicher ist sicher!

  • Thommen

    30.12.07 (17:19:41)

    Im Bereich der Sexualkultur spielen sich seltsame und schweigend hingenommene Denkmuster ab! Hat jemand je geglaubt, dass bei kriminellem Drogenvertrieb diese Leute ihre Drogen selber fressen? Hat jemand je geglaubt, dass bei Geldwäschern das Geld von den Wäschern alles selber ausgegeben würde? Schon längst haben im Kinderpornogeschäft die "richtigen" Leute die Fäden in der Hand, welche überhaupt nicht selber "pädophil" sind! Auch die Konsumenten, die - gelangweilt von ihren Normalficks, oder die Jugendlichen, die nicht nur Gewaltvideos konsumieren, sowie viele Andere Ehemänner sind noch längst nicht einem "pädophilen Netzwerk" von Ali Ghaida zuzurechnen! Aber das läuft so glatt durch alle Medien hindurch! Der Feind ist benenn- und öffentlich moralisch verfolgbar! Ganz zu schweigen, was denn in allen Ländern alles unter den Begriff "Kinderporno" fällt! Letztlich müssen auch viele Kinder in allen Gratiszeitungen lesen, dass ihre Sexualität und ihr Körper strafwürdig sind. Hatten wir das nicht schon im Bereich der Homosexualität und der steifen Schwänze im Internet? Tittenleckende Frauen, rimmende Männer und seltsam hasenruckelnde Menschen kann jedes Kind spätabends ohne Kennwort auf allen privaten Kanälen ungeschützt bewundern!

  • andreas

    31.12.07 (10:04:43)

    Telepolis hat ebenfalls Bedenken: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26963/1.html

  • Gringo

    27.05.08 (12:03:41)

    Wenn die Polizei nichts macht ist es nicht gut... Wenn sie etwas macht ist es auch nicht gut... Ich schlage vor, dass sich der Autor der grünen Truppe als Spezialist zur Verfügung stellt. Dann wären evtl. bessere Ergebnisse zu erwarten...

  • arbiter

    27.05.08 (12:37:30)

    Feines Rezept, Gleiches mit Gleichem kurieren, ein krankes System mit einem kranken System auszuräuchern. Es ist eben die mangelnde Phantasie, die den Rechtsstaat oft schlechter aussehen läßt als den Täter. Um ein Schnitzel zu essen, reicht es, ein Schwein zu schlachten. Selbst um Tausende Täter zu fassen, so sie denn Realität sind, bleibt die pauschale Verdächtigung aller Hodenträger ein Armutszeugnis des Systems, seiner Denker und seiner Lenker.

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