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08.09.14

Alibaba & Co: China stellt die amerikanische Hegemonie im Internet in Frage

Der geplante Mega-Börsengang des chinesischen E-Commerce-Riesen Alibaba in New York markiert eine Zeitwende. Die bislang geltende strikte Trennung zwischen dem westlichen und dem chinesischen Internetmarkt erodiert.

ChinaIn meinen Gesprächen mit Akteuren der Hongkonger Startup-Branche gab es ein immer wiederkehrendes Thema: China. Die Internetbranche in der Volksrepublik boome und besonders in Peking steppe der Bär.

Bislang blieb uns im Westen diese Entwicklung weitgehend verborgen. Zu weit weg erschien das Land, zu fremd die Kultur und Sprache, und auch die fehlenden demokratischen Rahmenbedingungen erhöhten nicht gerade die Bereitschaft der meisten Menschen, sich intensiv mit China auseinanderzusetzen.

Doch jetzt bleibt Beobachtern der amerikanischen und europäischen Netzbranche nichts anders mehr übrig, als die neue Internetmacht China anzuerkennen. Denn mit dem bevorstehenden Rekord-Börsengang des E-Commerce-Giganten Alibaba an der New Yorker Technologiebörse NASDAQ verschwimmen die Grenzen, die bisher das 1,35 Milliarden Menschen zählende Land im Osten aus unserer Wahrnehmung fernhielten. Der IPO dürfte nur der Anfang sein. David Chao, Gründer der kalifornischen VC-Gesellschaft DCM, spricht mit Blick auf den Börsengang von einem “tektonischen Wandel in der neuen Weltordnung”. Passend zu den globalen geopolitischen Veränderungen, die Henry Kissinger im Wall Street Journal treffend beschreibt, scheinen die Zeiten der strikten Trennung zwischen dem westlichen und chinesischen Internetsektor vorbei zu sein.

Anzeichen dafür gibt es schon seit einigen Monaten. Im Frühjahr beteiligte sich Alibaba am aus San Francisco stammenden Beförderungs-Startup und Uber-Konkurrenten Lyft. Zudem fanden Gespräche über ein Investment beim Facebook-Rivalen Snapchat statt. Unterdessen explodieren die Userzahlen beim vom Alibaba-Konkurrenten Tencent betriebenen, verstärkt auch auf internationale User ausgerichteten Smartphone-Messenger WeChat. 438 Millionen aktive Anwender kann der Dienst vorweisen - wobei WeChat eigentlich eher als ein umfangreiches Ökosystem anstatt lediglich als App zu bezeichnen ist.

Auch ein anderer Internetriese aus der Volksrepublik, Baidu, stärkt sein Selbstbewusstsein und geht mittlerweile sogar so weit, Google in dessen Forschungsvorhaben zu belehren - und eigene Initiativen entgegegen zu stellen. Parallel formen Baidu, Tencent und der Mischkonzern Wanda eine Allianz, um Alibaba am weiteren Aufstieg zu hindern.

Die jüngsten Entwicklungen mögen berechtigte Kritikpunkte, die wir in Europa und den USA hinsichtlich des chinesischen Marktes haben - etwa Internetzensur und exzessives Klonen ausländischer Produkte und Dienste - nicht aus dem Weg räumen. Dennoch sieht es aus, als könnte die Hegemonie Amerikas im Internetsegmet demnächst von China gebrochen werden. Die Erfolge im Hardware-Segment, dessen Zentrum das in seiner Form einzigartige Ökosystem rund um die südchinesische Stadt Shenzhen ausmacht, und das Shooting-Stars wie den Smartphone-Hersteller Xiaomi hervorbringt, werden ihren Anteil an dieser Entwicklung haben.

Als ich in Hongkong im Gespräch mit einem Branchenkenner anmerkte, dass westliche Nutzer ein Problem damit haben könnte, ihre Daten bei Diensten zu lagern, die unter chinesischer Flagge laufen, reagierte er mit einem durchaus interessanten Argument: Im Gegensatz zu den USA, deren Internetüberwachung bekannterweise unglaublich “fortschrittliche” Züge angenommen hat, gehe er nicht davon aus, dass China derzeit in der Lage sei, die enormen Datenmengen systematisch und mit dem selben Niveau Level künstlicher Intelligenz und Big-Data-Analyse zu überwachen.

Ob das stimmt, sei einmal dahingestellt. Seine Implikation, dass es Usern außerhalb Chinas aber kaum "schlimmer" ergehen würde, wenn sie einen chinesischen anstelle eines amerikanischen Dienstes nutzen, ist bedenkenswert. /mw

Illustration: Made in China, Shutterstock

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