<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

22.09.14

Absurdes Schlangestehen für neue iPhones: Die Ungeduld der Gadget-Verrückten

Das kollektive Schlangestehen für neue iPhones wird von Geräteversion zu Geräteversion stärker für dubiose Geschäfte ausgenutzt. Wären Konsumenten weniger ungeduldig, gäbe es dieses Problem nicht.

SchlangeAm Wochenende ging ein Video durch die Presse, das mutmaßliche iPhone-6-Auftragskäufer in den Schlange vor US-amerikanischen Apple Stores zeigt. Die chinesischstämmigen Kunden, die teilweise kaum Englisch sprachen, verharrten mitunter mehrere Tage vor Geschäften - um nach dem erfolgreichen Erwerb des neuesten Apple-Smartphones dieses gegen Bezahlung in die Hände von Schwarzmarkt-Händlern zu geben. Diese dürften das kurze Zeitfenster, in dem die Nachfrage nach dem Gadget das verfügbare Angebot weit übersteigt, dafür nutzen, die Geräte mit erheblichen Aufschlagen über eBay oder andere Onlineplattformen zu veräußern.

In den Tagen vor dem Verkaufsdebüt kursierten auch Berichte, die beschrieben, wie manche Wartenden in den Schlangen von Firmen bezahlt wurden, die sich angesichts der intensiven Pressebewachung des Ereignisses besondere Publicity versprachen. 

Angesichts der ausartenden Kommerzialisierung und Ausschlachtung des Produktstarts, bei der einige Personen wie die chinesischen Schlangesteher in aus einer wahrscheinlichen finanziellen Misere motivierten Erwartung einer versprochenen Belohnung unter unwürdigen Bedingungen agieren (wer auf dem Bürgersteig einschlief, wurde von der Polizei geweckt) und bei der Wohn- und Geschäftsgegenden zum Leidwesen der Allgemeinheit in spontane Campingpätze verwandelt werden, ist es Zeit für ein Umdenken. Bei denjenigen, die mitverantwortlich für die Entstehung derartiger Zustände sind: all die, die unbedingt ein iPhone (oder ein anderes besonders populäres Produkt) am ersten Tag in Empfang nehmen müssen.

Denn die beschriebenen Zustände resultieren aus der simplen Tatsache, dass Millionen Konsumenten unglaublich ungeduldig sind und es sich zu einem temporären Lebensziel machen, zu den ersten Besitzern eines neuaufgelegten iPhones zu gehören. Der daraus resultierende Nachfrageüberschuss und die Prognose einer über Wochen anhaltenden Nichtverfügbarkeit sind die Faktoren, welche die unsäglichen Schlangen entstehen lassen.

Freilich spricht per se nichts dagegen, sich ein neues Gadget zuzulegen, sobald es auf den Markt kommt. Dennoch erscheint die Hysterie um ein neues iPhone, die sich bei Twitter, im Facebook-Stream, in TV-Berichten und Onlineartikeln begutachten lässt, mit jeder iPhone-Version absurdere Ausmaße anzunehmen.

Führen wir uns vor Augen: Es geht nicht um einen Herzschrittmacher, eine Insulinpumpe oder einen anderen überlebenswichtigen Aparat. Viele frühe iPhone 6-Käufer werden für das neueste Apple-Smartphone ein vielleicht ein oder zwei Jahre altes Smartphone ausrangieren, welches sicherlich noch gut und gerne zwei oder drei Wochen länger seine Dienste geleistet hätte.

Der hektische Ansturm auf das iPhone 6 ist letztlich nicht nur ein Zeichen für die Emotionalität und den Status, der mit einem Hightech-Smartphone verbunden wird. Er deutet auch auf die allgemeine Überschätzung des Strebens nach sofortiger Genugtuung hin. Ob man das neue iPhone heute oder in vier Wochen erhält, hat auf die tatsächliche Lebensqualität und Zufriedenheit keine signifikanten Auswirkungen (außer das alte Smartphone ist gerade kaputt gegangen, was einen sofortigen Ersatz erfordert). Dennoch glauben wir, nur dann das Maximum an Glücklichsein erreichen zu können, wenn wir am ersten Tag der Verfügbarkeit das neue iPhone in der Tasche haben und stolz vorzeigen können. Dabei wissen Konsumforscher und Psychologen, dass "Belohnungsaufschub" (auf Englisch "Delayed Gratification") die für Individuen bessere Strategie darstellt. 

Weil aber Millionen Menschen bereit sind, ihre Pläne nach dem Termin zur Freigabe der iPhone-Vorbestellungen zu richten, und weil Zehntausende kein Problem damit haben, stunden- oder gar tagelang Schlange zu stehen, hat sich der Marktstart des begehrten Smartphones von einem Kuriosum zu einem hässlichen Ausdruck der unbeherrschten Konsumgesellschaft entwickelt.

Weil die Verlockung eines brandneuen Gadgets, das man noch vor allen anderen in den Händen halten kann, sich wohl nicht so einfach wegargumentieren lässt, ist es für Apple an der Zeit, seine Strategie zu überdenken. Auch im Sinne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hunderten übernächtigten, ungeduschten und ungeduldigen Personen iPhones zu verkaufen, klingt nach einem Alptraum.

Ein Ansatz, bei dem Apple für die ersten Wochen nur Onlinebestellungen akzeptiert und bei dem in den Apple Shops lediglich Ausstellungsexemplare bereitgehalten werden, würde sämtliche Probleme lösen. Dann könnte das Unternehmen zwar nicht mehr von den PR-Effekten des kollektiven Schlangestehens profitieren. Spätestens mit dem eingangs erwähnten Video (im Folgenden eingebettet) aber erscheint ohnehin fraglich, ob die Herangehensweise für Apple noch die bisherigen positiven Marketingeffekte mitbringt. /mw

Foto: NEW YORK - SEPTEMBER 19, 2014, Shutterstock

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer