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13.11.12

Ära des Post-PC: Wie sich eine Notebook-Zwangspause auf die Produktivität auswirkt

Tablets sind eindeutig die besseren Geräte für den digitalen Medienkonsum. Doch ein erzwungener Selbstversuch zeigt: Wer häufig Texte im Netz veröffentlicht und viel recherchiert, für den ist der Verzicht auf einen vollwertigen Rechner noch nicht zu empfehlen.

Einen Monat ist es her, da beschrieb ich, wie Tablets sukzessive und schneller als man denkt, heimische Desktop-PCs und Notebooks ablösen werden. Derartige Geräte bezeichnete ich als neue Druckmaschine in Anlehnung an die Tatsache, dass unter den Heimanwendern nur noch leidenschaftliche und professionelle Contentproduzenten auf "vollwertige" Rechner angewiesen sind. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich einige Wochen später dazu gezwungen sein würde, genau für diese Art der Tätigkeit für einige Tage auf mein Ultrabook und damit mein primäres Arbeitsgerät für die Recherche- und Schreibarbeit verzichten zu müssen.

Denn nachdem ich in der vergangenen Woche das Blogwerk-Team in Zürich besuchte, schaffte ich es doch tatsächlich, ohne mein Netzteil wieder nach Hause zu fliegen. Ok, dachte ich mir, dann würde ich noch auf dem Heimweg einen Ersatz im Elektronikfachhandel erwerben. Denkste. Wie sich herausstellte, benötigt mein Asus Zenbook ein sehr spezielles Netzteil, das in meiner Wahlheimat Schweden nur einige ausgewählten Onlineshops führen - und dort wurde es bis gestern als "nicht im Lager" gekennzeichnet. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Kollegen im Hauptquartier darum zu bitten, mir mein Netzteil hinterherzuschicken. Wie ich der Sendungsnummer entnehme, liegt es momentan beim Zoll und wird nicht vor dem morgigen Mittwoch bei mir eintreffen.

Seit nun fünf Tagen bin ich daher für meine Arbeit auf eine Ausweichlösung angewiesen, die aus einem Uralt-Desktop-PC mit Windows XP, einem dazugehörigen Bildschirm, dessen ich mich glücklicherweise noch nicht entledigt hatte, sowie einem iPad 3 mit zusätzlicher Bluetooth-Tastatur und einem Nexus-7-Tablet besteht. Effektiv kommen jedoch nur der PC und das iPad zum Einsatz, das Nexus 7 verwende ich wegen seines geringen Gewichts primär auf Reisen oder, wenn ich Android-Apps ausprobiere.

Produktivitätseinbruch um 20 bis 30 Prozent

Die Folge der Abwesenheit meines Notebooks in meinem Arbeitsalltag: Ein gefühlter Produktivitätseinbruch von 20 bis 30 Prozent und eine Tendenz, sehr leicht schlechte Laune zu bekommen, wenn allein das Öffnen eines neuen Chrome-Tabs auf dem Desktop zehn Sekunden dauert. Das Arbeiten mit diesem Rechner ist derartig frustrierend und macht so wenig Spaß, dass ich wirklich alle Aufgaben und Prozesse, die sich nur irgendwie über das iPad regeln lasse, dorthin auslagere - selbst wenn sie dort nur mit Behelfslösungen und zusätzlichen Handgriffen durchgeführt werden können. Ein Beispiel: Das Bookmarken von im iPad-RSS-Reader Reeder mit einem Stern versehenen Artikellinks bei Diigo. Da Reeder eine native Integration von Diigo fehlt, muss ich jeden zu bookmarkenden Beitrag manuell im Safari-Browser öffnen und dort das zuvor hinzugefügte Diigo-Bookmarklet (immerhin gibt es das überhaupt fürs iPad) betätigen. Ich bin zwar dankbar dafür, dass dies überhaupt funktioniert, aber es zieht die Bearbeitung von zehn oder 20 zum Bookmarking vorgemerkten Texten ziemlich in die Länge.

Dank meines zusätzlichen iPad-Keyboards ist auch das Verfassen von Artikeln im Rohbau möglich. Die fehlende vollwertige Multitaskingfähigkeit des iPads hat hier den Vorteil, dass man nicht durch Popups von Desktop-Apps oder Mailprogrammen abgelenkt wird (abgesehen von iOS-Push-Mitteilungen, die ich dann lieber abstelle). Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass ich sehr viel seltener überhaupt einen Blick auf Twitter und meine Mails werfe. Womöglich ist dies ja gutes Training, aber ich bin es nicht gewohnt und fühle mich deutlich schlechter informiert - zumal nicht selten aktuelle Tweets oder eilige Mails die Grundlage für zeitkritische Artikel darstellen.

WordPress gibt sich auf Tablets beschränkt

Hinzukommt, dass die WordPress-App für iOS (sowie Android) im Gegensatz zum herkömmlichen WordPress-Backend beim Zugriff über den mobilen Safari-Browser zwar durchaus komfortabel bedient werden kann, aber schlicht nicht alle Formatierungstools beinhaltet, die vor dem Publizieren eines netzwertig.com-Artikels benötigt werden. Nachdem ich in der Vergangenheit einmal einen bereits veröffentlichten Artikel zerschoss, indem ich ihn über die iOS-App nachträglich bearbeitete, vermeide ich das finale Publizieren aus der App für netzwertig.com ohnehin - und bin also jeweils zum "Umzug" an meinen Steinzeit-PC gezwungen, der dann ein gehöriges Maß meiner Geduld einfordert.

Grundsätzlich dauert das Schreiben eines rechercheintensiven Textes auf dem iPad lange - besonders, weil das Aufrufen der dazu benötigen Websites und Quellen nicht simultan sondern nacheinander erledigt werden muss, regelmäßiges Betätigen des Home-Buttons inklusive. Es ginge auch mit speziellen Fingergesten, aber weniger umständlich erscheint mir das nicht. Auf Dauer macht das keinen richtigen Spaß - und kostet Zeit.

Auch spontane Ortswechsel fehlen mir. Ein Desktop-PC lässt sich nicht einfach in einen Coworking-Space mitnehmen, weshalb ich dieser Tage an meinen heimischen Schreibtisch gebunden bin, anstatt wie sonst nach der Mittagspause einen willkommenen Tapetenwechsel vollziehen zu können und ein wenig unter Leute zu kommen. Und mit dem iPad allein loszuziehen, würde bedeuten, in diesem Zeitraum keinen Rechner in der Nähe zu haben und damit keine Texte veröffentlichen zu können.

Contentproduzenten benötigen "echten" Rechner

Nachdem ich mich hinreichend über meine Fauxpas geärgert hatte, begann ich, den Vorteil der Zwangspause vom Arbeitsrechner zu erkennen, nämlich testen zu dürfen, wie es wäre, komplett vom Tablet abhängig zu sein (die schlechte Verfassung meines Ausweich-Desktops kommt nahezu einer Nicht-Existenz gleich). Und ich fühle mich in meiner anfänglichen These mehr als bestätigt, dass - wer regelmäßig umfangreichere Inhalte produziert und dabei einem gewissen Anspruch gerecht werden möchte - auf einen tragbaren, vollwertigen Rechner nicht verzichten kann.

Die Mehrzahl der Gelegenheitsnutzer wird dies kaum tangieren - sie können ernsthaft darüber nachdenken, sich statt einem neuen Notebook lieber ein Tablet zuzulegen (sofern sie nicht gerade PC-Gamer sind). Wer jedoch von seinem Heimgerät journalistisch arbeitet, häufig und umfangreicher bloggt und sich dabei eine gewisse Flexibilität beibehalten möchte, den wird ein Tablet-only-Ansatz derzeit noch nicht vollständig zufriedenstellen. In zwei Jahren könnte das natürlich schon ganz anders aussehen.

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